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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Glossen
Die Botschaft zum Antikriegstag
BLÖD erklärt V-Fall
Von Wolfgang Blaschka

Jetzt ist es heraus: "Putin greift nach Europa". Ein schauerlicher Verdacht bestätigt sich. Denn "erste EU-Politiker sprechen es aus: Russland führt Krieg gegen Europa", weiß das Blatt mit den großen Buchstaben passend zum Antikriegstag zu berichten. "Zurückgeschossen" wird anscheinend noch nicht, jedenfalls war um 5.45 Uhr noch alles ruhig, denn Europa will wohl seinen Friedensnobelpreis nicht aufs Spiel setzen. Obwohl ziemlich klar sein dürfte: In 48 Stunden steht "der Russe" an der Oder, in weiteren 48 Stunden dann am Rhein. Das weiß man seit dem Kalten Krieg. Wenn nichts dazwischen kommt, schlürft Putin nach weiteren 48 Stunden an den Champs Elyssee seinen Café au lait. Dann war´s das mit dem freien Westen.

BILD-Zeitung vom 31.8.
Quelle: bild.de
 
Aber sonst sind alle gesund, bis auf den BILD-Kolumnisten, der sich in seinem launigen Brief an ein "liebes Paradies Deutschland" darüber auslässt, wie schön es ist Geburtstage zu feiern, während anderswo Krieg herrscht. Und welche Werte über den Jordan gehen würden oder über die Oder oder über den Rhein: "Unsere Werte sind, sich zu umarmen, menschlich zu sein und sich miteinander zu betrinken". Klar, da würden die Russen gern und locker mithalten. Aber doch bitte nicht die Prorussen aus dem Donbass! Hätte er nüchtern auf der Titelseite derselben Ausgabe nachgelesen, wie es um das "Paradies" steht, wäre ihm nicht entgangen, dass die Arbeitslosen von dem Jobwunder, das er bejubelt, nicht viel mitbekommen, denn "freie Stellen werden vor allem von Zuwanderern und aus der sogenannten stillen Reserve besetzt: Menschen, die zuvor nicht arbeitslos gemeldet waren". Nicht gerade paradiesisch für Betroffene. Aushaltbar nur für Journalisten, deren "Werte" im Trinken liegen.
 
Aber "wir" sind ja zum Glück nicht direkt betroffen: "Wir sind wie auf einer Insel des Glücks", und liefern daher aus mittelbarer Besoffenheit 16.000 Sturmgewehre an die Kurden im Nordirak: 8000 alte G3 mit 2 Millionen Schuss und 8000 moderne G36 mit doppelt soviel Schuss Munition, dazu 40 Maschinengewehre MG3 mit 1 Million Schuss sowie 8000 Pistolen P1 mit 1 Million Schuss. Dazu 500 Panzer-Abwehrraketen "Milan", 200 leichte und 40 schwere Panzefäuste mit 2500 bzw. 1000 Schuss. Ein Volltreffer gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz. Soll es doch andere treffen! Das Parlament nickt den Kabinettsbeschluss mit großkoalitionärer Mehrheit brav ab, gegen den Protest und Restverstand der LINKEn und einiger Grüner, als wäre es Business as usual. Ist es auch, doch in neuer Qualität. Praktisch gedacht - das alte Gerödel muss raus: 10.000 Handgranaten, auch 5 Dingo-Transportpanzer, sogar ein Tanklastwagen, der bei Kunduz offenbar nicht bombardiert werden konnte, 40 Unimogs und 20 teilgepanzerte LKW "Wolf", kurz alles, was die Bundeswehr irgendwie erübrigen kann. Und später nagelneu ersetzt bekommt.
 
Ein rundes Paket für 70 Millionen Euro an die halbfeudalen Kurden-Clans im Nordirak, während die Kurden weiter westlich vom NATO-Staat Türkei drangsaliert werden, und die im syrischen Rojava von ebenjenen sunnitischen IS-Leuten akut bedroht sind, die die USA, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar gerade freigiebigst mit Mordwerkzeug hochgepäppelt hatten gegen Assad. Bei all der Verwirrung über die wild durcheinander geratenen Fronten im Mittleren Osten scheint der Blick auf den hauseigenen Tabubruch, Waffen aus Deutschland in Spannungs- und Kriegsgebiete zu liefern, glorios umwölkt. Ist ja für einen "guten Zweck"; es sind immerhin 25 Feldküchen dabei, Ferngläser, 4000 Gefechtshelme und 4000 Schutzwesten, rein defensiv, fast humanitär.
 
Bei soviel Ermunterung an die Leserschar dann die schlechte Nachricht: Ein neues Wort aus Putins Mund: "Novorossia"! "Das gefährlichste Wort unserer Zeit"! "Es steht für Landgewinn. Es steht für Krieg", säbelrasselt das Springer-Blatt, und man fragt sich: Kann Putin mit den Zähnen schießen? Er kann, und BLÖD hat's getroffen: "Jetzt spricht sogar Russlands Präsident Wladimir Putin (61) das Wort öffentlich aus". Ja, ist es denn die Possibility!? "Denn er will die Ukraine teilen! Er will einen neuen Staat! Er will Novorossia!" Auch wenn dagegen Putins Pressesprecher Dmitri Peskow zitiert wird: "Die Ostukraine soll selbstverständlich Teil der Ukraine bleiben", ficht das BLÖD nicht an. Das "selbstverständlich" wird im Zitat selbstverständlich in Anführungszeichen gesetzt. Anführungszeichen sind nämlich eine der schärfsten Angriffswaffen im medialen Verblödungsgeschäft. Man erinnere sich nur an die "DDR"-Zeiten. Der Kalte Krieg kehrt zurück, die NATO verstärkt ihre Truppenpräsenz in früheren Warschauer-Vertrags-Staaten, eine Aufrüstungsspirale kommt in Gang. Klar doch: Um das westliche Paradies ostwärts zu erweitern.
 
Arbeitslose aufgemerkt: Da werden bald Leute gesucht zum Panzergrabenbau. Denn "immer mehr Panzer rollen Richtung Westen". Wo genau, steht nicht geschrieben. Aber "rrrollen" klingt bedrohlich. Da schwingt zwischen den Rädern ein bisschen "Sieg" mit. Nur die Richtung stimmt noch nicht, die müsste umgekehrt laufen, das Rollback der Geschichte: Richtung Osten. Dazu muss dieser zunächst dämonisiert werden, um ihn dann zu erlösen. Man spricht von Separatisten statt von Föderalisten. Was müssen die auch von Autonomie reden und russisch sprechen wollen! Und nun Putin auch noch von Verhandlungen über staatliche Strukturen! Als bedeutete bayerische oder sächsische "Freistaatlichkeit" das Ende der Bundesrepublik Deutschland. BLÖDer geht´s kaum. Doch dient es dem Ziel die Ukraine so schnell wie möglich in die NATO einzugliedern. Aber dann ...
 
War man bisher der altmodischen Ansicht, dass der Bundestag mit Zweidrittelmehrheit den Verteidigungsfall feststellt, gilt es im Medienzeitalter umzudenken: Da genügt eine BLÖDe Schlagzeile, und nichts ist passiert, außer dass Putin ein Wort in den Mund nahm. Das Wort! Das böse N-Wort: Und schon ist Krieg. Nur die Kanzlerin hat´s noch nicht gemerkelt, liefert (noch) keine Waffen nach Kiew. So geht Journalismus mittlerweile. BLÖDerweise ist der atombombensichere Regierungs-Bunker in der Eifel eingemottet. Wahrscheinlich hätten die Telefone dort auch noch Wählscheiben. Bleibt die Frage: Wohin mit Merkel? Nicht dass Putin sie noch anruft und in lupenreinem Deutsch anfragt, ob auf der Insel der Seligen ein Plätzchen für Snowden frei wäre. (PK)
 
Diese Glosse haben wir mit Dank von Ulli Gellermanns Blog "Rationalgalerie" übernommen.
http://www.rationalgalerie.de/home/bloed-erklaert-v-fall.html


Online-Flyer Nr. 475  vom 10.09.2014

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