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Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2020  

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Globales
Europa ist wieder durch einen Eisernen Vorhang geteilt
Die Politik der Supermacht Nr. 1
Von Wolfgang Bittner

Dass die USA und die Europäische Union der laut gewordenen Kritik an ihrer Ostpolitik nicht lange tatenlos zuschauen würden, war absehbar. Jetzt soll Gegenpropaganda stattfinden, offiziell verordnet und finanziert. So ist u.a. in Lettland ein „unabhängiger“ TV-Sender geplant, der ein Gegengewicht zur „russischen Propaganda“ bilden und in russischer Sprache „ausgewogene Informationen und Nachrichten“ produzieren soll.(1) Der informierte Bürger reibt sich die Augen. Denn schon seit Jahren, und verstärkt seit Beginn der Ukraine-Krise, wird von westlicher Seite bereits eine antirussische Propaganda betrieben, die einem der Wahrheit verpflichteten Journalismus Hohn spricht. Da ist von dem neuen „russischen Zar“ Wladimir Putin die Rede, der das sowjetische Imperium wiedererrichten will, den Bürgerkrieg in der Ukraine zu verantworten hat und die baltischen Staaten und Polen bedroht.(2)

US-Stratege Henry Kissinger auf CNN, ausgestrahlt am 2.2.2014
NRhZ-Archiv
 
Wir erinnern uns noch: „Stoppt Putin jetzt!“ lautete ein Spiegel-Titel, von „prorussischem Mob“ (Spiegel Online, ARD Tagesschau) in der Ostukraine und „Moskaus Kriegshetze“ (Bild-Zeitung) wurde berichtet, in der Welt erinnerte „die Ruchlosigkeit der Putin-Propaganda erschreckend an die Hochzeiten des Stalinismus“. Provokationen, Hetze und Drohungen auf westlicher Seite, und lautstarke, hasserfüllte Entrüstung, wenn Russland antwortet. Inzwischen kann als erwiesen gelten, dass die Ukraine-Krise eine Inszenierung ist, vorbereitet schon lange vor der Maidan-Bewegung durch subversive Einflussnahme westlicher Geheimdienste, insbesondere der CIA.
 
Als Ziel dieser westlichen Strategie einer Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung zeichnet sich immer mehr ab, Osteuropa einschließlich Russland den westlichen Kapitalinteressen aufzuschließen und den imperialen Zielen der USA unterzuordnen. Putin wird niedergemacht, und schon des Längeren wird daran gearbeitet, Russland als Machtfaktor in der internationalen Politik auszuschalten und auch in Moskau einen Machtwechsel herbeizuführen. Wer sich nicht beugt, wird bekanntlich entweder bombardiert oder ruiniert. Immer deutlicher zeichnet sich ab: Russland soll durch Wirtschaftssanktionen, Beeinflussung der Kapital- und Energiemärkte sowie die immensen Aufwendungen für Nachrüstung in die Knie gezwungen werden. Europa ist wieder durch einen Eisernen Vorhang geteilt, die NATO marschiert gen Osten und die USA sind dabei, das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) durchzusetzen, durch das Westeuropa zu einem Vasallengebiet zu verkommen droht.
 
Schon im Herbst 2014 gab das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bekannt, wie sehr deutsche Unternehmen unter den auf Betreiben der USA gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen leiden. Das bilaterale Handelsvolumen, das bereits 2013 um fünf Prozent einbrach, ging im ersten Halbjahr 2014 erneut um 6,3 Prozent zurück; die deutschen Exporte nach Russland schrumpften um 15,5 Prozent.(3) Weitere unübersehbare Belastungen werden folgen. Hinzu kommt, dass Russland Deutschlands größter Energielieferant ist, was bei einer weiteren Verschärfung der Konfrontation sicherlich eine Rolle spielen wird. Aber dazu ist aus Politikerkreisen noch nichts zu vernehmen.
 
Der polnisch-US-amerikanische Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski, der 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ die geopolitische Strategie der USA nach dem Untergang der Sowjetunion entwickelt hat, schrieb seinerzeit: „Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt aber davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird — und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann.“(4)
 
Für die einzige Supermacht USA sei – so Brzezinski – Eurasien „das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird“. In diesem Kontext ist auch die Äußerung Henry Kissingers am 2. Februar 2014 in einem CNN-Interview zu sehen, wonach der Regime Change in Kiew eine Generalprobe für das sei, „was wir in Moskau tun wollen“.(5)
 
Diese verbrecherische Machtpolitik wird von vielen Menschen immer mehr durchschaut, nimmt ihnen die Ruhe und lässt sie aufbegehren. Es scheint so, dass die tragischen Terroranschläge von Paris, die zu einem europäischen 9/11 potenziert werden, gerade zur rechten Zeit kamen, um Gesetzesverschärfungen zu fordern und den Überwachungsstaat weiter auszubauen. Ein trauriger Anlass, aber die kürzlich in Mexiko abgeschlachteten 43 Studenten, die 48 ermordeten Demonstranten in Odessa oder 2.000 von der Boko Haram ermordete Nigerianer waren kaum einen Leitartikel wert. Das gibt zu denken und verstärkt die ohnehin schon vorhandenen Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Rechtschaffenheit der Politiker und der sogenannten Qualitätsmedien. Der Propagandakrieg nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung, nimmt Monat für Monat zu. Der ehemalige OSZE-Vizepräsident und Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, ist der Ansicht: „Europa soll wieder fit gemacht werden für einen Krieg.“(6) Was ist in dieser Situation davon zu halten, wenn Staatsoberhäupter in Paris Arm in Arm gegen einen terroristischen Anschlag demonstrieren (darunter Petro Poroschenko), anstatt für Frieden zu sorgen, und wenn korrumpierte Journalisten (7) für die Meinungs- und Pressefreiheit eintreten.
 
Man mag die Ungeheuerlichkeiten, mit denen wir konfrontiert werden, kaum glauben. Wer zweifelt, wird als Putinversteher, Russenfreund, Antiamerikaner oder Verschwörungstheoretiker diffamiert. Aber es ist die Realität, unsere Realität. Die Frage stellt sich: Sind wir diesen kriminellen Akteuren, die zum Teil tatsächlich der Auffassung sein mögen, Gutes für die Menschheit zu tun, die aber in erster Linie für sich, ihre Karrieren und ihre Vermögen sorgen, wirklich hilflos ausgeliefert? Oder finden wir einen Ausweg, ehe es zu spät ist? (PK)
 
Anmerkungen
 
(1) http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/01/04/gegen-putin-eu-plant-eigenen-russischsprachigen-tv-sender/
(2) Wolfgang Bittner: Die Eroberung Europas durch die USA, VAT 2014, S. 14f.
(3) „Russland – Wirtschaftliche Beziehung“, Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie; http://www.bmwi.de/DE/Themen/Aussenwirtschaft/laenderinformationen,did=316538.html
(22.09.14).
(4) http://goo.gl/M59p4A
(5) Henry Kissinger, zit. n. http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20079
(6) Willy Wimmer, https://www.youtube.com/watch?v=Ctmbfig00tw
(7) Dazu: Uwe Krüger, Meinungsmacht, Köln 2013. Auch Daniele Ganser, Nato-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Zürich 2008; sowie Die Nato dehnt sich aus und Russland nicht, http://www.nachdenkseiten.de/?p=23352
(24.09.14).

Erstveröffentlichung in www.hintergrund.de am 13.1.2015. 

Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, aufgewachsen in Ostfriesland, ist promovierter Jurist, arbeitete in verschiedensten Berufen, so u.a. als Rechtsanwalt, Verwaltungsbeamter, Fürsorgeangestellter. Er reiste intensiv und konzentrierte sich seit Mitte der siebziger Jahre mehr und mehr auf das Schreiben. Wolfgang Bittner verfasst Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder und war als freier Mitarbeiter für zahlreiche Zeitungen (u.a. Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung), den Hörfunk und das Fernsehen tätig. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und er erhielt mehrere Literaturpreise. Von 1996 bis 1998 wurde Bittner in den Rundfunkrat des WDR berufen. Er übernahm Lehrtätigkeiten im In- und Ausland, darunter mehrere Gastprofessuren in Polen. Er ist Mitglied des PEN und im Verband deutscher Schriftsteller, dessen Bundesvorstand er von 1997 bis 2001 angehörte. Im Jahr 2010 erhielt er von der NRhZ für seine Schriftsteller- und Autorenarbeit den Kölner Karls-Preis.


Online-Flyer Nr. 493  vom 14.01.2015

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