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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Medien
Panorama-Gründer Gert von Paczensky am 1. August in Köln gestorben
Dankes- und Abschiedsrede auf dem Friedhof
Von Sabine Rollberg

Der Journalist, Schriftsteller, Mitgründer des TV-Magazins Panorama und damit Vater des kritischen Fernsehmagazin-Journalismus in Deutschland, Gert von Paczensky, geboren am 21. August 1925, ist am 1. August 2014 in Köln gestorben und wurde dort an seinem 89. Geburtstag auf dem Friedhof Melaten beigesetzt. Prof. Dr. Sabine Rollberg, seit 1999 ARTE-Beauftragte und Redaktionsleiterin ARTE/3Sat für den WDR, hielt neben anderen Trauernden eine Abschiedsrede, die wir mit ihrer Erlaubnis und Dank hier veröffentlichen:
 

Gert von Paczenski
Quelle: vonpaczensky.de
Pacz ist Repräsentant einer inzwischen seltenen Gattung, der des Universalpublizisten. Er hat Fernsehgeschichte geschrieben, und das gleich vielfach und auf mehreren Terrains. Das macht ihn einzigartig. Wer sonst ist Gründer eines Programm prägenden, politischen Fernsehmagazins, das noch heute existiert, Panorama, und gleichzeitig ein Mann der Unterhaltung, der „3 nach Neun“ aus der Taufe gehoben und mit Marianne Koch und Wolfgang Menge moderiert hat? Wer sonst hat eine intellektuelle Bandbreite, vom profunden Dritten Weltkenner, der den Bundesbürgern als einer der ersten die Augen über die Schattenseiten des Kolonialismus geöffnet hat, bis zum Pionier eines sachkundigen unbestechlichen Gourmetjournalismus?
 
Wer sonst war politischer Chefredakteur ohne Scheu vor Macht und Obrigkeit, gleichzeitig ein kantiger Kommentator und pointierter Moderator, nicht bereit seine Überzeugungen für den Erhalt der eigenen Macht zu opfern? Wer sonst polterte und kritisierte so gerne und lebte dabei so vergnüglich? Pacz ein Brückenbauer zwischen Politik und Kultur, und Pacz die Ohrfeige für schlechte Recherche. Für mich ist Pacz ein Vorbild für unerschrockenen aufklärerischen Journalismus, ein echter Demokrat mit Mut und Rückgrat. Seit über 30 Jahren darf ich an seiner und Annas Seite meine Leber trainieren und meine kritischen Fähigkeiten überprüfen und erweitern.
 
Der Samen von Paczs Engagement für die Opfer des Kolonialismus wurde gelegt, als er Anfang der fünfziger Jahre als Korrespondent für „die Welt“ in London und Paris war, Vertreter der Unabhängigkeitsbewegungen kennen lernte und auf Reisen nach Nordafrika das Verhalten der französischen Siedler beobachtete. Im Mai 1952 schrieb er: Wenn nicht beizeiten etwas getan wird, lässt sich für Algerien eine Explosion mit beinahe mathematischer Sicherheit voraussehen.“ Sein Fazit 2 Jahre später: „Getan wurde nichts oder falsches.“ Über den siebenjährigen Krieg realisierte Pacz auch seine erste lange Fernsehdokumentation, ausgestrahlt am 24.1. 1961 um 20 Uhr 15, mit damals 67 % Einschaltquote; also 9 Millionen Menschen wurden erstmals mit dem kolonialen Sündenregister einer damaligen Großmacht konfrontiert. Der Film erklärte die Verarmung und Unterdrückung Algeriens. Natürlich protestierte Frankreich, und die deutsche Presse war mehrheitlich entrüstet, dass sich ein Gert von Paczensky anmaße, unseren Bündnispartner, die Kulturnation Frankreich, zu beleidigen. Erst 3 Jahrzehnte später haben auch französische Offiziere zugegeben, was sie mit ihren Truppen angerichtet haben.
 
1961 das war Fernsehgründerzeit, Pacz entwarf Panorama, nach britischem Vorbild. Der Eichmann-Prozess, das Treffen Chruschtschows und Kennedys in Wien, die Cuba-Krise und das Verhalten der USA in der Schweinebucht waren außenpolitische Themen. Die Panoramatruppe bestand aus vielen ehemaligen Welt-Journalisten, die die Rechtskurve der Zeitung nicht mitmachen wollten und beim NDR Asyl gefunden hatten. 1962 legte Pacz mit einem weiteren langen Film über die Kolonialpolitik nach, dieses Mal Belgien: Wieder sahen 9 Millionen Menschen zu, - das wäre heute eine gute Quote für „Wetten dass...?“.
 
Innenpolitisch war bei Panorama die SPIEGEL-Affaire Dauerthema: Den Bundesbürgern wurde deutlich, wie hemdsärmelig der damalige Verteidigungsminister Strauss mit Grundrechten umging. Der Bundesregierung wurde wiederum klar, wie kritisch und damit gefährlich Fernsehen sein konnte. Somit baute sich eine Phalanx gegen Pacz auf, die Unterstützung des NDR für ihn bröckelte, nur mit rechtlichem Beistand konnte Pacz bewirken, dass im Bayernkurier auf der ersten Seite folgender Widerruf abgedruckt werden musste: „Die Behauptung, von Paczensky habe als Leiter von Panorama im Ersten Deutschen Fernsehen notorisch Dokumentationsfälschungen veranlasst, dies sei bekannt und der Rheinische Merkur habe dies bewiesen, widerrufen wir hiermit.“ Nicht der NDR hatte sich hinter Pacz gestellt, sondern der Stern, der ihm den Anwalt finanziert hatte Es war logisch, dass er dorthin wechselte.
 
Pacz wurde 1962 stellvertretender Chefredakteur beim Stern und die damalige Entwicklung vom Busenblatt zum Politmagazin ist ihm zu verdanken. Unter Pacz stieg die Auflage gewaltig, der Spiegel verkaufte nur ein Drittel davon. Pacz gewann Willy Brandt, zu der Zeit Berlins regierender Bürgermeister, als regelmäßigen Kommentator, aber - das rang ihm Nannen ab - auch Strauss; das soll unter dem Einfluss einiger Flaschen Rotwein bei einem Besuch in Nizza erfolgt sein. Die Präsenz von Strauss im Blatt kostete Pacz so einige Freundschaften, es ist vielleicht der einzige Kompromiss, den er beruflich einging.
 
Fernsehgeschichte hat Pacz auch auf dem Terrain der Unterhaltung geschrieben: 1974 - er hatte den Stern schon wieder verlassen und war inzwischen Chefredakteur von Radio Bremen - gehörte er dort zum Gründungsteam von „3 nach 9“, einer offenbar unsterblichen Talkshow. Und Fernsehgeschichte hat er weiter mit der Entwicklung von langlebigen Reihen wie „Unter deutschen Dächern“ und „Kinder der Welt“, „Frauen der Welt“ geschrieben.
 
Apropos Frauen: Pacz sagte selbstkritisch, dass er in den Jahren seiner politischen journalistischen Hochblüte wohl kein guter Vater und Ehemann war, in Bremen hat er die Filmemacherin Anna Dünnebier kennengelernt hat und mit ihr erfahren, sein Zitat: „was eine gute Ehe sein kann“.
 
Über den privaten Pacz wird Renate, seine Schwiegertochter, gleich noch sprechen. In Bremen hat sich Pacz mit den Gewerkschaften und der CDU angelegt, und nach einer Niederlage bei einer Personalie - er wollte Dieter Gütt nach Bremen holen, es misslang - zogen Pacz und Anna an den Rhein. Seinem Nachfolger Volker Mauersberger empfahl er, bei eventueller Langeweile, bei Grasshoff zu speisen. Pacz blieb dem Bremer Restaurant und vor allem seinem Chef Jürgen Schmidt, einem excellenten Fotografen, treu. Beide schufen die Standardwerke über Champagner und Cognac - auch in Frankreich Bestseller. Pacz widmete sich mit dem Blick auf den Rhein und Anna den vergnüglichen Themen des Lebens. Die unbestechliche Restaurantkritik hat mit ihm und Siebeck in Deutschland Einzug gehalten, und Essen und Trinken läutete somit in Deutschland die Gourmetwelle ein. Auch hier war Pacz Pionier.
 
Viele haben Pacz die Frage gestellt, wie man ein Engagement für die dritte Welt mit dem Gang in 3 Sterne-Etablissements vereinbaren könne. Für ihn war gute Küche eine Kulturleistung. Pacz ist es zu verdanken, dass sich dieser Aspekt von Kultur auch in Deutschland verbreitet hat. Sein Interesse an der Dritten Welt bezog sich auch auf die Esskultur dieser Länder. Als er zusammen mit Egon Bahr 1954 von der Pariser Tagung zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft berichtete, führte der Weltkorrespondent den Rias-Journalisten in ein tunesisches Restaurant. Pacz bestellte für beide Merguez. Noch 50 Jahre später sprach Bahr von den Feuerwürsten, mit denen Pacz ihn bekannt gemacht hätte. Und nichts war in den Augen von Pacz so schlecht, dass es nicht eine gute Seite habe, und so erwähnte er als positiven Aspekt des Algerienkrieges: viele Pieds noires, die nach dem Krieg nach Südfrankreich geflohen seien, hätten die Qualität des französischen Weins angehoben.
Trüber und trockener war es, wenn man Pacz während seines persönlichen Ramadan, der jährlichen selbstverordneten Nulldiät traf. Die FAZ behauptete sogar, dass er auch diese erfunden habe. Ich habe durch Pacz, durch seine Fastenzeiten die Bedeutung von Kleie und die Feinperligkeit von Mineralwässern zu unterscheiden gelernt.
 
Unerwähnt lassen will ich nicht meine Dankbarkeit, mit Anna und Pacz die Pariser Sterne-Küche durchschlemmen und vieles einmalige entlang des Rheins verkosten zu dürfen. Sein vernichtendes Urteil ins unter der Serviette versteckte Diktiergerät, hat so manchen Stern verglühen oder bei Wohlwollen entstehen lassen. Ich werde nie die Osternacht vergessen, als wir unsere Nasen in Gläser, gefüllt mit Cognac aus den Jahren 1914, 1832, 1789 versenkten.
 
Du bist und warst mir Lehrer, Ratgeber und Durchhaltehilfe. Ich danke Dir für sehr viel Solidarität und Rückenwind. Noch ein Wort zu Anna, die Du Pacz besonders in den letzten eher schwerhörigeren Jahren die Welt übersetzt, ihn ermuntert und ermutigt, mit Geduld und Liebe noch ein aktives teilnehmendes Leben ermöglicht hast. Das hat viele tief beeindruckt und bewegt, und ich bin sicher, dass es nur Dir zu verdanken ist, dass Pacz bis heute, seinem 89. Geburtstag, so gut gelebt hat! An seinem Geburtstag ein Hoch auf Pacz, aber auch auf Dich liebe Anna! (PK)
 
Prof. Dr. Sabine Rollberg, 1953 in Freiburg geboren, studierte Geschichte, Germanistik und politische Wissenschaften in Freiburg und Bonn. Dann freie Mitarbeiterin bei SWF, Badischer Zeitung und FR. Nach Promotion und Volontariat beim WDR Redakteurin für die PG Ausland (Welt-, Kinderwelt- und Kulturweltspiegel, Auslandsstudio, Brennpunkte), Kultur und Wissenschaft (Kulturweltspiegel, Brennpunkte, Revuen), Reporterin für Weltspiegel, Auslandsreporter sowie Auslandsstudio, Moderatorin „Treffpunkt Dritte Welt“ und Talkshow „Leute“ ( SFB). 1989-94 ARD-Korrespondentin in Paris und von 1994-97 ARTE-Chefredakteurin in Strasbourg. Seit 1999 ARTE-Beauftragte des WDR. Seit 2008 Lehrtätigkeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Filmpreise, darunter mehrfach den Adolf Grimme Preis.


Online-Flyer Nr. 473  vom 27.08.2014

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