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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Medien
Die Geschichte der Demoskopin Noelle-Neumann wird erneut verdrängt
Hetzkampagne der Großmedien
Von Werner Rügemer

Elisabeth Noelle-Neumann war zunächst eine begeisterte NS-Journalistin, eng verbunden mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels: Antisemitismus und Antimarxismus für das gebildete Publikum im In- und Ausland (Hochglanz-Zeitschrift „Das Reich“). Nach 1945war sie die zusammen mit ihrem Milieu zu christlichen Werten gewendete Wendehälsin als Chefin des Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee: Als einflussreiche und hochbezahlte Meinungs-Mitmacherin vor allem für Adenauers und Kohls Regierungen sowie für Unternehmen und die Wirtschaftslobby erst der halben, dann der endlich kapitalistisch vereinigten BRD.

Elisabeth Noelle-Neumann mit Staatssekretär Otto Schlecht (1991)
Quelle: wikipedia
 
Jörg Becker hat das alles in der Studie „Elisabeth Noelle-Neumann: Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus“ (Schöningh-Verlag 2013) in allen Einzelheiten belegt. Becker recherchierte aus zahlreichen Archiven die lange verdrängten Fakten, auch ihre bisher verleugneten oder beschönigten Aktivitäten während des NS; die nach 1945 von westlichen Besatzungsmächten ermöglichte Gründung des Allensbacher Instituts; ihre späteren Manipulationen der mit Unterstützung des NS-Propagandaministeriums verfassten Doktorarbeit (mit der Botschaft der Einheit von Volkskörper und Volksführer); ihre unsauberen Methoden der Meinungsmache, getarnt als Meinungsforschung; die Auftragsacquise durch ihren Mann Erich Peter Neumann, der auch schon mal CIA-Gelder im Koffer durch Bonns nächtliche Straßen an die richtige Adresse schaffte - und vieles weitere aus der verdrängten Realgeschichte der bundeskapitalistischen Machtausübung.
 
Der Spiegel brachte am 15.4. eine lobende Vorabrezension, die Zeit veröffentlichte am 18.4. einen zusammenfassenden Artikel von Becker selbst. Zahlreiche Zeitungen, Sender und alle Großmedien hatten, wie üblich, schon mehrere Wochen vor Erscheinen des Buches die Korrekturfahnen angefordert. Üblicherweise veröffentlichen insbesondere die Meinungsführer die Rezensionen solcher Bücher bereits am Tag des Erscheinens. Als das Buch erschien, war in diesem Fall aber Schweigen im großen Blätterwald. Man wusste nicht, wie man mit den gut belegten Enthüllungen umgehen sollte. Loben: unmöglich! Kritisieren: aber wo ansetzen? Lieber verschweigen?
 
Erst Schweigen, dann Hetzkampagne
 
Kleine, kritische Medien wie junge Welt und Neue Rheinische Zeitung (1) stellten das Buch vor. Das liberale Milieu wie taz und Frankfurter Rundschau hielt sich raus. Die großen Meinungsführer hüllten sich in Schweigen. Das löste sich kurios und kurzzeitig vom Rande her. Die FAZ brachte am 26.4. eine Notiz „Horst Tappert war bei der Waffen-SS“. Becker hatte kurz als eine der ersten Aktivitäten des Ehepaars Noelle-Neumann nach dem Krieg eine Theatertruppe in Tübingen beschrieben, bei der auch ein Horst Tappert mitmachte. Der wurde später als Inspektor Stephan Derrick in 281 ZDF-Krimis weltberühmt. Becker hatte beiläufig angemerkt, dass Tappert seit 1943 Mitglied der Waffen-SS gewesen war. BILD zog nach, eine internationale Medienlawine brach los, in der Autor Becker und sein Buch ganz untergingen. Dann war wieder Stille, sechs Wochen lang.
 
Dann brach „wie aus heiterem Himmel“ eine Hetzkampagne gegen Becker los, die Noelle-Neumann zur lupenreinen Demokratin heiligte. Ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung spielte den Leithammel für die sprachlose und unschlüssige Medienmeute. Rezensent Frank Stauss zitierte keinen einzigen Beleg über Noelle-Neumanns Antisemitismus, entschuldigte ihn aber wegen ihrer Jugend und dass man auch in der Nachkriegszeit halt mit Nazis zusammenarbeiten musste. Außerdem habe sie sich als Frau zur Topmanagerin durchgekämpft. Autor Becker dagegen sei ein Opportunist, der sich früher wegen befürchteter Karrierenachteile nicht getraut habe, so ein Buch zu schreiben. Rezensent Stauss ist PR-Unternehmer mit SPD-Dauerauftrag, gestaltete z.B. die Wahlkämpfe von SPD-Rechten wie Schröder, Wowereit und Steinbrück, Motto „Wählt Markenpolitik!“ Er verteidigte seine Branche, in der Noelle-Neumann offensichtlich noch hoch angesehen ist.
 
Die anderen Medien zogen sofort mit Verrissen nach. In der FAZ meinte Michael Wolffsohn: Noelle-Neumann könne keine Antisemitin gewesen sein, da sie mit Richard Löwenthal (Leiter des rechtslastigen ZDF-Magazins) befreundet gewesen sei, und der sei schließlich Jude gewesen. Wolffsohn weiter: Becker „selektiert“ die Fakten hinsichtlich Noelle-Neumann nach gut und schlecht und verbleibe, soweit versteigt sich Wolffsohn, deshalb „im nationalsozialistischen Jargon“. Schließlich: Noelle-Neumanns „NS-Wortsaucen“ seien „für Menschleben unschädlich“ geblieben. Sven Kellerhoff in Die Welt meinte: Alles sei längst bekannt. Becker diskreditiere sich durch seine „Gewährsleute“ wie „den orthodoxen Marxisten Reinhard Kühnl aus Marburg“, und er lebe noch im „Geist der 70er Jahre, den man längst überwunden glaubte“. Außerdem verfasse er Gutachten für die Linkspartei. Da brauchte auch Kellerhoff auf die Fakten nicht einzugehen. Soweit der bundesdeutsche „Qualitätsjournalismus“.
 
Ralph Schmidt-Noelle aus Zürich, Großneffe, Erbe und Verwalter des Privatarchivs von Noelle-Neumann, klagte vor dem Landgericht Köln gegen Becker: Die Darstellung, Noelle-Neumann habe ihr Entnazifizierungsdokument gefälscht, sei falsch. Becker hatte geschrieben: In der französischen Zone sei sie als „Sympathisant“ eingestuft worden, das hätte sie als „Mitläufer“ übersetzen müssen, sie habe sich stattdessen als „unbelastet“ bezeichnet. Becker hatte in der Tat übersehen, dass es 1950 eine Verordnung der badischen Regierung gab, die dies legitimierte. Daraus folgerte der Erbe mithilfe des einschlägigen Medienanwalts Ralf Höcker, dass damit das ganze Buch widerlegt sei. Der Schöningh-Verlag zog sofort das Buch aus dem Verkehr, entschuldigte sich und macht keine Neuauflage.
 
Kräftiges Nachleben
 
Die Nachfolgerin der „Pythia vom Bodensee“ (so ihr Ruf seit ihrem Wirken für Adenauer und Konzerne, sie starb 2010) ist Renate Köcher. Der jetzigen Chefin des Instituts Allensbach unterstehen 100 Angestellte und 2.000 nebenberufliche Interviewer. Das Institut arbeitet heute verdeckter, aber intensiver als zuvor, hoch vernetzt mit den Mächtigen, Reichen und ihren Hilfstruppen. Köcher ist im Aufsichtsrat von Allianz, BMW, Infineon und im Kontrollgremium von ALDI Süd. Sie ist Mitglied im Rat der Universität Mannheim, im Beirat des Roman Herzog-Instituts und des Vodafon-Instituts für Gesellschaft und Kommunikation. Im Stiftungskuratorium des Instituts für Demoskopie sitzen außer dem Großneffen nur Ex-Konzernchefs: von BASF, Daimler, Nestlé, Siemens, Münchner Rück, Metro, Bosch. Zu den Auftraggebern zählen Konzerne, Deutsche Bank, die Verlage Springer, Spiegel und Zeit, Arbeitgeberverbände, Bertelsmann-Stiftung, Universitäten. Für die monatlichen Beiträge Köchers in der FAZ werden ausführliche Dokumentationen erstellt („Vertrauen in die EU wächst“, „Das Verblassen der Linkspartei“). Auch daran wird die noch gestiegene Bedeutung der Meinungsmache für die heute Kapital-Mächtigen deutlich.
 
Becker hat belegt, wie Noelle-Neumann in ihren letzten Jahren sich dem rechtsradikalen und esoterischen Milieu annäherte und dort geehrt wurde. So wurde der Ex-FAZ-Redakteur Kurt Neumann Laudator bei einer Preisverleihung der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ an Elisabeth Noelle-Neumann. Jörg Becker erhielt zwei Morddrohungen, in denen es u.a. hieß: „Schade, dass man Volksfeinde wie Sie nicht einfach an einer deutschen Eiche aufknüpfen kann.“ „Ich würde dir gerne den gut erhaltenen Dolch meines Vaters in den Arsch schieben.“ Da wächst zusammen, was unter deutschen Bedingungen schon mal zusammengewachsen wurde. (PK) 
 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19205


Online-Flyer Nr. 434  vom 27.11.2013

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