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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Fotogalerien
Lieder und Fotos aus dem Pott
Sing mit: Glück auf!
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Ein Liederbuch als Liebeserklärung eines Imi an den Ruhrpott: 1943 in Braunschweig geboren aber voll ins Ruhrgebiet hinein und aufgewachsen. Opa Kruppianer, Vatter Kruppianer, Frank (Baier) Kruppianer-Lehrling. Gemeinsam mit Jochen Wiegandt ist der Liedersammler, Texter und Musiker Frank Baier zuständig für den fünften Band der Liedertafel (nach Hamburg, Holstein, Mecklenburg, München). Endlich eine Ruhrpott-Liedersammlung, angereichert mit Bildern und einem Lexikon. Menschen haben ihre Fotoalben und -Archive durchsucht und einfach „reichlich“ vorgesungen. Baier: „Es scheint, als hätten sie schon lange auf dieses Liederbuch gewartet, als wäre es dringend notwendig, gerade in dieser Zeit wieder zu singen.“


Rheinpreussen-Kolonie, ca. 1909
Quelle: Sammlung Wohnungsgenossenschaft Rheinpreußensiedlung e.G.


Gastarbeiter beim Sonntagsspaziergang um die Eisenhütte, Oberhausen, Anfang 1960er-Jahre
Foto: Rudolf Holtappel (Fotoarchiv Stiftung Ruhr Museum)


Vatter Ewald Baier als Lehrling bei Krupp, 1923
Foto: Archiv Frank Baier


Hoch her ging es oftmals bei Festen. Da durfte die Mundorgel nicht fehlen.
Foto: Friedhelm Wessel


Familienleben im Wirtshaus der 20er Jahre: Stammgäste der Gaststätte Brockhoff in Wanne-Crange
Quelle: "Glück auf"


Belegschaft der Ziegelei Dünkelberg, Witten, 1931
Quelle: Sammlung LWL-Industriemuseum, Dortmund


Straßenkarneval in Essen-Frohnhausen, ca. 1930
Quelle: Privatbesitz (Hannelore Schinkels)


Ostermarsch Essen, 1962
Foto: Toni Tripp


Der Junge mit der Mundharmonika, Frank Baier, ist heute Liedermacher des Reviers (Ruhrnachrichten 2011)
Foto: Archiv Frank Baier


Fasia Jansen mit Joan Baez, Ruhrgebiet 1966
Foto: Toni Tripp


"Kulturhauptpott", Revue des Zeitgeist-Ensemble-Ruhr, 2010
Quelle: Sammlung Volker Brockhoff (mit Foto Rudolf Holtappel)


Rheinpreussen-Siedlung, dritter Hungerstreik 1979
Foto: Werner Hewig


"Vom Schacht auf die Straße", demonstrierende Bergleute im September 1969
Foto: Klaus Rose


Abrißbagger in der Wörthstraße
Quelle: Archiv Cochise


Foto: Carola von Groddeck, Folkwang-Meisterschülerin bei Renger-Patzsch, um 1930 (Mutter von Frank Baier)
Sammlung Museum Folkwang


Das überquellende Liederbuch mit rund 460 Seiten im Notenheft-Format ist spannende Lektüre: Wen vermutet Mensch nicht alles im Ruhrgebiet ansässig oder zugehörig? Der Opernsänger Rudolf Schock wuchs in Duisburg-Wanheimerort auf, sang in verschiedenen Chören, auch als Bänkelsänger – „Ein Bergmann nahm Abschied“ – in Hinterhöfen von Hamborn: „Mein Vater war ein einfacher Arbeiter. Die Zeiten waren schlecht, und obwohl sich meine Eltern nach Kräften abrackerten – reichte es kaum, die Familie durchzubringen.“ Frank Zappa’s Auftritt bei den Essener Songtagen 1968 geschah im Vorfeld der Wiederentdeckung politisch motivierten Liedgutes, als Franz Josef Degenhardt verkündete „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“. Auch die Ostermarsch-Bewegung gegen die Wiederaufrüstung der geteilten jungen Nachkriegsrepublik ließ ihre Lieder erschallen. Der Sehnsucht nach länger währendem Frieden und nach Gerechtigkeit für die Völker verlieh die Ausstrahlung der Musik und ihrer Interpretinnen Fasia Jansen gemeinsam mit Joan Baez (1966) Gesicht und Stimme. Skiffles waren die frühen musikalischen Ausdrücke des Liederbuch-Machers Frank Baier bei den Ostermärschen.

Mit der Gruppe Kattong sang Baier in Knästen, mit den Sons of Gastarbeita kam die Nachfolge-Generation der Wirtschaftszuwanderer mit ins Spiel. Mit Rap und Hip Hopp und Oden an die staubige Heimatluft kommt die Duisburger BANDBREITE-Band in den 90ern hinzu, die konsequent die Übel der Friedensverhinderung thematisiert: Weltweite Kriegsszenarien hinter verlogenen Gründen, Daten-Bespitzelung und EU-Knebelverträge durch die Hintertür. Neuartig im Repertoire der BANDBREITE ist die Analyse der Durchsetzung von linken parlamentarischen und nichtparlamentarischen Kräften mit rechten, Imperialismus-kompatiblen Ideen. Karneval und Kinderlieder, Arbeitersport und Arbeiterchöre, Bandonium und Waldzither – alles ist vereint in Baiers Lieder- und Geschichte(n)sammlung. Darunter eine Verbindung zum Widerstandslied „Die Moorsoldaten“ der meist aus dem Ruhrgebiet stammenden politischen Gefangenen des KZ Börgermoor, darunter der Mülheimer Otto Gaudig, Vater von Arbeiterfotografie-Ehrenmitglied Theo Gaudig, der in einer Schusterarbeit zwischen Sohle und Brandsohle das Liedblatt aus dem KZ schmuggelte. Frank Baier war übrigens musikalischer Gratulant bei der 80-Jahr-Feier zur Gründung der historischen Arbeiterfotografen-Bewegung in Erfurt 2007.

Liedgut ist Tradition und Weiterentwicklung, und es ist – wenn es lebendig wirkt – ein plastisches Zeichen der Zeit. Es macht nicht Halt vor Erotik und deftigen Liedern, denen ein Kapitel im Lexikon (gestaltet von einem 14köpfigen AutorInnen-Team) gewidmet ist. 1968 wurden die „Folkies“ wegen frauenfeindlicher Textpassagen „angezählt“. Politische Vorbilder waren Woody Guthrie und Bob Dylan. Guthries Mitspieler bei den Almaniac Singers in den New Yorker 1940ern war Pete Seeger, seines Zeichens Mitbegründer der „Walkabout Clearwater Singers“ und mit 89 Jahren stolz darauf, zur Amtseinführung des imperialistischen US-Präsidenten Obama im Jahr 2009 Woody Guthrie’s „This Land is my Land, this Land is your Land“ zu singen.

Zurück zur „Kolonie“ an der Ruhr. Mehrere Hungerstreiks und viel musikalisches Spektakel oder besser: Durchsetzungsvermögen erwirken in den späten 70ern die Rettung von 600 der ehemals 1800 Häuser der Rheinpreußen-Siedlung. Fasia Jansen ist wieder dabei – und Frank Baier, der heute in einem der vor dem Abriss geretteten Häuser lebt. Zwischen den Jahrzehnten äußert Baier einmal, er sei kein Kampfbarde mehr. Doch Roland Günter (siehe Artikel „Stadtmassaker und Sozialverbrechen“ in dieser NRhZ-Ausgabe) schreibt Frank ins Buch: „Lieder mit aufmüpfigen Texten und zündenden Melodien. Auf der Straße, bei Mahnwachen, in Haus-Besetzungen, bei Festen, in Hungerstreiks und dem Kampf der Krupp-Arbeiter 1987/88 in Rheinhausen.“ Beide singen gemeinsam mit zahlreichen MitstreiterInnen im aktuellen Kampf gegen den Abriss ganzer Stadtviertel von Duisburg. (PK)

Glück Auf!

Liederbuch Ruhr - Lieder und Lexikon
Gewidmet Heinrich Kämpchen (1847-1912)
Bergmann, Streikführer und Arbeiterdichter

Für Recht und Freiheit hat sein Herz geglüht.
Er war ein Kämpfer und sein Schwert das Lied.

Straße

Straße, du schöne Straße.
Was haben deine alten Häuser verbrochen,
dass sie alle fallen sollen?
Was haben deine Gärten verbrochen,
dass sie verschüttet werden?
Was taten deine Bewohner,
die man verjagen will?
Wo liegt dein Fehler,
dass du zerstört wirst?

Straße, du bist zu alt,
Deine Häuser sind zu billig,
Deine Gärten nehmen Platz weg.
Deine Bewohner sind zu gefährlich,
zu viele Ausländer, Studenten,
Linksradikale, ja ein Anarchist
wohnt hier sei 40 Jahren.

Doch ihr, Bürokraten, Spekulanten,
warum sind viele Häuser zugemauert?
Um sie zu schützen, vor denen, die sie brauchen?
Was wird uns euer Lärmschutzwall nützen,
wenn wir hier nicht mehr leben können?
Soll’n wir euch jeden Stein, den ihr abreißt
an den Kopf schmeißen?
Was wird uns die Sanierung nützen,
wenn wir hier nicht mehr leben können?
Soll’n wir eure Vorstadtvillen und Rathäuser zumauern?

Text und Musik: Pit Budde, Günter Holtmann, Peter Freiberg und Klara Brandi (Cochise 1979-88)


Weckruf (Mann der Berge aufgewacht)

1. Mann der Berge aufgewacht, ob im Stollen oder Schacht, eingehüllt vom Pulverdampf, rüste dich zum Freiheitskampf.

2. Lang genug hast du gesäumt und geschlafen und geträumt. Morgenrot wirft seinen Schein, neues Leben bricht herein.

3. Hörst du nicht den Kampfeston? Deine Brüder fechten schon. Stehen straff in Reih' und Glied, nur du bist noch schlaff und müd'.

4. Klagen über deine Not, schafft dir Bess'rung nicht und Brot, macht dich nur zum Kinderspott – „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!"

5. Darum endlich aufgewacht, Mann der Berge, Mann der Nacht, hast bis jetzt du noch gesäumt, länger wird nicht mehr geträumt!

6. Rüste dich zur Gegenwehr, kämpfe mit im Brüderheer, immer mutig dran und drauf! Mann der Berge, wache auf!

Text: Heinrich Kämpchen, Musik: Peter Heinz, Melodie: frei nach „Bet und arbeit“



Glück Auf! - Liederbuch Ruhr - Lieder und Lexikon, Frank Baier / Jochen Wiegandt (Hg.)
464 Seiten, gebunden, Querformat: 21,8 x 15,2 cm , Klartext-Verlagsgesellschaft Essen 2012, 24,95 Euro

Online-Flyer Nr. 439  vom 01.01.2014

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