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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Inland
MDR hat die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald als Lüge bezeichnet
Das Gegenteil beweist die NRhZ
Von Hartmut Barth-Engelbart

Heute am 8. April vor exakt 20 Jahren hielt Emil Carlebach seine letzte große Rede als Vizepräsident der Überlebendenorganisation der Buchenwaldhäftlinge. Ich kann mich noch sehr gut erinnern an die MDR-Sendung über die Feierstunde. Der damalige MP des Landes Thüringen, ein gewisser B. Vogel, zeigte dabei permanent, dass es bei Leuten wie ihm an jedem Benimm fehlt. Wie ein überdrehter Pennäler hat er mit seinem Nebenmann unentwegt geschwätzt.
 

Emil Carlebach bei seiner
Buchenwald-Rede am 9.
April 1995
NRhZ-Archiv
 
Derweil versicherte eine rehäugige MDR- Moderatorin, dieser Emil Carlebach sei nun mal Kommunist und würde daher das Märchen von der Selbstbefreiung des Lagers am 11.04.1945 erzählen. Dabei blickte Sie tapfer in die Kamera – offensichtlich in der Hoffnung, dass ihr Intendant das jetzt sieht. Emil Carlebach nutzte danals die Gelegenheit diesem Pack ein letztes Mal ein paar Wahrheiten um die Ohren zu hauen:
 
Daher wohl auch das “souveräne Verhalten” des Herrn MP und der MDR-Medientante. Was Emil am 9. April 1995 in dieser Rede in Buchenwald sagte, finden Sie hier:

"Wir trauern um mehr als 60 000 Kameraden, Väter, Brüder, Söhne, die hier auf dem Boden dieses KZ ermordet wurden. Durch Deutsche. Wir trauern um weitere Zehntausende, die von hier aus nach Auschwitz, nach Dora, auf Todesmarsch geschickt wurden. Durch Deutsche.
 
Aber wir als deutsche Antifaschisten sind stolz darauf, dass wir in unbeugsamem Widerstand 21 000 Kameraden aller Nationalitäten vor der Ermordung retten konnten, unter ihnen 3 000 jüdische Menschen, 903 hilflose Kinder, die wir vor den Bestien schützen konnten, die sich unsere “deutschen Landsleute” nennen und die sich im Zuge des Kalten Krieges wieder als nützlich für eine zukünftige Barbarei anbieten konnten.
 
Es gibt und es gab zweierlei Deutsche. Kein Mensch hätte in Buchenwald umkommen müssen, wenn uns nicht 1933 die angeblichen Demokraten der Weimarer Republik feige und verräterisch in Stich gelassen hätten. Die Minister und Abgeordneten, Richter, Staatsanwälte und Beamten, die Offiziere und Polizeichefs – zu 99 Prozent hatten sie nur eines im Sinn: Dabei zu sein, mitzumachen, wenn die Beute verteilt wurde.
 
Sie sind weiter “ehrenwerte deutsche Wirtschaftsführer”. Sie sitzen im Wirtschaftsrat von Parteien, die sich demokratisch nennen. Sie heben die Hand nicht mehr zum Hitlergruß, sondern nur noch zum Kassieren ihrer blutbesudelten Dividende.
 
Und die Herren Offiziere, die in Ost und West Dörfer und Städte zerbombten? Die Frauen und Kinder unter den Trümmern und in den Flammen ihrer Wohnstätten qualvoll umkommen ließen? Die Geiseln an die Wand stellten, und Millionen Menschen zur Sklavenarbeit nach Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau schleppten?
 
Sie haben die neue Wehrmacht aufgebaut – nach zwei Weltkriegen zum dritten Mal. Sie beziehen Pension und tragen ihre Hitler-Orden weiter, denn sie haben ja “wohlerworbene Ansprüche” an den Staat, der schon wieder dabei ist, seine jetzige Wehrmacht weltweit einzusetzen. Weltweit!
 
Nein, das haben wir nicht gewollt, als wir 1945 hier auf dem Appellplatz den Schwur leisteten, nicht zu ruhen, bis der Letzte der Schuldigen vor den Richtern der Völker steht. Und eine Welt des Friedens und der Freiheit aufbauen zu helfen.
 
Es sah ja zunächst so aus, als ob unser Schwur in Erfüllung ginge: Zehn Jahre lang existierte Deutschland ohne Armee. Das Grundgesetz von 1949 kannte keine deutschen Soldaten. Die Konzerne sollten aufgelöst werden, die Nazi-Partei wurde verboten. Ihre Helfershelfer interniert. Auch hier in Buchenwald wurden die Verdächtigen in denselben Stacheldraht eingesperrt, hinter dem zuvor 60 000 unserer Kameraden umgekommen waren.
 
Aber dann setzte “die Wende” ein. Das war lange vor 1989: Der Mann, der das Handbuch für Auschwitz und den Holocaust geschrieben hatte, Herr Globke, wurde der Mann, der den Staatsapparat in Westdeutschland aufbaute und seine alten Freunde wieder in Amt und Würden brachte.
 
Ein Altnazi, der von den Amerikanern zwei Jahre lang interniert worden war, wie die Russen hier andere internierten, der Altnazi Kiesinger, wurde gar Bundeskanzler, Chef der Regierung des von Herrn Globke zusammengestellten Staatsapparates. Und es wären noch viele Namen zu nennen.
 
Die Antifaschisten wurden wieder ausgegrenzt, verleumdet, verfolgt. Die aber, die nach 1945 auf alliierten Beschluss interniert worden waren, die sollten nun zu “Märtyrern der Nation´” hochstilisiert werden.
 
Dies traf nicht nur uns, die Masse der unbekannten Naziopfer. Auch der Bundeskanzler Willy Brandt, Friedensnobelpreisträger, wurde im Wahlkampf durch “demokratische” Konkurrenten als “Landesverräter” beschimpft, weil er die Uniform eines von den Nazis vergewaltigten Landes getragen hatte.
 
Der Leiter der “politischen Abteilung” von Buchenwald, also der Gestapo-Chef des KZ, SS-Hauptsturmbannführer Leclaire, wurde Kriminalbeamter in Düsseldorf. Der berüchtigte Rapportführer Strippel, dessen Blutspur sich von Buchenwald aus durch Polen und Holland zieht, bis er am Schluss noch in Hamburg jüdische Kinder an Heizungsrohren aufhängen ließ, dieser Mann wurde zunächst tatsächlich verurteilt – und dann, weil seine Strafe angeblich “zu hoch” gewesen sei, mit 125 000 Mark “entschädigt”. Eine solche Summe erhielt keines der Opfer dieses deutschen Herrenmenschen.
 
Der Mörder Ernst Thälmanns, der SS-Stabsscharführer Otto, wurde freigesprochen – und wurde Religionslehrer.
 
Und die Giftgasverbrecher? Die Blutsäufer, die aus unserer Sklavenarbeit Millionen und Abermillionen scheffelten? Die IG-Farben? Der Siemens-Konzern? Die Flick und Krupp, die Deutsche und die Dresdner Bank, und wie sie alle hießen und heißen? Sie sind reich und reicher geworden an unserer Sklavenarbeit! An den Goldzähnen, die sie unseren Vätern, Brüdern und Söhnen haben ausreißen lassen! An den Frauenhaaren, die sie den im Gas der IG Farben erstickten Müttern, Schwestern, Töchtern haben abschneiden lassen. Wenn die Herren Professoren heute Täter suchen, dort können sie sie finden.
 
Und natürlich passte diese Gedenkstätte, die das Volk der DDR errichtete, dieses Mahnmal des Widerstands, der Selbstbefreiung der Antifaschisten nicht in diese Atmosphäre. Nein: Die Internierten von 1945, die sollen “angemessen gewürdigt” werden.
 
Wir aber, so darf es heute sogar gedruckt verbreitet werden, wir, die wir 21 000 Opfer der Nazis gerettet haben, wir, die wir 903 Kinder beschützt und vor der Gaskammer gerettet haben, wir hätten doch mit der SS zusammengearbeitet!?
 
Warum diese dreiste Lüge? Die Erklärung ist einfach: Es soll vergessen gemacht werden, wer tatsächlich mit den Verbrechern und ihrem Terrorregime – bis fünf Minuten nach zwölf – zusammengearbeitet hat: Die Generäle und Offiziere, die Beamten und Richter, die Polizeichefs und Staatsanwälte. Sie waren Stütze und Träger des Regimes.
 
Und wenn es bisher nicht gelungen ist, diese unsere Gedenkstätte zu liquidieren, aus ihr eine Nazi-Walhalla zu machen, dann danken wir das vor allem Euch, die Ihr in aller Welt, in USA wie in Frankreich, in Israel wie in Dänemark, in Belgien, Holland wie hier in Deutschland selber, in kameradschaftlicher Solidarität mit uns diese unsere Gedenkstätte gegen alle Anschläge verteidigt habt. Und so soll es auch bleiben.
 
Morgen oder übermorgen seid Ihr wieder zuhause; aber lasst nicht nach in Eurer Wachsamkeit. Lasst Euch durch schöne Worte nicht beruhigen. Unser Schwur gilt heute wie vor 50 Jahren: “Für eine Welt des Friedens und der Freiheit.”
 
Zu Frieden und Freiheit aber gehört die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum. In diesem Kampfe waren wir vereint, in diesem Kampfe bleiben wir vereint. Denn es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder."
 
Emil Carlebach, am 10. Juli 1914 geboren, am 9. April 2001 verstorben, wurde 1933 und 1934 wegen antifaschistischer Tätigkeit verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Im Anschluss wurde er 1937 ins KZ Dachau und 1938 ins KZ Buchenwald verschleppt. In Buchenwald wurde er Blockältester des Judenblocks und Mitglied der illegalen Internationalen Lagerleitung und nahm an der bewaffneten Selbstbefreiung des KZ am 11. April 1945 teil. (PK)
 
Eine Fotogalerie über die Selbstbefreiung von Brigitte Krabbeck finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20249
Filmausschnitte mit dem Widerstandskämpfer Emil Carlebach vom NRhZ-Herausgeber Peter Kleinert mit dem Titel Im KZ Buchenwald seit 1938 finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20487 in dieser NRhZ-Ausgabe. Die können Sie nach kostenlosem Anschauen unter der Adresse peterkleinert@hotmail.com für 19,95 Euro gern bestellen.


Online-Flyer Nr. 506  vom 15.04.2015

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