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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2016  

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Medien
Faktisch anonyme Wiki-Mitglieder, die mehr Schreibrechte haben als andere
Die dunkle Seite der Wikipedia-Macht
Von Abraham Goldstein

Wenn man eine Enzyklopädie aufschlägt, sucht man nach bestimmten Informationen. Dabei denkt für gewöhnlich niemand an die Autoren, die, sofern überhaupt genannt, möglicherweise irgendwo versteckt im Impressum oder im hintersten Teil der letzten Deckblattseite stehen. Die Enzyklopädie gewinnt dadurch eine Art Objektivität, und ihr Inhalt grenzt schon fast an "objektive Wahrheit".
 
Ähnlich verhält es sich mittlerweile mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die durch freiwillige Autoren und Spenden - im Jahres- plan 2013 wurden Spendeneinnahmen in Höhe von acht Millionen Euro anvisiert - getra- gen wird. So sehen es zumindest die Wikipe-dia-Macher selbst.
 
Wer heute Basisinfor-mationen zu irgend- einem Thema sucht, schaut meist im Internet nach – und stolpert im Allgemeinen zuerst über einen entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Die Glaubwürdigkeit wird von der Masse der Internetrechercheure dabei nicht infrage gestellt, obwohl schon oft (berechtigte) Kritik am System von „Wiki“ geübt wurde. Wie sehr sich die Wikipedia-Gemeinde daran stört, beweist die Tatsache, dass sie dafür eigens eine eigene Seite eingerichtet hat: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia: Unsere_Antworten_auf_Kritik
Und selbstverständlich sind die Autoren auch dieser Seite durch die Verwendung von Nicknamen anonym.
 
Diese durch die Nutzung von Pseudonymen erzeugte Anonymität verleiht möglicherweise einerseits tatsächlich den Anschein einer gewissen Objektivität, andererseits aber auch Macht. Denn: Wer anonym ist, kann nicht wirklich kritisiert, geschweige denn angegriffen werden – kann aber aus der Anonymität sehr leicht andere angreifen. Und genau dies ist bei Wikipedia nicht nur an der Tagesordnung, sondern nimmt oft geradezu diktatorische Züge an: Den eigenen Ansprüchen entgegen, wird in regelmäßigen Abständen Unliebsames verändert, gestrichen und gelöscht, sodass einem schwindelig werden könnte. Und zwar eben nicht von „jedermann“, sondern von – anonymen – Mitgliedern der Wiki-Hierarchie, die sich hinter ihren selbstgewählten Usernamen verstecken. Denn auch entgegen der Behauptung der Macher darf eben nicht jeder tatsächlich an der Online-Enzyklopädie mitwirken. Selbst registrierte Neulinge müssen ihre Beiträge und Veränderungen erst „sichten“ lassen, bevor sie schlussendlich im jeweiligen Artikel erscheinen. Und diese „Sichtung“ geschieht – wir ahnen es bereits – durch faktisch anonyme Wiki-Mitglieder, die mehr Schreibrechte haben als andere. Das Bizarre bei dem System Wikipedia ist nicht etwa diese Arbeitsweise, sondern deren dunkle Seite: Hinter den pseudonymen Hierarchie-Mitgliedern stecken natürlich Menschen, Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, politischen Weltanschauungen – und vielleicht auch mit Persönlichkeitsstörungen.
 
Wie viele andere vor und nach ihm musste auch der Journalist und Autor Peter Schreyer die Erfahrung machen, dass die anonymen Oberaufseher bei Wikipedia mehr als nur burschikos und allergisch reagieren, wenn sie ihre heiligen Hallen und private Weltanschauung durch einen freiwilligen Helfer gefährdet sehen. (1) In einer geradezu kafkaesken Weise wurden Schreyers Einträge zum Thema 9/11-Verschwörungstheorien gelöscht, und er nach seiner Wiedereinstellung sofort verwarnt – Merke: Wer nicht pariert, fliegt! Als wäre diese Art von Diskussions- und Kritikunfähigkeit nicht schon schäbig genug, holen die – anonymen – Aufpasser von Wikipedia auch zum endgültigen Schlag aus, wenn der neue Teilnehmer ihre Meinung und ihre Weisung nicht akzeptiert – selbst auf der eigens bei nahezu jedem Wiki-Artikel eingerichteten "Diskussionsseite" werden dann die Fragen und Anregungen des „Fremden“ bzw. „Wiki-Migranten“ gelöscht.
 
Diese Erfahrung musste auch Halit Özbulut (Name geändert) machen, der jahrelang immer mal wieder kleinere Korrekturen und Informationen als nicht-registrierter Wiki-User in Artikeln gemacht hatte, ehe er sich 2013 entschloss, sich mehr für und auf Wikipedia zu engagieren. „Es endete in einem Albtraum!“, sagt er. Nachdem er eher zufällig in einem Artikel über eine Fußnote gestolpert war, die nach seiner Prüfung und seiner Meinung in einer unseriösen Quelle endete, löschte er sie und gab sogar eine nachvollziehbare Begründung ab. Ähnlich wie beim Autor Schreyer wurde sein Eintrag zuerst rückgängig gemacht, sein Einwand ignoriert – ehe er nach einer weiteren Änderung verwarnt wurde. Als er dagegen protestierte, wurde er Schachmatt gesetzt, indem man ihm seine Schreibrechte komplett entzog, so dass er nicht einmal mehr gegen diese Aktion bei irgendwem protestieren oder Einspruch erheben konnte – denn eine Kontaktmöglichkeit zu den Wikipedia-"Administratoren" besteht von außen nicht, weil – wir ahnen es – die Macher hinter ihren Pseudonymen anonym sind. Es gibt nicht einmal einsehbare Emailadressen der Verantwortlichen.
 
Im Falle des türkischstämmigen Özbulut hatte das Folgen, deren Ausmaß unbegreiflich erscheinen: „Es folgte ein regelrechter Vernichtungsfeldzug gegen mich – zuerst hatte ich den Eindruck, als ob ein Wiki-User namens „Kopilot“ alle seine Freunde verständigt hatte, um geballt gegen mich vorzugehen und zu suggerieren, ich hätte die gesamte Userschaft von Wiki mit angeblich falschen Einträgen und „Trollerei“ aufgebracht, danach wurden alle meine Einträge des vergangenen Jahres komplett gelöscht, obwohl sie „gesichtet“ und nie beanstandet worden waren. Es war wie die Vernichtung meiner Vergangenheit und Existenz in einem virtuellen KZ!“
 
Raimond Spekking, einer der wenigen Ansprechpartner für Wikipedia Deutschland mit Realnamen, ist sich der Problematik überhaupt nicht bewusst. Auf Anfrage räumt er ein, dass es keine weiteren Kontrollen gibt: “Administratoren müssen ihre persönlichen Daten niemanden gegenüber offenlegen. Es erfolgt keine Überprüfung. Sie werden ausschließlich durch die stimmberechtigten Wikipedianer gewählt auf Basis eines Fremd- oder Eigenvorschlages. Wer wieviel von sich preisgibt, ist jedem selber überlassen.”
 
Bei Özbulut beließen es die anonymen Sturmtruppen nicht dabei ihn zu verwarnen – nachdem ein (anonymer) Wikipedianer seinen Eintrag zum während der Anti-Erdoğan-Demonstrationen entstandenen neuen türkischen Idiom „çapulcu“ entdeckt hatte, erschienen zum Abschied auch noch antitürkische Schmähungen gegen ihn auf der Diskussionsseite. Die selbstverständlich von den selbsternannten Oberaufsehern und Administratoren erst einmal nicht gelöscht wurden.
 
Für Özbulut hat sich Wikipedia erledigt: „Meinem Eindruck nach sitzen dort jede Menge Leute fest im Sattel, die wie Aufseher die Peitsche schwingen und nach Lust und Laune virtuell User eliminieren.“
 
Tatsächlich erscheint bei solchen Darstellungen von Opfern der Anspruch von Wikipedia auf Objektivität und ultimative Wahrheit in einem gänzlich anderen Licht. Einem sehr dunklen und hässlichen. (PK)
 
(1) http://www.heise.de/tp/artikel/41/41071/1.html
 
Abraham Goldstein, geboren 1970 in Kansas, ist in NRW aufgewachsen. In den 1980er Jahren kehrte seine Familie zurück in die USA. Dort studierte er Politik und war als Journalist und Publizist tätig. Seit 2013 lebt er in Berlin.


Online-Flyer Nr. 485  vom 19.11.2014

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