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Aktueller Online-Flyer vom 27. Juli 2017  

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Glossen
Benno Ohnesorg ist tot, Farah Diba lebt immer noch
Comeback einer Kaiserin
Von Ulrich Gellermann

Sie haben einen Dachboden voll mit altem Gerümpel und wollen es loswerden? Dann annoncieren sie das Zeug doch im FRANKFURTER ALLGEMEINE-MAGAZIN, das pünktlich vor Weihnachten seine Leser mit einem Füllhorn exklusiven Gerümpels bedenkt. Was, Ihnen fehlt das Geld sich dort mit einer vierfarbig-glänzenden Doppelseite für 52.000 Euro einzukaufen? Dann wird aus Ihnen auch nichts mehr werden.
 

Kaiserin Farah Diba 1972 beim Empfang von
US-Präsident Richard Nixon
Quelle: Regierung
Mit staunenden Kinderaugen könnten Sie, wenn aus Ihnen was geworden wäre, über das FAZ-MAGAZIN ein Set "einzigartiger Miniatur-Tischuhren von Gerald Genta" für nur 340.450 Euro erwerben. Oder Sie würden mit Ihrem Scanner einen "QR Code" auf einer Anzeigenseite erfassen, der sie garantiert zum Auktions-Katalog des "Dorotheum" führt, zu einem Haus an der Wiener Dorotheengasse, das in der Nazi-Zeit zuverlässig "arisierte" Kunst aus jüdischem Besitz an die reichsdeutschen Besitzer brachte. Heute wäre dort die "Femme debout" von Pablo Picasso zu erwerben, ein Bronze-Figürchen für billige 40.000 - 50.000 Euro weil es nur eines von 10 Stück ist. Sie haben eine kahle Stelle an der Wand? Wie wäre es mit einem Bild von Max Oppenheimer, Anfangsgebot bei 100.000 Euro. Darf es auch ein wenig mehr sein? Zuschlag! - Gerade haben Sie nur Kleingeld? Bitteschön: Ein Flakon mit dem Parfum "Mary Celestia - Der Duft des Bürgerkriegs", kostet nur schäbige 225 Dollar. Bitte sehr, bitte gleich.
 
Doch im Zentrum des mehr als 70 Seiten zählenden Verkaufsprospektes für Millionäre oder jene, die es werden wollen, steht eine wirkliche, eine echte Kaiserin: Farah Diba, jene iranische Studentin, die der persische Schah 1959 gegen die erste Gebärmutter in seinem Besitz, Soraya Esfandiary-Bakhtiary, auswechselte, weil die einfach keinen Nachwuchs produzierte. Farah Diba zierte bis weit in die 60er Jahre die Titelblätter der Blöd-Medien aller Art, ihre Frisur wurde millionenfach kopiert, und das Wort "Pfauenthron" galt als Synonym für märchenhaften Reichtum und exotische Schönheit. Bis die Kaiserin dann, nach der iranischen Revolution 1979, gemeinsam mit ihrem Mann, dem edlen Schah Mohammad Reza Pahlavi, das Land verlassen musste.
 
Nun doch mal, nach langer Zeit, wieder ein neues Titelblatt: Mit Brillanten übergossen blickt die damals junge Kaiserin vom Titel des FAZ-Verkaufsprospektes optimistisch in die weite Welt. Aber, so vertrauen uns die Schleimer der FAZ an, heute schaut sie "mit betrübtem Blick auf ihr Land". Mit Wendungen wie "Ihr Onkel arbeitete am Hof seiner Majestät" kommt der Text höfisch und kniefällig daher. Als wäre die Zeit nicht über die Pahlavis hinweg gegangen, als wäre da nicht die von Israel ausgebildete Folterpolizei SAVAK im Reich des Schahs gewesen und der CIA-Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung des Mohammad Mossadegh, der - von internationalen Ölkonzernen gewollt - die Diktatur des Pahlavi-Herrschers zeitweilig betonierte.
 
Nun also der kaiserliche Originalton: "Die islamische Republik müsse dafür sorgen, dass im Iran niemand mehr leidet", wird Fahrah Diba, die Witwe des Folterkaisers zitiert. Unwidersprochen und unkommentiert lässt die FAZ sie vom kaiserlichen Sohn Reza erzählen, der seinem Vater nachfolgen will: Das sei "kein Machtanspruch sondern Traditionspflege". Und das Zentralorgan der deutschen Bourgeoisie stellt beglückt fest: "Heute ist Farah Diba wieder sehr populär", und diese Mär vom Luxus am persischen Hof sei so entstanden: "Offenbar blendete die iranische Kunst, Räume mit zahllosen Spiegeln auszustatten, die Besucher." In der peinlichen Stille nach solchen Sätzen hört man das Schmatzen der FAZ-Hofberichterstatter, wenn sie ehrfürchtig den kaiserlichen Speichel schlecken.
 
Da gab es doch auch, schreiben die Marketing-Journalisten der FAZ, diese Studenten, die in West-Berlin gegen das Schah-Regime und "seine scheinbare Verschwendungssucht" demonstrierten. Aber für den Mord an Benno Ohnesorg, der im Umfeld der "Unruhen" von einem Polizisten erschossen wurde, sei ein "inoffizieller Mitarbeiter der Stasi" verantwortlich gewesen. Kein Wort von den Knüppelgarden des iranischen Geheimdienstes SAVAK, die unter dem Schutz der West-Berliner Bereitschafts-Polizei (die damals zu 50 Prozent aus Offizieren der Nazi-Wehmacht bestand) auf deutsche Studenten einprügelten. Kein Wort über die verschworene Omertà der West-Berliner Justiz und Polizei, die von damals bis ins Heute langt: Im November 2011 stellte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen (den Mörder) Kurras ein: Die Beweislage reiche nicht zur Neueröffnung eines Verfahrens wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Tötung Ohnesorgs aus. So geht deutscher Qualitäts-Journalismus.
 
In drei Jahren wird es den 50. Jahrestag des Ohnesorg-Mordes geben. Im Feiern von Jahrestagen kennt sich der Deutsche Bundestag wirklich aus, wie man jüngst am 25ten Jahrestag des Mauerfalls erleben durfte. Weil der Ohnesorg-Mörder tatsächlich IM war, wird Bundestagspräsident Lammert sicher aus dem alten Mord ein neue Erinnerung an die Stasi destillieren. Ob Biermann noch zur Verfügung stehen kann ist ungewiss. Aber die Schlagersängerin Helene Fischer, die man gemeinsam mit ihren russlanddeutschen Eltern schon 1988 wegen ihres echt deutschen Blutes aus den Fängen des Sowjetkommunismus befreit hat, kann ein Freiheits-Gen bezeugen, das der gewachsenen deutschen Verantwortung gerecht wird. Die Sängerin würde wohl ihr Lied "Fehlerfrei" vortragen:
 
"Keiner ist fehlerfrei!
Sei´s doch wie es sei!
Lasst uns versprechen,
auf Biegen und Brechen,
wir feiern die Schwächen!"
 
Angela Merkel wird danach auf Biegen und Brechen ihren berühmten Satz "Nichts ist so wie es bleibt" in eine Wand des Reichstags meisseln lassen und Präsident Gauck muss die Performance mit dem kernigen "Sei´s doch wie es sei!" bereichern. Als Erinnerungs-Geschenk für die Bundestagsabgeordneten bietet sich der Cartier-Ring "d´Amour" an, ein Solitär aus dem FAZ-Verkaufsprospekt. Dem verantwortlichen Redakteur des Prospektes, Alfons Kaiser, sollte dann die Gelegenheit zu einem Schusswort gegeben werden: "Es geht also beim Thema Schmuck . . . nicht um Klimbim, sondern um eine anthropologische Konstante mit schillernder Wirkung." Anschließend wird das Stabsmusikkorps der Bundeswehr in die National-Hymne ausbrechen. Ob man den Abgeordneten ein "Hipp-Hipp-Hurra" als ihren Beitrag zur Feierstunde gestatten wird, ist noch fraglich. (PK)
 
Diese Glosse haben wir mit Dank von Ulrich Gellermanns Blog übernommen.
http://www.rationalgalerie.de/home/comeback-einer-kaiserin.html
 
 


Online-Flyer Nr. 485  vom 19.11.2014

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