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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
SSM - Sozialistische Selbsthilfe Mülheim wurde 35 Jahre alt
Die Risse im Beton finden
Von Alexander Repenning und Nicolas Morgenroth

Die weiße Fassade der ehemaligen Schnapsbrennerei lässt die turbulente Geschichte dieses Ortes kaum vermuten. Fast romantisch wirkt der gepflasterte Hof, den das Auge unter dem gelben Schild erblickt, auf dem in roten Lettern »SSM« zu lesen ist. Drei Bänke stehen um einen Tisch, ein Sonnenschirm spendet Schatten. Auf den Bänken sitzen an diesem Mittwochmorgen eine Handvoll Menschen, die aus den verschiedensten Gründen zur Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) auf der linken Kölner Rheinseite gekommen sind: Um die Arbeitslosigkeit oder die unmenschlichen Bedingungen ihrer Erwerbsarbeit hinter sich zu lassen, um eine Notunterkunft zu finden, um Sozialstunden abzuleisten oder aus politischer Überzeugung. Sie rauchen noch schnell eine, bevor um 9 Uhr die wöchentliche Sitzung beginnt. 

1979 begonnen, macht die SSM einfach immer weiter. Gefeiert wurde der 35ste Geburtstag in ihrer Halle-am-Rhein, die sie 2007 vor dem Abriss und vor der »Umwandlung« in ein Hochhaus retteten.
Einladungspostkarte der SSM
 
Auf den Bänken sitzen an diesem Mittwochmorgen eine Handvoll Menschen, die aus den verschiedensten Gründen zur Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) auf der linken Kölner Rheinseite gekommen sind: Um die Arbeitslosigkeit oder die unmenschlichen Bedingungen ihrer Erwerbsarbeit hinter sich zu lassen, um eine Notunterkunft zu finden, um Sozialstunden abzuleisten oder aus politischer Überzeugung. Sie rauchen noch schnell eine, bevor um 9 Uhr die wöchentliche Sitzung beginnt.
 
Viele von ihnen wurden zu dem gemacht, was Rainer Kippe 1970 als gesellschaftlichen »Ausschuß« bezeichnete. Das war der Titel seines Buches, in dem er »aus der Arbeit mit entflohenen Fürsorgezöglingen« und von den grausamen Zuständen in den Erziehungsheimen der Bundesrepublik berichtete. In dieser Arbeit befinden sich die Wurzeln der Kölner Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim e.V.

Ein gelungenes 35 Jahre SSM-Fest in der Halle-am-Rhein. Die Stimmung
war bestens, es kamen 150 Gäste.
Foto: Klaus Müller

Bereits Anfang der siebziger Jahre hatte Rainer als Teil einer Gruppe von Studierenden aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit der Besetzung leerstehender Gebäude begonnen, um Wohnraum für sich und die entflohenen Jugendlichen zu finden. Unter dem Namen »Sozialpädagogische Sondermaßnahme Köln« (SSK) wurden sie zur Anlaufstelle für junge Menschen, welche die Gesellschaft aussortiert und in Heime, Gefängnisse oder andere Anstalten gesteckt hatte. In mehreren Häusern konnte die SSK die Entflohenen in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln unterbringen. Gleichzeitig setzte die SSK sich für eine menschenwürdige Pädagogik ein und organisierte Widerstand gegen die bestehende Erziehungsstruktur, indem sie die Missstände in deutschen Erziehungsanstalten systematisch aufdeckte und sie rechtlich anklagte.
 
Als die Stadt Köln 1974 Gelder strich, benannte sich die SSK in Sozialistische Selbsthilfe Köln um, aus der fünf Jahre später die SSM im Kölner Stadtteil Mülheim hervorging. Von nun an bestimmten basisdemokratische Selbstorganisation und eine gemeinsame Ökonomie das Zusammenleben. In der Präambel zur Satzung des Vereins spiegelt sich sein kämpferischer Charakter wider:

Der SSM-Hof an der Düsseldorfer Straße 74 in Köln-Mülheim
Foto: Hubert Perschke
 
»Der gesellschaftliche und soziale Wert eines Menschen wird bei uns im Kapitalismus allein nach seiner Arbeitskraft bewertet. Diejenigen, die für die Produktion nicht gebraucht werden, weil sie zu alt, zu schwach, zu krank oder zu behindert sind, werden als Betreute im Sozialwesen vermarktet. Sie werden als gesellschaftlich wertlos angesehen und in Heime, Anstalten und Gefängnisse abgeschoben.«
 
Eine glaubwürdige Alternative
 
Doch von diesen Worten, die an einer Pinnwand direkt neben der Tür zum Sitzungsraum hängen, nimmt an diesem Tag wohl niemand Kenntnis. In der Sitzung geht es um die Verteilung der alltäglichen Aufgaben: Wer macht mit bei den Wohnungsentrümpelungen, wer übernimmt den Verkauf im Laden, wer kocht das Mittagessen für die Gruppe, welche Gäste kommen als nächste in die Seminar- und Schlafräume? Während die Diskussion bei der nahe gelegenen Halle-am-Rhein angelangt ist, die die Gruppe vor einigen Jahren für die Durchführung von Veranstaltungen kaufen konnte, rollt der Transporter der »Kölner Tafel« in den Hof. Er bringt einige Lebensmittel aus den umliegenden Supermärkten und Bäckereien vorbei, die sonst im Müll landen würden.
 
Beim Blick aus dem Fenster fällt das Auge auf eine vergilbte Friedenstaube, die zwischen Stickern, Plakaten und Ordnern an der Wand hängt. Nicht weit davon prangt die Urkunde des Oscar-Romero-Preises 2005, auf der die SSM als »glaubwürdige Alternative zur Ideologie einer kapitalistischen Wettbewerbs- und Verdrängungsgesellschaft« gewürdigt wird.

SSM-Gruppenfoto aus dem Jahr 2013
NRhZ-Archiv
 
Genau das will die SSM auch sein: eine glaubwürdige Alternative. Doch das behagliche Einrichten in ihr ist für die Beteiligten bis heute keine Option. Stets waren einige von ihnen Teil politischer Bewegungen und eckten an. Im Fokus blieben immer die Ausgegrenzten: Auf den Kampf gegen die Methoden der staatlichen und kirchlichen Erziehungsheime folgte der Kampf gegen die der psychiatrischen Anstalten. Und seitdem Mülheim das fragwürdige Glück der »Aufwertung« traf, ist das Engagement für Wohnraum für alle ein Teil der Arbeit des SSM. Auf der »Sozialen Kampfbaustelle«, einem Kölner Vernetzungstreffen verschiedener politischer Gruppen Mitte September, verbindet sich der Einsatz um Wohnraum mit dem jüngsten Thema der SSM: der Arbeitslosigkeit. Doch vor allem ist es der ermüdende Kampf mit den Behörden, den die Menschen in der SSM täglich betreiben. So versuchen sie, die Risse im Beton dieser Gesellschaft zu finden und sie beharrlich auszuweiten.
 
Auch kein Paradies
 
»Hier ist alles Arbeit, was der Gruppe wichtig ist« erzählt uns Stergios, als er uns im Anschluss an die Sitzung über das Gelände führt. Als Arbeit gelte das politische Engagement, die Hilfe bei den Entrümpelungen und im Laden genauso wie die Betreuung der Kinder und die Pflege von Angehörigen oder ein Arztbesuch. Die Tätigkeiten werden bei der wöchentlichen Sitzung am Mittwoch auf freiwilliger Basis aufgeteilt. Stergios lebt seit sieben Jahren in der SSM. 1993 war er von Griechenland nach Deutschland gezogen und hatte zunächst in der Gastronomie gearbeitet. Mit der Zeit war er es satt, schlecht behandelt und bezahlt zu werden. Und als er durch einen Zufall die SSM kennenlernte, entschied er sich zu bleiben. So wie er hier gelandet ist, kann jede und jeder Mensch einfach dazukommen. Das sei das Besondere an dieser politischen Gemeinschaft.
 
Doch es sei auch kein Paradies hier, sondern »das reale Leben«. Natürlich gebe es Probleme, in den wöchentlichen Sitzungen träfen sich »20 Personen mit 30 verschiedenen Meinungen«. Es werde leider viel über Geld gesprochen, da die relativ wenigen, aber dafür umso notwendigeren Einnahmen häufig kaum die Ausgaben decken könnten. »Auch wir kochen mit kapitalistischem Wasser«, erzählt Stergios und runzelt mit etwas Unbehagen die Stirn. Er ist einer der Menschen in der SSM, die aus politischer Überzeugung hier leben.
 
Das »Institut für Neue Arbeit«
 
So auch Heinz. Er kam vor 15 Jahren her, nachdem seine damalige Ehe zu Ende gegangen war. Die SSM war ihm bereits durch seine politische Tätigkeit bekannt. Er war Teil einer Arbeitsgruppe, welche die Erfahrungen der SSM reflektierte und mit einer theoretischen Beschäftigung über Arbeit und Arbeitslosigkeit verknüpfte. Um die Jahrtausendwende entschied er sich dann, bei der SSM einzuziehen; einem Ort, an dem er an sein Ideal einer Welt ohne Geld anknüpfen konnte.
 
1998 entstand bei der SSM das »Institut für neue Arbeit«, das die gedankliche Auseinandersetzung der Arbeitsgruppe fortführen sollte. Schnell stellte sich heraus, dass in der SSM bereits seit Jahren weite Teile des von Frithjof Bergmann (Philosoph und Begründer der New-Work-Bewegung) vertretenen Konzepts der »Neuen Arbeit« umgesetzt werden. Bergmann geht davon aus, dass das System der Lohnarbeit in ein neues System übergehen muss, in dem die Erwerbsarbeit zugunsten von Selbstversorgung und dem, was man »wirklich, wirklich machen will«, auf ein Drittel reduziert wird.
 
In der SSM wird von Beginn an versucht, möglichst unabhängig von den marktwirtschaftlichen Verwertungszwängen zu leben. Sie heizen mit selbstgeschlagenem Holz, beziehen Lebensmittel von der »Tafel«, verwenden und reparieren Möbel, Kleidung und technische Geräte usw. aus den Wohnungsauflösungen. So werden sie dem Anspruch gerecht, sich ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften, ohne staatliche Hilfe (wie Arbeitslosengeld II) in Anspruch zu nehmen. Vor allem aber das erweiterte Verständnis von Arbeit als »alles, was für uns wichtig ist«, schließt die Aspekte der Selbstversorgung und des selbstbestimmten Arbeitens mit ein, wie es Bergmann fordert.

Möbeltransport nach einer Wohnungsauflösung
NRhZ-Archiv
 
Diese umfassende Definition von Arbeit ist bei der SSM auch erst mit der Zeit gewachsen. So musste die Anerkennung der Betreuung von Kindern und Angehörigen als Arbeit erst erkämpft werden, erzählt uns Ranne, die neben Rainer schon seit den Anfängen in der SSM dabei ist. Auch heute müsse sie sich immer wieder dafür einsetzen, dass die Aufgaben nicht nach klassischen Rollenbildern im Haushalt aufgeteilt werden.
 
So führte die gerade aktuell geführte Diskussion über die gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit bei der SSM bereits vor dreißig Jahren zu einer Erweiterung des Arbeitsbegriffs. Doch auch dieses erweiterte Verständnis muss in der Praxis immer wieder neu diskutiert und definiert werden, um es dem Alltag der Gemeinschaft anzupassen.
 
»Das ist die Zukunft«
 
Auch darüber hinaus entsteht der Eindruck, die SSM sei ihrer Zeit voraus: »Wir sind die freie Assoziation der Individuen«, sagt Rainer und deutet damit an, dass in der SSM bereits gelebt wird, was Marx als Kommunismus definiert hat. »Das ist die Zukunft«.


Ist gelebte Utopie, nach der so viele suchen, und auf die wir als Gesellschaft zusteuern (sollten), bereits gefunden? Tatsächlich heißt die Broschüre zum zwanzigjährigen Bestehen »20 Jahre SSM – 20 Jahre gelebte Utopie«. Als wir Rainer mit Bezug darauf nach seiner Vision für die SSM und die gesamte Gesellschaft fragen, lautet seine Antwort: »Ich war gegen diesen Titel. Utopie heißt Kein-Ort. Das ist genau das Gegenteil, was wir hier machen. Ich kämpfe dafür, dass dieses Projekt hier eine Chance hat. Sonst habe ich keine Utopie, keine Vision.«
 
Vielleicht geht es genau darum. Zu erkennen, was falsch läuft in dieser Gesellschaft, festzustellen, wo diese Ungerechtigkeiten am stärksten ihre Wirkung entfalten und zu zeigen, dass es genau dort auch anders geht. Die Risse im Beton zu finden und sie beharrlich auszuweiten.
 
Einladung des SSM-Aktiven Heinz nach der Geburtstagsfeier
 
Die SSM freut sich über Besuch! Am besten von Mittwoch bis Mittwoch, um den Arbeitszyklus einer ganzen Woche kennen zu lernen. Gefeiert haben wir unseren 35sten Geburtstag in unserer Halle-am-Rhein, die wir im Jahre 2007 vor dem Abriss und vor der »Umwandlung« in ein Hochhaus retteten. Damit haben wir uns nicht nur Freunde gemacht und mancher will uns da immer noch sehr gerne weghaben. Viele andere finden es aber gut, dass wir diese Ressource sozial nutzen wollen. In the long run sollen Veranstaltungshalle, Möbelhalle mit Dienst- und Wohnräumen und ein Café mit Blick auf den Rhein entstehen. »Neue Arbeit« für zehn Menschen, der »Ausschuss« lebt. Mehr über uns finden Sie unter www.ssm-koeln.org (PK)
 
Literatur:
30 Jahre SSM, Institut für Neue Arbeit, Din A4, 72 S., 2009, 5 €
20 Jahre SSM - 20 Jahre gelebte Utopie, Institut für Neue Arbeit, Din A4, 56 S., 1999, 4 €
Aufbruch - 5 Jahre Kampf des SSK, Gothe/Kippe, Kiepenheuer & Witsch, Tb., 164 S., 1974
Ausschuß - Protokolle, Gothe/Kippe, Kiepenheuer & Witsch, Tb., 230 S., 1970

Die Autoren Alexander Repenning und Nicolas Morgenroth
Foto: privat
 
Wir, die Autoren dieses Artikels, Alex und Nico, studieren in Berlin und gehören sicher zu den desillusionierten Wohlstandskindern, die wir unter “Was und Warum” erwähnen. Als männliche, weiße Studierende, die in akademischen Elternhäusern im Westen Deutschlands aufgewachsen sind, haben wir wohl alle Privilegien, die dieses System hervorbringt. Wir könnten auch sagen: die Ungerechtigkeit ist auf unserer Seite.
Auch wenn die meritokratische Logik unserer Leistungsgesellschaft gerne das Gegenteil behauptet, haben wir diese Privilegien nicht mehr verdient als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Und dennoch nehmen wir diese Privilegien in Anspruch, immer wieder. Zum Beispiel um zu reisen, wie jetzt im August/September diesen Jahres.
Aber wir wollen unsere Bevorteilung auch nutzen, um gegen sie zu arbeiten. Daher machen wir uns auf die Suche nach Orten, die zeigen möchten, dass eine emanzipatorische Zukunft jenseits von Frontex und Finanzspekulation möglich ist. Für eine Welt, in die viele Welten passen. Weitere Eindrücke unserer Projekte-Reise im August/September diesen Jahres sind zu lesen unter http://fragendreisen.wordpress.com/
 


Online-Flyer Nr. 484  vom 12.11.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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