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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Interview mit dem Mitgründer des baskisch-deutschen Kulturvereins BASKALE
"Das Baskenland ist nicht Spanien"
Von Uwe Bein und Klaus Armbruster

Klaus Armbruster lebt seit Jahren in Bilbo, der heimlichen Hauptstadt des Baskenlandes (spanisch: Bilbao). Dort wurde der Fotograf im Jahr 2010 Mitgründer von BASKALE, einem baskisch-deutschen Kulturverein, der sich dem sozial-politisch-kulturellen Austausch zwischen den beiden Ländern widmet. Das Programm enthält konkrete Projekte wie Ausstellungen, Fotoaktivitäten, Dokumentar-Videofilme, Förderung von alternativem Tourismus, eine antifaschistische Stadtführung durch Bilbo, die an die Opfer des spanischen und des deutschen Faschismus erinnern soll. Das folgende Interview hat Uwe Bein für die Redaktion von Baskinfo mit ihm gemacht.

Klaus Armbruster
Eigenes Foto
 
Redaktion Baskinfo: Wer ist der baskisch-deutsche Kulturverein Baskale, der das Projekt BASKULTUR.INFO ins Leben gerufen hat?
 
Klaus Armbruster: Baskale Elkartea wurde 2010 gegründet von einer Gruppe von BaskInnen und Deutschen, die vorwiegend in Bilbao leben. Im Namen steckt bereits ein Teil unserer Motivation: BASK und ALE, also die Verbindung von baskisch und aleman. KALE bedeutet gleichzeitig Straße und beschreibt symbolisch den Weg zwischen dem Baskenland und deutsch-sprachigen Regionen.
Mit seinen Projekten will Baskale die historische und kulturelle Realität des Baskenlandes thematisieren und Bezüge zu Land und Leuten schaffen, die über die weit verbreitete oberflächliche Reisekultur hinausgehen.
 
Welche Projekte habt ihr bisher durchgeführt?
 
Vor zwei Jahren haben wir eine einwöchige Bildungsreise nach Deutschland organisiert, mit dem Schwerpunkt Historische Erinnerung. Zwischen Braunschweig und Berlin haben wir Gedenkstätten besucht und uns mit einer Reihe von Gruppen getroffen, die in dem Bereich aktiv sind. Gleichzeitig betreuen wir regelmäßig deutsche Gruppen auf ihren Wegen durch das Baskenland. Zuletzt waren es zwei Gruppen aus Hannover und von der Uni Mainz. Dafür haben wir Treffen und Veranstaltungen organisiert, um über die Franco-Diktatur, die Historische Erinnerung und die Arbeit von sozialen Bewegungen im Baskenland zu informieren.
Bereits vor vier Jahren haben wir an einem Versöhnungs-Projekt zwischen rechten und linken Gruppen aus Nordirland mitgearbeitet. Sie kamen ins Baskenland, um die aktuelle Situation kennen zu lernen und sich ein Bild zu machen über die Aufarbeitung der Diktatur. Außerdem suchten sie einen Freiraum, um sich untereinander zu verständigen. Mit diesem Projekt waren wir unserer Zeit voraus; eine Annäherung im spanisch-baskischen Konflikt war noch nicht in Sicht. Dennoch haben wir es geschafft, unterschiedliche politische Gruppen aus dem Baskenland für die Teilnahme zu gewinnen. Heute sehen wir, wie das Beispiel Schule macht.
Seit langem sind wir im Bereich der Historischen Erinnerung aktiv, unter anderem haben wir eine Ausstellung über die nazi-deutsche Beteiligung im Spanischen Krieg übersetzt und zeigen sie an verschiedenen Orten im Baskenland. Ein weiteres Projekt von Baskale ist die Suche nach deutschen Spuren im Baskenland, die wir anhand von Persönlichkeiten aufarbeiten wollen.
 
Das klingt nach viel Arbeit. Wie viele Mitglieder hat der Verein Baskale?
 
Insgesamt sind wir mehr als 30 Personen im Verein. Unser gemeinsames Interesse ist, die baskische Realität in Europa bekannt zu machen. Mit dem Projekt soll das Interesse an baskischen Themen geweckt werden. Mit unseren Texten wollen wir gründlicher informieren als es in den meisten Medien üblich ist. Und wir möchten Personen unterstützen, die Euskal Herria kennenlernen wollen. Nach unserer Beobachtung ist das Interesse am Baskenland in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
 
Wie kam es zum Projekt BASKULTUR.INFO?
 
BASKULTUR.INFO ist im Prinzip die Antwort auf dieses wachsende Interesse. Vor allem Bilbao hat in den letzten Jahren einen großen Schritt im Bereich des weltweiten Tourismus gemacht, dessen Einfluss hier immer größer wird. Ein weltbekanntes Museum hat dabei eine besondere Rolle gespielt. Trotz der steigenden Bekanntheit ist das Bild des Baskenlandes nach wie vor stark von Klischees geprägt, insbesondere vom bewaffneten Konflikt. Wir gehen solchen Themen nicht aus dem Weg, wir kommentieren sie kritisch und sachlich, und gleichzeitig richten wir unsere Blicke auf unbekannte Seiten des Baskenlandes.
Im Übrigen bringt Massentourismus wie überall Probleme mit sich, es ist also lange nicht alles Silber was in der bilbanischen Sonne glänzt. Die Tourismus-Konzepte hier sind ziemlich konservativ, geprägt von der Idee des schnellen Geschäfts. Der Alltag der Bevölkerung wird dabei weitgehend ausgeblendet. Angefangen haben wir vor Jahren damit, Rundgänge zu machen mit Bekannten und Freundinnen, die uns in Bilbao besuchten. Daraus wurde ein Konzept, wir haben gelesen, gefragt und geforscht und schließlich einen anspruchsvollen Rundgang erarbeitet, der in Bilbao seinesgleichen sucht.
 
Mit dem Silberglanz spielst du auf das besagte Museum an …
 
Ganz richtig. Das Guggenheim-Museum ist eine Art Monokultur im baskischen Tourismus-Garten. Zehntausende kommen für einen Tag, um sich das Vorzeigestück anzuschauen und dann weiterzureisen. Unser Interesse ist es, die weniger bekannten Seiten des Baskenlandes zu beleuchten und vorzustellen, sei es für Reisende oder für Interessierte im Internet. Mit dem Museum hat sich die Stadt Bilbao für viel Geld eine Attraktion an Land gezogen, die die Provinz Bizkaia sozusagen über Nacht zum Anziehungspunkt gemacht hat. In der Folge hat sich ein ganzer Industriezweig an diesen sogenannten Guggenheim-Effekt gehängt.
 
Was macht es notwendig, Alternativen zum herkömmlichen Tourismus zu entwickeln?
 
Wir wollen dazu beitragen, den besagten G-Effekt zu überwinden. Massentourismus führt überall zu schlechten Arbeitsbedingungen für die dort Beschäftigten. Gezeigt wird den Besucherinnen immer nur das, was sich schnell zu Geld machen lässt. Die Altstadt von Bilbao hat in wenigen Jahren eine regelrechte Invasion von Besichtigungs-Gruppen erlebt, sodass viele Anwohnerinnen schon die Nase rümpfen wegen der “Guiris“, das spricht für sich. Die baskische Geschichte wird bei den Besichtigungen weitgehend unterschlagen, vielleicht um Fragen zum Konflikt aus dem Weg zu gehen, vielleicht auch, weil Reisen unpolitisch sein soll, was es natürlich nicht ist. Dass die baskische Sprache die älteste überlebende Sprache Europas ist, spielt für den Tourismus keine Rolle, sie wird eher als hinderlich betrachtet, weil sie so schwer zu verstehen ist und weil sich die Reisenden zweisprachigen Verkehrsschildern gegenüber sehen.
Diese traditionellen Konzepte von Besuch und Tourismus stellen wir in Frage, wir arbeiten an Alternativen. Einerseits laufen die Geschäfte mit den Reisenden gut, andererseits bleibt im Geldbeutel der Dienstleisterinnen wenig. Die sogenannte Wirtschaftskrise hat deutlich gemacht, wie trügerisch und gefährlich Monokulturen sind: nach teilweise zweistelligen Wachstumszahlen gingen die Besuchszahlen plötzlich wieder zurück. Wenige Jahre nach ihrer Eröffnung machen die ersten Hotels wieder zu. Das zeigt eine Abhängigkeit, die für die wirtschaftliche Stabilität sehr negativ ist.
 
Tourismus als Menschenrecht?
 
Wir alle schauen uns gerne andere Städte, Länder und Kulturen an. Das ist nicht das Problem. Den Organisatorinnen des Projekts BASKULTUR.INFO geht es nicht darum, da auf die Bremse zu treten. Vielmehr muss der Tourismus so strukturiert sein, dass er erstens keine Abhängigkeiten schafft, dass er zweitens die gesellschaftlichen Strukturen nicht schädigt sondern verbessert, und dass er drittens so wenig wie möglich in die Lebensumstände der jeweils Einheimischen eingreift. Zu deiner Frage: Tourismus sollte im besten Fall tatsächlich für alle sein, zum Beispiel für Leute aus Afrika, die sich Europa anschauen wollen. Aber auch für diejenigen, die im Bereich Tourismus arbeiten und gerne einen Gegenbesuch machen würden, es aber meist nicht können, weil sie nicht ausreichend verdienen. Über diese Realität müssen wir uns im Klaren sein, wenn wir auf Reisen gehen. Tourismus muss ökologisch verträglich und sozial verantwortlich sein.
Mit seinen Beiträgen und Angeboten vermittelt BASKULTUR.INFO ein ganz anderes Bild. Wir erzählen Geschichten, die nicht immer idyllisch und schön sind, oder von glänzenden Dächern handeln. Wir zeichnen kein negatives Bild , sondern ein vollständiges, ein realistisches Bild. Das Baskenland ist nicht Spanien, das ist eine unserer Botschaften.

Kannst du zur Veranschaulichung ein Beispiel nennen?

Hier in Bilbo gibt es einen Stadtteil, von dessen Besuch den Touristinnen im städtischen Infobüro abgeraten wird: No-Go-Area, zu gefährlich. San Francisco ist tatsächlich kein Vorzeige-Barrio, da leben viele arme Leute und vor allem viele Migrantinnen. Gleichzeitig hat San Francisco eine sehr bewegte Geschichte, die Bilbao geprägt hat, wir sprechen von der Industrie-Geschichte. Ohne diese Geschichte wären Bilbao und Bizkaia nicht das, was sie heute sind. Warum soll diese Geschichte ausgeklammert werden? Weil sie eben nicht so nett und sauber ist, weil es die Geschichte der arbeitenden Bevölkerung ist, die Geschichte der Prostitution und der armseligen Verhältnisse … BASKULTUR.INFO erzählt von dieser Geschichte und von ihren Protagonisten. Es geht uns darum, die historische Entwicklung vollständig darzustellen. Dazu gehören Extremsituationen, Brüche und Situationen von radikalem Wandel. In San Francisco war das Ende des Bergbaus vor vierzig Jahren ein solcher Bruch. Gleichzeitig stellen wir die Alternativ-Kultur vor, die sich dort langsam entwickelt. Auf meinen eigenen Reisen haben mich die alternativen oder konfliktiven Stadtteile immer besonders interessiert, in New York, Montevideo oder Marrakesch. Warum sollen wir interessierten Reisenden diese Erfahrung in Bilbao vorenthalten? Die Besucherinnen, die wir bisher dorthin begleitet haben, waren ausnahmslos zufrieden – und sie haben die Erfahrung überlebt!
 
Auf welches Publikum zielt ihr ab?
 
In erster Linie auf ein deutsch-sprachiges Publikum, aus allen Regionen, in denen deutsch gesprochen wird. Die Initiativgruppe BASKULTUR.INFO ist deutsch-sprachig, wir arbeiten an der sprachlichen Erweiterung des Teams.
Wichtig ist uns die Feststellung, dass wir uns nicht nur an Reisewillige wenden, sondern auch an Personen, die sich über das Internet für das Baskenland interessieren, für Geschichte und Kultur, ohne Reisepläne zu haben. BASKULTUR.INFO will Leute erreichen, die nicht an den traditionellen Konzepten von Tourismus interessiert sind – Massenstrände gibt es im Baskenland zum Glück gar nicht. Es muss schon ein wenig Interesse an alternativer Kultur vorhanden sein. Wir setzen auf die Bereitschaft, mal ins Schwitzen zu kommen für einen netten Ausblick, zu dem kein klimatisierter Bus fährt, oder eine Unterkunft mit Etagenbetten in Kauf zu nehmen, und den Kontakt mit Einheimischen zu suchen. Diese Minimalanforderungen schränken den Kreis möglicher Interessenten ein.
In Nord- und Mitteleuropa haben sich die Reisegewohnheiten schon etwas geändert. Gefragt sind nicht mehr nur der Massenstrand, die übliche Kathedrale und andere Starziele. Die Kultur einer Stadt oder eines Landes steht immer mehr im Mittelpunkt, auch individuelle Interessen der Reisenden. Darauf setzen wir. Gerne sind wir auch Gruppen behilflich, ihre Reise zu planen, sie mit Kontakten und Tipps zu versorgen. Für Bildungsurlaube zum Beispiel.
 
In der Vorstellung von BASKULTUR.INFO benutzt ihr den Begriff “sozialverantwortlich“. Was sollen wir darunter verstehen?
 
Zu unserer Philosophie gehört ökologisches Denken und Verantwortung für das Gemeinwesen. Nach einigen Diskussionen haben wir uns auf den Begriff "sozialverantwortlich" festgelegt, um den Charakter unserer Initiative und die darin enthaltenen Aktivitäten zu beschreiben. “Alternativ“ ist zu allgemein und abgenutzt. “Nachhaltig“ ist momentan der Modebegriff, der für alles benutzt wird, was entfernt unkonventionell und ökologisch daher kommt, doch lässt der Begriff viele Fragen offen.
Sozialverantwortlich wollen wir sprichwörtlich verstanden wissen. Wir wollen einen Tourismus, der für die besuchte Gesellschaft erträglich ist. Das heißt, wir arbeiten an einem Modell, das nicht nur einigen Unternehmen, also einem kleinen Ausschnitt der Gesellschaft dient, sondern zum Beispiel auch die Qualität der Arbeitsbedingungen in diesem Bereich berücksichtigt. Sozialverantwortlich bedeutet, möglichst wenig Abhängigkeiten zu schaffen. Es bedeutet, keinen Schaden anzurichten durch Küstenzerstörung, Hotelkomplexe, Monokultur oder durch die Reiseform. All das, was wir von der Costa Brava oder von der Adria kennen. Positiv formuliert steckt im Konzept der Sozialverantwortlichkeit, dass Tourismus dem Land selbst und seinen Bewohnerinnen helfen soll auf dem Weg zu einer würdigen Existenz. Tourismus darf sich nicht allein an den Besucherinnen orientieren, die auf Reisen gehen.
 
Wie sieht die Praxis von Sozialverantwortlichkeit von BASKULTUR.INFO aus?
 
Zum einen versuchen wir, ein Netz aufzubauen von Einrichtungen, die unsere Philosophie teilen, Gewerkschaften, Landhäuser, Kulturinitiativen, Gaststätten, ökologische Betriebe, Landwirtschafts-Kooperativen. Also Gruppen, Leute und Projekte, die in irgendeiner Form mit Tourismus in Kontakt sind oder kommen wollen. Alleine haben wir wenig Einfluss, über Kooperation können wir etwas erreichen. Mit BASKULTUR.INFO wollen wir nicht überfliegermäßig ein neues Konzept entwickeln, sondern Anstöße geben, um gemeinsam einen ökologischen und für diese Gesellschaft verträglichen Tourismus zu entwickeln.
 
Du hast die baskische Sprache, das Euskara, als Bezugspunkt für eure Aktivitäten erwähnt.
 
Das Euskara ist ein wichtiger Faktor, es ist elementarer Teil der baskischen Kultur und Identität. Aufgrund der zentralistischen Denkweise im Staat wurde im Lauf der Geschichte die Zweisprachigkeit im Baskenland immer wieder in Frage gestellt und somit politisiert. Zweisprachigkeit sollte eine natürliche Sache sein. Das heißt, wer in Euskal Herria lebt, sollte Baskisch sprechen können, ohne vorher das Recht dazu einfordern zu müssen. BASKULTUR.INFO macht diese Problematik zum Thema. Wir selbst sind Migrantinnen und haben die Erfahrung gemacht, dass die Kenntnis der baskischen Sprache viele Türen öffnet. Nur mit Baskisch-Kenntnissen verstehen wir die kulturellen Besonderheiten, wie die Bertso-Sänger, die Musikszene, die Gastronomie, aber auch die baskische Lebensphilosophie.
 
Wie kam der aktuelle Friedensprozess im Baskenland in Gang?
 
Für uns, die wir hier leben, war das keine Überraschung. Eine Reihe von Politikerinnen und Parteien hat einige Jahre daran gearbeitet. Außerhalb der Grenzen wurden diese Bemühungen und Änderungen kaum zur Kenntnis genommen, weil die Medien daran kein Interesse hatten. Wichtig war die internationale Unterstützung für die Initiative zur Beilegung des gewaltsamen Konflikts. Doch nicht alle arbeiten in dieselbe Richtung, die spanische Regierung bezichtigt die unabhängigen internationalen Konfliktvermittler der Parteilichkeit. Im Moment ist der Prozess an einem Tiefpunkt.
 
Du hast den spanischen Bürgerkrieg und die deutsche Beteiligung erwähnt. Dazu habt ihr eine Ausstellung gemacht. Kannst du die Geschichte der Legion Condor in wenigen Worten zusammenfassen?
 
Die Legion Condor war der Keim der neuen Luftwaffe der Nazis. Sie hat den Putschgenerälen um Franco in den 30er Jahren geholfen, den Krieg gegen die demokratische Republik für sich zu entscheiden. Dabei wurden zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte zivile Ziele aus der Luft angegriffen und zerstört. Die baskische Stadt Guernica ist so zum Fanal geworden. Allerdings war es kein Bürgerkrieg, sondern ein Krieg mit internationaler Beteiligung, es war ein Vorspiel für den Zweiten Weltkrieg.

Das von der Legion Condor zerstörte Guernica
Quelle: Bundesarchiv
 
Zurück zu BASKULTUR.INFO. Was soll mit dem neuen Internet-Portal vermittelt werden?
 
Das Themenspektrum des Portals ist vielfältig. Wichtig ist uns die Feststellung, dass mit dem Inhalt nicht nur Reisewillige angesprochen werden sollen. Unser Fernziel ist es, das Wikipedia der baskischen Kultur in deutscher Sprache zu werden. Du lachst! Ich weiß, das ist ein hoher Anspruch, aber wir sind ehrgeizig! Nebenbei wollen wir ein paar interessante selbstorganisierte Arbeitsplätze schaffen und unsere Erfahrungen mit dem Leben im Baskenland an interessierte Leute weitergeben. BASKULTUR.INFO ist kein kommerzielles Projekt. Wenn es eines Tages für das Überleben reicht, ist das ein Erfolg. Was darüber hinaus geht, fließt in die Weiterentwicklung des Projekts.
 
Was qualifiziert Baskale für diese Aufgaben?
 
Wir sind eine gemischte Gruppe von Baskinnen und Deutschen. Wir leben in dem Land, um dessen Kultur und Geschichte es geht. Dazu kennen wir das Land und seine Reize aus persönlicher Erfahrung. Und wir haben Erfahrung mit mitteleuropäischer Reisementalität. Das zusammen ergibt eine gute Mischung. Dass wir die baskische Sprache sprechen, ist eine wichtige Grundlage für das Projekt. Mit den Service-Angeboten wollen wir das Projekt finanzieren. Dabei bieten wir Reiseziele, die für Touristinnen schwierig zugänglich sind, weil sie unbekannt oder schwer zu erreichen sind, außerhalb der üblichen Routen.
 
Ihr bietet alternative Stadtführungen an. Was zeichnet diese Rundgänge aus? Was macht den Unterschied zu den vom Tourismus-Büro organisierten Stadtführungen?
 
Der Stadtteil San Francisco, zum Beispiel. Von öffentlicher Seite besteht wenig Interesse, an die Zeiten der Diktatur zu erinnern, die die Gesellschaft fast 40 Jahre lang dominiert hat. Keine Rede von dieser Tyrannei und vom Verbot der baskischen Sprache. Viele der offiziellen “Reiseführer“ von heute wissen sicher nicht, was während des Kriegs 1936 und 1937 in Bilbao passiert ist. In Bilbao, Durango und in Vitoria-Gasteiz haben wir diese Geschichte studiert und Rundgänge ausgearbeitet. In kleineren Orten wie Ugao, Legutio oder Larrabetzu sind wir dabei. Die Personen, die diese Rundgänge erleben, sollen einen lebhaften Eindruck bekommen von der Geschichte. Ich erinnere mich, wie wir in den 90er Jahren, lange bevor ich im Baskenland lebte, mit dem Enzensberger-Buch “Der kurze Sommer der Anarchie“ durch Barcelona gestreift sind und Haus für Haus nach Geschichte abgeklappert haben. Selten habe ich eine Stadt so intensiv erlebt. Das wollen wir unseren Gästen ermöglichen. Dabei spielt die deutsche Vergangenheit eine große Rolle. Vor nicht ganz 80 Jahren haben nazi-deutsche Bomber Orte wie Sestao, Otxandio, Eibar, Guernica und Bilbo bombardiert und dabei für den Zweiten Weltkrieg trainiert, der bereits absehbar war. Hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem ich lebe, wurde 1937 eine Bombe von Hitlers Legion Condor abgeworfen und hat eine Zeitungsredaktion zerstört. Solche Geschichten wollen wir den Reisenden nicht vorenthalten.
 
Siehst du Defizite bei BASKULTUR.INFO?
 
Ein kleiner Nachteil ist unser Standort Bilbao, in deiner Stadt kennst du dich natürlich besser aus als in anderen. Wir dürfen also nicht Bilbao-lastig werden. Dabei helfen uns unsere guten Kontakte in allen Teilen des Baskenlandes. Da wir keine öffentliche Förderung haben, wird es langsam gehen, in Bilbao dürfen wir nicht mal unsere Flugblätter auslegen im Tourismus-Büro. In kleinen Orten ist das anders, die sind dankbar für Initiativen wie BASKULTUR.INFO.
 
Was sind die Perspektiven des Projekts?
 
Schön wäre, wenn unsere Initiative in anderen baskischen Städten Wurzeln schlagen könnte. Die Erweiterung auf andere Sprachen ist einer der wichtigsten Schritte. Unsere Webseite BASKULTUR.INFO bietet zwar eine automatische Übersetzung in eine Reihe von Sprachen, aber das ist eine Notlösung aus Mangel an Finanzmitteln. Zu jeder Sprache sollte es eine passende Person geben, die in ihrer Muttersprache schreiben und erzählen kann. Eine Webseite, die ständig aktualisiert werden muss, bedeutet viel Arbeit, aber es ist auch eine Chance, eine Menge Information zu vermitteln. Eines Tages werden wir ein kleines Büro haben, als Anlaufpunkt für Gäste, am Besten zusammen mit anderen Initiativen.
 
Darf ich zum Abschluss noch nach biografischen Daten fragen … wie kamst du ins Baskenland, was hast du vorher gemacht?
 
Studiert habe ich Sozialarbeit und Soziologie. In Deutschland habe ich lange mit kurdischen und türkischen Migrantenkindern gearbeitet. Nebenbei bin ich viel gereist. Anfang der 90er Jahre habe ich über einen Jugendaustausch das Baskenland kennen gelernt und Kontakte geknüpft. Im Jahr 2000 war dann der Umzug fällig. Mir gefällt diese baskische Gesellschaft, sie ist sehr lebendig, viele Menschen organisieren sich abseits der üblichen Strukturen. In Bilbao zum Beispiel wird das große Stadtfest im Sommer weitgehend von Freiwilligen organisiert. Wie viele andere Migrantinnen habe ich hier arbeitsmäßig alles Mögliche gemacht: Übersetzer, Handwerker, Fotograf, Camping-Rezeptionist, Synchronsprecher, Organisator für internationale Begegnungen. Und natürlich Deutschlehrer. Nun beansprucht mich das Projekt BASKULTUR.INFO.
 
Wir danken für das Gespräch!
 
Es war mir ein Vergnügen, unser Projekt vorstellen zu können! (PK)
 


Online-Flyer Nr. 493  vom 14.01.2015

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