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Literatur
„Die Eroberung Europas durch die USA“ - von Wolfgang Bittner
„Friedensengel“ bedrängen den Frieden
Buchtipp von Harry Popow

Diejenigen, von denen in dieser Rezension die Rede ist – sie nennen sich Freunde. Es sollen Friedensengel sein. Sie kommen in großen Scharen aus Übersee, im Bunde mit der NATO. Sie hatten sich bereits nach 1945 in Westdeutschland ökonomisch und militärisch festgebissen, und nun ist die gesamte EU dran. Sie erobern die Völker nur mit einem Ziel: Um gegen die Ostvölker – wie eh und je – angeblich „gewappnet“ zu sein. „Auf zum neuerlichen Marsch gen Osten?“
 
TDazu gibt es ein neues Buch mit dem Titel „Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“ von Wolfgang Bittner. Es hat 148 Seiten und ist eine Chronologie der Aufpeitschung imperialer Machtinteressen gegenüber Russland – vor allem in den letzten Monaten und Jahren. Der Autor spannt den Bogen von der Osterweiterung der NATO, entgegen vertraglichen Vereinbarungen mit Gorbatschow, über Begehrlichkeiten Deutschlands und anderer EU-Staaten auf neue Absatzmärkte in Osteuropa, über die von den USA finanzierte „orangene Revolution“ im Jahre 2004, über die Maidan-Bluttaten, über das auf der Krim vom Parlament beschlossene Referendum zum Beitritt zur Russischen Föderation bis zu den Ereignissen im
                                                           September 2004.
 
Der Autor hält sozusagen den Finger am Puls der Ukraine-Krise. Mit ihren nahe am dritten Weltkrieg gefährlichen Zuspitzungen, mit ihrem Auf- und Ab von gegenseitigen wirtschaftlichen und militärischen Drohungen, mit ihren bürgerlichen Medien-Lügen und mit den Beschwichtigungen und angemahnten Gegenmaßnahmen durch die russische Seite.  
 
Gewiss, viele Tatsachen sind bekannt, decken sich mit den kritischen Analysen der Autoren Brigitte Queck und Peter Strutynski (HG), um nur zwei Beispiele zu nennen, die die Ukraine im Fokus der NATO und den Konflikt als ein Spiel mit dem Feuer charakterisieren. Meiner Meinung nach ist die Herangehensweise des Autors Wolfgang Bittner, die Ereignisse chronologisch darzustellen, gut dazu geeignet, die Abfolgen und die gegenseitige Bedingtheit der Tatsachen und ihrer Ursachen deutlich herauszuarbeiten. Unübersehbar das Bemühen, die Hauptschuldigen, die Brandstifter der Krise und die Instrumentalisierung der EU durch die USA und durch die NATO an zahlreichen Textstellen kenntlich zu machen. Erhebliche Beihilfe leisten dem Autor dabei u.a. der niederländische Publizist und Politikwissenschaftler Karel van Wolferen, der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, der einstige Bundestagsangehörige, OSZE-Vizepräsident sowie verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU im Bundestag,Willy Wimmer, sowie Albrecht Müller, Publizist und Herausgeber des Internetportals NachDenkSeiten.
 

Autor Wolfgang Bittner
NRhZ-Archiv
Bereits auf der Seite 14 stellt der Autor fest: „Die westlichen Politiker fallen zurück in den Kalten Krieg.“ Er zitiert auf Seite 54 den Niederländer van Wolferen, der betont, dass die US-amerikanische Politik eine „Geschichte wirklich atemberau-bender Lügen“ (ist): „Über Panama, Afghanistan, Irak, Syrien, Venezuela, Lybien und Nordkorea.“ Nicht zu vergessen die Besetzung unseres Planeten mit einigen tausend Militärbasen. Als Ursachen benennt Albrecht Müller u.a. den Vormarsch der Neokonservativen und der Rechten in den USA im Umfeld der Teaparty-Bewegung. Zu Wort kommt auf Seite 49 Willy Wimmer: „Das amerikanisch- Kiew-ukrainische Ziel dieses Vorgehens wird notfalls auf den offenen Krieg mit Russland aus sein, um letztlich die Ukraine als Bollwerk … gegen Russland nutzen zu können. Sollte es gelingen, die Ukraine derart den USA dienstbar zu machen, wird es einen kompletten Riegel unter US-Kontrolle zwischen dem Baltikum über Polen und die Ukraine zum Schwarzen Meer geben.“ „Russland“, so der Autor auf Seite 92, solle „durch einen neuen ´Eisernen Vorhang´ von Westeuropa getrennt“ werden.
 
Die Eskalation des Konfliktes mit Russland sei in wesentlichen Elementen ebenso bewusst und mutwillig „herbeigeführt worden wie der Überfall auf den Irak;“ zitiert Wolfgang Bittner die Einschätzung in German Foreign Policy. Der Autor lässt es an Fakten zur Destabilisierung der Lage in der Ukraine nicht fehlen. So pflegt die Stiftung „Open Ukraine“ des Oligarchen Arsenij Jazenjuk intensive Beziehungen zum US-Außenministerium und zur NATO „und wird von einflussreichen westlichen Organisationen gesponsert“. Mehr als fünf Milliarden Dollar hätten die USA für den „Regime Change“ in der Ukraine gespendet, was „in den westlichen Medien kaum zur Sprache“ kam. (S. 25) Erwiesen sei auch, so der Autor auf Seite 35, „dass subversive Kräfte, insbesondere westliche Geheimdienste und allen voran die CIA, die Maidan-Bewegung vorbereitet und finanziert haben“, abgesehen davon, „dass sich hochrangige westliche Politiker seit Jahren in die inneren Angelegenheiten der Ukraine eingemischt haben“. (S. 35) Nicht nur Politiker, sondern ebenso Journalisten in maßgeblichen Positionen werden von der CIA, vom US-Außenministerium und von Konzernen finanziell unterstützt. „Dazu gehören die Atlantik-Brücke, Goldmann Sachs Foundation, The American Interest, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Atlantische Initiative und Münchner Sicherheitskonferenz.“ ( S. 41) 
 
Der Autor verweist auf einen Aufruf vom 25. Mai, den etwa 10.000 Bürger unterzeichnet haben, der Konflikt um die Ukraine sei das Resultat der EU- und der NATO-Erweiterung. Mit der Durchsetzung des Assoziierungsabkommens habe man mit Unterstützung der antirussischen und faschistischen Kräfte in der Ukraine dazu beigetragen, „Russland militärisch einzukreisen“. (S. 44)
 
Der angeblichen Friedensengel erinnert sich der aufgeweckte Leser bei der Ankündigung des NATO-Generalsekretärs, in der Westukraine Manöver abzuhalten, beim Versprechen Obamas, „für die zusätzliche Stationierung von Truppen in osteuropäischen Ländern“ eine Milliarde Dollar auszugeben sowie militärisch an der Seite Polens, Litauens und Rumäniens zu stehen. (S. 53) Mehr noch: Die NATO beschloss, siehe Seite 94, „den Aufbau einer neuen Krisen-Eingreiftruppe und einen Aktionsplan für Osteuropa, der neue NATO-Stützpunkte im östlichen Bündnisgebiet vorsieht“. Bleibt die dringliche Frage: „Wird der Moment kommen, in dem klar wird, dass es bei der Ukraine-Krise als allererstes darum geht, Star-Wars-Raketen auf einem langen Abschnitt der russischen Grenze in Stellung zu bringen. Was Washington … die Möglichkeit eines Erstschlages eröffnet?“, so ein Zitat von van Wolferen. (S. 68) Die US-Regierung gehe mit der Rüstungs- und Erdöl-Lobby im Rücken im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, schreibt Wolfgang Bittner. (S. 54) In Bezug auf Europa mache man sich nichts vor. Wimmer weist zu Recht darauf hin, dass den USA „nicht an einem wirtschaftlich starken, friedlichen Europa liegt“. Die amerikanischen Globalkonzerne seien mit gefüllten Kassen dabei, das von der europäischen Industrie aufzukaufen, „was bisher noch nicht im Bestand der USA ist“. (S. 71) „Die Ukraine scheint die Blaupause für weiteres Vorgehen in Europa und darüber hinaus zu werden“, so Wimmer auf Seite 62. Ergänzend dazu der Autor: Zuerst werde ein Land aufgemischt, bis es zum Bürgerkrieg kommt, „und hinterher spielen USA, EU und NATO den Friedensengel“. (S. 66)
 
Wolfgang Bittner klagt nicht nur die Brandstifter für die Ukraine-Krise an, sondern auch die Medien, die die Rolle der Brandbeschleuniger übernommen haben. So zitiert er den Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, der feststellt, „dass es eine Art ´NATO-Netzwerk` … gibt“, bei dem sowohl kritische Fragen zum Bündnisfall als auch zur Ukraine-Krise tabu sind. Die NATO-Osterweiterung werde praktisch nie erwähnt, die Hintergründe des Regierungssturzes in der Ukraine nicht erwähnt.
 
Das Fazit zieht der Autor, indem er festhält, die USA sind kein Vorbild für Frieden und Freiheit, seit über einem halben Jahrhundert schon nicht mehr. Spätestens seit dem 11. September 2001 sei dort „eine Schranke der Rechtsstaatlichkeit gefallen“. (S. 109) „Man wünschte den USA Politikern, dass die den Mut hätten, das eigene Land als Interventionsfall zu erkennen“, so Wolfgang Bittner auf Seite 110.
 
Der chronologische Bericht des Autors ermöglicht aufmerksamen Lesern, die Fakten im Zusammenhang zu erfassen, wie sich eine Tatsache aus der anderen ergibt, wie sich die USA zunächst die EU und dann, mit deren Schützenhilfe, Russland gefügig machen wollen. Sein Verdienst besteht in der klaren Auflistung der schrittweise begangenen kriegsvorbereitenden Machenschaften zur Ausrichtung der Ukraine samt der EU zum Aufmarschgebiet gen Osten. Werden dabei Putins Warnungen, die NATO nicht so dicht an die Grenzen Russlands vorrücken zu lassen, überhört? Mitunter schreibt der Autor vom möglichen Gesinnungswandel, vor allem der BRD-Regierung im Konflikt zwischen Ost und West. Allerdings geben die Machteliten dazu wenig Raum zum Weiterdenken. Auf Aggressionen vom Großkapital im Streben nach Ressourcen getrimmt, ist mehr Wachsamkeit als Hoffnung auf Veränderung angesagt. Es wird weiter an der Eskalationsschraube gedreht, stellt Wolfgang Bittner auf Seite 91 bitter fest. „Friedensengel“ bedrängen den Frieden. Nach wie vor. (PK)
 
Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“. Broschiert: 148 Seiten, Verlag: VAT Verlag André Thiele; Auflage: 1 (1. Oktober 2014), ISBN-10: 3955180298, ISBN-13: 978-3955180294, Größe: 11,6 x 1 x 20,5 cm, Preis: 12,90 Euro
 
Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
 
 Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


Online-Flyer Nr. 490  vom 24.12.2014

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