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Aktueller Online-Flyer vom 20. November 2017  

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Krieg und Frieden
Eine US-Politik vollständiger Unterstützung der israelischen Rechten
"Im eigenen Saft"
Von Uri Avnery

Einer Pressemeldung zufolge hat Präsident Barack Obama beschlossen, Benjamin Netanjahu und Mahmoud Abbas „im eigenen Saft schmoren zu lassen“. Das klingt, als wäre es fair. Die Vereinigten Staaten haben sich sehr darum bemüht, Frieden zwischen Israel und Palästina zu stiften. Der arme John Kerry hat fast seine gesamte beträchtliche Energie darauf verwendet, beide Seiten dazu zu bringen, sich zu treffen, zu reden und Kompromisse zu schließen. Am Ende von neun Monaten fand er heraus, dass es eine Scheinschwangerschaft gewesen war. Kein Baby, nicht einmal ein Fötus. Gar nichts.
 

Mahmoud Abbas und Benjamin Netanjahu vor
einem Jahr
NRhZ-Archiv
Der Ärger der amerika-nischen Führung ist also durchaus berechtigt. Ärger über beide Seiten. Keine von beiden hat auch nur die geringste Bereitschaft gezeigt, ihre Interessen aufzugeben, um Obama oder Kerry einen Gefallen zu tun. Undankbar sind sie, diese Nahöstler! Die Reaktion scheint also durchaus gerechtfertigt: Ihr wollt unsere Wünsche nicht erfüllen, dann geht zum Teufel, alle beide.
 
DAS BEDEUTSAME Wort in diesem Satz ist: „beide“. Aber „beide“ beruht auf einer Lüge.
Wenn jemand sagt, „beide“ hätten sich nicht erwartungsgemäß verhalten, „beide“ hätten nicht die „notwendigen schweren Entscheidungen“ getroffen, „beide“ sollten im eigenen Saft schmoren, dann geht er bewusst oder unbewusst davon aus, dass sie gleich stark wären. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt.
Israel ist in jeder materiellen Hinsicht unermesslich viel stärker als Palästina. Das eine gleicht einem amerikanischen Wolkenkratzer, das andere einer baufälligen Holzhütte. Palästina muss die Besetzung durch die andere Hälfte der „beiden“ ertragen. Die Palästinenser sind aller menschlichen Grundrechte und aller bürgerlichen Rechte beraubt. Das Privateinkommen ist in Israel 20-mal höher als in Palästina. Das sind nicht etwa 20%, sondern Schwindel erregende 2000%. Militärisch ist Israel eine Regionalmacht und in mancher Hinsicht eine Weltmacht. Wenn man angesichts dieser Realität „beide“ sagt, ist das bestenfalls ahnungslos, schlimmstenfalls zynisch. Die bloße Darstellung dieses Bildes von „beide“ ist gleichbedeutend damit, dass man die israelische Narration übernimmt.
 
WAS BEDEUTET es also, wenn man sagt, „beide“ sollten im eigenen Saft schmoren? Für Israel bedeutet es, dass es weiterhin neue Siedlungen auf arabischem Boden im besetzten Westjordanland baut, ohne dass sich von außen jemand einschaltet. Israel kann das Leben im Westjordanland und im Gazastreifen noch härter machen und hoffen, dass immer mehr Palästinenser lieber das Land verlassen, als das weiterhin zu ertragen. Willkürliche Tötungen von Zivilisten durch Besatzungssoldaten kommen alle paar Tage vor.
Einigen von uns ist klar, dass dieser Kurs in eine Katastrophe in Form eines bi-nationalen Staates führt, in dem die immer größer werdende entrechtete arabische Mehrheit von der jüdischen Minderheit regiert wird. Das nennt man Apartheid. Aber die meisten Israelis erkennen das nicht.
Israelis sind glücklich und niemals glücklicher als in dieser Woche. In einer modernen Wiederholung der biblischen Geschichte von David und Goliath hat die Maccabi-Basketball-Mannschaft aus Tel Aviv in der europäischen Meisterschaft die wunderbare Real-Madrid-Mannschaft geschlagen. Der Nationalstolz hat sich zu olympischen Höhen erhoben. (In einem kindischen Wettlauf haben Präsident Peres und Ministerpräsident Netanjahu versucht, die Gewinner-Mannschaft auf ihrem Weg zum Volksempfang auf dem Rabin-Platz abzufangen, um sich in ihrem Ruhm zu sonnen.)
Israel kann also glücklich schmoren, und zwar um so mehr, als die USA weiterhin ihren Tribut von jährlich drei Milliarden Dollar zahlen, uns mit Waffen versorgen und ihr Vetorecht in den UN dazu ausnutzen, uns vor internationaler Kritik zu schützen.
 
FÜR DIE palästinensische Seite von „beide“ bedeutet im eigenen Saft schmoren etwas ganz anderes. Die Bemühung, eine Versöhnung zwischen Fatah und Hamas zu erreichen, geht nur langsam vorwärts und kann jeden Augenblick zusammenbrechen. Es kommt dabei auf Abbas’ Erfolg bei der Bildung einer Einheitsregierung an, die aus unparteiischen „Technokraten“ besteht und deren Bedingung Hamas’ Bereitschaft ist, ihre Alleinherrschaft im Gazastreifen aufzugeben.
Fast alle Palästinenser wollen Einheit, aber die ideologischen Differenzen gehen tief (in der Praxis sind die Differenzen jetzt allerdings viel oberflächlicher geworden). Aber selbst wenn etwas wie eine Einheit erreicht und – gegen Israels Wunsch – von der internationalen Gemeinschaft anerkannt wird, was können die Palästinenser tatsächlich ohne Gewaltanwendung tun?
Sie könnten mit Unterstützung Saudi Arabiens und der Militärjunta in Ägypten einen direkten Kontakt zwischen dem Westjordanland und Gaza einrichten und die israelische Blockade des Gazastreifens durchbrechen.
Sie können sich für die Zulassung in einigen weiteren internationalen Agenturen bewerben und sich für weitere positive Resolutionen der UN-Generalversammlung einsetzen. Die Entscheidungen der Generalversammlung, in der die USA kein Vetorecht haben, haben jedoch nur wenig konkrete Auswirkungen.
Sie können europäische Länder und die internationale Boykott-, Kapitalabzug- und Sanktionen-Bewegung dazu anregen, den Boykott gegen die Siedlungen oder gegen ganz Israels zu verstärken.
Alles zusammengenommen, ist das nicht viel. In der Schmor-Zeit wird sich das Macht-Ungleichgewicht zwischen den „beiden“ Parteien noch vergrößern.
Wenn das Schmoren lange genug anhält, wird die „gemäßigte“ Führung der Fatah und Hamas weggeschwemmt und die palästinensische Gewalt wird wieder ihr Haupt erheben.
Schlussfolgerung: „Beidheit“, die auf den ersten Blick so fair und unparteiisch aussieht, ist in Wirklichkeit eine Politik vollständiger Unterstützung der israelischen Rechten.
 
WIRD DAS die anti-israelischen Gefühle im Ausland verstärken?
Vor zwei Wochen hat eine jüdische Organisation in den USA eine Bombe platzen lassen: In jedem Land der Welt gibt es Antisemitismus, von 91% im Westjordanland bis 2% in Laos. (Man mag sich fragen, woher die Laoten Juden für ihren Hass nehmen.)
Jeder Fünfte auf der Erde hegt antisemitische Vorurteile. Das sind mehr als eine Milliarde Menschen!!!
Die Organisation, die so viel Geld ausgegeben hat, um eine derartige weltweite Befragung durchzuführen, ist die (Anti-)Diffamierungs-Liga. Ich setze „anti“ in Klammern, weil ihr eigentlicher Name Diffamierungs-Liga sein sollte. Sie ist so etwas wie eine Gedanken-Polizei in den Händen des rechts gerichteten amerikanischen jüdischen Establishments.
(Vor vielen Jahren, als ich Abgeordneter in der Knesset, MK, war, wurde ich eingeladen, an 20 erstklassigen amerikanischen Universitäten Vorträge zu halten. Die Gastgeber waren jüdische Geistliche, die zum Bnei Brith (Beit Hillel)-Orden gehören. Im letzten Augenblick wurden 19 Vorträge abgesagt. In einem geheimen Brief hatte die Diffamierungs-Liga den Geistlichen mitgeteilt: „Zwar kann man MK Uri Avnery nicht direkt einen Verräter nennen…“ usw. usw. Am Ende fanden alle Vorträge unter der Schirmherrschaft christlicher Geistlicher statt.)
Die Veröffentlichung des verheerenden Resultats der Befragung deckte eine seltsame Tatsache auf: Nachrichten über das Ansteigen des Antisemitismus werden von vielen Juden mit einer Art seltsamer Freude aufgenommen.
Über dieses Phänomen habe ich mich oft gewundert. Für Zionisten ist die Antwort einfach: Die Begriffe Antisemitismus und Zionismus wurden wie Siamesische Zwillinge gleichzeitig geboren. Der Antisemitismus hat seit eh und je Juden nach Israel getrieben und tut das auch heute noch (vor einiger Zeit aus Russland, jetzt aus Frankreich).
Für andere Juden ist die Quelle der Freude weniger offensichtlich. Juden in Europa waren so lange Zeit von Antisemiten umgeben, dass ihr Anblick für sie normal war. Wenn Juden immer wieder Antisemiten entdecken, bekommen sie das Gefühl der Normalität.
Und da sind natürlich die unzähligen Angestellten der Liga und anderer jüdischer Organisationen, die ihren Lebensunterhalt aus der Enttarnung von Antisemiten beziehen.
Die Interpretation der Umfrage an sich ist natürlich vollkommener Blödsinn. Leute, die Bedenken gegen die israelische Politik erhoben, wurden als Antisemiten eingestuft. Ebenso alle Bewohner der besetzten Gebiete, die ihre Besatzer nicht mögen. Muslime im Allgemeinen, die Israel in schlechtem Licht sehen, sind natürlich Rassisten. Eine ähnliche Befragung über anti-russischen Rassismus würde in der Ukraine wahrscheinlich zu denselben Ergebnissen kommen.
 
EINE ÄHNLICHE Initiative unternimmt in dieser Woche der Kongress der International Association of Jewish Lawyers and Jurists.
"Jüdische Juristen" klingt schon fast wie eine Tautologie. Jede jüdische Mutter möchte mit „mein Sohn, der Arzt“ oder „mein Sohn, der Rechtsanwalt“ prahlen können. In den USA und vielen anderen Ländern machen jüdische Rechtsanwälte und Richter anscheinend die Mehrheit aus. 
Dieser Kongress hat ein besonderes Ziel: Er will die UN überzeugen, dass sie Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) abschaffen soll. Dieses befasst sich mit den Angelegenheiten der palästinensischen Flüchtlinge. Es wurde nach dem 1948er Krieg geschaffen, als etwa 750.000 Palästinenser flohen oder aus dem Gebiet vertrieben wurden, das dann zu Israel wurde. Ihre Nachkommen, die auch als Flüchtlinge anerkannt sind, belaufen sich inzwischen auf etwa sechs oder sieben Millionen.
UNRWA sorgt für Ernährung, Schutz und Bildung dieser Flüchtlinge. Es stimmt: Es ist eine einzigartige Institution, ein Ausdruck des schlechten Gewissens der UN. Die Flüchtlinge keines anderen Landes haben eine derartige, für sie sorgende Organisation. 
Jetzt starten die jüdischen Juristen einen direkt von Israel geleiteten Angriff, um diese Organisation ganz und gar abzuschaffen. Ich vermute, das Ziel dieses Angriffs ist, die Flüchtlingslager, die in einigen Israel umgebenden Ländern existieren, aufzulösen - dabei fallen einem Sabra und Schatila ein – und die Flüchtlinge über den Planeten zu zerstreuen, wo sie der Netanjahu-Regierung weniger Kopfschmerzen bereiten werden.
 
ALLES DAS geschieht im Namen von Fairness und Gleichheit. Israelis und Palästinenser können „beide“ im eigenen Saft schmoren. Allerdings sind die Säfte sehr unterschiedlich. (PK)
 
Uri Avnery, geboren am 10. September 1923 in Deutschland, ist israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist. Er war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat einer  unserer Autoren für die NRhZ rezensiert. Für die Übersetzung dieses Buches und des hier vorliegenden Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler.    
 


Online-Flyer Nr. 460  vom 28.05.2014

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