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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
„Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom."
Erinnerungen an Karlheinz Deschner
Von Gabriele Röwer

Am Abend des 4. Juni 2015 wurde die Gründung der GBS-Regionalgruppe Unterfranken, der Heimat Karlheinz Deschners, im Toscanasaal der Würzburger Residenz gefeiert, Auftakt des Engagements auch dieser Gruppe für die weitere Verbreitung des Werks dieses Autors. Die beiden Redner – Herbert Steffen (Gründer der Giordano Bruno Stiftung und langjähriger Förderer von Deschners Opus Magnum, der „Kriminalgeschichte des Christentums“) und Hamed Abdel-Samad (Kritiker des Islam) fanden große Resonanz bei den 130 Teilnehmern der Veranstaltung. Lesen Sie unter http://hpd.de/artikel/11824 den Bericht im „Humanistischen Pressedienst“ (hpd) sowie einige Kommentare dazu, u.a. von Deschners Freund Professor Horst Herrmann und von Gabriele Röwer, langjährige freundschaftlich-kritische Begleiterin von Deschners Schaffen. Da die überarbeitete, wichtige Informationen nachtragende Fassung ihres die jahrzehntelange Breitenwirkung Karlheinz Deschners hervorhebenden Kommentars vom hpd nicht mehr übernommen werden konnte, stellen wir ihn im Folgenden interessierten Lesern zur Verfügung.


Karlheinz Deschner
NRhZ-Archiv

Ich traue meinen Augen nicht: "Er [Karlheinz Deschner] wurde [sic!] seiner Zeit meist totgeschwiegen, von den Medien kaum beachtet."
Diese Behauptung ist so grotesk, dass sich eine Entgegnung eigentlich erübrigt - das Werk Deschners spricht für sich und zu jenen, die es kennen. Denen, die es, auch unter den hpd-Lesern, kaum oder gar nicht kennen, widme ich die folgenden Zeilen.
Ich erinnere, pars pro toto, an die starke, zumal Medien-, voran Zeitungs-, aber auch Funk- und Fernsehresonanz auf sein über 50 Bücher umfassendes, teilweise in 12 Sprachen übersetztes (besonders in Italien und Spanien vielbeachtetes) Werk, Gesamtleserzahl weit über eine Million, Hunderte von Rezensionen (aus der Feder oft namhafter Gelehrter) seiner großen, teils epochalen Arbeiten, die, wie seine umfangreiche, in Auszügen von Deschners Töchtern in "Sie Oberteufel!" veröffentlichte Korrespondenz, im DLA Marbach einzusehen sind.
Bereits mit seinem Romanerstling "Die Nacht steht um mein Haus" (1956) wurde man hellhörig, ein ungewohnter Ton in der Adenauer-Ära, eine zornige Attacke auch auf beliebt-bequeme, ungebrochen gefährliche Denkschablonen; 1957 dann mit "Kitsch, Konvention und Kunst" ein Buch, das neue Maßstäbe in der Literaturkritik setzte, ein Buch, "durch das eine ganze Generation [auch ich] lesen lernte" (Günter Maschke), gefolgt von "Abermals krähte der Hahn" (1962), einer die historisch-kritische Forschung moderner Theologen akribisch auswertenden(1) Demaskierung der Grundlagen des christlichen Glaubens und seiner, vor allem frühen, Geschichte - dieses vielgerühmte und seither mehrfach wieder aufgelegte "Standardwerk der alternativen Kirchengeschichte", wohl das bis in die Gegenwart folgenreichste seiner Werke, löste u.a. die erste große Kirchenaustrittswelle in den deutschsprachigen Ländern aus (in der Schweiz besonders forciert durch den "Mittler" seiner Bücher, den Philosophen und Journalisten Robert Mächler); 3 Jahre später dann machte Deschners "Mit Gott und den Faschisten" Furore, eine weitere Demaskierung kirchlicher Scheinheiligkeit, diesmal im Zeitalter der Weltkriege unter der Ägide des Faschismus; seit 1970 intensive Vorbereitungen für die Ausarbeitung dieser frühen Kirchenkritiken, kulminierend in der (mehrfach, zuletzt von Alibri 2013 publizierten) umfangreichen neuzeitlichen "Politik der Päpste" und, tatkräftig begleitet vom Rowohlt-Lektor Hermann Gieselbusch, in der zehnbändigen "Kriminalgeschichte des Christentums"; für viele nicht minder bedeutsam sind seine landschaftspoetischen Werke (voran seine literarischen Liebeserklärungen an Franken) und sein besonderes Engagement für Tiere (z.B. "Für einen bissen Fleisch - Das schwärzeste aller Verbrechen"/ASKU-Presse Bad Nauheim; vgl. das Interview mit Susann Witt-Stahl https://vebu.de/themen/menschen/interviews/304-eine-revolution-waere-noetig):
Wer einen Blick in Deschners Website (deschner.info /Resonanz, Nachrufe aus dem In- und Ausland) wirft, kann sich selbst ein Bild machen von der Fülle medialer Beachtung - Anerkennung wie Diffamierung - , die seinem immensen Werk, nicht zuletzt wegen dessen ungewöhnlicher, auch in seinen vielzitierten Aphorismenbänden zum Ausdruck kommender, zuletzt von Willi Winkler in der SZ gewürdigter(2) Sprachkunst, zuteil wurde, geschaffen über Jahrzehnte hin ohne den Mitarbeiterstab wohlbestallter Professoren, ganz auf sich gestellt, gefördert durch Freunde, in den späteren Jahren durch Herbert Steffen, der, wie bekannt, sich erst durch Karlheinz Deschners Kirchenkritik endgültig von der Catholica distanzierte bis hin zur Gründung der GBS.
Karlheinz Deschner, Pionier der Kirchenkritik im 20. Jahrhundert - "Kaum beachtet"? Wohl kaum!
Auch die Neuauflagen schwer zugänglicher, teilweise nur noch antiquarisch zu Höchstpreisen (warum wohl?) erwerbbarer Werke dieses so unbequemen wie mutigen Einzelkämpfers in der Alibri-Reihe "Deschner-Edition" (auf die "Politik der Päpste" folgt in Kürze "Abermals krähte der Hahn", dann u.a. der aktualisierte „Moloch“ und „Opus Diaboli“) wie auch einige Neuveröffentlichungen aus Deschners Nachlass werden die Zeitlosigkeit des Oeuvres dieses kritischen Aufklärers und Radikal-Agnostikers dokumentieren.
Es ist erfreulich, dass nun a u c h in der neu gegründeten GBS-Regionalgruppe Unterfranken Deschner „eine wichtige Rolle“ spielen und weiterhin jene Achtung erhalten wird, die ihm zu Lebzeiten reichlich widerfahren ist.(3) Auch ich wünsche Ihnen dafür guten Erfolg. (PK)
(1) Deschners Werk ist gelungen, was der Göttinger Theologe Julius Gross voraussagte: „… die Masse der Gebildeten mit den Ergebnissen der modernen Forschung über das Christentum bekannt zu machen“.
(2) Vgl. eine der fulminanten Würdigungen Deschners durch Willi Winkler: http://michaelalthen.de/michael-althen-preis/der-gewinner-2013/
(3) Wenn Sie einen von Karlheinz Deschners Texten oder einen Film mit ihm in der NRhZ finden wollen, gehen Sie einfach auf die Frontseite, geben Sie seinen Namen in die Rubrik unter SUCHE ein und klicken Sie die Such-Taste an.
 


Online-Flyer Nr. 515  vom 17.06.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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