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Aktueller Online-Flyer vom 23. Mai 2017  

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Krieg und Frieden
Interview mit Veronika Thomas-Ohst anlässlich der 15. Aachener Friedenstage
Die Kraft der leisen Parolen
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Nie wieder mit Pauken und Trompeten in den Krieg! Statt dessen mit Kunst, Kultur und leisen Tönen für den Frieden werben – das ist Ziel der aktiven friedenspolitischen Initiative Euregioprojekt Frieden, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts besteht. Durch Impulse aus der Kunst soll eine klärende Auseinandersetzung in Gesprächen, Vorträgen, Ausstellungen, Spielen, Konzerten und gemeinsamen Kampagnen, in Projekten zu allen Formen der Kunst stattfinden. Veronika Thomas-Ohst war 15 Jahre Vorstandsfrau im Verein Aachener Friedenspreis. Heute ist sie Vorsitzende des Euregioprojekt Frieden e.V. mit Sitz in Aachen. Die Veranstaltungen der Friedenstage im deutsch-niederländischen Grenzgebiet sind bis einschließlich 13. April in vollem Gange.


Veronika Thomas-Ohst am 22. März 2013 bei der Theateraufführung „Das blaue Wunder“ der Berliner Compagnie im Rahmen der 14. Aachener Friedenstage
Foto: arbeiterfotografie.com

Frage: Im Jahr 2000 wurden die ersten Aachener Friedenstage durchgeführt. Wie kam es dazu? Wer und was waren die treibenden Kräfte?

Veronika Thomas-Ohst: Nach heftigen Debatten im Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. (AFP) zum Nato-Einsatz gegen Serbien im Jahr 1999, die für Umwälzungen in den politischen Lagern und zu Spaltungen in den Parteien führten, machten sich Künstler in und um Aachen auf, die Initiative AFP, die Bürgerbewegung von unten, mit der Frage zu konfrontieren: Was können wir als Künstler tun, um eine Eskalation zu verhindern, was können wir tun um zum friedlichen Miteinander beizutragen und Kriege zu verhindern? Ihre Anregung: Kultur neben Kampfreden für Frieden und Freiheit! Poesie statt Pamphlete, Musik zu den Massenkundgebungen, die vielleicht neue Perspektiven eröffnen. Keine leeren Worthülsen zur Sedierung, zur Ruhigstellung der Bevölkerung! Ihre Anregung führte zu der Erkenntnis, dass die bisher benutzten Mittel zur friedlichen Konversion erweiterungsfähig sind und mit neuen Stilmitteln zu neuen Erkenntnissen führen sollen. Vorstandsbeschluss 1999: Eine Botschaft des Friedens, ausgesendet aus der altehrwürdigen Aula Carolina in Aachen, soll einen neuen Pfad bereiten, um die Forderung nach Frieden zwischen den Menschen aus Sicht der Künstler darzustellen.

Ein- und Ausgliederung und Wiederein- und Ausgliederung dieser Wirkungsabsicht aus dem Aachener Friedenspreis. Wie ist das vorstellbar?

Nachdem die von mir so benannten "Aachener Friedenstage" zu Auseinandersetzungen im Vorstand des AFP führten mit der Begründung, Kunst und Kultur seien nicht geeignet zur politischen Demonstration, gründete ich mit gleichgesinnten Freunden im Jahr 2001 das Euregioprojekt Frieden e.V. (EPF), um die politischen Stilmittel Kunst und Wissenschaft zu den Aachener Friedenstagen lebendig zu erhalten. Diese Entwicklung führte dazu, dass zwei Vereine in Aachen mit unterschiedlicher Ausrichtung Friedenstage durchführten, was wiederum zu Fragen in der Öffentlichkeit führte.

Nachdem im Jahr 2006 ein neuer Vorsitzender des AFP unsere Überzeugung teilte und mich bat, die kulturelle Arbeit wieder in den Aachener Friedenpreis einzubringen, traten fast alle Mitbegründer des EPF in den Verein AFP ein. Gemeinsam erzielten wir auf diese Weise die Bündelung der Kräfte und die Erweiterung der Friedenstage.


Bunker I, Gemälde von Gerd Lebjedzinski, 1984

2012 sind die Aachener Friedenstage im dreizehnten Jahr ausgefallen. Warum?

Die unterschiedlichen Ideologien im Verein Aachener Friedenspreis, die sowohl für spannende Debatten sorgten, als auch zu heftigen Auseinandersetzungen führten, welche gleichzeitig Anziehung und Ablehnung bedeuteten, ergaben letztendlich den endgültigen Bruch im Vorstand des AFP im Jahr 2011.

Im vergangenen Jahr (2013) fanden die Aachener Friedenstage unter alleiniger Verantwortung des (wiederbelebten) Euregioprojekt Frieden statt. Wie gestaltete sich der Neustart?

Nachdem der im Jahr 2011 gewählte Vorstand des AFP neue Strategien einführte, die offensichtlich mit weniger Einsatz von unten zu mehr Erfolg in der Öffentlichkeit führen sollen, wurden viele obligatorische Veranstaltungen, vor allem aber die Friedenstage als politisches Demonstrationsmittel gestrichen. "Es sind keine Kapazitäten für diese Angebote verfügbar!", hieß es. Der Aachener Friedenpreis wird seinen Satzungszielen nicht mehr gerecht werden können, weshalb auf der letzten Vorstandssitzung erneut Satzungsänderungen angekündigt wurden, die in einem Treffen hinter verschlossenen Türen abgesprochen wurden. Ein Grund mehr, sich auf die bewährten Stilmittel zu besinnen, um der Kunst und der Wissenschaft erneut Raum und Gestaltungsmöglichkeiten zu geben. Die 14. Aachener Friedentage im vergangenen Jahr waren sehr erfolgreich. Sie beinhalteten ein Versöhnungsangebot. (Die NRhZ berichtete in Flyer 398).

Ein tragender Gedanke des Euregioprojekt Frieden als Ausrichter der Aachener Friedenstage ist die Einbeziehung von Kunst. Wie ist Deine Erfahrung, dass die Kunst die Menschen erreicht, wo die Politik versagt?

Die Energien der nonverbalen Mitteilungen und Botschaften sind bedeutsamer und wirkungsvoller als alle lauten Parolen gegen die Mächtigen und Herrschenden dieser Welt!

Als AFP-Vorstandsmitglied unterstützte ich die Initiative der Pianistin Helene Albrecht, damals in Aachen, heute in London lebend, und überzeugte den Vorsitzenden von der Kraft der leisen Parolen.

Du hast lange Jahre Vorstandsarbeit im Aachener Friedenspreis geleistet. Und Du hast viele Preisträger betreut und hältst Kontakt bis heute. Was bedeuten Dir die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse mit den PreisträgerInnen?

Seit über 20 Jahren arbeite ich ehrenamtlich in unterschiedlichen Aachener Gremien der Friedensbewegung. Davon 15 Jahre im Vorstand des AFP. Während dieser Zeit kamen drei meiner Preisträgervorschläge zum Ziel, indem sie von der Mitgliedschaft gewählt wurden: Kazuo Soda, Machsom Watch und das einzige politische Tourneetheater, die Berliner Compagnie. Die Kölner Klagemauer wurde von mir "adoptiert", ich betreue und begleite sie seit 1998. Der Lohn meiner Arbeit sind die daraus entstandenen Freundschaften mit den Friedensaktivisten, die wirklich von unten beitragen zu Aufklärung und Frieden in der Welt. Ein unbezahlbares Agens, um Angriffe, Verleumdungen und Ignoranz der so genannten Friedensfachkräfte in unterschiedlichen Organisationen zu begegnen und auszuhalten.

"Der äußere, politische Friede ist vom inneren Frieden nicht zu trennen", so das Euregioprojekt. Was bedeutet Frieden auf der zwischenmenschlichen Ebene. Gibt es ein Rezept, Rivalitäten (durch pure Karrieristen) zu stoppen, üble Unterstellungen wie „Antisemitismus“ im offenen Diskurs zu klären?

Karrieristen und Verleumder zu stoppen, ist nur mit positivem menschlichem Verhalten möglich! "Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine menschliche Chance. Aber er ist grenzenlos verantwortlich für diese Chance." Mit diesem Satz von Albert Camus beantworte ich diese Frage. Einen offenen Diskurs über den Vorwurf des Antisemitismus gab es im Aachener Friedenspreis bisher nicht annähernd. Ich persönlich musste mich mit einem Schreiben an den Leiter des politischen Instituts der RWTH in Aachen gegen Diffamierungen eines Dozenten wehren, der mich öffentlich als eindeutig "antisemitisch" charakterisiert hatte.

Streitkultur ist ein hohes Gut in einer freien Gesellschaft. Wie muss sie gepflegt werden? Eine weitere der tragenden Säulen beim Euregioprojekt Frieden ist – neben der Kunst – die Psychologie. Sind wir therapiebereit und damit therapierbar?

Ob ein Mensch therapiefähig ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Letztendlich entscheidet m. E.  sowohl der Leidensdruck als die Intelligenz eines Menschen über einen therapeutischen Erfolg, das heißt über die Erkenntnis seiner Entfremdung und über die Möglichkeit und Fähigkeit der Integration aller seelischen Anteile.

Im 15. Jahr der Aachener Friedenstage befinden wir uns im Jahr der großen Kriegs-"Jubiläen": Vor 100 Jahren der Beginn des Ersten Weltkrieges mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen und Giftgas, vor 75 Jahren Beginn des Zweiten Weltkriegs und vor 15 Jahren der völkerrechtswidrige Überfall auf die Bundesrepublik Jugoslawien mit deutscher Beteiligung unter einer rot-grünen Regierung, die sich programmatisch als gewaltfrei darstellte. Wie ist im Hinblick darauf das diesjährige Programm ausgerichtet?

Das Theater der Mies-van-der-Rohe-Schule bezieht sich auf die Aufpeitschung zur Begeisterung für den Krieg und die Ernüchterung, den realen Schrecken. „1914-2014 Hurrah“. Was Voraussetzung ist, um Kriege zu beginnen und was Voraussetzung ist, sich dem Kriegswahnsinn (Feindbild durch Entmenschlichung) entgegenzustellen, zeigt der Film „Wir weigern uns Feinde zu sein / Liebe Grüße aus Nahost“ von Stefanie Landgraf und Johannes Gulde (der am Tag der Vorführung anwesend sein wird), am Beispiel einer Reise von Jugendlichen nach Israel und ins besetzte Westjordanland mit Reiseführern aus Israel und Palästina. Wenn Feindbilder aus den Köpfen verschwinden und gegenseitige Projektionen zurückgenommen werden, könnte Frieden gelingen. Davor herrscht aber wohl die größte Angst.  (Link auf das gesamte Programm)


Veranstaltungsort in der Kopermolen in Vaals/NL am 27. März 2014. Vortrag des Aachener Psychoanalytikers Thomas Auchter zum Thema
"Von der Unschuld zur Verantwortung" vor dem Tryptichon „Weltenbrand“ von Gerd Lebjedzinski
Foto: arbeiterfotografie.com / kho

Die Aachener Friedenstage wollen gemeinsam mit Menschen, die sich mit ihrer Kunst und ihrem Wissen für den Frieden und gegen die Kriege in der Welt einsetzen, eine Brücke bauen von der Vergangenheit zur Gegenwart. Hilfreich ist da Sören Kirkegaard mit seiner Aussage, die wir dem Haupttitel „1914-2014. Kriegszeiten – Friedenszeiten“ hinzugefügt haben: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts.“

Du hast langjährige und vielfältige, teils sehr persönliche Medienerfahrung. Wie lässt sich Falschberichterstattung torpedieren? Wie überwinden wir die Feindbilder – im Kleinen und im Großen, im "Äußeren, Politischen" wie im "Inneren"?

Wie Meinungen in Köpfen entstehen, ist Insidern bekannt, weshalb auch bekannt ist, mit welch enormer Macht Medienkonzerne ausgestattet sind, Weltpolitik zu betreiben. Feindbilder entstehen durch Abspaltung  eigener "Schattenanteile"; d.h. durch Projektion! Die Frage nach Herkunft und Gründen für die Verhaltensweise der "Feinde" nicht gestellt zu haben, bedeutet, sich auf die eigenen Lichtseiten zu kaprizieren, eine Ideologie zu produzieren, die sich selbst als nur gut und die Widersacher als nur schlecht einstuft. Das kann nicht zu friedlichen Verhaltensmustern führen, weil es nicht nur Gut und Schlecht, nicht nur Schwarz und Weiß gibt! Seht die eigenen Grauzonen, umarmt Eure Feinde! Nicht aus strategischen, aus friedlichen und menschlichen Gründen!

Wie sind die weiteren Pläne des Euregioprojekts Frieden?

Wir werden in der Euregio Rhein-Maas die Bündelung der friedenspolitischen Kräfte durch Netzwerke (Belgien, Niederlande, Deutschland) forcieren und gemeinsame Projekte gestalten. So sind wir beispielsweise neben der Organisation der 15. Aachener Friedenstage derzeit damit beschäftigt, das politische Tournee-Theater Berliner Compagnie mit dem Stück "Stille Macht" nach Eupen /Belgien zu verpflichten, eine Persiflage zum Thema Lobbyismus; nahe Brüssel sehr "nahe liegend"! Der Termin steht schon fest: am 19. September 2014, im Jünglingshaus in Eupen.
Weiterhin werden wir die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg pflegen, kausale Zusammenhänge, wenn möglich erfassbar machen und alle Initiativen unterstützen, die sich für  Frieden in der Welt einsetzen.

Gibt es einen persönlichen Zukunftswunsch?

Die Generation meiner Enkelinnen (8 und 11 Jahre alt) zu verschonen von den Folgen der Irrtümer und Fehler, die zu ihren Lasten von unserer Generation bewusst oder unbewusst prozessiert und gelebt wurden. Eine wahre Irrfahrt...

JA! Ich möchte mich weiterhin einmischen in politische Entwicklungen, unter Einbeziehung von Literatur, bildender Kunst, Musik, Theater und psychologischen Aspekten, ohne auf öffentliche Demonstrationen zu verzichten.


„Venezianisches Mädchen“, Gemälde von Gerd Lebjedzinski, 2003

"Wunder" geschehen wirklich! Sollte dieser Satz zu religiös erscheinen, gilt für mich nach wie vor die Erkenntnis: Es gibt immer wieder Oderfluten, die Politiker mächtig halten! Solange die Menschen (Wähler) nicht eigenständig denken und emanzipiert handeln, wird sich das kaum ändern. Dennoch, und gerade deshalb, Friedensarbeit und Aufklärung, Bewusstsein schaffen und Kulturarbeit als Lebenssinn zu betrachten, ist meine tiefe Überzeugung! (PK)


Hinweise:

15. Aachener Friedenstage
Motto: 1914-2014 Kriegszeiten - Friedenszeiten
veranstaltet vom Euregioprojekt Frieden e.V. Aachen
http://www.euregioprojekt-frieden.org

Jürgen Grässlin liest aus seinem
Schwarzbuch Waffenhandel
21. März 2014, 20 Uhr / Eintritt frei
Haus der evangelischen Kirche, Aachen, Frère-Roger-Str. 8-10

Der Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter spricht zum Thema
Von der Unschuld zur Verantwortung
27. März 2014, 18 Uhr / Eintritt frei
Centrum voor Kunst en Cultuur Kopermolen, Vaals (NL), Von Clermontplein 11

Dokumentarfilm der Filmemacher Stefanie Landgraf und Johannes Gulde zur Situation in Israel/Palästina
Wir weigern uns Feinde zu sein
31. März 2014, 18 Uhr / Eintritt frei
Haus der evangelischen Kirche, Aachen, Frère-Roger-Str. 8-10

Die Ensemble-Mitglieder von rohestheater Aachen singen, spielen, tanzen und hinterfragen auf ihre Art den Krieg, ausgehend von historischen und aktuellen Feldpostbriefen. Sie bauen eine ganz besondere Brücke zu Freund und Feind und zu ihren eigenen Wurzeln.
1914-2014 HURRA
5. April 2014, 20 Uhr / 9 Euro, ermässigt 5 Euro
Aula der Mies-van-der-Rohe-Schule, Aachen, Neuköllner Str. 15

Der Rezitator Andreas Grude spricht und kommentiert Gedichte, Einsichten, Reflexionen und Kommentare zur Lage der Nation, von Bachmann bis Tucholsky, von Goethe bis Ringelnatz.
Politische Poesie der Jahrhunderte
13. April 2014, 18 Uhr / 5 Euro
Annakirche, Aachen, Annastr. 35

Programmfaltblatt:
http://www.euregioprojekt-frieden.org/media/media/pdf/Flyer%2015%20AFT.pdf


Vorschau:

„Stille Macht“
Theateraufführung der Berliner Compagnie
19. September 2014
Kulturzentrum Jünglingshaus
Neustraße 86
4700 Eupen / Belgien

Kartenbestellung
http://users.belgacombusiness.net/kulturelleskomitee-eupen/page4.html

Online-Flyer Nr. 451  vom 26.03.2014

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