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Aktueller Online-Flyer vom 22. September 2017  

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Glossen
Versuch einen Jahresrückblick zu gewinnen
2014: Das Jahr der Kröten
Von Wolfgang Blaschka

Wieder einmal rund um die Sonne geeiert, und immer noch ist Merkel da. Wie der Igel vor dem Hasen. Es wird allmählich wie mit Kohl. Sie war da, sie ist da und sie droht noch eine schier endlos bleierne Zeit zu bleiben. Durchsiebt und getränkt von weltweiter Verantwortung und entsprechenden Kriegen und Einmischungen kann ihrer Frisur nichts und niemand etwas anhaben, nicht einmal Drei-Wetter-Taft. Sie sitzt und sitzt und sitzt, die Frisur. Mit ihr die Kanzlerin.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de

 
Generationen reifen heran, die nichts anderes kennen als sie, die Hassfigur der klammen Südeuropäer, gerade erst wiedergewählt zur CDU-Vorsitzenden mit einheitspartei-verdächtigen 96 Prozent, gefühlt auf Lebenszeit. Man nennt sie auch im Westen ostalgisch Mutti. Sie regiert mit der komfortabelsten Mehrheit, die je ein Regierungschef hatte in der Bundesrepublik Deutschland, und gilt den Anhängern der Christlichen Union als mächtigste Frau der Welt neben der Jungfrau Maria.
 
Nur noch übertroffen von ihrem großen Bruder wider Willen, der ihre Handy-Gespräche abhören lässt. Der lässt auch bombardieren und Foltergefängnisse nicht schließen, kann mit Drohnen ferntöten und weiß alles über sie und ihr Land, wie es sich für große Brüder geziemt. Eigentlich mag sie ihn nicht, aber sie kennt es nicht anders und weiß sich zu arrangieren mit der Macht. Von klein auf hat sie das gelernt. Und die Deutschen lernen mit ihr mit. Die Presse voran; die Medien fressen ihr aus der Hand. Was sie als Staatsraison verkündet, gilt und wird so getreulich geschrieben wie für die Geschichtsbücher. Das vom politischen Ziehvater verkündete Ende der Geschichte indes hat sie eiskalt überlebt. Fast unmerkelich baut sie ihre Nachfolgerin auf, mit ähnlich stahlhelmartiger Frisur, nur noch eisiger lächelnd und zugegeben besser aussehend. Doch zusehends entgleisen auch deren Gesichtszüge immer öfter, zumal wenn sie hochnotpeinliche Militärgeheimnisse preisgibt, um auf Betteltour um Kampfdrohnen für die Bundeswehr zu gehen. Das ist Kalkül: Man soll den Unterschied zu ihrer Chefin am besten gar nicht merkeln.
 
Doch genug mit dieser Fixiertheit auf die Mutti aller künftigen Kanzlerinnen! Berlin ist nicht die Hauptstadt der Welt. Noch nicht, wie manche beklagen. Zu gern würden sie wieder aus ihrem Sumpf heraus im Chor mit dem Bundesprediger quaken, doch der scheint den gemeinen Niederungen rechtspopulistischer Unkenrufe entrückt auf seiner Kanzel mit seinem weitschweifenden Blick über die Weltläufte. Er sieht das Land zu Höherem berufen als über Flüchtlinge zu schimpfen. Es brauche deren Zuwanderung, sagt auch die Industrie. Er spricht auch nicht in kryptischen Abkürzungen von der Rettung des Abendlandes, sondern diplomatisch forschen Klartext: Deutschland müsse sich wieder "früher, substanzieller und entschiedener" ebendort einmischen, wo die Flüchtlinge herkommen. Undiplomatisch gesagt: Die Bundeswehr führt zuwenig Krieg. Gerade hat sie Afghanistan kläglich versiebt, zieht aber auch nicht komplett ab wie vorhersehbar. Kaum ist ISAF offiziell beendet, folgt auf dem Fuße die nächste Ausbildungsmission, bis mindestens 2017. Auch dies dürfte kaum das Ende der Fahnenstange gewesen sein. Doch schon eröffnet sich ein "weit(er)es Feld" im Osten, quasi direkt vor der Haustür der EU, wie bestellt und gleich abgeholt.
 
Das Jahr 2014 war neben dem Erstarken des lange Zeit "unterschätzten" ultra-islamistischen Terror-Kalifats im Irak und in Syrien geprägt von den nationalistischen Aufwallungen in der Ukraine bis hin zum faschistischen Februar-Putsch in Kiew und einem außenpolitischen Paradigmenwechsel gegenüber Russland. Vorbei die Zeiten der Zurückhaltung gegenüber Moskau: Die NATO braucht einen perspektivischen Existenzberechtigungs-Nachweis, und den findet sie vor der Haustür im Wiederauflebenlassen des längst überwunden geglaubten Ost-West-Konflikts im Gerangel um die Ukraine. Wladimir Putins Schmerzgrenzen auszutesten und Russland strategisch einzukreisen ist ja bei solch ebenbürtigem Gegner doch viel spannender als im asymmetrischen Terrorkrieg den Kürzeren zu ziehen. Bei aller diebischen Freude, die nächtliche Hauseinbrüche und Gefangennahmen oder Erschießungen bereiten mögen, ist doch das Kribbeln im Konflikt mit einer Atommacht viel ergiebiger. Vor "Terror" oder "Ebola" hat die heimische Bevölkerung weit weniger Angst als vor "dem Russen". Damit lässt sich ein Atomwaffen-Modernisierungsprogramm samt einer konventionellen Aufrüstungsspirale sondersgleichen begründen. Man müsse den Russen zuvorkommen, bevor sie stark genug seien, so argumentierten sich die deutschen Militärs vor 100 Jahren in den Ersten Weltkrieg. Heute feuern die Regierungen mit Sanktionen und NATO-Manövern. Das klingt deutlich offensiver als im verwüsteten Syrien dem Terror hinterherzuhecheln, den man selbst gesät hat. Lieber gleich direkt ostwärts Land gewinnen!
 
Das hat gerade hierzulande Tradition. Seit hundert Jahren, oder wenn man bis zu Napoleons Winterdebakel zurückdenken möchte, seit zweihundert Jahren fürchtet und bewundert man den "Iwan" im unergründlichen Osten, ob im despotischen Zarenreich oder als Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, immer ging ein faszinierender Schauder aus von dem transkontinentalen Koloss, der als so unbezwingbar wie verlockend galt. Die Furcht schwang immer mit, nicht erst seit Stalingrad, doch wurde sie mit Überheblichkeit und Selbstüberschätzung betäubt und überlistet. Wie wohlig konnte sich der Westmensch gruseln vor Bolschewiken, vor Stalinorgeln, vor Tschernobyl. Das Feindbild sitzt tief. Mongolen und Hunnen kamen auch daher aus dem permafrostigen Osten.
 
Die deutschen Regierungskreise waren gleich zur Stelle an vorderster Front, als es losging in der Ukraine. Deren Eigenstaatlichkeit war von jeher das Steckenpferd deutscher Generalstäbler gewesen, in beiden Weltkriegen. Diesmal entsandten sie einen smarten Boxweltmeister als ihren Mann, lanciert von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Half wenig, lohnte sich aber trotzdem. Auch wenn die USA den Putsch viel massiver finanzierten, und Vitali Klitschko jetzt nur als Bürgermeister von Kiew statthalten kann, hat Außenminister Steinmeier doch den Fuß drin als Assoziierungs-Partner eines Präsidenten mit dem Revolver unter dem Kopfkissen - offenbar aus Russenangst und Hass auf die "Prorussen". Jener Steinmeier übrigens, der keine Skrupel hatte, den deutschen Staatsbürger Kurnaz weiterhin im Foltergefängnis von Guantanamo schmoren zu lassen, obwohl die USA ihn freilassen wollten. Diese hartleibige Diplomatie dankt der Russenfresser nun seinerseits mit provokanten NATO-Avancen, die Russland düpieren.
 
"Tabubruch" hätte das Format zum Wort des Jahres, nach der "GroKo" letztes Jahr. Nun werden ganz offiziell Kriegswaffen in Kriegsgebiete exportiert, wo sie letztlich doch ohnehin immer gelandet waren. Diesmal bei den "guten Kurden" im Nordirak, damit die sich verteidigen können gegen diejenigen, welche sie mit den vorher vom Westen exportierten Waffen massakrieren. So ernährt der Krieg den Krieg, ein lohnendes Geschäft für die zynischen Waffenproduzenten weltweit.
 
Das Jahr 2014 war das Jahr der Kröten: Das Kapital konnte nicht genug davon einsacken, die Bevölkerung musste etliche schlucken, und die hässlichsten Unken aus dem rechten Morast erheben frech ihr Haupt, mühsam getarnt als europäische Patrioten zur Rettung des Abendlandes vor dessen angeblich drohender Islamisierung. Wenn der ehemalige Innenminister Friedrich die Kanzlerin zeiht, am Erstarken von PEGIDA mitschuldig zu sein, weil sie angeblich Interessen und "Identität der deutschen Nation" sozialdemokratischen Themen der "Mitte" opfere, weiß man, aus welcher nationalistischen Ecke der Wind weht. Fast wäre man geneigt, Frau Merkel in dieser Hinsicht zu entlasten. Tatsächlich nähert sich nämlich die SPD der Union an. Gabriel trommelt inzwischen offen für das Freihandelsabkommen TTIP. Von CETA spricht er gar nicht mehr. Und TISA kennt kaum jemand. Diese Kröten sollen stillschweigend geschluckt werden.
 
Nicht nur Lokführer und Piloten mussten sich gegen regelrechte Hetzkampagnen der Mainstream-Presse zur Wehr setzen. Immer mehr Menschen sind unzufrieden mit Presse und Fernsehen. Nicht weil ihnen der Tatort nicht gefällt oder sie Gottschalk vermissen, sondern weil sie sich verschaukelt fühlen von offensichtlicher Desinformationspolitik, vor allem was die Ukraine betrifft, aber auch den Gaza-Krieg und die verlogene Gleichsetzung von Israel-Kritik mit "Antisemitismus". Das stinkt ihnen alles zu sehr nach medialer Kriegspropaganda. Sie kamen und kommen immer noch und wieder zu Montags- bzw. Donnerstags-Mahnwachen für den Frieden, den sie akut gefährdet sehen vor allem durch das systematische Putin-Bashing und das Schüren antirussischer Ressentiments.
 
Auch wenn sich einzelne dubiose Initiatoren dieser neuen Friedensbewegung mit antisemitischen und rechtspopulistischen Tönen und Thesen gewisse Erfolge für eine Querfront-Politik zu nationalistischen Kreisen versprochen haben sollten, ging ihre Rechnung nicht auf. Mancherorts wurden sie regelrecht vom Platz verwiesen per Abstimmung der Kundgebungsteilnehmer. Nun versuchen Nazis und Hooligans in Köln, "besorgte Bürger" in Berlin und Dresden mit dem Flüchtlingsthema zu punkten, doch auch dagegen formiert sich Widerstand. Gegen PEGIDA gehen mittlerweile Zehntausende auf die Straße. Man kann also eine Tendenz zur Politisierung wie auch zur Polarisierung in Teilen der Bevölkerung konstatieren. Wie das ausgeht, hängt wesentlich davon ab, wieviel Raum die Zivilgesellschaft dem rechten Rand überlässt. Es gibt hoffnungsvolle Anzeichen: Die Empathie und Hilfsbereitschaft vieler Menschen den Opfern westlicher Kriegs- und Rüstungsexport-Politik gegenüber ist deutlich höher als zu Zeiten der nationalistischen Pogrome anfangs der Neunziger Jahre, immerhin. Auch Steuerflüchtlingen wie Uli Hoeneß schlägt wenig Hass entgegen.
 
Neben den großen Natur- und Menschheitskatastrophen sowie kulturellen Peinlichkeits-Petitessen wie der Wurstpelle aus Wien ist die Fußball-Weltmeisterschaft schon fast verblasst. Es wurde viel gewaltsam gestorben dieses Jahr. Anonym und zahlreich auf allen Kontinenten. Aber auch prominent und ganz natürlichen Todes: Joachim Fuchsberger, Karlheinz Böhm, Maximilian Schell, Siegfried Lenz, Ralph Giordano, zuletzt Joe Cocker und Udo Jürgens. Das ist traurig. Auch Peter Scholl-Latour, der auf seine alten Tage geläuterte Indochina-Haudegen, musste gehen. Selbst Aldi-Gründer Karl Albrecht konnte als einer der reichsten Deutschen seine achtzehn Milliarden Kröten nicht mitnehmen, als er 94-jährig starb. Das wiederum ist tröstlich. (PK)
 
Diese Glosse von Wolfgang Blaschka haben wir mit Dank aus dem Blog Rationalgalerie übernommen: http://www.rationalgalerie.de/home/2014-das-jahr-der-kroeten.html
 


Online-Flyer Nr. 491  vom 31.12.2014

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