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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Glossen
Eher verstrahlt als erleuchtet
Supermacht Israel
Von Ulrich Gellermann

Ein früher Morgen in Moskau: Israelische Kampfjets des Modells F-151 Ra´am donnern über den Roten Platz, erste Raketen schlagen in die Kreml-Gebäude ein. Zeitgleich tauchen ehemals deutsche, jetzt israelische, U-Boote in der Newa-Bucht vor Sankt Petersburg auf. Ihre Raketen tragen Atomsprengköpfe: Noch könnten die Russen klein beigeben und ihre geplanten Waffenlieferungen nach Syrien stoppen. Der Countdown läuft.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


 
Ist dieses Horror-Szenario die Ausgeburt eines verrückten Gehirns? Oder ist es eher die Machtfantasie einer durchgeknallten Regierung Netanjahu? Sicher ist: Der großmächtige Staat Israel hat jüngst die russische Regierung vor der Lieferung von Luftabwehrraketen an Syrien gewarnt. Russland wurde drohend aufgefordert, die Lieferung eines Waffensystems zu stoppen, das zwar weder gegen die Rebellen noch gegen Israel eingesetzt werden könnte, aber es würde den syrischen Luftraum vor dem Eindringen feindlicher Jäger, Bomber und Raketen schützen. Das kann die Regierung Natanjahu offenkundig nicht dulden. Denn der Luftraum der Nachbarstaaten scheint Israel zu gehören, wie jüngst noch mit israelischen Luftangriffen in der Nähe von Damaskus bewiesen. Man stelle sich vor, die syrische Luftwaffe hätte mal eben ein paar Raketen auf Tel Aviv abgeschossen: Ein Aufschrei der Empörung bei westlichen Regierungen und Medien wäre die Folge gewesen. Aber ein völkerrechtswidriger Angriff auf Syrien? Wer ist schon Syrien? Es ist das Land, für das der Westen bei Gelegenheit eine Flugverbotszone einrichten will. Dafür muss man in den Luftraum über Syrien. Da stören Luftabwehrraketen erheblich. Das müssen die Russen gefälligst begreifen.
 
Während die USA, eine Supermacht im Abwärtstrend, ihre Überfälle auf lateinamerikanische Nachbarländer stark zurückgefahren hat, kennt die neue Supermacht Israel kaum Grenzen. Länder wie der Libanon wissen das: Da waren die Israelis schon häufiger und haben aufgeräumt. Und auch Syrien kennt sich mit der Doktrin der offenen Grenze für Israel aus: Schon 2007 hatte die israelische Luftwaffe in der Nähe der syrischen Kleinstadt at-Tibni ihre Bomben fallen lassen. Ein vermeintlicher Atomreaktor war das Ziel. Auch die Dreimeilenzone - jene Zone vor der Meeresküste, die nach internationalem Recht dem jeweiligen Küstenanrainer als souveräner Raum zusteht - ist für die Supermacht Israel größer als für andere: Im Fall der Gaza-Hilfsflottille, kaperte die israelische Kriegsmarine 78 Meilen von der Küste entfernt ein türkisches Schiff. Also in internationalen Gewässern. Völkerrecht? Internationale Seerechtsabkommen? Gilt anscheinend nur für irgendwelche Kleinstaaten.
 
Israel - darin manchem seiner arabischen Nachbarn ähnlich - definiert sich als religiöser, als jüdischer Staat. Der Einfluss monotheistischer Religionen auf Menschen, wenn die Religiösen nicht vom laizistischen Staat gezügelt werden, ist verheerend. Die Vernunft kann in Urlaub gehen. Denn gegen Gottes Willen, gegen Gottes Volk, gibt es kein irdisches Veto. Oder auch: Die Grenze von "erleuchtet" und "verstrahlt" ist nicht immer zu erkennen. Wahrscheinlich war es dieses Phänomen, das den israelischen Regierungschef bewog, den US-Präsidenten auf eigenem Boden zu brüskieren, als er dessen Position zu Verhandlungen mit den Palästinensern schroff zurückwies. Obama hatte in einem Gespräch in 2011 mit Netanjahu die Grenzen von 1967 als Basis von Friedensverhandlungen erklärt. Eine nebensächliche Normalität, sollte man nach der UNO-Beschlusslage meinen. Aber wer ist schon Obama? Was sind schon internationale Abkommen für den Vertreter eines Gottesstaates? Und wenn die USA höflich den Stopp des Siedlungsbaus im Palästinenserland wünschen, weil das den Beschlüssen der UNO widerspricht, dann lässt Netanjahu erst recht noch mehr Siedlungen bauen. Weil Gott genau diese Ecke der Welt damals, nach der Flucht aus Ägypten, für Israel reserviert haben soll. So geht göttliche Großmacht.
 
Wer glaubt, es ginge in Syrien um einen reinen Bürgerkrieg, der könnte die israelischen Luftangriffe ja als Hilfsprojekt für die Opposition verstehen. Weit gefehlt. Israels Luftwaffe hat in Syrien Nachschub für die Hisbollah-Miliz zerstört. Deren Standorte befinden sich im Libanon. Und deren Sympathien liegen im Iran. Alles Gegenden, in denen die israelische Armee eigentlich nichts zu suchen hat. Aber Großmächte können in den Grenz-Fragen einfach nicht kleinlich sein. Den "reinen" Bürgerkrieg kann auch die "New York Times" in Syrien nicht ausmachen. Statt dessen berichtet sie von mehr als 160 Frachtflügen mit militärischen Gütern aus Jordanien, Saudi Arabien und Katar, die zum türkischen Flughafen Ankara-Esenboga geliefert wurden und von dort auf dem Landweg nach Syrien in die Hände der Rebellen gelangten. Weiter schreibt die Zeitung, dass die CIA diese Transporte unterstützt und gute Ratschläge gibt: Welche Rebellengruppen welche Waffen bekommen sollen. Längst ist der syrische Bürgerkrieg ein internationaler Kampf um Macht und Einfluss in diesem Raum. Da will die Supermacht Israel nicht abseits stehen. Deshalb wird Russenland schon mal gewarnt: Finger weg von unserem Hinterhof, heißt die Botschaft. Wenn dieses Dritt-Land das nicht lernen will, wenn es weiterhin Raketen zur Sicherung des syrischen Luftraums zu liefern versucht, dann kann es ganz schnell eine Weltmacht kennen lernen. Am Roten Platz, in der Newa-Bucht oder anderswo. (PK)
 
Ulrich Gellermann hat diese Glosse auf seinem Blog
http://www.rationalgalerie.de/archiv/index_1_691.html
veröffentlicht. Von dort haben wir sie mit Dank übernommen.


Online-Flyer Nr. 406  vom 15.05.2013

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