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Aktueller Online-Flyer vom 27. Juni 2016  

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Lokales
„In betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher“ (Kapitel 2)
Unheiligsprechung von Kardinal Meisner
Von Werner Rügemer

Aus Anlass des Rücktritts von Joachim Meisner als Kölner Erzbischof brachten wir in der letzten Ausgabe das Kapitel I seiner notwendigen Unheiligsprechung. Dabei ging es um seine ersten zwei Sünden als Befürworter christlicher Kriege und als Lobredner für den korrupten Ex-Kölner Oberbürgermeister und bundesdeutschen Kanzler Konrad Adenauer. Hier folgt Kapitel 2 mit zwei weiteren schweren Sünden.


Karikatur: Kostas Koufogiorgos
 
Schwule, Drogen, Antibaby-Pille
 
Wie gesagt, die christliche Milde galt nur eingeschränkt. Homosexualität dagegen sei „im Kern verderblich“, die Menschheit richte sich damit „selbst zugrunde.“ Ebenso gnadenlos und fundamentalistisch hetzte der Kardinal gegen abtreibende Frauen und gegen Drogen. „Im Mittelalter hatten wir viel Religion und keine Drogen – heute haben wir keine Religion und viele Drogen“: Das war eine seiner beliebten Diagnosen. Die europäische Werteordnung sei in gleicher Weise noch durch Terroristen und Wissenschaftsgläubige bedroht: Überall fehle der Gottesbezug.
Das Mittelalter dagegen liebt er, wobei er die wirklichen Verhältnisse verschwieg: Da herrschten nach Gottes Gnaden eine reiche Kirche und kriegführende Feudalherren über Bauern und Städter. Die Herzöge von Jülich und die Grafen von Berg lieferten sich blutige Kriege, um Bischof im reichen Kölner Erzbistum zu werden. Es war eng mit dem Adelsclan der Staufer verbunden. Da konnte der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, zugleich Kanzler des antiislamischen Kreuzzüglers Kaiser Barbarossa, im Mailänder Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige rauben und damit Köln zur reichsten Pilgerstätte Europas machen.
Meisner verglich die Abtreibung mit dem Judenmord unter Hitler. „In unserer Zeit werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthanasie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegen Gott“. Seine Kritik am NS-Regime war aber nicht besonders glaubwürdig, denn er rutschte schon mal selbst in dessen Sprachgebrauch: Ohne Gottesbezug sei heute die Kultur „entartet“.
Natürlich wetterte der sexuell Obsessive auch gegen die Anti-Babypille. Die Ehe zwischen Mann und Frau mit möglichst vielen Kindern sei die „Keimzelle des Staates“. In Ostdeutschland sei die Geburtenrate sogar noch niedriger als in Westdeutschland, klagte er und fantasierte: Das komme, weil es im gottlosen Osten zu viele Kinderkrippen gebe, als sozialistisches Erbe sozusagen.
Und wenn schon keine Kinder, so müssten Mann und Frau zumindest kirchlich verheiratet sein. So konnte er in die CDU hineinregieren: Er zwang Angela Merkel, ihre „wilde Ehe“ zu verlassen, bevor sie nach ihrem Förderer Helmut Kohl CDU-Vorsitzende werden durfte. (Merkel war auch hier folgsam)
Durch diese Zwänge wollen Meisner und seinesgleichen das schlechte Gewissen der kirchlichen Schäfchen zur Gewohnheit machen – so bleiben sie folgsam und beherrschbar, die zum heuchlerischen Zölibat verpflichteten Priester und Nonnen und das Kirchenvolk. Dazu gehört Meisners extrem autoritärer Führungsstil. Den gottgewollten „Gehorsam“ begründet er mit einem seiner Lieblingssprüche: Die Menschen haben zwei Ohren, aber sie haben nur einen Mund! Will sagen: Die Menschen sollen ihren Oberen gut zuhören, aber ansonsten die Klappe halten!
Das war die dritte schwere Sünde: Lebens- und Menschenfeindlichkeit, Lob der Heuchelei.
 
McKinsey, Immobilien, Rüstungsaktien



Meisner, gelernter Bankkaufmann, predigte seinen Schäfchen und auch immer wieder den Militärs das Leben in Einfachheit. Der mit einem Generalsgehalt alimentierte Prediger der Einfachheit, der sich im 7erBMW bis knapp vor das Domportal chauffieren ließ, hat dagegen ein inniges, weitgehend geheimgehaltenes Verhältnis zum Reichtum.
Dass er seinen Bruder im Geiste, den meineidigen Protzbauten-Bischof von Limburg, Tebartz van Elst, unterstützte („Er ist der ärmste Hund unter den Bischöfen“), war selbstverständlich. Zur Umstrukturierung der Verwaltung – das größte deutsche Bistum hat 50.000 hauptamtlich Beschäftigte - engagierte Meisner die Unternehmensberater von McKinsey: Arbeitsplätze in Schulen, Caritas und Kindergärten waren abzubauen. Zum Ausgleich sprang der Protzbau des bischöflichen Kolumba-Museums heraus - mit 43 Millionen teurer als Tebartz’s Palast.
Unter Meisner explodierten die Geldanlagen des Erzbistums, getarnt durch Briefkastenfirmen. Hochpreisige Seniorenresidenzen wie die neben dem Kölner Dom, Luxus-Immobilien auf der Düsseldorfer Königsallee, am Hamburger Neuen Wall und im Kölner Einkaufszentrum bringen hohe Renditen. Die Mieter Gucci, Armani, Mediamarkt, C&A, H&M und Tamaris zahlen hohe Mieten. Die „BRD Domkloster Cologne B.V.“ wird vom Briefkasten-Treuhänder TMF in Amsterdam verwaltet, wo auch die US-Investmentbanken J.P. Morgan und Morgan Stanley ihre Steuern hinterziehen, pardon „gestalten“. Das nutzt auch das Kölner Erzbistum, einer der großen Abgreifer von Steuermitteln in Deutschland.
Die traditionelle Bank des Bistums, die PAX-Bank, genügt seit Meisners Regiment den Anforderungen nicht mehr. Sie arbeitet zusammen mit einem global player, der Privatbank M.M Warburg - natürlich nach den „ethischen und moralischen Normen der katholischen Kirche“. Deshalb sind Pornoshops als Mieter ausgeschlossen. Die Moral sieht dann aber so aus: Die diversen Fonds, gemanagt von einem Ex-Deutschbanker, sind gefüllt u.a. mit Aktien des US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin, der Bank of America und der Allianz (Rohstoff- und Agrarspekulationen), von McDonald’s (Gewerkschaftsfeind) und Daimler (Landminen und sonstige Rüstungsgüter). Auch Aktien der Pharmakonzerne Novartis und Sanofi gehören schon mal zum Portfolio: Sie stellen die ansonsten so verteufelten Antibaby-Pillen und die „Pille danach“ her. Doppelmoral ist selbstverständlich.
Wohin fließen die Erträge? In die vielen Stiftungen des Erzbistums? Der veröffentlichte Haushalt des Erzbistums ist vom nicht veröffentlichten Haushalt des „Bischöflichen Stuhls“ getrennt: Der ist zuständig z.B. für Stiftungen und Erbschaften. Da geht’s wohl ähnlich zu wie in der mafiotisch durchsetzten Vatikanbank: Seit 1991 ist Meisner Mitglied der Präfektur für die ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls.
Zusammen mit Papst Woytila sorgte er dafür, dass die beiden wichtigsten Finanzoasen in Europa zu Erzbistümern erhoben wurden. Das winzige Liechtenstein mit seinen 35.000 Einwohnern wurde 1997 zum Erzbistum hochgepuscht. Es untersteht direkt dem Heiligen Stuhl in Rom. Schon 1988 war die Diözese des Kleinstaats Luxemburg zum Erzbistum erhoben worden.
Bei Multimillionären verzichtet die von McKinsey aufs Kürzen getrimmte Kirche gern auf Einnahmen. Klaus Esser, Ex-Vorstandschef des Mannesmann-Konzerns, hatte durch seine Verhandlungsführung dem Käufer von Mannesmann, dem Vodafon-Großaktionär Li Kascheng aus Hongkong, einen Gewinn von 8 Milliarden verschafft. Der gute Li zeigte sich mit einem 30 Millionen-Bonus an Esser erkenntlich. Da Esser auch ein treues Mitglied der Kirche ist, wurde ihm – zunächst – darauf auch die Kirchensteuer abgezogen, 500.000 Euro. Er empfand das aber als Ungleichbehandlung, denn entlassene Verkäuferinnen bei Karstadt bekämen auf ihre Abfindungen einen Kirchensteuer-Rabatt.
Sofort ließ der Kirchensteuer-Rat des Erzbistums Esser die Hälfte rückerstatten, 250.000 Euro. Das hätte mehreren Erzieherinnen zu einem Arbeitsplatz verholfen. Aber wesentlich war: Es verhalf dem mit der Karstadt-Verkäuferin nun Gleichgestellten zum öffentlich vor Gericht geäußerten Bekenntnis (er stand zusammen mit Deutschbanker Ackermann wegen Untreue unter Anklage): „Ich bin mit mir und dem lieben Gott im Reinen.“
Als Papst Benedikt in Köln den Weltjugendtag feierte, gab das Bistum den Empfang im Schloß des Gestüts Schlenderhahn bei Köln. Dort züchtet die Familie der damals noch nicht vor Gericht stehenden Bank Sal. Oppenheim seit 150 Jahren erfolgreiche Rennpferde. Einen Teil des erzbistümlichen Vermögens ließ Meisner bei der Bank verwalten.
Und als der langjährige Chef der Bank, Alfred Freiherr von Oppenheim, 2005 starb, stellte Meisner der Familie den Dom für eine üppige Trauerfeier zur Verfügung. Ansonsten verbat er ökumenische Feiern grundsätzlich. Dabei war der Bankier nicht einmal evangelisch, vielmehr war er schon vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten, und zwar wegen des Engagements seiner Kirche in der Friedensbewegung. Sowas gefällt dem Meisner. Friedensbewegung, Abrüstung: Das war für Meisner unchristlich, das war Teufelszeug.
Das war die vierte schwere Sünde: Schamlose und heimliche Anbetung des Mammons.
 
Das Kapitel 3 mit zwei weiteren schweren Sünden wird in der nächsten Ausgabe der neuen rheinischen zeitung veröffentlicht.
 


Online-Flyer Nr. 450  vom 19.03.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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