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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Glossen
Ein Mann erschießt einen anderen
Dritter Weltkrieg droht
Von Ulrich Gellermann

Sichert eine der US-Flotten schon die kanadische Küste? Haben US-Marines bereits das kanadische Parlament besetzt? Ist das "2e régiment értranger de parachutistes" der französischen Fremdenlegion inzwischen über Ottawa abgesprungen? Sind in den Gentlemen's Clubs der englischen Hauptstadt die ersten Freiwilligen für den Einsatz in Kanada rekrutiert? Wurden die deutschen Gebirgsjäger in Marsch gesetzt oder ist nur der deutsche Stammtisch mit einer TUI-Chartermaschine im Anflug auf Ontario? Denn 1 ganzer (in Worten: ein ganzer) geistig oder religiös Verwirrter, was häufig dasselbe ist, hat im kanadischen Parlamentsviertel um sich geschossen und einen Menschen getötet. Und die Welt, glaubt man den Medien, hält den Atem an.

Andere geistig Verwirrte habe sich dem Toten angeschlossen. Der kanadische Premier dröhnt: "Angriffe auf unser Sicherheits-personal und unsere Regierungsinstitutionen sind naturgemäß auch Angriffe auf unser Land, unsere Werte, unsere Gesellschaft und auf uns Kanadier als freies, demokratisches Volk". Da muss der amerikanische Präsident aber sofort ein klares und hartes "Solidarität!" hinterher werfen. Frankreichs Präsident François Hollande versicherte Kanada sogar die "gänzliche Solidarität". Eine halbe hätte es nie und nimmer getan. David Cameron ist total bestürzt. Der australische Regierungschef, Tony Abbott, solidarisierte sich mit Kanada und versicherte der eigenen Bevölkerung, die Regierung werde "alles tun", damit das Land sicher sei. Aber greift er auch zum Äußersten, wie die Kanadier? Dort haben die "Kadetten", eine Art Pfadfinder, den Befehl bekommen ihre Uniformen anzulegen. Jetzt werden schon die Zwölfjährigen mobilisiert und werfen sich mit blank geputztem Riemenzeug dem islamischen Terror entgegen.
 
Denn darum geht es natürlich: Um den "Kampf gegen den Terror". Der hatte, ISIS hin Al Qaida her, ein wenig nachgelassen in seiner Wirksamkeit. Mancher fand das Gürtel-im-Mund-Schuhe-in-der-Hand-Ballett an den Flughäfen lästig. Die kollektive Disziplin ließ nach. Immer wieder versuchten einzelne, wahrscheinlich Sympathisanten des internationalen Terrors, Flüssigkeiten wie Brause oder Bier in größeren Dosen in die Flugzeuge zu schmuggeln. Dieser oder jener hatte die tägliche Anschlagsangst verloren. Das Wort "Bombenstimmung" wurde zum Witz. Immer wieder kam es vor, dass echt weiße Menschen ohne Furcht an Moscheen vorbei gingen. Woran erkennt man den Terroristen, fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE und ruft zur Wachsamkeit auf. Schön, mancher soll den gelben Ersatz-Ausweis bekommen. Dann kann er sich gleich selbst ausweisen. Aber reicht das, um ganze Völker für den Kampf gegen den Terror zu formieren?
 
Das sind doch bisher alles Peanuts: Ein paar Haubitzen und andere Waffen in den Irak, die Hie-und-Da-Bombardements sollen, befreit von allem Kollateral-Geschwafel, vermehrt werden. Das kann doch nicht alles sein. Noch ist das Wort BODENTRUPPEN nur in allen Chefredakteurs-Mündern, wann wird es final zum Geschrei der Straße? Die Bedrohung war offensichtlich für die Normalos zu weit weg. Jetzt ist sie endlich in einer Herzstadt des Westens! Morgen bist Du dran, brüllen die Nachrichten. "Morgen kommt der Islamist und holt Dich wenn Du nicht brav warst", soll zum Nachtgebet der kleinen Kinder werden. Macht kaputt was uns kaputt machen will! "Wir werden uns nicht von Terroristen einschüchtern lassen", so trotzt Bundestagspräsident Lammert der terroristischen Gefahr. Nur kurz noch darf der Stahlhelm runter zum Gebet. Deutschland einig Anti-Terror-Land. Überall auf der Welt. Denn ein Mann hat in Kanada einen anderen erschossen. Wie war das damals in Sarajewo? Siehste! (PK)

Diesen Artikel haben wir mit Dank von Ulrich Gellermanns Blog entnommen.


Online-Flyer Nr. 482  vom 29.10.2014

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