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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Glossen
Freie Welt, freie Presse
Wann erschießt sich Putin?
Von Ulrich Gellermann

Russland, das wissen die Deutschen aus ihren Medien, das ist das Reich der Finsternis. Vor allem die Sender und Zeitungen dort sind so unfrei und unterdrückt, dass sich keine kritische Stimme mehr erhebt. Das ist im freien Deutschland, auch das scheint der Durchschnittsdeutsche zu wissen, völlig anders. Außer manchmal. Aber dann geht es um die Freiheit anderer. Beispiel im Ukraine-Fall: Da wissen alle wesentlichen Medien im Land inzwischen wer den Abschuss des malaysischen Flugzeugs zu verantworten hat: Der Russe, zumindest der Pro-Russe. Zwar ist bisher nicht einmal der Abschuss endgültig bewiesen, geschweige wer denn abgeschossen hat. Aber das macht nichts. Wenn sich die völlig freien und pluralen Medien mal entschieden haben, dann kann nur der Russe schuld sein. Beweise? Nebbich.
 

Noch lebt er: Wladimir Putin
NRhZ-Archiv
Inmitten langer Artikel und Kommentare, die mit langen Fingern auf den vorgeblich schuldigen Putin, der "einen großrussischen Traum träumt" und jetzt aber endlich zumindest mit Sanktionen zu bedenken ist, findet sich in der FAZ eine erstaunliche Medienlese aus russischen Zeitungen und Sendern. Zum Abschuss des malaysischen Flugzeuges titelt die Zeitung KOMMERSANT (150.000 Auflage): "Die Trümmer der Boeing fallen auf Russland" und weist so Russland Schuld zu. Die mit 600.000 Exemplaren Auflage bedeutende russische Zeitungen, NOWAJA GASETA, schreibt sogar "Wir verkünden Trauer" und die FAZ beschreibt die GASETA als "kremlkritisch". Und schließlich wird von einem Radio-Sender namens ECHO MOSKWY berichtet, der in Moskau 600.000 Hörer täglich erreicht und in den Regionen immerhin 1,5 Millionen. Dieser Sender sendet tatsächlich: "Ein zweites Lockerbie, durch uns veranstaltet". Ist der Chefredakteur schon verhaftet? Nein. Ist wenigsten der Eigentümer erschossen? Das wird schwer werden, gehören doch fast 70 Prozent des Senders der Firma GAZPROM, und dieses Unternehmen, glauben wir dem deutschen Durchschnittsmedium, gehört dem Staat, also Putin. Nach deutscher Medienlogik muss der sich jetzt selbst erschießen.
 
Weil wir, wie die deutsche Mehrheit glaubt, so plurale und die Russen nur diese Einheitsmedien haben, hat sich die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG während des Krim-Konfliktes von ihrer monatlichen, bezahlten Beilage RUSSLAND HEUTE getrennt. Es hätte ja sein können, dass sich in dieser deutschsprachigen Zeitung aus Moskau eine andere Meinung zum Krim-Konflikt gefunden hätte als die in der SZ-FAZ-BILD-ZEIT-Melange oder gar im ARD-ZDF-Eintopf. Am konsequentesten pluralistisch war die hochmögende, hochintellektuelle und total ausgewogene ZEIT. Sie kündigte die Zusammenarbeit mit ihrem freien Russland-Korrespondenten Moritz Gathmann. Denn der hatte auch schon mal für RUSSLAND HEUTE geschrieben. Da kann der ZEIT-Leser nur froh sein, dass dieser Agent Putins nicht mehr für ZEIT-Online arbeitet. Der wäre wahrscheinlich so infam gewesen, in der Sache des malaysischen Flugzeugs die Frage nach den Beweisen zu stellen. Aber Zweifel verträgt der ZEIT-Leser nicht, denkt die Reaktion fürsorglich.
 
Der Chef aller westlichen Demokraten, Barack Obama, ist offenkundig ein Absturz-Experte. Deshalb hat er jüngst in der ARD die ukrainischen Separatisten angeklagt: Die hätten die Leichen von der Absturzstelle weggebracht, das sei eine Kränkung der Angehörigen. Diese, bei den in der Ost-Ukraine zurzeit herrschenden Sommer-Temperaturen, völlig unsinnige Anklage, löst bei der ARD keine Frage nach dem Verstand des US-Präsidenten aus. Nein, sie titelt diesen Beitrag aus der öffentlich-rechtlichen Anstalt wie es sich für eine Anstalt gehört: "Obama nimmt Putin bei Aufklärung von MH17-Absturz in die Pflicht". Die Pflicht zu anständigem Journalismus hat sich längst aufgelöst.
 
Der Mangel an ernstzunehmender Recherche in der Ukraine-Russland-Frage im düsteren deutschen Medienwald rührt auch daher, dass die USA für grundsätzlich demokratisch und Russland prinzipiell für undemokratisch gehalten wird. Wer das verinnerlicht hat, braucht keine Recherche, keine Fakten mehr. - Neben der Frage nach der "freien Presse" ist auch die Frage nach den "freien Wahlen" entscheidend. Die Antwort des Mainstreams sagt : Die US-Wahlen sind frei, die Russischen Wahlen unfrei. Was zu prüfen ist. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA gab es letztlich nur noch zwei Kandidaten auf dem nationalen Stimmzettel: Obama und Romney. In innenpolitischen Fragen unterschieden sich die beiden in Nuancen. Bei außenpolitischen Themen eher gar nicht. Obama erzielte deutlich mehr Wahlkampfspenden als Romney. Damit war die Wahl entschieden. Die anderen Kandidaten, unter ihnen Jill Stein von den US-Grünen, wurden in den wesentlichen Nachrichten am Wahlabend erst gar nicht mehr erwähnt.
 
Im "autokratischen" Russland standen neben Putin vier weitere Kandidaten zur Wahl. Und sie wurden am Wahlabend auch erwähnt. Der kommunistische Kandidat erzielte sogar 17,38 Prozent der Stimmen. Und während seine außenpolitischen Postionen denen Putins ähneln, sind seine innenpolitischen Forderungen fundamental konträr. Das drittbeste Ergebnis erreichte Michail Prochorow mit immerhin noch 8,8 Prozent. Der verfügt über ein Vermögen von 18,5 Milliarden Dollar und musste schon deshalb keine Spenden sammeln. Dem Mann gehört der amerikanische NBA-Basketball-Verein "Brooklyn Nets". Wie heftig die amerikanischen Medien schäumen würden, wenn ein US-Präsidentschaftskandidat Besitzer von Dynamo-Moskau wäre, nicht auszudenken. Wahrscheinlich würde solch ein Agent Moskaus aus Gründen der nationalen Sicherheit erst gar nicht zur Wahl zugelassen. Vergleicht man also die beiden Wahlkämpfe, dann könnte glatt der Eindruck entstehen, die Wahlen in Russland seien vielfältiger und demokratischer als die in den USA. Aber das kann nicht sein. Es steht ganz anders in der Zeitung. (PK)

Diese Glosse haben wir mit Dank von Ulrich Gellermanns Blog übernommen.
 


Online-Flyer Nr. 469  vom 30.07.2014

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