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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
"MDS 2015“ - Thesen des Vorstands zur Zukunft der Mediengruppe
DuMont vor Stellen- und Rechteabbau
Von Peter Kleinert

Die Zeitungslandschaft in Deutschland ist in Bewegung. Die Anzeigenumsätze sind seit Jahren rückläufig, die Vertriebsumsätze stagnieren oder steigen auf niedrigem Niveau, die Online-Umsätze kompensieren nicht den Print-Anzeigenverlust. Die Ergebnisse der Zeitungsunternehmen geraten unter Druck. Die Entwicklung der Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Wachstumsstrategie (2006: Kauf Frankfurter Rundschau, 2009: Kauf Berliner Zeitung, Berliner Kurier und Hamburger Morgenpost) in diesem Veränderungsprozess umschlägt und eine Mediengruppe bis an den Rand einer Unternehmenskrise führen kann.
 

Alfred Neven DuMont
Foto: © Raimond Spekking /
CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Das sieht der Chefkorrespondent der Mediengruppe DuMont, Joachim Frank, in seinem Artikel "EXPRESS-Herausgeber Alfred Neven DuMont - Ein leiden-schaftliches Bekenntnis zur Zukunft der Zeitung" allerdings anders. Unter "Hinweis auf das Jubiläum, das der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) in Berlin begeht" feierte er am 30. September im EXPRESS einen Mann, "der heute diese sechs Jahrzehnte deutscher Pressegeschichte verkörpert wie kein anderer: Alfred Neven DuMont…Der BDZV hat seinen Ehrenpräsidenten um einen Rückblick gebeten, und am Ende applaudieren ihm Verleger, Geschäftsführer und Chefredakteure stehend. Denn er hat nicht nur einen erfahrungsgesättigten, launigen Streifzug in die Vergangenheit unternommen, sondern der Zunft auch ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Zukunft der Zeitung mit auf den Weg gegeben: „Wir müssen dran glauben, nicht halbherzig, sondern ganz!“ Und: „Wir wollen überleben!“ Neven DuMont setzt dabei auf die Vitalität, die Innovationskraft und die publizistische Qualität der Verlage. Mögen Politiker, allen voran Kanzlerin Angela Merkel in ihrem Grußwort auf dem Jubiläumskongress am Montag, auch den „qualifizierten Journalismus“ beschwören und dieses Wort „aufblasen wie ein Michelin-Männchen“. Echte Sorge und tatkräftiges Engagement folgten solchen „Sonntagsreden“ und „Lippenbekenntnissen“ nicht, kritisiert Neven DuMont. Jüngstes Beispiel: die Weigerung der Koalition, den Verlagen mit einer Ausnahme vom Mindestlohn für Zeitungszusteller entgegenzukommen." (1)
 

MDS-Vorstandsvorsitzender
Dr. Christoph Bauer
Quelle: MDS
Diese "Ausnahme vom Mindestlohn für Zeitungszusteller" hat die von Alfred Neven DuMont in den Jahren vorher zusammengekaufte Mediengruppe offenbar bitter nötig. 2012 schrieb Mediengruppe DuMont Schauberg einen Verlust von 112 Mio. €. (2) Die Gründe mögen unterschiedlich sein, wie z.B. die FR-Insolvenz, Abschreibungen im Berliner Verlag, bei der TV-Tochter in Köln oder für die israelische Beteiligung bei Haaretz. Wie die aktuelle Entwicklung bei MDS zeigt, sind die Probleme im Ergebnis nicht behoben. 2013 wurde zwar ein kleines Plus im Jahresüberschuss (3) erzielt, aber am 26. September 2014 – also 4 Tage vor der BDZV-Jubiläumsfeier - sagte der MDS-Vorstandsvorsitzende Dr. Christoph Bauer im Rahmen einer Videokonferenz, die an allen Standorten übertragen wurde, dass auch für 2014 ein negatives Jahresergebnis zu erwarten sei.
 
„Perspektive Wachstum“ ein Abbau-Programm
 
Vorgestellt wurde von Dr. Bauer am 26. September 2014 ein Programm, offiziell bezeichnet als „Perspektive Wachstum“, das neben Arbeitsplatzverlusten im Ergebnis auch dazu führen kann, Betriebsräte zu zerschlagen und die Tarifbindung weiter aufzulösen. Die Betriebsräte an den verschiedenen Standorten sprechen von einem „Stellenabbau-Programm“. Für das Restrukturierungsprojekt heuerte man vermutlich verschiedene Beraterfirmen an, die u.a. eine Kommunikationsstrategie entwickelten (Johanssen + Kretschmer), in arbeitsrechtlichen Fragen (Clifford Chance) sowie in steuerrechtlichen Fragen einer neuen Unternehmensorganisation beraten haben.
 
Thesen "MDS 2015“
 
In einem Vorstandspapier "MDS 2015“ werden verschiedene Thesen zu den Herausforderungen und Aufgaben der Unternehmensgruppe formuliert, zu denen auch die These 8 ("Zukunft der Tarifbindung“) gehört, die im Ergebnis zur Auflösung von Tarifverträgen im Verhältnis zur heutigen Situation führen dürfte. „Die Bedeutung des tariflichen Sektors geht bereits in der Unternehmensgruppe zurück, wie es in dem Thesenpapier (des Vorstands) steht. ... Dieser Weg muss in anderen Bereichen konsequent beschritten werden“, schrieb einer der Sitzungsteilnehmer über die Präsentation des Vorstands am 14. März 2013. Eine besondere Debatte unter den Teilnehmern über die Präsentation zur Zukunft schien die überregionalen Zeitungs-Strategie (These 1) bzw. zur Frage der Kernkompetenz der Gruppe ausgelöst zu haben. Vorstand Franz Sommerfeld stellte z.B. die Regionalisierung und Lokalisierung in der Diskussion zur Debatte, wenn damit ein Rückzug aus dem Überregionalen verbunden sei. Für Christian DuMont Schütte, Herausgeber des Kölner Stadt-Anzeiger und der Mitteldeutschen Zeitung in Halle sowie des EXPRESS Köln und Bonn, war wichtig, dass bei der Bestimmung der Kernkompetenzen die "Erstellung von Inhalten“ und die Vermarktung gleichberechtigt nebeneinander stehen, weil sonst die Vermarktung nur hintendran hinge. Eine Arbeitsgruppe sollte gebildet werden, um die unterschiedlichen Optionen für die Organisation der überregionalen Redaktionen aller Abo-Titel aufzuzeigen und zu bewerten. Neben qualitativen Aspekten solle eine deutliche Kosteneinsparung im Vordergrund stehen.
 

Christian DuMont Schütte
Quelle: MDS
Bezüglich des operativen Geschäfts geht es in den Thesen u.a. darum, die Verkaufso-rganisation zu restrukturieren. Ex-KStA-Chefredakteur und Ex-MDS-Vorstand Franz Sommerfeld regte in der Debatte an, dass man sich bezüglich der Vertriebsausrichtung überlegen müsse, ob man diese nicht als "Medienagenturen“ bezeichnen sollte. Bezüglich der Anzeigen-organisation formulierte man die Aufgabe, sie vom traditionellen Anzeigenverkauf zur Vermarktungsagentur neu zu organisieren (These 3). Bei der Ausgründung des Zeitungsverkaufs in Köln in die Gesellschaft Medienvermarktung Rheinland (MVR) Anfang 2014 findet man den Agentur-Gedanken wieder.
 
Tariflosigkeit nimmt Fahrt auf
 
Seit man sich im Vorstand mit „MDS 2015“ beschäftigte, hat sich an der Tarifbindung in der Mediengruppe einiges geändert. Bereits zu Jahresbeginn wurden Vertrieb und Anzeigenverkauf in Köln in eine eigene tariflose Tochter, die "Medienvermarktung Rheinland“ (MVR) (5) ausgegliedert. In Berlin wurde die Anzeigenabteilung ebenfalls in eine tariflose Tochter, „Berlin Medien“ (5), überführt. Für den 1. Januar 2015 steht dem Vertrieb des Berliner Verlages die Ausgliederung in ein tarifloses Unternehmen bevor. Die Ausgliederungen von bisher tarifgebundenen Lokalredaktionen des Kölner Stadt-Anzeiger und der Kölnischen Rundschau (Heinen Verlag) 2014, aber auch die Ausgliederung der Onliner aus den Redaktionen der einzelnen Zeitungstitel 2013 in die tariflose "DuMont Net“ fallen in diese Zeitspanne. Die jetzige Restrukturierung der Verlagsprozesse ("Perspektive Wachstum“) dürfte für die Verlagsangestellten in den tarifgebundenen Unternehmen zu künftig tariflosen Unternehmen wie der DuMont Blattplanung, der DuMont Finanz Services, DuMont Media Services u.a. führen.
 
MDS-Vorstandsvorsitzender Bauer: Wir wurden den Herausforderungen nicht gerecht. Die bisherige Entwicklung von DuMont Schauberg ist nicht etwa von den Beschäftigten gesteuert worden, sondern von den Verantwortlichen, den Geschäftsführungen und seit 2009 auch von einem Vorstand. Am 26. September 2014 erklärte Dr. Bauer zur Zukunft der Gruppe, dass sich die Organisation „über die Jahrzehnte zwar zu einem komplizierten Netzwerk (entwickelte), aber nicht zu einer schlagkräftigen Mediengruppe. … Unsere heutige Strategie konnte die Herausforderungen bisher wenig bewältigen“. Wenn aber ein Manager zu einem derart vernichtenden Urteil kommt, wären da nicht andere Konsequenzen zu ziehen? (PK)
 
(1) http://www.express.de/politik-wirtschaft/express-herausgeber-alfred-neven-dumont-ein-leidenschaftliches-bekenntnis-zur-zukunft-der-zeitung,2184,28579212.html
(2) http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2014/02/05/m-dumont-schauberg-macht-1122-millionen-euro-verlust-408/
(3) http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2014/09/18/m-dumont-schauberg-wieder-mit-gewinn-525/
(4) http://www.mv-rheinland.de/startseite.html
(5) http://www.berlinmedien.com/home.html
 


Online-Flyer Nr. 489  vom 17.12.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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