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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
Eine Verkehrung von Ursache und Wirkung - Teil 2
Die Demagogie mit der Demografie
Von Dr. Günter Berg

Die bisherige Betrachtung im Teil 1 zeigte, dass eine simple Milchmädchenrechnung ausreicht, um ein ´Versorgungsproblem´ zu kreieren: wenn immer weniger Kinder als zukünftige Erwerbsfähige immer mehr Alte als Rentner finanzieren müssen, dann hat die Solidarität zwischen den Generationen keine Grundlage mehr. Dass es die ´Überalterung´ bereits seit 150 Jahren - seit Beginn der Industriellen Revolution - gibt, wird dabei schlicht übersehen. Ebenso, dass wir es in dieser Zeit zu einer Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft gebracht haben, in der Produktivität und Wirtschaftswachstum zum Geschäft gehören. Lässt man diesen Aspekt aber außen vor, dann „leben die Alten auf Kosten der Jungen!“ Als Lösung dieses Problems bleibt dann nur die drastische Kürzung der Renten bzw. der Rentenbezugsdauer – und der Umstieg in die Privatvorsorge!

Quelle: IG BCE
 
Privatvorsorge als Ausweg aus der Demografiefalle?
 
„Sie würden doch auch nicht das Sparschwein ihrer Kinder plündern – oder? Immer mehr Alte, immer weniger Junge – Deutschland steht vor großen Herausforderungen! Wenn die wenigen Jüngeren auch noch die Gesundheitskosten für die vielen Älteren tragen müssen, wird es eng. Die Privatversicherten schonen die Sparschweine unserer Kinder. Sie sorgen für ihre höheren Gesundheitsausgaben vor und entlasten so kommende Generationen.“ (Verband der Privaten Versicherer, Online-Werbetext Ende Juni 2012).
 
Hier werden wieder in demagogischer Weise die Generationen gegeneinander ausgespielt und die Privatvorsorge liebevoll als Rettung aus der ´Demografie-Falle´ gepriesen. Diese soll nun dem zukünftigen Rentner seinen Rentenanspruch plus Rendite ermöglichen. Statt es im Umlagesystem gleich weiter zu reichen, soll er das Geld ansparen und für sich arbeiten lassen. Nach dem Motto: wenn jeder für sich selber sorgt, ist für alle gesorgt – und zwar mit Rendite! Wo die wohl dauerhaft herkommen soll? Sowohl die Renten als auch die Zinsen müssen erst noch erarbeitet werden. Und zwar zu dem Zeitpunkt, an dem die Leute davon leben müssen. Von nichts kommt nichts. Ansparen geht nicht. Brücken und Schienen sind nur schwer verdaulich.
 
Wenn die Rentenfinanzierung ein Demografie-Problem wäre, dann gälte das auch für die Privatvorsorge! Was verzehrt werden soll, muss jeweils erwirtschaftet werden und zwar von den Erwerbstätigen einer Generation für die Nicht-Erwerbstätigen derselben Generation (Mackenroth-Theorem). Dabei ist es egal, ob das Erwirtschaftete per Umverteilung oder in Form von Zinsen und Renditen weitergegeben wird.
 
Richtig ist allerdings, dass sich mit der Privatvorsorge ein kleiner Kreis besser versorgen kann, solange es relativ wenige Anspruchsberechtigte gibt. Wenn sich alle privat versichern und zu Anspruchsberechtigen werden, löst sich der Vorteil wieder auf – wie bei Kettenbriefen! Es sei denn, die Wirtschaft wächst exponentiell bis in alle Ewigkeit.
 
Für unser Thema ist aber ein anderer Punkt entscheidend. Privatversicherungen sind für die Versicherten grundsätzlich unsicherer und teurer als das gesetzliche Umlagesystem. Wie sollte es auch anders sein? Teurer, weil neben den deutlich höheren Verwaltungskosten auch noch die nicht zu knappen Marketingkosten, Provisionen und die Gewinne dazukommen – von den Lustreisen der Versicherungsvertreter mal abgesehen! Und unsicherer, weil Renditen sich in der Krise schnell verflüchtigen und die Versicherten dann mit leeren Händen dastehen - wie jüngst bei den Rentenfonds in den USA. Ähnlich bei den Betriebsrenten. Jedenfalls: die Versicherten bezahlen mehr als im Umlagesystem!
 
Und wer sind die Gewinner? Zuallererst die Arbeitgeberseite mit gedeckelten Beitragssätzen. Und natürlich die Versicherungsbranche selbst (Maschmeyer & Co.). Ein Milliardengeschäft, wie sie selber sagt. Und es profitieren diejenigen, die sich als prominente Werbeträger damit ein kleines Taschengeld dazuverdienen: die Riesters, Rürups, Raffelhüschens, Steinbrücks und wie sie alle heißen.
 
Angeschmiert sind aber alle Arbeitnehmer, die neben dem eingefrorenen Beitragssatz nun alle Mehrkosten zur Alterssicherung (11 plus 4 = 15 Prozent) selber tragen dürfen, aber beim besten Willen im Niedriglohnsektor nicht können. Vorprogrammierte Altersarmut – demografisch begründet! Kurz: die Privatvorsorge macht viele reich, nur nicht die Rentnerinnen und Rentner.
 
Rente - ab wann?
 
Rente mit `67? Das war ja nur der Einstieg. „Deutsche müssen sich auf Rente mit ´70 vorbereiten“ (DIE WELT vom 26.07.2012). Und es geht munter weiter. Denn „die Mathematik“ geht ja bekanntlich so: um den Altenquotienten und damit - so die naive Rechnung - die “Versorgungslast“ konstant zu halten, brauchen wir die „Rente mit ´75“ (Hüther, Birg, Berlin Institut sowie auch die amtlichen Statistiker). Der Altenquotient als Verteilungsmaßstab! Wie wäre es denn mit der Steigerungsrate der Produktivität?
 
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: bis zum Lebensende gesund, produktiv und kreativ tätig zu sein, wünscht sich natürlich jeder. Von daher bräuchten wir überhaupt keine Altersgrenze!(17) Hier geht es aber um etwas ganz Anderes. Hier geht es um den Abbau gewerkschaftlich und per Gesetz erkämpfter Schutzregeln für die Beschäftigten. Es geht um Rentenkürzungen, die mit dem dümmlichen Demografie-Argument begründet werden.
 
Was sagen unsere Parteien? Die SPD will erst den Nachweis, dass mindestens die Hälfte der Alten überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsplatz hat. Aber welches Unternehmen beschäftigt freiwillig Ältere, wenn es Junge billiger haben kann? Und mit Mindestlöhnen ist das Problem genauso wenig zu lösen wie mit Ursulas Zehn-Euro-Renten-Zuschuss im Monat für die Lebensleistung von 40 Jahren Arbeit. Und selbst dieses Gnadenbrot machte ihr die FDP noch streitig. So frei sind unsere Marktradikalen!
 
Und was passiert, wenn die SPD-Forderung in Erfüllung geht? Wenn Ältere die Arbeitsplätze noch ein paar Jährchen besetzt halten, auf die die Jungen so dringend warten? Dann gibt’s Krach in der Familie! Dann haben wir wirklich einen Generationenkonflikt – aber eben nicht aus demografischen, sondern aus ökonomischen Gründen!
 
Überhaupt: die Vorstellung, dass Alle mehr arbeiten müssten, damit mehr für Alle da ist – diese Vorstellung geht an der Logik unseres Wirtschaftssystems völlig vorbei. Die Agenda-Politik des Personalabbaus und der Lohndrückerei, die jetzt auch den übrigen Euro-Ländern durch die Kanzlerin und die Troika aufgezwungen wird, ist Öl ins Feuer eines zerstörerischen globalen Wettbewerbs. Sie treibt große Teile der Bevölkerung in die Armut und die Wirtschaft an den Abgrund. Von den ökologischen Folgen ganz zu schweigen!
 
Was tun? In Schlagworten und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
 
In der Rentenpolitik:
> Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung durch Einbeziehung aller Erwerbstätigen; Abschaffung der Beitrags-Bemessungsgrenze; staatliche Fördergelder für die gesetzliche RV - statt Riester und Rürup;
> Rücknahme aller Rentenkürzungen, Nachholfaktoren und Anpassungsformeln; andernfalls wird die gesamtgesellschaftliche Nachfrage drastisch geschwächt; es drohen Dauerdeflation und Altersarmut und die weitere soziale Spaltung der Gesellschaft;
> „Rente mit `60!“ EU-weite Verkürzung und Angleichung der Lebensarbeitszeit!
 
In der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik:
> Breite Bildungs- und Qualifizierungsoffensive;
> Gesetzlicher Mindestlohn; Abschaffung des Niedriglohnsektors; sichere Beschäftigungsverhältnisse; generelle Arbeitszeitverkürzung (30 Stunden-Woche); Recht auf Arbeit.
> Statt den Euro-Staaten die Agenda-Politik aufzuzwingen, muss das Lohn- und Steuerdumping zwischen den Ländern beendet werden; statt dessen gemeinsame Arbeitsmarkt- und Sozialstandards.
 
In der Wirtschafts- und Finanzpolitik:
> Abkehr von der Politik der Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung! Sozial gerechte Besteuerung großer Vermögen, Verhinderung legaler und illegaler Steuerflucht;
> Umbau der Industrieproduktion auf ökologisch verträgliche Produkte. Ausbau des öffentlichen Beschäftigungssektors mit sozialen Dienstleistungen vor allem im Bereich Bildung und Gesundheit.
 
Auf die kürzeste Formel gebracht: Abkehr von der Agenda-2010-Politik. Und perspektivisch die Änderung der ökonomischen Spielregeln. Wir werden die Beitragsprobleme für die Sozialkassen (Rente, Krankheit, Pflege, Arbeitslosigkeit) und so manches Andere nicht lösen können, solange Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit nur dadurch stärken können, dass sie den „Kostenfaktor: Arbeit“ senken. Denn mit Niedriglöhnen und mit gar keinen Löhnen ist nun mal keine Alterssicherung zu machen – weder per Umlage noch privat.
 
Resümee
 
Das Denkmuster von der „Demografischen Herausforderung“ bleibt hochaktuell – mit all seinen verqueren politischen Implikationen. Es findet sich nicht nur in den Köpfen unserer Eliten. Es findet auch breite Zustimmung in der Bevölkerung, selbst bei jenen, die zu den Verlierern der Agenda-Politik gehören. Wie ist das möglich?
 
In der Alltagswelt der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt es nicht nur zunehmenden Arbeitsstress, Lohndruck und Arbeitsplatzunsicherheit als Folge der „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes. Alle Beteiligten leben zugleich als Kunden im Schlaraffenland einer betörend bunten Konsumwelt. Hier profitieren sie vom forcierten globalen Lohndumping und von einer rücksichtslosen Massenproduktion. Alle individuellen Bedürfnisse werden erfüllt – ob kleiner oder großer Geldbeutel. Und da dieser nun mal als Ergebnis eigener Qualifikation und Anstrengung erscheint, scheinen die unterschiedlichen Einkommen eben auch leistungsgerecht zu sein. Zudem hat in der westlichen Demokratie noch jeder als Staatsbürger die Möglichkeit, diejenige Partei zu wählen, die aus seiner Sicht die richtige (Wirtschafts-) Politik macht. Mehr Freiheit geht nicht. Planwirtschaft will keiner, weil das ja bekanntlich nur die Verwaltung des Mangels ist, nur „Armut für Alle“.
 
Das Problem ist aber die Eigendynamik dieser „sozialen Marktwirtschaft“ mit ihren merkwürdigen Nebenwirkungen. Es zeigen sich immer mehr die Folgen des Widerspruchs, dass Löhne für das einzelne Unternehmen als Kostenfaktor zu Buche schlagen, in der Summe aber als zahlungsfähige Nachfrage erforderlich sind, um die Gewinne zu realisieren. So führt der global entfesselte Wettbewerb der Unternehmen zum weltweiten Lohndumping, auch zum flüchtigen Aufstieg neuer Mittelschichten, aber eben nicht zum „Wohlstand für Alle!“. Die Schere zwischen Armut und Reichtum öffnet sich weiter. Durch Konsum auf Kredit kann die Nachfrage auch der Geringverdiener noch eine Weile über Wasser gehalten werden. Aber dann werden Kredite faul und die Absatzmärkte für den Massenkonsum brechen ein. Der Wachstumsmotor stottert sich in die Krise. Und das Spiel beginnt von Neuem – auf jeweils höherem Blasenniveau.
 
Da kommt „der demografische Wandel“ als plausible Erklärung sehr gelegen - nicht als Folge, sondern als Ursache der ökonomischen Probleme. Denn der Markt scheint ja Angebot und Nachfrage optimal zu vermitteln. Der eigentliche Grund für die Finanzierungsprobleme der Sozialsysteme, für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit „unserer“ Wirtschaft und für stagnierendes Wachstum kann offenbar nur die schrumpfende und alternde Bevölkerung sein! Immer weniger Erwerbsfähige stehen immer mehr Nicht-Mehr-Erwerbsfähigen gegenüber. Schrumpfende Bevölkerung und Wirtschaftswachstum – das geht gar nicht! Wie sehr das doch geht, zeigt sich in der bekannten Klage, dass - wegen zunehmender Automatisierung, sprich: Produktivität - „der Gesellschaft die Arbeit ausgeht.“ Na – was denn nun? 
 
So wird bewusst einseitig das gängige Bild von der „demografischen Herausforderung“ befeuert: als ein von den Zahlen der amtlichen Statistik gestützter und daher objektiver Tatbestand, den man auf fünfzig Jahre hochrechnen kann und der zum Handeln zwingt - im Namen der „Generationengerechtigkeit“. Die politisch Verantwortlichen können damit sich selbst und den Wählern Weitsicht und Tatkraft vorgaukeln. Tatsächlich sind sie im „Standortwettbewerb“ um Industrieansiedlungen und Arbeitsplätze erpressbar und müssen sich den Wünschen der Investoren fügen. Den Wählern gegenüber lässt sich die unsoziale Agenda-Politik mit dem Hinweis auf „die Demografie“ aber bestens verkaufen. Das ist so plausibel, da muss man nicht weiter drüber nachdenken.
 
Dass wir es eigentlich mit einer „ökonomischen Herausforderung“ zu tun haben – diesen schlichten und offenkundigen Sachverhalt kann man und will man nicht wahrhaben. Denn sonst müsste man ja die prekären Spielregeln dieser besten aller Welten in Frage stellen.
 
Nachtrag: Die Vorläufer der unheilvollen „Demografie-Debatte“
 
Die eigentliche Tragik der ´Demografie-Experten´ und Bevölkerungswissenschaftler liegt darin, dass sie – auch ungewollt - eine Biologisierung sozialer und letztlich ökonomischer Probleme befördern. Ein Blick zurück zeigt, dass wir uns mit der Demografie-Debatte gesellschaftspolitisch auf ganz dünnem Eis bewegen.(18) Thomas Malthus, britischer Pfarrer und Begründer der Bevölkerungswissenschaft, war Ende des 18. Jahrhunderts der erste, der in der demografischen Entwicklung den Kern allen politischen und gesellschaftlichen Übels sah. Damals war es noch das gegenteilige Szenario: die drohende „Überbevölkerung“ angesichts einer begrenzten landwirtschaftlichen Nahrungsgrundlage.


Thomas Malthus
Quelle: wikipedia
Die wissenschaftliche Methode war dieselbe wie heute: er nahm aktuelle statistische Trends, extrapolierte sie weit in die Zukunft und prognostizierte - im Sinne des Versorgungsproblems - ein Missverhältnis zwischen Bevölkerung und Nahrungsgrundlage, das in die Katastrophe führen würde. Die Wachstumsdynamik der beginnenden industriellen Revolution hatte er noch nicht auf dem Schirm.
 
Zugleich beklagte er das Missverhältnis zwischen erwünschtem und unerwünschtem Nachwuchs bzw. die große Vermehrungsfreude der armen Bevölkerungsschichten einerseits und die diesbezügliche Zurückhaltung der damaligen Eliten andererseits. Die sozialpolitischen Konsequenzen dieser Theorie waren fatal: die Einführung von Armenhäusern und das Verbot jeglicher Unterstützung der Betroffenen, um deren Vermehrung zu verhindern.
 
Die zweite große Runde der Demografie-Debatte begann in den 1920er und 30er Jahren der Weimarer Republik und endete mit Adolf. Sie stand im Zeichen der beginnenden Weltwirtschaftskrise. So hat der renommierte Statistiker und Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Burgdörfer(19) mit seinem Standardwerk von 1932 „Volk ohne Jugend – Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers“ eine wesentliche Grundlage für die NS-Ideologie gelegt. Er prognostizierte damals eine Verdopplung der Zahl der Rentner bis 1975 – bei gleichzeitigem Rückgang der Erwerbstätigen. Das würde dazu führen, dass dann zwei Erwerbstätige einem Rentner die Rente finanzieren müssten. Wie man sieht – ein keineswegs neues Horrorszenarium!
 
Und die Versorgungspanik ging auch damals schon einher mit der Lehre von der Eugenik, der Unterscheidung zwischen wertem und unwertem Leben. Durch selektive Steigerung der Reproduktion wollte Burgdörfer den „qualitativ hochwertigen, kulturtragenden Volksteil“ gegen die „proletarischen unteren Volksschichten“ verteidigen und „gezielte Dämme gegen die slawische Flut“ der Einwanderer errichten.
 
Inzwischen sind wir mitten in der dritten Runde der Demografie-Diskussion mit ihren typischen Wahnvorstellungen. So liegen die Thesen eines Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“), ehemaliger SPD-Finanzsenator in Berlin und später Bundesbanker, verdächtig nah an jenem Gedankengut der 30er Jahre. Es findet sich ähnlich drastisch, aber eleganter formuliert, in den Publikationen von Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Soziologe und Ökonom an der FU Berlin und Bremen, ähnlich gern gesehener Talkshow-Gast.
 
Sarrazin sieht ein demografisches Bedrohungspotenzial durch die vielen „kleinen Kopftuchmädchen“ aus bildungsfernen und leistungsschwachen Familien, die keinen produktiven Beitrag für diese Gesellschaft leisten, sondern nur unsere Sozialsysteme belasten und die uns eines Tages allein durch fleißige Fortpflanzung zur Minderheit im eigenen Land machen, wenn wir das so laufen lassen.
 
Heinsohn beklagt sehr eingängig und eloquent „die demografische Kapitulation“ (in Cicero 7/2007). Hauptproblem sei der ausbleibende Nachwuchs, der demografische Aderlass in Deutschland. „Die Bedrohung für die Wirtschaft, den Sozialstaat, das Gemeinwesen insgesamt wird als so groß empfunden, dass es unter den Demographen kaum einen gibt, der dem Land noch Hoffnungen macht.“ (20) Auch hier wird wieder zwischen erwünschtem und unerwünschtem Nachwuchs unterschieden: da ist die „Hartz-IV-Bevölkerung“ als parasitärer Teil der Gesellschaft, den es durch Entzug staatlicher Hilfen einzugrenzen gilt. So sei Elterngeld eine „Vermehrungsprämie für Sozialhilfemütter“. Demgegenüber steht der „leistende Bevölkerungsteil“, der durch gezielte Anwerbung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland aufgestockt werden müsste, um unsere Wirtschaft und damit unseren Wohlstand zu retten. Allerdings sieht er Deutschland im globalen Wettbewerb um kluge Köpfe gegenüber den angelsächsischen Ländern auf verlorenem Posten - wegen der bürokratischen Hürden und des verkrusteten Arbeitsmarktes.(21)
 
Da wird selbst unser Bevölkerungs-Experte Herwig Birg, Befürworter der „Rente ab `75“, zurückhaltend: „Wenn wir die Ärzte und Ingenieure aus Schwellenländern abziehen, nur weil wir selbst nicht in der Lage sind, für unseren Akademikernachwuchs zu sorgen, dann fehlt die Expertise dieser Menschen in ihrem Heimatland. ... Ich halte eine solche internationale Migration ethisch daher für mehr als fragwürdig.“ (in FOCUS Online vom 18.11.2009)
 
Aber Sarrazin, Heinsohn und Birg müssen sich keine Sorgen machen. Denn wir haben ja die Euro-Krise. Ärzte, IT-Fachkräfte und Ingenieure müssen nicht mehr per Green-Card aus Indien, China oder Tunesien angeworben werden. Die kommen von ganz allein - und zwar vor allem aus unseren europäischen Nachbarländern: meist qualifizierte junge Griechen, Portugiesen, Italiener, Spanier, Bulgaren und Rumänen, die aus ihren Ländern abwandern, weil sie dort noch weniger Perspektiven haben als bei uns – nämlich gar keine!
 
Die Jungen hauen ab. Zurück bleiben die Alten. Aus der Pyramide wird eine Zwiebel und schließlich die Urne. Demografischer Wandel als wahres Naturereignis! Und bald wird das Gros unserer Demografen und Neoliberalen klagen, dass die Griechen und die Spanier im eigenen Land nicht auf die Beine kommen, weil deren Nachwuchs wegläuft. So einfach ist das mit der Verkehrung von Ursache und Wirkung!
 
Bei uns dürfte es jedenfalls demnächst ein ganz schönes Gedränge auch um die qualifizierten Arbeitsplätze geben. Und ganz neue fremdenfeindliche Töne dazu. Dann wird es weniger um die bildungsfernen „kleinen Kopftuchmädchen“ gehen, „die unser Sozialsystem belasten“, als vielmehr um die hochqualifizierten jungen Leute aus den südeuropäischen Ländern, die „unsere“ Arbeitsplätze besetzen und die Löhne drücken. Was sagt dann wohl unsere ´Generation Praktikum´ dazu? Klar ist: hier lassen sich soziale und ökonomische Probleme schnell zu ethnischen, religiösen oder gar rassistischen Problemen umdeuten.
 
Kurzum: Der verengte Blick auf die „Demografie“ eignet sich nicht erst seit heute als Folie für Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Vor allem in krisenhaften Zeiten. Deutliche Parallelen zur Weimarer Republik sind - bei allen Unterschieden - nicht zu verkennen.(22)
 
Anmerkungen:
(17) Die Frage ist doch nur, ab wann die abhängig Beschäftigten Anspruch auf ihre Rente haben bzw. wie viel Abschläge sie in Kauf nehmen müssen, wenn sie vorzeitig aufhören müssen oder wollen. Und das ist eine Verteilungsfrage.
(18) Dazu auch: Thomas Etzemüller „Ein ewigwährender Untergang – Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert“ transcript Verlag, Bielefeld 2007.
(19) Burgdörfer war Abteilungsleiter beim Statistischen Reichsamt; 1933 Mitglied im Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik im Reichsinnenministerium; 1939 wechselte er zum Bayerischen Statistischen Landesamt und wurde dessen Präsident; 1940 verfasste er ein Gutachten für das Auswärtige Amt, das sich mit der Möglichkeit der Umsiedlung der Juden nach Madagaskar beschäftigte; dann Mitherausgeber der ‚Zeitschrift für Rassenkunde’ und des ‚Archivs für Rassen- und Gesellschaftsbiologie’; in München bis Oktober 1945 im Amt, bevor er von der amerikanischen Militärregierung entlassen wurde. Vier Jahre später bekam er einen Lehrauftrag an der Universität München und wurde Mitglied in der ‚Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft’. Die ‚Deutsche Statistische Gesellschaft’ nahm ihn 1960 als Ehrenmitglied auf.
(20) Heinsohn: „Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen“ In: FAZ.NET vom 25.03.2010
(21) Heinsohn widmet sich zudem - in „Söhne und Weltmacht“ - der Bedrohung durch den Überschuss an jungen Männern („Youth Bulge“), die als potenzielle Terroristen die Welt verunsichern. Und er bekommt viel Beifall von Prominenten wie Sloterdijk, Henkel, Baring u.a. und viel Aufmerksamkeit in Printmedien und Talk-Runden.
(22) Die Brüning’sche Austeritäts- und Arbeitsmarktpolitik und deren fatale Folgen von Massenarbeitslosigkeit, Verelendung breiter Bevölkerungsschichten und deren politische Radikalisierung wird zunehmend in Erinnerung gerufen angesichts der Situation in der Eurozone
 
Teil 1 ist im NRhZ-Online-Flyer Nr. 442  vom 22.01.2014 erschienen. Siehe
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19930
 
Günter Berg ist Soziologe und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Er war hauptberuflich als Referent im Statistischen Landesamt Berlin, später als stellv. Referatsleiter im Innenministerium Brandenburg, tätig.
 


Online-Flyer Nr. 443  vom 29.01.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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