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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Lokales
Nach dem Nagelbombenattentat in der Keupstraße in Köln-Mülheim:
Internationales Geschäftshaus - Weg aus dem Ghetto
Von Rainer Kippe

Die mittelalterliche europäische, aber teilweise auch die orientalische Stadt, zeichnete sich durch Wohnviertel aus, in denen besondere religiöse Gruppen abgesondert vom Rest der Bürger nach eigenem Recht und Brauch für sich lebten. Für diese besonderen Wohnviertel hat sich nach dem Namen des Judenviertels in Venedig der Name „Ghetto“ eingebürgert. Die Aufklärung in Europa mit ihrem Kampf für die Gleichberechtigung aller Bürger hat diese Wohnverhältnisse ausgehend vom 18. Jahrhundert Schritt für Schritt aufgelöst.

Entwurf für ein Internationales Wohn- und Geschäftshaus in Mülheim
Quelle: Dipl. Volks- und Finanzwirt Ali Demir und Architekt Kai Büder
 
Uns ist das „Ghetto“ meist aus seiner Endphase bekannt als Ort der Benachteiligung und Unterdrückung. Vergessen wird dabei, dass besondere religiöse Gruppen wie die Juden in Europa oder die Christen im Orient durchaus auch in besonderen Vierteln für sich wohnen wollten, weil sie so besser ihre religiösen Bräuche leben, unter sich bleiben und sich schützen konnten.
 
In der Keupstraße in Köln Mülheim, genauer gesagt in ihrem östlichen, zur Bergisch-Gladbacher Straße hin gelegenen Teil, ist in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder ein solches Ghetto entstanden, in dem Menschen mit Ursprung aus der Türkei (fast) unter sich sind.
 
Der Grund dafür liegt in den Stadtentwicklungsplanungen der 70er Jahre in Köln. Danach sollte dieser Straßenteil abgebrochen werden und, genauso wie Teile der Holweider Straße, einer breiten Straße weichen. Damit sollten alle Wohnungen beseitigt werden, welche zu nahe an der Fabrikmauer von Felten & Guilleaume standen und die Produktion behinderten. In der Vorbereitung zu diesem Abbruch wurden Häuser von der Stadt erworben, z. B. in der Holweider Straße 69 bis 79, und leergeräumt. Den Hauseigentümern in der Keupstraße wurde mitgeteilt, dass die Häuser bald weichen müssten und sich deshalb eine Modernisierung nicht mehr lohne. In der Folge zogen viele deutsche Mieter aus, und arme Migranten, auf der Suche nach einer preiswerten Bleibe, zogen ein. Mit ihnen kamen kleine Geschäfte, Reisebüros und Restaurants.
 
1980 stand der Abbruchbeschluss des Rates an. Die Abbrüche sollten aus Städtebauförderungsmitteln finanziert werden. Da deckten Mülheimer Bürger auf, dass die maßgeblichen Politiker von F&G gekauft waren. Es gab einen Skandal, die schwarzen Schafe mussten zurücktreten, und die Keupstraße blieb stehen.
 
Wie schaffe ich ein Ghetto?
 
In dieser Situation nun fasste die Mülheimer Mehrheitspartei, die SPD, einen Beschluss, den man als die Geburtsstunde der „Mülheimer Türkenviertels“, auch „Klein Istanbul“ genannt, bezeichnen kann. Dort heißt es auf Seite 13 unten: „Im Bereich Keupstraße, wo heute bereits überwiegend und konzentriert Ausländer wohnen, mit eigenen Geschäften, Treffpunkten, Restaurants soll durch bescheidene Wohnungsmodernisierung der Ausländerwohnungen, Wohngebietsverbesserung und Förderung der eigenen Kleinbetriebe sowie durch Anreiz zum Zuzug junger, mobiler Leute ein „positiv eigenständiges Gebiet“ (gem. Alternative II des Stadtentwicklungskonzeptes Anl. 1) entwickelt werden unter Verzicht auf völlige Integration.“ - Das Papier ist als Eingabe an den Bezirksvorsteher am 20.Mai 1981 eingereicht worden und unterzeichnet von Josef („Jupp“) Clever, Vorsitzender und Ratsmitglied und Bernd Wolfgang Schwarzkopf, Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung Mülheim.
„Positiv eigenständiges Gebiet unter Verzicht auf völlige Integration“ mit „Ausländerwohnungen“ mit „bescheidener Wohnungsmodernisierung“ und „eigenen Kleinbetrieben“ - das ist in heutigem Deutsch und in Übereinstimmung mit dem Städtebauförderungsgesetz das, was man früher als „Ghetto“ bezeichnete.
 
Die Bombe im Ghetto
 
Die Nagelbombe, die von verwirrten und verirrten Köpfen geplant und von menschenverachtender Logik ins Werk gesetzt im Juni 2004 in der Keupstraße explodierte, traf deshalb nicht nur friedliche und friedliebende Bürger, sie traf auch das Konzept des von der SPD geplanten und bis heute verwirklichten „positiv eigenständigen Gebietes“, wo nach dem Willen unserer Oberen „überwiegend und konzentriert Ausländer wohnen, mit eigenen Geschäften, Treffpunkten, Restaurants“.
 
Diese Entwicklung hat vielen Menschen in Mülheim Sorgen bereitet, sie hat aber auch einige zu neuen Vorschlägen angeregt. Sie alle haben gemeinsam, dass sie die Stärken der ethnischen Ökonomie in der Keupstraße fördern und die Straße und ihre Menschen gleichzeitig zur Gesellschaft hin öffnen wollen.
 
Das internationale Geschäftshaus
 
Einer dieser Vorschläge ist das internationale Geschäftshaus, welches der Unternehmer Ali Demir entwickelt hat, und welches als Leuchtturmprojekt in das Integrierte Handlungskonzept "Mülheim 2020" Eingang gefunden hat. Hier können sich die besten wirtschaftlichen Ideen aus dem Bereich der Keupstraße entfalten und mit anderen Ideen, die von außen kommen, mischen. Es wird Raum geben für Geschäfte, Restaurants, Büros, Arztpraxen und Rechtsanwälte. Es wird aber auch Wohnungen geben für Menschen, die gerne in dieser türkisch geprägten Umgebung leben, und vielleicht sogar ein Altenheim für diejenigen, die nicht in die Türkei zurückkehren wollen.
 
Das Internationale Geschäftshaus wird definitiv kein „positiv eigenständiges Gebiet unter Verzicht auf völlige Integration“ mit „Ausländerwohnungen“ mit „bescheidener Wohnungsmodernisierung“ und „eigenen Kleinbetrieben“ mehr sein, sondern ein modernes Wohn- und Geschäftshaus, in welchem sich die Kulturen mischen, und wo ein neues, gemeinsames Mülheim entsteht.
 
Die Pläne dafür liegen der Öffentlichkeit seit September 2010 vor. Was fehlt, ist ein geeignetes Grundstück. Es ist klar, dass ein solches Gebäude nur in der Keupstraße stehen kann, dort, wo noch freier Platz ist: Auf der Industriebrache „Alter Güterbahnhof“, wo Pfingsten zum 10. Jahrestag des Nagelbombenattentats das Birlikte-Kulturfest stattfand, über das die NRhZ in der Fotogalerie berichtete.
 
Nun ist die Politik gefragt. An ihrer Reaktion werden wir sehen, ob sich am Verhältnis zu den Einwanderern in der Keupstraße wirklich etwas geändert hat, oder ob wir wieder mal nur schöne Reden hören. (PK)
 
Rainer Kippe ist einer der Gründer der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) und kandidierte zur Kommunalwahl neben einem Dutzend weiterer engagierter Mülheimer BürgerInnen für die Mülheimer Bürgerliste (MBL), die vor allem wegen des von der Kölner SPD verschlampten EU-Angebots "MÜLHEIM 2020" gegründet wurde.


Online-Flyer Nr. 463  vom 18.06.2014

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