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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Inland
"Wiederherstellung der territorialen Integrität eines NATO-Mitgliedsstaates"
Kriegsführung im 21. Jahrhundert (II)
Von Hans Georg

Am heutigen Dienstag, dem 7.4., begann die maßgeblich aus Bundeswehrsoldaten bestehende "Very High Readiness Joint Task Force" (VJTF) der NATO eine Reihe von Manövern zur Vorbereitung auf ihre künftige Rolle als "Speerspitze" für Kriegsoperationen des Militärbündnisses. Bis Freitag dieser Woche findet ein erster "Funktionstest" statt, gefolgt von der zweiteiligen Kriegsübung "Noble Jump". Trainiert wird dabei sowohl die Alarmierung der Elitetruppe als auch ihre kurzfristige Verlegung innerhalb des NATO-Gebiets. Erklärtes Ziel ist es, "Terroristen" davon abzuhalten, auf das Territorium eines Bündnispartners vorzudringen und dort eine "Staatskrise" zu evozieren.
 
Seinen Höhepunkt wird das Manöverjahr im September mit der Übung "Trident Juncture" erreichen, an der sich rund 25.000 Soldaten beteiligen sollen. Geprobt wird ein Interventionskrieg in einem fiktiven Land am Horn von Afrika. Die eingesetzten westlichen Truppen sehen sich dabei nicht nur mit einer Guerillaarmee konfrontiert, sondern müssen auch Angriffe mit Chemiewaffen abwehren, einer Hungersnot begegnen und Flüchtlingsbewegungen kanalisieren. Laut NATO geht es darum, die "Lehren" aus Militäroperationen wie in Afghanistan und aus "aktuellen Konflikten" wie in der Ukraine zu ziehen.
 
Funktionstest
 
Wie deutsche Fachmedien berichten, bereitet sich die zur Hälfte aus Bundeswehrsoldaten bestehende, 5.000 bis 7.000 Mann starke "Very High Readiness Joint Task Force" (VJTF) der NATO auf ihre Rolle als "Speerspitze" künftiger Kriegsoperationen vor. Ein erster "Funktionstest" der VJTF ist bereits für die Zeit vom vergangenen Dienstag bis zum Freitag dieser Woche geplant. An der sogenannten Alarmierungsübung sind diverse Kommandostäbe der NATO beteiligt, darunter auch das im westfälischen Münster stationierte I. Deutsch-Niederländische Korps. Im Mai soll dann auf dem Truppenübungsplatz im niedersächsischen Munster unter der Bezeichnung "Falcon Viking" die schnelle Verlegung der VJTF innerhalb des Bündnisgebiets trainiert werden. Die Eliteeinheit, deren deutschen Kern das im sächsischen Marienberg stationierte Panzergrenadierbataillon 371 bildet, diene damit der "Stärkung der Abschreckung gegenüber Russland", heißt es.[1]
 
Seite an Seite
 
Ähnlich ist das für April und Juni in den Niederlanden, Polen und Tschechien anberaumte Manöver "Noble Jump" konzipiert. Auch hierbei wird die Alarmierung der VJTF und ihre schnelle Verlegung per Lufttransport innerhalb des NATO-Gebiets trainiert. Wie ein Sprecher des westlichen Militärbündnisses in Anspielung auf den Bürgerkrieg in der Ukraine erklärte, gehe es dabei darum, "Terroristen" davon abzuhalten, das Territorium eines befreundeten Landes zu "infiltrieren" und dort eine "Staatskrise" auszulösen. Zu diesem Zweck werde die VJTF "Seite an Seite" mit der örtlichen Polizei sowie "Sicherheits- und Grenzschutzbehörden" agieren.[2]
 
Krieg hoher Intensität
 
Das von Deutschland, Polen und Dänemark im polnischen Szczecin eingerichtete "Multinationale Korps Nordost" (MNK NO) wird seinerseits im November die ihm zugedachte Funktion eines Führungsorgans der VJTF trainieren. Laut Mitteilung des MNK NO, das zurzeit massiv ausgebaut wird (german-foreign-policy.com berichtete [3]), dient das Manöver unter der Bezeichnung "Compact Eagle" der "Wiederherstellung der territorialen Integrität eines NATO-Mitgliedsstaates".[4] Auf der Basis computergestützter Simulationen werde die "Führung eines Krieges hoher Intensität" geprobt, heißt es.[5]
 
Russland im Fadenkreuz
 
Die genannten Übungen orientieren sich an dem von der westlichen Militärallianz bereits 2013 entwickelten Szenario "Skoltan", das der maßgeblich für den Aufbau der VJTF verantwortliche deutsche NATO-General Hans-Lothar Domröse Ende vergangenen Jahres der Öffentlichkeit präsentierte. Laut Medienberichten stellte es sich wie folgt dar: "Nach einem aus Norden vorgetragenen Angriff des Landes Bothnien auf die zu Estland gehörende Insel Hiiumaa geht es darum, die feindlichen Kräfte zurückzuwerfen." Der Einsatz habe dabei "in einem zivilen Umfeld und in einem Kommunikationsklima" stattgefunden, "das weitgehend durch soziale Netzwerke bestimmt war, deren drehbuchartig vorbereitete Aktivitäten laufend überwacht wurden", hieß es: "Insbesondere bei den aufgetretenen Zwistigkeiten zwischen Anhängern und Gegnern der Nato-Operation... spielte die Analyse solcher Kommunikationen eine beträchtliche Rolle bei der Entschlussfassung." Wie die anwesenden Medienvertreter im Anschluss urteilten, habe das "Skoltan"-Szenario zwar "einiges Abstraktionsvermögen" erfordert, jedoch sei etwa durch die simulierte Bewaffnung des Angreifers mit ballistischen Boden-Boden-Raketen vom Typ Scud-D sehr schnell klar geworden, "dass mit Bothnien Russland gemeint war".[6]
 
Lehren ziehen
 
Dem für den Herbst anberaumten zentralen NATO-Manöver dieses Jahres, das unter der Bezeichnung "Trident Juncture" firmiert und nicht zuletzt die Einsatzbereitschaft der VJTF demonstrieren soll, liegt indes das Szenario "Sorotan" zugrunde. Dabei wird dem Bündnis zufolge eine Militärintervention in der fiktiven Region "Cerasia" am Horn von Afrika durchgespielt: "Betroffen von Desertifikation, ausgetrockneten Bewässerungssystemen, Grenzkonflikten und abnehmenden Ressourcen marschiert der Aggressor 'Kamon' in das südlich gelegene Nachbarland 'Lakuta' ein, um die dortigen zentralen Staudämme zu besetzen, wobei 'Lakuta' nicht auf die Abwehr dieser Invasion vorbereitet ist." Wie die NATO-Planer weiter ausführen, setze die "aggressive Militärdiktatur Kamon" gezielt auf die Methoden der "hybriden Kriegsführung", was sich insbesondere darin äußere, dass sie ihre "wahren strategischen Ziele" verleugne. Letztlich sehe sich die NATO bei ihrem Eingreifen zugunsten "Lakutas" mit einem "komplexen Umfeld" aus "konventionellen und unkonventionellen Bedrohungen" konfrontiert, heißt es - inklusive "Nahrungsmittelknappheit, Flüchtlingsbewegungen, Cyberattacken, Chemiewaffeneinsätze und Informationskrieg". Auf diese Weise sollen erklärtermaßen die "Lehren" aus Militäroperationen wie in Afghanistan und aus "aktuellen Konflikten" wie in der Ukraine gezogen werden.[7]
 
Deutlich sichtbar
 
"Trident Juncture" wird in der Zeit vom 28. September bis zum 6. November dieses Jahres an mehreren Orten in Portugal, Spanien und Italien stattfinden; vorgesehen ist die Beteiligung von rund 25.000 Soldaten. Wie das US-Militär erklärt, handele es sich um das "größte Manöver seit dem Fall der Berliner Mauer", mit dem das westliche Militärbündnis das Ziel verfolge, der Welt die Fähigkeiten seiner unter der Bezeichnung "NATO Response Force" firmierenden schnellen Eingreiftruppe "deutlich sichtbar" zu machen.[8] Deren "Speerspitze" bilden in erster Linie Angehörige der Bundeswehr. (PK)
 
Lesen Sie dazu auch Kriegsführung im 21. Jahrhundert (I).
 
[1] Exercise Watch: Für den Kalender 2015. augengeradeaus.net 13.03.2015.
[2] NATO ramping up military exercises in 2015. www.janes.com 11.03.2015.
[3] Siehe dazu Ein Ring um Russland.
[4] One step forward to the exercise Compact Eagle 15. mncne.pl 27.11.2014.
[5] Life in Stavanger for the soldiers from HQ MNC NE. mncne.pl 13.12.2014.
[6] Nato-Übung mit politischer Botschaft. www.nzz.ch 08.11.2014.
[7] SOROTAN will challenge NATO against hybrid threats. www.jwc.nato.int 02.03.2015.
[8] USAREUR key enabler for NATO's 2015 'flagship' exercise Trident Juncture. www.army.mil 01.12.2014.
 
Auch diesen Text aus einer vierteiligen Serie mit diesem Titel haben wir mit Dank übernommen von http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59085


Online-Flyer Nr. 505  vom 08.04.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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