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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Inland
Alt-Nazi Greifeld als KIT-Ehrensenator und der Geschichtsentsorger Rusinek
Erfüllungsgehilfe der atomaren Lobby
Von Dietrich Schulze

Manchmal gefällt es der Geschichte, genau das Gegenteil davon zu erbringen, was die Herrschenden sorgfältig geplant hatten. Die Beauftragung des Düsseldorfer Historikers Bernd-A. Rusinek, für das Präsidium und die Ethik-Kommission des Karlsruher Instituts für Technologie KIT, die Berechtigung für den Ehrensenatortitel eines belasteten Alt-Nazis und langjährigen Atommanagers zu begutachten, könnte genau zu einer solchen Ironie der Geschichte werden. Dafür gibt es hochinteressante neue Anhaltspunkte, die hier beleuchtet werden sollen.


Historiker Prof. Dr. Bernd-A. Rusinek
Quelle: http://www.rusinek.eu/
Am 19. August fand auf Wunsch von Prof. Rusinek ein Gespräch mit den Absendern eines Briefs vom 6. August [1] an KIT und eine Reihe von Verantwortlichen statt. Darin wurden neue Dokumente zu Greifelds verantwortlicher Rolle in der Wehrmachtverwaltung des besetzen Paris aufgrund von Mitschriften von Edouard Bonnefoy [2], die von mir und einem Übersetzer bei Bonnefoys Schwiegertochter in Lyon ausgegraben wurden, zur Einsichtnahme angeboten. Bei den Absendern handelt es sich um die gleichen drei ehemaligen Beschäftigten des Kernforschungszentrums (jetzt KIT Campus Nord), die Greifeld und dessen Wirken persönlich gekannt haben. Die drei gleichen Absender hatten mit einem Brief am 10. September 2012 an die gleichen Verantwortlichen die gesamte Debatte um diese schändliche Ehrensenatorwürde ins Rollen gebracht. Über das Gespräch am 19. August wurde am Folgetag eine Notiz verfasst [3]. Beide Dokumente werden jetzt veröffentlicht, weil sonst die nachfolgenden Beurteilungen nicht verstanden werden können. Im Interesse der geschichtlichen Aufklärung ist dieser Schritt notwendig geworden.
 
Das auslösende Element zu dieser Veröffentlichung war eine Email von Prof. Rusinek vom 24. August, in dem er ein Gruenbaum-Zitat aus dessen Monographie „Die Genese der Plutoniumgesellschaft“ folgendermaßen kommentierte: „ …Glauben Sie wirklich, dass Greifeld im Karlsruher Forschungszentrum eine Art »Arierparagraph« eingeführt hatte und nur blonde Wissenschaftler einstellen wollte, wie Gruenbaum hervorhebt? ….“. Dazu haben wir Prof. Rusinek am gleichen Tag folgendermaßen geantwortet: „Die Gruenbaum-Behauptungen sind nachweisbar und seine Bewertung einer Nazi-Atmosphäre ist angesichts des von ihm Erlittenen nachvollziehbar.“
 
Tags darauf wurde ihm eine detaillierte Quellenanalyse [4] zur Email nachgereicht, verbunden mit dem Ausdruck der Empörung darüber, dass er im Gespräch die Kriegstaten von Greifeld relativiert, dessen ungebrochen antisemitische und rassistische Handlungsweise in der Nachkriegszeit nicht zur Kenntnis nehmen wollte und nun auch noch den von Greifeld antisemitisch diskriminierten jüdischen Wissenschaftler Léon Gruenbaum als unglaubwürdig erscheinen lässt. Wir haben ihn als Historiker aufgefordert, die benannte Quellenanalyse zu studieren und uns bis zum 4. September eine Antwort zukommen zu lassen. Auch haben wir uns ausdrücklich vorbehalten, die Öffentlichkeit über diese Sachverhalte zu informieren. Es kam keine Antwort von Prof. Rusinek. Deswegen hier die angekündigte Information der Öffentlichkeit.
 
Die Unabhängigkeit und daher die Eignung von Prof. Rusinek für die Begutachtung aufgrund seiner Funktion als Archivleiter des Forschungszentrums Jülich ist schon früher bestritten worden. Bereits im Juni 2013 wurde die Kritik an der Verzögerungstaktik zur Annullierung der Greifeld-Ehrensenatorwürde unter dem Titel „Atomare Geschichtsentsorgung“ [5] begründet und das Gruenbaum-Symposium des Forums | Ludwig Marum im Oktober 2013 angekündigt.
 
Im Dezember 2013 kurz nach dem Symposium, an dem weder Prof. Rusinek noch andere KIT-Verantwortliche teilgenommen hatten, ist etwas völlig Ungewöhnliches geschehen. Über die Lokalpresse ließ Rusinek verbreiten „Keine Spuren von Greifeld“ [6]. Vor Abschluss eines Gutachtens zu veröffentlichen, dass dabei nichts heraus kommen wird, ist völlig unwissenschaftlich und hat den Verdacht voll bestätigt, dass Rusinek der Erfüllungsgehilfe seiner Auftraggeber ist, die ihm offenbar aufgetragen haben, dass nichts heraus kommen soll. Eine Woche darauf wurde dieser Gedanke ausführlich unter dem Titel „Der Spurensucher Rusinek“ [7] analysiert. Aus der Ankündigung, dass an einem Alt-Nazi, lebenslang praktizierenden Antisemiten und Atom(waffen)technologie-Exporteur nichts Wesentliches auszusetzen sei, wurde die Schlussfolgerung gezogen „KIT möge eine unabhängige Persönlichkeit gewinnen.“
 
Die vielfältigen Proteste wurden von der KIT-Leitung allesamt ignoriert. Auch der neue KIT-Präsident hat daran nichts geändert. Die Vorgabe der atomaren Lobby, die dafür sorgt, dass ihrem hochverehrten Atommanager nichts am Zeuge geflickt wird, hat nach wie vor den Charakter eines Gesetzes.
 
Aus der großen Fülle des für Greifeld belastenden Materials sei nur der Brief des Direktors an der Universität Paris VII Prof. G. Amsel vom 27. Februar 1976 an Forschungsminister Matthöfer [8] heraus gegriffen. Der Direktor beruft sich auf den Appell von 400 WissenschaftlerInnen, darunter bedeutenden Physikern am Institut Laue-Langevin in Grenoble für die Ablösung von Greifeld. Der Direktor bittet den Minister, einem daraus konstruierten Komplott zulasten der deutsch-französischen Freundschaft entgegen zu wirken. Dieser auch international unerträgliche Ehrensenatortitel muss endlich beendet werden.
Wie eingangs erwähnt, könnte es anders kommen als von der KIT-Leitung und allen Einflussreichen geplant. Die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten und andere werden im Interesse der Geschichtsaufklärung an der Annullierungsforderung dran bleiben und ebenso im Interesse einer friedlichen Entwicklung des KIT an der Zivilklausel.


Antikriegstag-Plakat
Dazu etwas Erfreuliches am Schluss. Der AStA des KIT hat am 29. August unter dem Titel „Kriege in und um Europa: Zivilklausel am KIT einführen!“ [9] eine Stellungnahme beschlossen, eine wunderbare Botschaft zum Antikriegstag und ein klares Signal an KIT-Präsident Prof. Hanselka. Am Antikriegstag selbst gab es eine erneute Straßenumbenennung am KIT „Fritz-Haber-Weg“ in „Clara-Immerwahr-Weg“. Infos über die Rede mit Schild [10] und eine Bildreportage [11]. Mehr in der WebDoku (s. Impressum).
 
Der Autor veröffentlicht diesen Beitrag und die Quellen namens der beiden MitunterzeichnerInnen des Schreibens im Zitat [1].(PK)
 
Quellen:
[1] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140905bri.pdf
[2] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20510
[3] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140905not.pdf
[4] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140905que.pdf
[5] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19181
[6] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20131218.pdf
[7] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19841
[8] http://www.forum-ludwig-marum.de/site/assets/files/1012/reader.pdf (S. 17-18)
[9] http://www.asta-kit.de/archiv/news/2014-08-29-kriege-und-um-europa-zivilklausel-am-kit-einf-hren
[10] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140901ric.pdf
[11] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140902.pdf
 
 
Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe. 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit sowie in der Initiative „Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel“ und publizistisch tätig.


Online-Flyer Nr. 474  vom 05.09.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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