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Aktueller Online-Flyer vom 28. März 2017  

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Zwangsräumung gegen Kalle Gerigk vorerst abgewendet
Alle für Kalle! Kalle für Alle!
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Es ist Donnerstag, der 20. Februar 2014. Am frühen Morgen dieses Tages sind in der Fontanestraße im Kölner Agnesviertel 300 Menschen zusammengekommen. „Alle für Kalle! Kalle für Alle!“, wird von ihnen skandiert. Sie blockieren das Treppenhaus und den Zugang zu Haus Nummer 5, in dem Kalle Gerigk seit 32 Jahren wohnt. Ganz in der Nähe warten Polizeihundertschaften auf ihren Einsatz. Gegen 8 Uhr erscheint der Gerichtsvollzieher. Er hat den Auftrag, Kalle auf die Straße zu setzen. Doch daraus wird nichts. Gegen Mittag steht fest: die Staatsmacht kommt an diesem Tag nicht zum Einsatz. Die Stimmung in der Bevölkerung und in einem großen Teil der Medien steht dem entgegen. Tag X wird zu einem vorläufigen Erfolg für Kalle und all diejenigen, die sich der Willkür des Profits in den Weg gestellt haben.


Der Gerichtsvollzieher peilt die Wohnung an, die er gegen den Widerstand der Anwohner zwangsräumen soll
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com (Anneliese Fikentscher, Klaus Franke, Andreas Neumann)


Fontanestraße am Morgen des 20. Februar


Kalle Gerigk, nach 32 Jahren von Zwangsräumung bedroht, weil sein Vermieter angeblich Eigenbedarf hat (aber Kalles Wohnung bereits im Internet zum Verkauf angeboten hat). „Nur weil einer Kohle hat, kann er doch nicht machen, was er will.“


Fontanestraße 5: Hauseingang und Treppenhaus blockiert


Protest vor dem Haus Fontanestraße 5 am frühen Morgen


Fontanestraße 5: Hauseingang und Treppenhaus blockiert


Protest vor dem Haus Fontanestraße 5 am frühen Morgen


„Zwangräumung verhindern!“


Seit Wochen protestieren zahlreiche Nachbarn mit Transparenten gegen die drohende Zwangsräumung: „Finger weg!!! – Unser Nachbar Kalle bleibt!“


Ein Polizeitrupp macht sich vom Parkplatz am Eisstadion auf den Weg zur Fontanestraße


Die zwei Häuser (rechts das Haus Fontanestr. 5) machen deutlich, worum es geht – das Dachgeschoß links ist bereits ausgebaut, das rechts (in dem Kalle seit 32 Jahren wohnt) noch nicht. Für den Eigentümer geht es um einen satten Gewinn im sechsstelligen Bereich.


Der Polizeitrupp ist in der Fontanestraße angekommen. Er erntet "Haut-ab"-Rufe. Nach wenigen Minuten kommt er dem nach.


Polizeifahrzeuge auf dem nahe gelegenen Parkplatz am Eisstadion


Der Gerichtsvollzieher (Bildmitte) ist eingetroffen


Polizeifahrzeuge auf dem Parkplatz am Eisstadion


Der Gerichtsvollzieher geht auf und ab. Die Wohnung, für deren Zwangsräumung er sorgen soll, ist für ihn nicht erreichbar.


Polizei auf dem Parkplatz am Eisstadion – wartet auf ihren Einsatz


Der Gerichtsvollzieher setzte Kalle Tage zuvor moralisch unter Druck, indem er fragte, was denn sein Arbeitgeber und seine Kollegen zu seiner Zwangsräumung sagen.


Polizei auf dem Parkplatz am Eisstadion – wartet auf ihren Einsatz


Anwohner protestieren – „Alle für Kalle“. So geht das aber nicht, meinen viele. Und sie fürchten, es könnte ihnen bald ähnlich ergehen.


Polizeifahrzeuge in der nahe gelegenen Lentstraße


Das Haus Fontanestraße bleibt blockiert: vor dem Eingang und durchs ganze Treppenhaus über vier Etagen sitzen Kalles UnterstützerInnen dicht an dicht.


„Zwangsräumung verhindern!“


Beratung der Staatsmacht


„Zwangsräumung gemeinsam verhindern – alle für Kalle!!! – gegen Profitgeier“ Diese Nachbarin meint, sie müsse jetzt schon ihr Geld als Zeitungsbotin sauer verdienen. Wenn es ihr ähnlich wie Kalle erginge, wüsste sie sich kaum Rat. Deshalb ist sie heute zum Protestieren gekommen.


Straßenmusik, Klassik und Samba-Rhythmen seit dem frühen Morgen – auch Klaus der Geiger ist dabei


„Alle für Kalle und Wohnraum für Alle“ – „Räumt ihr Kalle, gibt’s Krawalle“ Es gibt Informationen über Mietnotstand und weitere, künftige Problemzonen in der Stadt Köln. Letztere hüllt sich in Schweigen.


Klaus der Geiger


„Stop Zwangsräumungen“ – „Kalle bleibt – Menschen vor Profite!“


„Zwangsräumung verhindern – überall!“ – „Keine Angst: es ist nur Gentrification“, d.h. „Aufwertung“ des Viertels mit dem Ziel, zahlungskräftige Kundschaft anzuziehen. Wer keine „Kohle“ hat, soll weichen.


Straßenmusik seit dem frühen Morgen


Seit Wochen protestieren zahlreiche Nachbarn mit Transparenten gegen die drohende Zwangsräumung: „Einer für alle – alle für Kalle!“


Der Gerichtsvollzieher zieht ab – für heute ist die Zwangsräumung abgesagt


„Wohnraum für alle – Zwangsräumung verhindern“


Es ist Mittag. Die Sonne scheint von Süden in die Fontanestraße und taucht sie in das der Stimmung entsprechende Licht.


Kalle am Fenster des Hauses Fontanestraße 5 – noch ein Fernsehtermin – dann will er runter kommen und den Erfolg mit seinen UnterstützerInnen feiern


Die Protestierenden in Feierstimmung


„Kalle muss bleiben! Keine Räumung!“ – auf Dauer…


Kalle in der Fontanestrasse, in der er seit 32 Jahren lebt und – in guter Nachbarschaft – weiter wohnen will


Pressemitteilung der Initiative "Recht auf Stadt" vom 20.02.2014
Zwangsräumung verhindert - Alle für Kalle meint Kalle für Alle


* rund 300 TeilnehmerInnen blockieren Zutritt für Gerichtsvollzieher
* versuchte Zwangsräumung erfolgreich verhindert
* Initiative „Alle für Kalle“ mobilisiert für den nächsten Räumungstermin

Die Mieten in Köln explodieren. Wohl denen, die noch einen alten Mietvertrag haben. Leider bietet jedoch auch der immer weniger Schutz vor Verdrängung. Für immer mehr Menschen bedeutet dies, dass sie dort ihre bislang bezahlbaren Wohnungen im Namen der „Aufwertung“ räumen sollen, um Platz zu machen für Immobilienspekulationen. Weil sie diesem Verdrängungsprozess nicht länger tatenlos zusehen wollen, sind heute rund 300 TeilnehmerInnen dem Aufruf der Initiative „Alle für Kalle“ gefolgt, um mit einer Blockade die Zwangsräumung von Kalle Gerigk zu verhindern.

Kalle bewohnt seit 32 Jahren eine preiswerte Dachgeschosswohnung in der Fontanestr. 5 im Agnesviertel. Der neue Eigentümer Marco Hauschild, ein Immobilienmakler der Firma ObjektDesign, hat ihm wegen angeblichen „Eigenbedarfs“ gekündigt – und hatte für heute die Zwangsräumung der Wohnung vorgesehen.

NachbarInnen von Kalle, FreundInnen, UnterstützerInnen und WohnraumaktivistInnen aus dem gesamten Bundesgebiet hatten sich jedoch schon vor Morgengrauen – und noch vor dem Eintreffen des vom Gerichtsvollzieher Herbert Langenberg bereits im Vorfeld angeforderten Großaufgebots der Polizei – vor Kalles Wohnung eingefunden, um sich der anberaumten Zwangsräumung entgegenzustellen. Gemeinsam trotzten die BlockiererInnen dem Versuch der Behörden, Kalle heute auf die Straße zu setzen. Gerichtsvollzieher Herbert Langenberg sah sich mit einer gutgelaunten Menschenmenge konfrontiert, die ihm bei klassischer Musik und Samba-Rhythmen und gut versorgt mit Kaffee, Brötchen und Kuchen aus der Nachbarschaft sitzend, stehend und tanzend den Weg zu Kalles Wohnung versperrte – und sah sich gegen 11:15 Uhr dann offenbar gezwungen, den Räumungstermin für heute auszusetzen.

„Offenbar hat Herr Langenberg die Entschlossenheit der vielen Leute vor Ort richtig eingeschätzt“, kommentierte Valerie Kirschbaum von der Initiative „Alle für Kalle“ die Entscheidung des Gerichtsvollziehers. „Aus gutem Grund scheuen Vermieter, Behörden und Politik Bilder, bei denen die Polizei die Menschen aus ihren Wohnungen und dem Viertel prügelt, um so die Profitinteressen von Immobilienspekulanten durchzusetzen“.

In den letzten beiden Tagen hatten Behörden und Politik Kalle mehrfach gedrängt, vorzeitig aufzugeben; so schlug SPD-Fraktionschef Martin Börschel vor: „Warum bekleben Sie nicht einfach den Umzugswagen und machen eine Demo durch die Stadt?“. Und auch der Gerichtsvollzieher Herbert Langenberg zeigte sich äußerst engagiert, als er Kalle bereits im Vorfeld massiv unter Druck zu setzen versuchte. Kalle will jedoch auch weiterhin nicht freiwillig gehen, auch wenn er weiß, dass mit dem heutigen Erfolg nur ein Etappenziel erreicht wurde. Er will ein Zeichen setzen gegen die schreiende Ungerechtigkeit in Sachen Wohnen und setzt auch bei einem erneuten Zwangsräumungstermin auf die Unterstützung von NachbarInnen, FreundInnen und AktivistInnen.

Kalles Fall hat gezeigt, dass Widerstand nicht nur dringend nötig, sondern auch möglich ist. Gelohnt habe sich der breite Protest allemal, so Kirschbaum heute morgen: „Mit dem heutigen Tag und der breiten Solidarität für Kalle, auch in den letzten zwei Monaten, ist hier einiges in Bewegung geraten. Und das lässt sich nicht mehr stoppen“.

Kirschbaum weiter: „Es wird der Stadt nicht gelingen, mit ihrer unsozialen Politik einfach so weiterzumachen. Mehr und mehr Leute fangen an, sich gegen die Verdrängung zu wehren“. Ermutigt durch Kalle formiert sich bereits in der Pfälzer Str., in der Robertstr. und in der Rolshover Str. neuer Protest von BewohnerInnen, die sich gegen die „Entmietung“ ihrer Häuser zur Wehr setzen.

„Natürlich werden wir Kalle wieder unterstützen, wenn der nächste Versuch ansteht, ihn aus seiner Wohnung zu räumen. Schließlich hat uns der heutige Erfolg gezeigt, was möglich ist, wenn wir uns zusammentun und uns gemeinsam gegen Zwangsräumung und Verdrängung zur Wehr setzen“, so Kirschbaum. Ihr Fazit lautet: „In diesem Sinne müssten wir unsere Kampagne jetzt eigentlich umbenennen in Kalle für Alle“ (PK)

http://rechtaufstadt-koeln.de

Online-Flyer Nr. 447  vom 26.02.2014

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