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Aktueller Online-Flyer vom 07. Oktober 2022  

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Globales
Amerikanische Evangelikale agitieren weltweit gegen Homosexualität
Globalisierung christlicher Kulturkämpfe
Von Hans Georg

US-Evangelikale mit guten Kontakten nach Deutschland gehören zu den treibenden Kräften hinter der Entstehung des neuen ugandischen Anti-Homosexuellen-Gesetzes. Dies bestätigen Recherchen mehrerer Publizisten aus den USA und Sambia. Demnach wurden einflussreiche amerikanische Evangelikale, die sich seit Jahren um Einfluss in diversen Staaten Afrikas bemühen, bei der Arbeit an dem Gesetzestext zu Rate gezogen.
 
Sie hätten keinerlei Einwände geäußert, bekräftigt der ugandische Verfasser des Gesetzesentwurfs, der in ihren Netzwerken aktiv ist und sie über das Projekt auf dem Laufenden gehalten hat. Hintergrund der US-evangelikalen Bemühungen in zahlreichen Staaten Afrikas ist das Bestreben, den "Kulturkampf" gegen die Gleichstellung verschiedenster Formen sexueller Orientierung im eigenen Land zu "globalisieren", urteilt ein Kritiker aus der anglikanischen Kirche Sambias. Einer der maßgeblichen US-evangelikalen Unterstützer der ugandischen Anti-Homosexuellen-Aktivisten ist Autor eines christlichen Bestsellers, der in Deutschland binnen weniger Jahre eine Auflage von Hunderttausenden Exemplaren erreichte. Seine Kirche hat kürzlich eine Filiale in Berlin eröffnet.
 
Drakonische Strafen
 
Auf scharfe Kritik ist weltweit das jüngste Anti-Homosexuellen-Gesetz gestoßen, das der Präsident Ugandas, Yoweri Museveni, Ende Februar unterzeichnet hat. Das Gesetz sieht vor, dass Lesben und Schwule für homosexuelle Handlungen mit drakonischen Strafen belegt werden können - bis hin zu lebenslanger Haft. Zudem kann zukünftig inhaftiert werden, wer die Interessen von Homosexuellen unterstützt. Um ins Gefängnis geworfen zu werden, genügt es sogar, Aktivitäten, die als lesbische oder schwule Handlungen gelten, nicht bei den Strafverfolgungsbehörden anzuzeigen.

Der Entwurf für das Gesetz sah ursprünglich in bestimmten Fällen die Todesstrafe vor, die nun jedoch fallengelassen worden ist. Der internationale Protest hat inzwischen die Weltbank erreicht, die angekündigt hat, sie werde einen 90-Millionen-Dollar-Kredit für Uganda auf Eis legen und darüber hinaus eine allgemeine Debatte über die strafrechtliche Diskriminierung von Lesben und Schwulen weltweit anstoßen. Dies trifft nicht zuletzt einige Staaten, mit denen der Westen seit je eng und kritiklos zusammenarbeitet - etwa Singapur, wo Lesben und Schwule mit lebenslanger Haft bedroht werden, und Saudi-Arabien, das homosexuelle Handlungen unter Todesstrafe stellt.
 
Gegen Gleichstellung
 
Das aktuelle ugandische Gesetz wird von Experten wie Kapya Kaoma oder Jeff Sharlet, die sich auf Recherchen zu den internationalen Netzwerken der christlichen Rechten spezialisiert haben, in die globalen Strategien vor allem US-amerikanischer Evangelikaler eingeordnet. Diese befinden sich, wie etwa Kaoma, ein anglikanischer Priester aus Zambia, schreibt, in einer Art "Kulturkampf" in ihrem eigenen Land: Trotz ihrer gesellschaftlichen und politischen Macht gelingt es ihnen bislang nicht, die - langsame - Entwicklung in den Vereinigten Staaten hin zu einer verbesserten Gleichstellung der Geschlechter und verschiedenster sexueller Orientierungen umzukehren. Einflussreiche evangelikale Netzwerke haben deshalb begonnen, den "Kulturkampf" in den westlichen Metropolen zu internationalisieren: Sie werben unter anderem in afrikanischen Staaten massiv für eine konservative Sexualmoral.[1]
 
Evangelikale stärken Homophobie
 
Das hat laut Kaoma mehrere Gründe. Zum einen geht es den US-Evangelikalen darum, prinzipiell in aller Welt für ihre Anliegen zu werben. Zum anderen erhoffen sie sich, da das Christentum vor allem jenseits der westlichen Metropolen wächst - etwa in Afrika -, mit Werbemaßnahmen dort die christliche Mehrheit der Zukunft soziopolitisch in ihrem Sinn prägen zu können. Drittens setzt die evangelikale Rechte in den USA darauf, dass es auf dem Umweg über internationale kirchliche Dachorganisationen gelingen werde, liberale Tendenzen in einigen US-amerikanischen oder europäischen Kirchen mit Hilfe afrikanischer Kirchen im selben Dachverband unter Druck zu setzen. Die Bemühungen insbesondere der US-Evangelikalen, die für ihr Anliegen "ihre ausgedehnten Kommunikationsnetzwerke", christliche Sozialprojekte oder auch Bibelschulen nutzen, haben dazu geführt, dass sich "Homophobie in Afrika" schon seit Jahren "im Aufstieg befindet", resümiert Kaoma - "von einer Zunahme gewalttätiger Überfälle bis hin zu einer gegen Homosexuelle gerichteten Gesetzgebung, die die Todesstrafe beinhaltet".[2]
 
"The Family" in Uganda
 
Uganda ist dabei nicht zufällig zu einem Zentrum US-evangelikaler Aktivitäten geworden. Der US-Journalist Jeff Sharlet weist darauf hin, dass Uganda sich in den 1980er Jahren, als Somalia sich dem Zusammenbruch näherte und auch Äthiopien von heftigen inneren Auseinandersetzungen gelähmt war, zu einem wichtigen Verbündeten Washingtons in Ostafrika wurde; Präsident Yoweri Museveni, der 1986 an die Macht kam, gilt bis heute als enger Gefolgsmann des Westens, vor allem der USA. Museveni ist gleichzeitig einer der zentralen afrikanischen Kooperationspartner des US-evangelikalen Netzwerks "The Fellowship" - auch als "The Family" oder "Prayer Breakfast Movement" bekannt -, das im Washingtoner Polit-Betrieb erheblichen Einfluss besitzt. Sharlet beschreibt, wie Museveni einst ein erfolgreiches Anti-HIV-Programm, das auf die Verbreitung von Kondomen setzte, auf Druck rechter US-Netzwerke beenden und durch ein stark evangelikal geprägtes "Enthaltsamkeits"-Programm ersetzen musste. Er resümiert: "Infolge der amerikanischen Intervention stieg die ugandische Aids-Rate, die zuvor gesunken war, fast auf das Doppelte an."[3]
 
"Keine Einwände"
 
Sharlet schildert auch, wie US-Evangelikale in Uganda die Entstehung des neuen Gesetzes gegen Lesben und Schwule förderten. David Bahati, der ugandische Abgeordnete, der das Gesetz initiiert hat, stützt sich bei der Begründung für seine Aktivitäten unter anderem auf Rick Warren, einen US-Prediger, der neben US-Senator Jim Inhofe und dem ehemaligen Justizminister John Ashcroft immer wieder am "Prayer Breakfast" der "Family" in Uganda teilnahm. Warren habe geäußert, Homosexualität sei "eine Sünde und wir sollten sie bekämpfen", berichtet Bahati, der dem "The Family"-Netzwerk angehört. Zur Abfassung des Gesetzestexts habe man US-Evangelikale als "Berater" herangezogen, etwa Scott Lively, der in einer Buchpublikation Schwulen die Schuld am Aufstieg des NS-Systems zuschreibt. "Wir haben mit mehreren Konservativen in Amerika gesprochen, die glauben, dass es richtig ist, was wir tun", erklärt Bahati; er bekräftigt zudem, wenige Tage bevor er den Gesetzestext ins Parlament einbrachte, auf einem Treffen von "The Family" darüber berichtet zu haben. Während die Organisation sich heute unter dem Druck der westlichen Öffentlichkeit von dem neuen Gesetz distanziert, bestätigt Bahati, auf dem Treffen habe es allgemeine Zustimmung gegeben: "Niemand hat Einspruch erhoben. Niemand." Vielmehr hätten Zweigstellen von "The Family" auch in anderen Staaten Afrikas Interesse an dem Vorhaben erkennen lassen - in Ruanda, Burundi, Tansania, Zambia und im Kongo.[4] Es ging dabei um die Ursprungsfassung des Gesetzes, die für homosexuelle Handlungen sogar die Todesstrafe vorsah.
 
Auch in Deutschland erfolgreich
 
US-Evangelikale, die das Vorgehen gegen Homosexuelle in Uganda allgemein gefördert haben, verfügen über Einfluss auch in Deutschland. Exemplarisch zeigt dies etwa der Erfolg von Rick Warren in der Bundesrepublik. Die deutsche Übersetzung von Warrens Bestseller "Purpose Driven Life", "Leben mit Vision", erschien 2003 und war schon 2007 rund 200.000 Mal verkauft worden. Im Frühjahr 2003 starteten deutsche Evangelikale eine Kampagne, in deren Rahmen Warrens Buch gelesen und verbreitet wurde; bereits 2009 hatten sich mehr als 700 Gemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz daran beteiligt. Letztes Jahr hat Warrens "Saddleback Church" ihren ersten Ableger in Europa gegründet - in Berlin. Warrens Predigten werden dort per Video übertragen und live ins Deutsche übersetzt. Warren, der bei der Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama Anfang 2009 eine Fürbitte gesprochen hat, hat sich mittlerweile unter öffentlichem Druck von Ugandas Anti-Homosexuellen-Gesetz distanziert; auch soll er den Kontakt zu dem Prediger Martin Ssempa kürzlich eingestellt haben. Ssempa, eine der führenden Figuren in der ugandischen Kampagne gegen Homosexuelle, war zuvor immer wieder zu Veranstaltungen der Saddleback Church eingeladen worden; Warren gilt als einer seiner hauptsächlichen Mentoren.[5] (PK)
 
 
[1], [2] Kapya Kaoma: Globalizing the Culture Wars. U.S. Conservatives, African Churches, and Homophobia. A publication of Political Research Associates. Somerville 2009.
[3] Jeff Sharlet: The Family. The Secret Fundamentalism at the Heart of American Power. New York 2008.
[4] Jeff Sharlet: Straight Man's Burden. The American roots of Uganda's anti-gay persecutions. Harper's Magazine September 2010.
[5] Sally Kohn: Hillary, 'The Family,' and Uganda's Anti-Gay Christian Mafia. www.thedailybeast.com 25.02.2014.

Diesen Artikel haben wir mit Dank übernommen von 
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58817


Online-Flyer Nr. 449  vom 12.03.2014

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