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Aktueller Online-Flyer vom 19. Februar 2017  

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Kultur und Wissen
Roland Günter und Klaus Steiniger werden Ehrenmitglieder der Arbeiterfotografie
Einmischen, mitgestalten, handeln mit Visionen
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Seit dem 16.10.2014 sind sie Ehrenmitglied des Bundesverbands Arbeiterfotografie: Prof. Roland Günter und Dr. Klaus Steiniger. Sie sind – allen Manövern der mächtigen Gegenseite zum Trotz – wie die Arbeiterfotografie dem Kampf um eine bessere Gesellschaft verpflichtet. Beide sehen – wie es für die Arbeiterfotografie typisch ist – in der Fotografie ein Mittel ihres Wirkens, ein Instrument und eine Waffe. Beide reihen sich ein in eine beachtliche Kette von Persönlichkeiten, die seit der Gründung des Verbands im Jahre 1978 Ehrenmitglied geworden sind. Walter Ballhause, Walter und Monica Heilig, Theo Gaudig, Werner Stertzenbach, Walter Martin und Horst Sturm gehören dazu. Im Folgenden stellen wir die beiden neuen Ehrenmitglieder vor.


Klaus Steiniger mit seinem Buch „CIA, FBI & Co.“, Berlin, Anfang August 2014
Foto: arbeiterfotografie.com, Andreas Neumann

Dr. Klaus Steiniger

„Der Tod aller fortschrittlichen Kräfte ist das Sektierertum“, ist die Lebensweisheit von Klaus Steiniger, der stolz darauf ist, über 65 Jahre aktiver und überzeugter Kommunist zu sein. Es sei wichtig zu wissen, wie und womit die anderen kochen. Diese Erfahrung läßt sich nur durch Kontakte zur „Außenwelt“ erzielen. Dabei sei es selbstverständlich, seinen Idealen und Überzeugungen treu zu bleiben. Woher rühren solche Gedanken? Als Mitarbeiter und Auslandskorrespondent, als „Sonderkorrespondent“ des Neuen Deutschland (ND) mit diplomatischen Aufgaben erlebt er Erfolge, Rückschläge und letztlich den Verrat am Sozialismus. Eine seiner prägendsten Erfahrungen ist die Zeit der portugiesischen Nelkenrevolution... „Es war eine Volksrevolution“, ist ihm wichtig, immer wieder herauszustellen. Vom promovierten Juristen führt sein Weg in den journalistischen Kosmos. Das ist Klaus Steinigers Welt, in der er bis heute brilliert. Die Aneignung von Sachkenntnis mit wissenschaftlichem Handwerkszeug, Analyse und Darstellungsvermögen...

Der Tod aller fortschrittlichen Kräfte ist das Sektierertum.

Er übernimmt (als fotografischer Laie) auch die Aufgabe der Bildberichterstattung, deren Ergebnisse verblüffen. Auch auf diesem Gebiet ist er ein sensibler Beobachter. Es gelingen ihm auf den Punkt verdichtete Aussagen, Geschichten, Gefühle, die keinen Zweifel über den (antifaschistischen) Standpunkt des Fotografen aufkommen lassen.


Teilnehmer an der ersten antifaschistischen Kundgebung in Grandola Vila Morena
Foto: Klaus Steiniger von der portugiesischen Nelkenrevolution, 1974

2012 findet durch Vermittlung des Malers und Grafikers Thomas J. Richter eine erste persönliche Begegnung von Redakteuren der Arbeiterfotografie mit Klaus Steiniger in Berlin statt. Die Neugier auf sein bisher in kleineren Bruchstücken veröffentlichtes fotografisches Werk – vor allem über die Zeit der Nelkenrevolution – war der Antrieb, das Phänomen Klaus Steiniger näher kennenzulernen. Das Gesehene mit lebendiger Beschreibung des Geschehenen war so tief beeindruckend, dass unmittelbar eine Ausstellung in der Galerie Arbeiterfotografie in Köln beschlossen wurde.

Die heutige Weltordnung durchschauen

Klaus Steiniger ist ein unbequemer Kommunist. 1989 sieht er langjährige Kollegen und Parteigenossen „nach rechts abdriften“. In einer letzten öffentlichen Versammlung widerspricht er der Mär einer „friedlichen Revolution“ in der DDR. Beifall und Buhrufe erhält er für seinen Diskussionsbeitrag, in dem er sich auf seine Erfahrung als Berichterstatter aus Portugal beruft, wo er zwischen 1974 und 1979 den Beginn einer Revolution und den Ablauf einer Konterrevolution minutiös erlebt habe. “Macht Euch keine Illusionen, Genossen, Kollegen! Das, was sich gegenwärtig in der Deutschen Demokratischen Republik abspielt, ist eine klassische Konterrevolution mit allem, was dazugehört.“ Sein Resümee: „Der Weg zum Kapitalismus war auch beim ND freigemacht worden.“ Klaus Steiniger wird Mitglied der (west-)deutschen kommunistischen Partei DKP, schreibt von 1992 bis 1998 als außenpolitischer Berichterstatter regelmäßig für die Sozialistische Wochenzeitung der DKP „Unsere Zeit“. Seit 1998 ist der im Dezember 1932 geborene rastlose Aufklärer der Motor des monatlich erscheinenden „RotFuchs“, der „Tribüne für Kommunisten und Sozialisten in Deutschland“, dessen 200ste Ausgabe im September 2014 erschien.


Angela Davis und Klaus Steiniger, der 1972 über den „Schauprozeß in San José“ berichtete

Mitunter ist Klaus Steiniger (zu Recht) nicht unbescheiden. Ein „Starjournalist“ sei er gewesen, entweicht es ihm 2005 in einem Interview (erinnerungsort.de), um im nächsten Atemzug zu sagen, dass es so etwas gar nicht gegeben habe. Nach 1945 habe er – wie zuvor sein Vater – für die Weltbühne geschrieben. „Klaus Steiniger war wohl der wichtigste Journalist der DDR“ heißt es 2004 in einer Publikation der alternativen Musikszene (warschauer.de), die einem „freidenkenden Underground ein Forum“ sein will. „Jugendliche, die Sinn für die Politik haben und viele Hintergründe wissen möchten, sollten unbedingt zu Steiniger greifen, danach sind sie schlauer und können gar die heutige Weltordnung durchschauen.“

Wenn der Journalist und ehemalige Staatsanwalt eines gelernt hat, dann ist es die Analyse der Motive! Beweisführung gehört dazu wie der Blick hinter die bunten Fassaden und kreidefressenden, mitunter rot angestrichenen Wölfe unter den Menschen.



Roland Günter im poetischen Ort des Skulpturen-Gartens des Blauen Hauses in Oberhausen-Eisenheim
Foto: arbeiterfotografie.com, Andreas Neumann

Professor Roland Günter

1977 erschien in erster Auflage Roland Günters Betrachtung zur Geschichte und Ästhetik der Sozialfotografie „Fotografie als Waffe“. Darin ist eigene Erfahrung mit dem Einsatz von Fotografie in der gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzung um den Lebensraum der Arbeitersiedlung in Oberhausen-Eisenheim eingeflossen. „Fotografie als Waffe“ gepaart mit der Aufzeichnung von Lebensgeschichten und dem behördlichen und pressemäßigen Einsatz führen zum Erfolg. Eisenheim und weitere Siedlungen im Ruhrgebiet bleiben erhalten. Es ist ein eigenwilliger Ansatz mit Studenten der Fachhochschule Bielefeld, an der er von 1971 bis 1991 eine Professur für Kunst- und Kulturtheorie mit den Forschungsschwerpunkten Stadtplanungsgeschichte und Sozialwissenschaft des Alltagslebens innehat. Der Ansatz basiert auf der im Buch zusammengetragenen „Geschichte und Ästhetik der Sozialfotografie“ der Fotografen und Arbeiterfotografen der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik Deutschland unter Einbeziehung von ca. 200 internationalen, auf Amateur- und beruflicher Basis wirkenden Sozialfoto-GeschichtsschreiberInnen – von Thomas Höpker bis Lewis Hine.

Anführer, Berater, Anstifter in rund 140 Arbeiter- und Bürgerinitiativen

Als promovierter Kunst- und Kulturhistoriker setzt sich Roland Günter im damaligen Rheinischen Denkmalamt für die Unterschutzstellung von Industrieanlagen und Arbeitersiedlungen ein – was ihm als Erster in ganz Europa ein Anliegen ist, und das gelingt. Seit über 40 Jahren ist er als Stadtplanungsanalytiker im Deutschen Werkbund organisiert und mit vielfachen Funktionen in Vorstand und Beirat betraut. Seit 2003 ist er Vorsitzender der Nordrhein-Westfälischen Werkbund-Sektion. Seine 2007 erschienene 800 Seiten starke Schrift „Der Deutsche Werkbund und seine Mitglieder“ ist Bestandteil der Werkbundschriftenreihe im Essener Klartext-Verlag, die er selbst tatkräftig bedient.


Roland Günter beim UZ-Pressefest 2014 in einer Diskussionsrunde zum Thema „Wem gehört die Stadt?“
Foto: arbeiterfotografie.com, Anneliese Fikentscher

Eine Reihe von unter Mitwirkung von Franz Münschke herausgegebenen Sonderpublikationen trägt den Untertitel „Einmischen und Mitgestalten“, so das 50seitige Manifest „Kein Geld? – trotzdem handeln mit Visionen!“ als „Aufruf, die Köpfe zu verändern“. Die Streitschrift von 2011 ist eine deutliche Kampfansage, die Bürger nicht für so dumm zu halten: „Inzwischen weiß natürlich jeder, wer zynisch und verantwortungslos die Städte verarmt hat – aber auch dies darf keine Ausrede dafür sein, sich für handlungsunfähig zu erklären. Wir sind nicht ohnmächtig. Keine Ausrede, diese Verarmung, in der eine Steuer-Verweigerung der reichsten Wohlhabenden, Konzerne, Banken und Börsen steckt, hinzunehmen wie Schafe.“

Einmischen, mitgestalten, handeln mit Visionen

Roland Günter lebt und arbeitet im Ruhrgebiet, in den Niederlanden und in Italien, wo er in diesem Sommer in Rom einen Vortrag zum europäischen Gedanken des Werkbundes hält. In seinem Lebensort in der Toskana wird er 2006 zum Ehrenbürger ernannt. Davon ist er in Deutschland als kritischer Streiter und Störer noch weit entfernt. Der Stadt Köln wirft er vor, sich zur einhundertsten Jährung der Werkbundausstellung von 1914 zu wenig geschichtsbewusst zu zeigen. Im vergangenen Jahr stellt sich der im April 1936 Geborene die Frage, warum er sich „das antun soll, immer wieder aufzustehen, gegen das, was Duisburg und anderswo passiert“. Antwort ist die Buchpublikation: „Stadtmassaker und Sozialverbrechen“, eine Anklageschrift gegen Stadtzerstörung, Zerstörung von Wohngebieten für Einkaufstempel in Duisburg-Marxloh und -Bruckhausen.


Kampf gegen Abriss einer Wohnsiedung in Duisburg-Marxloh – mit Roland Günter
Foto: arbeiterfotografie.com, Henning Günther

In zahllosen Gesprächen wird er mit den Mitgliedern einer Bürgerinitiative bei Ratsmitgliedern und Vertretern aller Parteien (auch der Linken) vorstellig. Sein Resümee: „Vor uns hatten Generationen in harten Kämpfen Demokratie erfochten,“ aber „Gruppen, die sich Macht aneigneten, pervertieren sie.“ „Wir wollen Ausreden nicht mehr hinnehmen“, heißt es im Manifest „Trotzdem Handeln mit Visionen“.(PK)


Siehe auch:

Roland Günter: "Stadtmassaker und Sozialverbrechen"
Studie über den Abriss von Duisburg im Parteien-Absolutismus
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19850

Klaus Steiniger: "Gesichter der Revolution"
Fotogalerie zur Ausstellung in der Galerie Arbeiterfotografie zum 40. Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20274

Online-Flyer Nr. 482  vom 29.10.2014

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