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Aktueller Online-Flyer vom 19. Februar 2020  

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Aktuelles
WuF-Zeitschrift mit akademischen Kriegspropheten für den Frieden unbrauchbar
Wissenschaft und Frieden sehen anders aus
Von Dietrich Schulze

Der Autor hat sich gezwungen gesehen, sein langjähriges Abonnement der Vierteljahreszeitschrift „Wissenschaft und Frieden“ (WuF) zu kündigen, das er im Zusammenhang mit seiner Mitgliedschaft in der NaturwissenschaftlerInnen-Friedensinitiative eingegangen war. Seine Begründung und die Vorgeschichte dazu hat er uns als Artikel zukommen lassen. 
 
Der scharfsinnige Publizist Otto Köhler charakterisierte in seiner fulminant-historischen Darstellung der Kriegspropaganda in der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015 zwei professorale Kriegsunterstützer mit folgenden Worten: „Und da ist noch ein besonderes Früchtchen. Der Professor Joachim Krause vom Kieler »Institut für Sicherheitspolitik« setzt sich fanatisch für eine Zusammenarbeit von Universität und Bundeswehr ein. Die Zivilklausel, die an einigen Hochschulen Rüstungsforschung verbietet, soll fallen. Wie erfolgreich sein Kampf ist, wie sehr selbst die verschiedenen Friedensinstitute an den Universitäten von der Bundeswehr gleichgeschaltet werden, lässt sich auf der »Thema«-Seite der jungen Welt vom 8. Januar 2015 [1] nachlesen. An solchem Treiben beteiligt sich auch Professor Michael Daxner, der gerade erst eine Propapandabroschüre »Deutschland in Afghanistan« herausgab, und das im »BIS-Verlag der Carl-von-Ossietzky-Universität« in Oldenburg. Dort gebietet die Ehrlichkeit, sie schleunigst in Oberst-Klein-Universität umzubenennen. Ich wundere mich über die Ruhe, die unter den Studenten herrscht.“ [2]
 
Eben jener Michael Daxner erhielt in der WuF-Dezember-Ausgabe 2014 „Soldat sein“ unter dem Titel „Veteranen“ die Möglichkeit, seine Kriegspropaganda auszubreiten. Er verlangte, die Erfahrungen der Bundeswehr-"Einsatzrückkehrer" bei künftigen friedenschaffenden Kriegsoperationen der deutschen Streitkräfte zu Rate zu ziehen.
 
Dazu hatte ich nach Postzugang Mitte Oktober einen Offenen Brief [3] an den WuF-Vorstand geschrieben - unter Berufung auf Veröffentlichungen von german-foreig-policy.com, wonach Daxner in Orwell‘scher Manier westliche Militärinterventionen wie etwa die in Afghanistan als groß angelegte "Sozialreformprojekte" beschreibt. Daxner habe demzufolge nichts mit Wissenschaft & Frieden, sondern mit Pseudowissenschaft & Besatzungspolitik zu tun. Von einer befriedigenden Antwort innerhalb von drei Wochen darauf, warum ein Kriegsunterstützer WuF-Autor sein kann, und wie der Wiederholung solcher Fälle vorgebeugt werden soll, habe ich die Kündigung meines Abonnements abhängig gemacht.
 
Nach anfänglich inhaltsleeren Äußerungen des WuF-Vorstands, verbunden mit herabsetzenden Bemerkungen des stellv. WuF-Vorstandsvorsitzenden Andreas Seifert (Informationsstelle Militarisierung Tübingen), kam es in der Dreiwochenfrist zu einer Vereinbarung [4]. Die Redaktion hatte demnach eine Telefonkonferenz abgehalten und das Programm des gemeinsamen WuF-Jahrestreffens für Ende Januar geändert, um über Zeit für die Diskussion der Beschwerde zu verfügen. Nach der Zusicherung einer zeitnahen schriftlichen Antwort über das Beratungsergebnis hatte ich die beabsichtigte Abo-Kündigung aufgeschoben.
 
Inzwischen hatte sich Herr Professor Daxner herabgelassen, der Redaktion german-foreign-policy.com einen Leserbrief [5] zu der ihn betreffenden Veröffentlichung von Peer Heinelt zu schreiben, in dem es u.a. heißt: „Weshalb ich zu den »harschen Protesten« nur sagen kann, dass W&F, sowie die friedensorientierte Wissenschaft, die mich seit vielen Jahrzehnten kennen, vielleicht besser beraten waren als das Beiratsmitglied Schulze, das sich erst einmal informieren sollte, bevor er mich einen akademischen Kriegsunterstützer nennt. Der Herr Schulze befindet sich offenbar im Krieg mit der Wirklichkeit, auch was meine Verabschiedung im Februar 2011 betrifft.“
 
Am 5. Februar ging das WuF-Beratungsergebnis ein. Hier eine Kurzfassung: „W&F ist eine Zeitschrift, die sowohl in ihrer Redaktion als auch in den veröffentlichten Beiträgen ein große Bandbreite an Meinungen und Positionen aus Friedensforschung und Friedensbewegung integriert. Gemeinsame Grundlage für die Redaktionsarbeit bilden die Leitlinien (siehe »Wir über uns« auf der W&F-Website) und vor allem die gemeinsame Diskussion aller Beiträge in der Redaktion. Zu unserem Anspruch an produktive Diversität gehört, dass auch in der Redaktion nicht immer Einigkeit über einzelne Beiträge bestehen muss, solange sie den Rahmen unserer Leitlinien nicht verlassen. Unsere Zeitschrift wird nun in zwei Leserbriefen einmal als zu wenig friedensorientiert, ein anderes Mal als zu militärkritisch kritisiert; dies spricht aus unserer Sicht dafür, dass wir unserem pluralistischen Anspruch durchaus nachkommen. ….. Vor diesem Hintergrund können wir keinen Widerspruch zwischen dem Veteranen-Artikel und den W&F-Leitlinien erkennen. ….. Aus Sicht der Redaktion bedeutet friedenspolitischer und militärkritischer Wissenschaftsjournalismus, sich mit wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung zu befassen und dogmatische Verengungen nicht zuzulassen.“
 
Klarer kann der neue wissenschaftlich verbrämte, unfriedliche WuF-Kurs nicht dargestellt werden. Die Forderung nach Absage an kriegsunterstützende Autoren wird schlicht als eine dogmatische Verengung interpretiert.
 
Zum besseren Verständnis des „undogmatischen“ professoralen Früchtchens Daxner ein Zitat aus „Interventionskultur II“ [6]. Er bekennt sich in dem oben zitierten Buch "Deutschland in Afghanistan" zum Paradigma der Aufstandsbekämpfung ("Counterinsurgency"): "Wir Deutschen kämpfen nicht gegen einen Feind, sondern helfen militärisch einer legitimen Regierung, um ihr Gewaltmonopol und ihre Staatsaufgaben sicher zu erfüllen, und die Aufständischen, die dies verhindern wollen, zu bekämpfen, sie zurückzudrängen und zu entmachten." Dabei kommt nach Daxner das Prinzip "Clear, Hold, Build" zur Anwendung. Die Strategie sieht vor, zunächst ein bestimmtes Gebiet von Insurgenten zu "säubern" ("Clear"), dieses danach durch Kontrollpunkte und Truppenstationierungen militärisch zu sichern ("Hold") und zuletzt die ansässige Bevölkerung bei Wohlverhalten mit "Entwicklungsprojekten" zu belohnen ("Build").
 
Diese besatzungspolitische Fibel ist perverserweise im Verlag der Universität Oldenburg erschienen, die den Namen des Aufklärers und Kriegsgegners Carl von Ossietzky trägt, der 1936 den Friedensnobelpreis erhielt, in Abwesenheit. Der Antimilitarist lag nach mehrjährigem Aufenthalt in NS-Konzentrationslagern in einem Berliner Gefängniskrankenhaus. Am 4. Mai 1938 starb er aufgrund der erlittenen Misshandlungen durch die Faschisten.
 
Nicht minder pervers ist, dass die „Oberst-Klein-Universität“ (sorry Carl-von-Ossietzky-Universität) seit 2007 eine Zivilklausel in der Grundordnung hat. Über den widerlichen Verstoß mit einem „Interventionskultur“-Ex-Präsidenten Daxner haben nicht nur die Studenten, sondern auch der umweltpolitisch agile Uni-Professor Niko Paech bis heute geschwiegen.
Derzeit befasst sich Daxner mit Maßnahmen zur Optimierung der westlichen Militärintervention in Afghanistan als Projektleiter des berüchtigten "Sonderforschungsbereichs 700" (SFB 700) der FU Berlin über eine "effektive und legitime" Regierungsführung ("Good Governance").
Folgerichtig sind für Daxner "Kontroversen zwischen Pazifisten und Bellizisten" nicht nur "simplistisch", sondern gehen "völlig an der Sache vorbei". Das erinnert irgendwie an die gemäß der WuF-Antwort „unzulässigen dogmatischen Verengungen.“ Da braucht man wohl nicht mehr lange warten, bis WuF-Autor Daxner in den WuF-Vorstand eintritt, um den kriegsfriedenspolitischen Kurs selber mit zu gestalten. Und der 70. Jahrestag der Befreiung wäre doch ein sinnfälliger Zeitpunkt, ODER?
 
Über die vielen respektablen WuF-Beiratsmitglieder und einige WuF-Herausgeber, die diesen Kurs der Doppelmoral »ein bißchen Frieden, ein bißchen Krieg« einer ehemals renommierten Zeitschrift widerspruchslos hinnehmen, wundere und schäme ich mich.
 
„Ja, ich bin es, Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren.“ begann Otto Köhler seine Rede. Im Sinne des mutigen Griechen bitte ich alle WuF-Abonnenten zu prüfen, ob sie eine Doppelmoral-Postille mit akademischen Kriegspropheten weiter finanzieren wollen. Es gibt Alternativen.
 
Aufstehen gegen die neue Kriegsgefahr, das ist das unabweisbare Gebot, um das es jetzt wirklich geht [7]. W I R  S I N D  T H E R S I T E S ! (PK)
 
Quellen:
[1] https://www.jungewelt.de/2015/01-08/002.php
[2] https://www.jungewelt.de/beilage/art/3772
[3] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20141115.pdf
[4] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20141208wuf.pdf
[5] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20141127.pdf
[6] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20141125.pdf
[7] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21261 und =21220 =21120 =21149 =21108
 
Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe. 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit sowie in der Initiative „Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel“ und publizistisch tätig.
 


Online-Flyer Nr. 496  vom 06.02.2015

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