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Aktueller Online-Flyer vom 25. September 2016  

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Fotogalerien
Der Fotograf Lewis W. Hine und das US-Komitee für Kinderarbeit
Die Würde der Ausgebeuteten
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Der 1874 geborene, an der „Ethical Cultural School“ in New York wirkende Lehrer Lewis Wicked Hine macht einen freundlichen, unscheinbaren Eindruck. Als einer der bekanntesten Fotografen ist er erst nach Lebzeiten in die Geschichte eingegangen. Sein Können hatte er – wie viele der besten und ambitioniertesten Fotografen – autodidaktisch erworben. Sechzehn Jahre lang (1908 bis 1924) wandert er mit unhandlicher Plattenkamera und Stativ auf den Spuren von Kindern in Arbeitsverhältnissen quer durchs riesige Land der USA. Er sucht und findet Kinderarbeit in der Industrie und auf dem Feld, in der Großstadt, früh morgens, mitten in der Nacht, bei Hitze oder Kälte. Neben offensichtlich körperlichen und seelischen Schädigungen, versäumten Schul- und Ruhezeiten sind diese Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen vier und 16 Jahren vielfältigen Gefahren ausgesetzt.


trapper boy – Junge als Wettertürhüter in einer Kohlemine. West Virginia. Oktober 1908


newsgirls, waiting for papers – acht- und neunjährige Mädchen warten auf die auszutragenden Zeitungen. Connecticut. März 1909


Kleine Spinnerin in Mollahan Mills. Sie posiert wie ein Veteran. Ein Aufseher meint, sie sei nur zufällig hier. Newberry, South Carolina. 3. Dezember 1908.


Wagenspinnerraum in Chace Cotton Mill, Burlington, Vt., links: Leopold Daigneau, daneben Arsene Lussier, "Back-roping boys." Location: Burlington, Vermont, 7. Mai 1909.


Breaker boys in der Pennsylvania Coal Co., South Pittston, Pennsylvania. Januar 1911


Tootsie, 6 Jahre alter Zeitungsjunge, verkauft jeden Tag und Sonntags für einen Onkel, der daran verdient. Washington (D.C.), District of Columbia. April 1912.


Zeitungsjungen in Indianapolis warten im Büro auf die Base Ball Ausgabe. Schlechte Umgebung, rauhe Schwarze etc. Indianapolis, Indiana. August 1908.


Mery Horn hat einen Buckel. Der Doktor sagte mehrfach, sie müsse aufhören, schweres Papier zu tragen. "Aber ich brauche das Geld und neue Schuhe." Hartford, Connecticut. März 1909.


Spinnerin. Für einen Moment blinzelt sie in die Außenwelt. Gibt an, 10 Jahre alt zu sein und seit über einem Jahr hier zu arbeiten. Lincolntown, North Carolina. November 1908.


Dominic M. Giouchino, 8 Jahre alter Newsie (Zeitungsjunge), Providence, Rhode Island. November 1912.


Drei Jungs, einer 13, zwei 14 Jahre alt, pflücken Tabak auf der Hackett farm. Das erste Pflücken erfordert Sitzposition. Buckland, Connecticut. 2. August 1917.


Spät in der Nacht: Einnähen von Bändern in Handschuhe. Die Jungs helfen. Die fünfköpfige Familie schläft auch in diesem einen Raum. New York. Februar 1908.


Familie Arnao arbeitet seit 4 Wochen auf der Hichens Farm: Jo (3), ein Junge ist 6, das Mädchen ist 9 Jahre alt. Schule fällt aus. Browns Mills, New Jersey, September 1910


Salvin Nocito, 5 Jahre, trägt Cranberries über eine weite Strecke zum "bushel-man" zum Auswiegen. Browns Mills, New Jersey. September 1910


John Howell, ein Zeitungsjunge aus Indianapolis, verdient an einigen Tagen $ 0.75, fängt sonntags um 6 Uhr früh an. (wohnt in 215 W. Michigan St.) Indianapolis, Indiana. August 1908 – Schatten: Lewis Hine mit Kamera, Stativ – und evtl. Zeuge


John Baker, 6 Jahre alter Zeitungsjunge. Oklahoma City, Oklahoma. 15. März 1917.


Der Mann mit dem großen Kasten gewinnt das Vertrauen von vierjährigen Baumwollpflückern, sechsjährigen Zeitungsverkäufern, Newsboys oder auch Newsies genannt, wie von Tootsie, dessen Zeitungsstapel – groß und schwer – ihn zu erdrücken scheint. Zunächst erschrocken und abweisend lächelt Tootsie in einer weiteren Aufnahme dem Fotografen freundlich zu. Der spricht mit ihm, führt Protokoll: „Tootsie, sechs Jahre alter Newsboy, verkauft jeden Tag und Sonntags für einen jungen Onkel“, der ihn zur Arbeit fährt. „Location: Washington (D.C.), District of Columbia.“ Zeitangabe: April 1912. Oder die „achtjährige Phoebe Thomas, ein syrisches Mädchen, rennt alleine von der Fabrik nach Hause. Ihre Hand ist blutüberströmt, sie weint mit schriller Stimme. Sie hat sich in der Fabrik beim Sardinen schneiden das Ende ihres Daumens fast abgeschnitten und wurde allein nach Hause geschickt, ihre Mutter war beschäftigt...“

Lewis Hine ist unterwegs als „investigative photographer“ für das National Child Labor Committee NCLC, das die Bevölkerung mit Veröffentlichungen auf die Zustände aufmerksam machen will. Das Komitee NCLC wirbt um Mitglieder: „Wozu wird das Komitee gebraucht? Zwei Millionen Kinderarbeiter unter 16 Jahren, arbeiten Tag für Tag. Wir wollen, dass sie normale Männer und Frauen werden. Sie wollen das auch. Werden Sie Mitglied...“

Schlimme Zustände gibt es bei Heimarbeit, wenn die ganze Familie in einem einzigen Raum die Nacht hindurch für geringes Geld Näharbeiten ausführt. Das NCLC warnt: „Heimarbeit zerstört Familienleben, hält Kinder von der Schule fern, ermutigt Väter, sich der Verantwortung zu entziehen, ermöglicht gierigen unkontrollierten Herstellern und Eltern, die Kindheit zum Gespött zu machen.“


Lewis W. Hine – Selbstportrait

Hine ist spezialisiert auf Portraits, die die Würde der Dargestellten hüten wie einen Schatz, den er in seinem Foto-Holzkasten einfängt. So geschehen auch mit den den Auftragsarbeiten für das National Child Labor Committee vorausgegangen Aufnahmen der Einwanderer auf Ellis Island. Während eines Europaaufenthaltes entstanden im Auftrag des Roten Kreuzes eindrucksvolle Studien von den Flüchtlingen des I. Weltkrieges auf dem Balkan. Seine beeindruckenden Portraits der arbeitenden Bevölkerung bis hin zur Dokumentation vom Bau des Empire State Building, in dessen Zentrum der Fotograf die Arbeiter rückt, bezeichnet der Kunsthistoriker Richard Hiepe, Verfasser des Standardwerkes „Riese Proletariat und große Maschinerie“ hinsichtlich der „Darstellung der Arbeiterklasse in der Fotografie“ als „Herausmodellierung von Arbeitern zu geschichtsbildenden Persönlichkeiten“, die er in der Malerei und Grafik von Daumier bis Kollwitz beobachtet. „Mit Lewis Hine erreicht [dieser Prozess] die Fotografie“.

Der späte Ruhm des Lewis W. Hine lässt es vergessen, dass sein Nachlass vom New Yorker Museum of Modern Art unter kuratorischer Leitung von Edward Steichen, dem Macher der viel gerühmten Ausstellung „Family of Men“ abgelehnt wurde. Angeboten wurde der Nachlass von Walter Rosenblum einem Mitglied der New Yorker Film- und Photoleague – vergleichbar der historischen und heutigen Arbeiterfotografie. 1951 löste sich die Organisation wegen staatlicher Repression in Form von Ächtung und Vorwürfen wie „kommunistisch, faschistisch, subversiv“ auf. In seinen letzten Lebensjahren hatte sich Lewis Hine dem Bund der Bildschaffenden angeschlossen, die mit ihrer Kamera gesellschaftliche Umwälzung herbeiführen wollten. Eine lange Liste von politisch und weniger politisch motivierten Mitwirkenden, heute als Künstler anerkannten Persönlichkeiten, liest sich wie das Who’s Who der Fotografie überhaupt (siehe hierzu Peter Mönnikes in Arbeiterfotografie, Ausgabe 84).

1954 übergab die ehemalige Leiterin des NCLC Gertrude Folks Zimand das Konvolut des Instituts der Library of Congress in Washington. Dazu heißt es: „Er (Lewis Hine) dokumentierte die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kindern in den Vereinigten Staaten zwischen 1908 und 1924. Diese Fotos sind hilfreiche Studien der Arbeit, von Reformbewegungen, Kindern, Familien der Arbeiterklasse, Bildung, Gesundheit, Wohnumständen, unter industriellen und landwirtschaftlichen Gegebenheiten und anderen Aspekten des städtischen und ländlichen Lebens im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts.“


Ausstellung: NCLC – Lewis W. Hine
Kinderarbeit in Fotografien für das National Child Labor Comittee

im Rahmen der 22. Internationalen Photoszene Köln
in memoriam James Howard Fraser, ehem. Florham Madison Campus Library der Fairleigh Dickinson University, New Jersey

Galerie Arbeiterfotografie, Merheimer Straße 107, 50733 Köln
arbeiterfotografie@t-online.de, 0221-727 999

6. bis 24. September 2014
Eröffnung Do., 4.9., 20 Uhr
Öffnungszeiten: mi/do 19-21, sa 11-14, u.n.V.
Sonderöffnungszeiten: Fr 19. September: 19 bis 22 Uhr, Sa/So 20./21. September: 11 bis 19 Uhr

Online-Flyer Nr. 473  vom 27.08.2014

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