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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Medien
Die Blutlinie für den Syrien-Krieg
Rote Linien
Von Ulrich Gellermann

"Saddam Hussein besitzt chemische Waffen; Saddam Hussein hat solche Waffen eingesetzt. - Saddam Hussein und sein Regime verschleiern ihre Bemühungen, mehr Massenvernichtungswaffen zu produzieren. - Saddam Hussein ist entschlossen, an eine Atombombe zu kommen." Diese Sätze lieferte der damalige Außenminister der USA, Colin Powell im Februar 2003 bei einer Rede vor den Vereinten Nationen ab, und die braven deutschen Medien gaben diese Lieferung ohne Prüfung an ihre Konsumenten weiter. Heute wissen wir: Powell log, um den Irak-Krieg vorzubereiten. Entschuldigungen der Medien für ihre Kumpanei mit der US-Propagandamaschine sucht man so vergeblich, wie man bis heute vergeblich nach den irakischen Atomwaffen sucht.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Diese Erfahrung - dicke Lügen haben kurze Halbwertzeiten - macht die Medien schlauer, nicht klüger. Sie setzen im aktuellen syrischen Krieg auf die Zwar-Aber-Metode: In der fetten Überschrift behauptet die WELT "Assad-Regime setzt Chemiewaffen ein", um dann im Kleingedruckten von Beweisen, die zwar fehlten zu murmeln, aber, nun ja. Der FOCUS ist in seiner Headline von der Gewissheit nur Millimeter entfernt: "Assad-Regime setzt offenbar Chemiewaffen ein". Das Wort "offenbar" bedeutet immer: Wir haben zwar keinen Beweis, aber bringen den Deutschen schon mal das Fürchten bei. Die ZEIT nimmt den Umweg über Israel: "Israel fordert US-Militäraktion in Syrien". Angesichts angeblich neuer Hinweise auf einen Chemiewaffeneinsatz, versteht sich. Auch die BILD weiß es von anderen: "Briten und Franzosen liefern der UN den Beweis: Assad setzt Chemiewaffen ein", brüllt das Fettgedruckte und weiter unten flüstert das Nicht-mehr-Gelesene: "Experten war es bislang jedoch unmöglich gewesen, zu sagen, ob die Waffen von Assads Truppen oder von Rebellen benutzt wurden". Der Truppen-Kommandeur des West-Berliner TAGESSPIEGEL befiehlt für Syrien: "Es ist höchste Zeit, dass die USA, gemeinsam mit der Türkei und anderen Nato-Verbündeten sowie mit Israel und auch Jordanien zusammen eine Kommandoaktion einleiten, um so viel wie möglich der etwa 1000 Tonnen Chemiekampfstoffe in Syrien aufzuspüren und zu zerstören." Das schreibt ein Drecksblatt, das im September 2001, unter der Überschrift "Das feige Denken" Steckbriefe von Intellektuellen veröffentlichte, die sich kritisch zum Irak-Krieg äußerten.
 
Nun möchte jeder normale Mensch den Krieg in Syrien lieber heute als morgen beendet sehen. Aber, dass Friedens-Verhandlungen - im Genfer UN-Abkommen des letzten Jahres für einen "nationalen Dialog unter Syrern" und für die "Selbstbestimmung ihrer Zukunft und ihres Landes" gefordert - wesentlich von den Rebellen blockiert werden, das ist in deutschen Medien nur zu erahnen. Nicht nur weil sich Krieg anscheinend besser verkauft, sondern auch, weil die USA den Regime-Wechsel wollen. Denn im syrischen Nachbarland Jordanien zum Beispiel, bilden 200 US-Militärs ein paar tausend Kämpfer für den Rote-Linien-Tag aus. Obamas berühmte "Rote Linie" gilt allgemein für den Tag, an dem die syrische Armee Giftgas einsetzen soll. Dann würde die Flugverbotszone durchgesetzt werden, dann sollen die amerikanischen Bomben und Raketen dem syrischen Volk die amerikanische Freiheit bringen. In Wahrheit wird es der Tag sein, an dem die kriegsunwillige US-Bevölkerung und die westliche Öffentlichkeit von den Medien kriegsreif geschossen sein werden. Es wird die Linie sein, nach der noch mehr rotes Blut fließen wird, wie man aus dem Libyen-Krieg erinnern kann.
 
Das Erinnerungsvermögen deutscher Medien ist allerdings fast so schwach wie ihre Bereitschaft über die schrecklichen Ergebnisse jener Kriege zu berichten, die sie zu Zeiten so begeistert begleitet haben. Nach dem bejubelten und wesentlich von ausländischem Militär gewonnen Libyen-Krieg ist das Land auf dem Weg in den Zerfall: Die ohnmächtige Zentralregierung steht den islamistischen Milizen weitgehend hilflos gegenüber, es regiert der Fanatismus und der Tod. Der von den USA "befreite" Irak ist von einem erneuten Bürgerkrieg nicht weit entfernt. Während der religiöse Fanatismus und sein Bombenterror im Land weiter wachsen, sind die Wirtschafts- und Versorgungsleistungen schlechter als vor dem Krieg. Dass der Zehnjahres-Krieg in Afghanistan dem Land geschadet hat und dass nicht einmal sein vorgeblicher Grund, die Wurzeln des Terrors auszureißen, zum Erfolg führte und dass sein heimlicher Grund, der Bau einer Pipeline, auch nicht gelang, welcher Chefredakteur mag das schon zugeben. Haben sie doch alle diesen Krieg, der ihnen lange als "Mission" galt, mit kniefälliger Berichterstattung begleitet.
 
Es wird sich schon ein Powell finden, der das Giftgas in Syrien entdecken wird, um die rote Linie zu überschreiten. Und wenn er es selbst dort verbuddeln muss. Und es werden sich ausreichend Medienleute finden, die dem Überschreiten der roten Linie zujubeln. Denn solange der Chefredakteur sich nicht selbst dem Bombenhagel aussetzen muss, so lange ist er kühn, mutig und kriegsbereit. Wenn es dann Gegner des amerikanischen Kriegs in Syrien geben sollte, dann können sich die USA sicher wieder auf einen TAGESSPIEGEL verlassen, der zum Irak-Krieges schmierte: "Künstler und Intellektuelle flüchten sich in antiamerikanische Ressentiments." (PK)
 
Ulrich Gellermann hat uns diesen Beitrag aus seinem Blog www.rationalgalerie.de
zur Verfügung gestellt.
 


Online-Flyer Nr. 404  vom 01.05.2013

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Von Kostas Koufogiorgos
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