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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Theatergroteske der Berliner Compagnie zur aufhaltsamen Wasserprivatisierung
Bunt und schrill – das Elend kommt nach Europa
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

In einer rauschenden Revue mit vier DarstellernInnen in mindestens fünfzehn Rollen bringt das Team der Berliner Compagnie mit insgesamt nur sechs Mitwirkenden das seit Mitte der 1990er Jahre vakante, im Jahr 2000 mit dem Wasserkrieg von Cochabamba zur Berühmtheit gelangte Problem der Wasserprivatisierung als Gangsterkomödie mit dem Titel „Das Blaue Wunder“ auf die Bühne. Volle Säle am Weltwassertag in Aachen (am 22. März 2013 in Kapperts Hölle) und zwei Tage später in Köln im Großen Saal der Alten Feuerwache.


Das blaue Wunder – Gangsterstück um die Privatisierung des Wassers
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com (Christian Fiege, Anneliese Fikentscher, Klaus Franke, Andreas Neumann)


Vera Thomas-Ohst, Vorsitzende des Euregioprojekts Frieden, das die 14. Aachener Friedenstage ausrichtet, begrüßt das Aachener Publikum in Kapperts Hölle


Blick in den Saal von Kapperts Hölle, im Saalbau Rothe Erde, Aachen


Die Wasser-Gangster – Treffen 1996 in der Kanalisation von Paris – mit Dimo Wendt als SUEZ und Elke Schuster als Vivendi


Elke Schuster als Vivendi (Regie und Songs)


Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit halten Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts die drei Größten der Wasserbranche, die französischen Konzernchefs von Vivendi, SUEZ und SAUR ein Meeting ab. Hinzu kommt der Deutsche R.W.E. (v.l.n.r. Elke Schuster, Helma Fries, Dimo Wendt und Jean-Theo Jost).


Jean-Theo Jost als R.W.E.


Dimo Wendt als SUEZ


Helma Fries als Bechtel


Dimo Wendt als SUEZ


Die Wasser-Gangster – Treffen 1999 in der privaten Irrenanstalt von R.W.E. in Berlin


In der privaten Irrenanstalt von R.W.E. in Berlin (v.l.n.r. Helma Fries, Dimo Wendt, Jean-Theo Jost und Elke Schuster)


Jean-Theo Jost als R.W.E. – mit dem Rückgrat der Berliner Finanzsenatorin Fugmann-Heesing (SPD) bei der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe


In der privaten Irrenanstalt von R.W.E.


Die Wasser-Gangster – Treffen 2000 in Cochabamba in Bolivien (v.l.n.r. Vivendi, SUEZ mit Bechtel, der einen Freund in Texas hat, und R.W.E.)


Die dritte Schlacht des „Wasserkrieges von Cochabamba“ im vom Präsidenten Banzer ausgerufenen Kriegszustand


Dimo Wendt als Geistlicher


Die Auseinandersetzungen der Militärs untereinander, bis hin zu den tödlichen Schüssen auf den 17 jährigen Hugo Danza führen zur Rekommunalisierung der Wasserbetriebe. Die von der Weltbank erzwungene Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung muss von der bolivianischen Regierung zurückgenommen werden. Sieben Tote kostete der Kampf.


Im Februar 2003 kam es zu einem spontanen Volksaufstand, anlässlich des Besuchs einer Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF). Teile der Polizei schlossen sich dem spontanen Volksaufstand an und kämpften gegen die Armee. Der Präsident floh für Stunden aus dem Regierungspalast, und die IWF-Delegation saß in der Suite ihres Fünf-Sterne-Hotels. Helma Fries als General weigert sich, militärisch gegen die Bevölkerung vorzugehen.


Die Wasser-Gangster – Treffen 2003 in der Wüste. Cochabamba hat dem internationalen Wassergeschäft einen enormen Imageverlust beschert. Was jetzt Not tut, ist öffentlich Buße zu tun, gute Vorsätze bekannt zu geben, Code of Conducts aufzurichten


Wasser! Das Grundwasser unter der Wüste ist längst verspekuliert (Der Menschenrechtseinsatz der NATO gegen Libyen 2011 lässt grüßen)


Da kommt Harald Wolf von der damaligen PDS als der neue Berliner Wirtschaftssenator. Er, der zu den Hauptgegnern der Privatisierung des Wassers gehört hat, schleppt jetzt in dicken Koffern der Mafia die Gewinne hinterher, das eigene Rückgrat im Geigenkasten geschultert. Von ihm erfahren die Gangster auch, wie emsig das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die EU-Kommission, die WTO und sogar die UNO sich für sie einsetzt. Bescherung in der Wüste!


Die Wasser-Gangster – Treffen 2006 im privaten Gefängnis von Vivendi (das eine Menge Gewinn abwirft).


Im Hof eines privatisierten, Vivendi gehörenden Gefängnisses drehen die Vier ihre Runden. Draußen, jenseits der Mauer Demos, aber hier sind sie geschützt. Inzwischen sind im ganzen Land Bürgerbegehren erfolgreich, die Gangster sind ganz melancholisch. Müssen sie wieder zurück zu Einbruch, Raubmord, Taschendiebstahl? – . Doch unmerklich wächst in ihnen der Zweifel, ob nicht das Gefängnis sich bereits wieder in öffentlicher Hand befindet. „Das ist jetzt die Frage: Wer hat die Schlüssel?“


„Singing in the rain“ – Die Spieler treten aus ihren Gangster-Rollen und besingen leise und ermunternd die Bürgerbegehren. Diese haben das letzte Wort – Tosender Applaus am 22.3. in Aachen und am 24.3.2013 Köln


Eben weil das Thema Wasserprivatisierung und die damit verbundene drohende Verschlechterung, weitere Verknappung und Verteuerung (um derzeit 400% in Portugal) so bedrückend ist, ist Befreiung erwünscht. Das Publikum lässt sich hinreißen von einem atemberaubendem Einsatz, von Rollenwechsel und Bühnenbild. Ehedem in der so genannten Dritten Welt zuhause – ist das Elend spürbar im Vormarsch auf Europa. Nicht nur in den PIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien), also Schweine genannten Ländern, auch in deutschen Haushalten und Kommunen ist es längst angekommen. Armut und Hunger, leere Kassen der öffentlichen Hand sind in Europa und in der Eifel keine Fremdworte mehr.

Privatisierung auf Druck der Weltbank

Auszug aus dem Geschehen seit der Öffnung des Wassers für den totalen, neoliberalen Markt, in einem Stück, in dem einzelne Figuren fiktiv sind, keineswegs aber der Sachverhalt: April 2000 in Cochabamba in Bolivien. Die Gangster sind ganz obenauf. Vivendi, die Nummer eins, hat eine Unmenge Wasserwerke auf der ganzen Welt aufkaufen können und ist dabei, im Mediengeschäft die Nummer zwei zu werden. R.W.E. ist es gelungen, Thames Water in London zu erwerben und wird in Kürze American Water Works schlucken. Auf dem Weltwasserforum in Den Haag konnte Suez erfolgreich verhindern, dass Wasser zum Menschenrecht erklärt wurde. Stattdessen wurde dort verabschiedet, jedem Menschen solle „der Zugang zu bezahlbarem Wasser“ möglich sein. Ein kaum zu überbietender Triumph. Die Politik selbst treibt der Mafia die Hasen in die Küche.

Wasser aus Leitung oder Flasche

Der weltgrößte Getränkehersteller Coca Cola wollte im März 2004 den britischen Markt mit einem neuen Mineralwasser namens Dasani aufmischen („höchste Qualität“, heute noch im Handel). Die Markteinführung kostete 10 Millionen Euro. Dann stellte sich heraus, dass das „Mineralwasser“ aus einem Wasserhahn im Vorort Sidcup stammte. Der Preis pro Liter sollte 2,80 Euro betragen. Das gleiche Wasser als Leitungswasser kostete zur selben Zeit 0.076 Cent! (Quelle: empfehlenswertes Programmheft der Berliner Compagnie zu „Das Blaue Wunder“, Stück und Info von Helma Fries mit weiteren Leseempfehlungen) Das „Mineralwasser“ aus der öffentlichen Trinkwasserversorgung ist in Deutschland als „BONAQA“ („gutes Wasser“) der CCE, Coca Cola Erfrischungsgetränke GmbH, bekannt: „Seit 1988 ist BONAQA Tafelwasser der Begleiter, der Trinkgenuss im Alltag bringt. Es enthält lebenswichtige Mineralstoffe wie Magnesium und Calcium. Die Kennzeichen dieses Wassers sind sein klarer, abgerundeter Geschmack und die gleich bleibende Qualität.“ So der „Hersteller“ des mit Zusätzen versehenen Leitungswassers.

Allgemeingut – Menschenrecht – Allmende


Die Kölner Vorstellung erlangte vor einem auf verschiedene Weise fachkundigen, von Privatisierung- und Umverteilungsmaßnahmen tangierten Publikum im Veranstaltungssaal des Bürgerzentrums Alte Feuerwache besonderen Tiefgang. Die anwesende globalisierungskritische Soziologieprofessorin Maria Mies war Mitbegründerin und treibende Kraft des „Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik“, das im August 1999 aus dem Komitee "Widerstand gegen das M A I" entstand. Das erste Ziel des Netzwerkes bestand darin, über die so genannte Milleniumrunde der Welthandelsorganisation (WTO) Ende November bis Anfang Dezember 1999 in Seattle zu informieren und dagegen zu mobilisieren. In der Folge gab das Netzwerk den „Infobrief gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik“ heraus, dessen Infobrief Nr. 13 aus dem Jahr 2003 das Schwerpunktthema Wasser behandelt. Im Jahr 2011 wandte sich Maria Mies mit der aus Bangladesch auf Lesereise anwesenden Farida Akhter gegen die Teilprivatisierung des Bürgerzentrums Alte Feuerwache.

Akute Gefahr für Einrichtungen im soziokulturellen Bereich


Der Wert des öffentlichen selbstbestimmten Raumes wird nicht zuletzt von seinen Nutzerinnen und Nutzern geschätzt. Im Zusammenhang mit der Vorstellung der Berliner Compagnie in der Alten Feuerwache sind dies mit tatkräftiger Mitwirkung die Bereiche Jugendcafe, Hausmeisterei und Werkstätten. Das anwesende BAF-Vorstandsmitglied Klaus Stein vermittelt an anderer Stelle in Text und Vorträgen seine Kenntnis über die Ausblutung (Blut gleich 99% Wasser) der öffentlichen Hand. Anwesend waren auch Veronika Thomas-Ohst (ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Aachener Friedenspreises und heutige Vorsitzende des Euregioprojekts Frieden) und Karl-Heinz Otten (ehemaliger Vorsítzender des Aachener Friedenspreises). 2009 ist die Berliner Compagnie mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet worden. Für die Unterstützer der Kölner Aufführung waren der Herausgeber und verantwortliche Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, Peter Kleinert, zugegen und der Theatermacher (Sales & Ürün) und Kulturagent Rahim Fathi-Baran. Das Publikum der Kölner Aufführung kam – soweit bekannt – aus dem Stadtviertel, aus dem Kölner Stadtgebiet und näherer Umgebung, aus Neuss, Krefeld, Aachen und Bonn.

Friedensbildungswerk und Kulturaktionäre

Was angefragte Sponsoren für die Vorstellung in Köln im Gegensatz zu Aachen (großzügige Förderung durch die STAWAG, Stadtwerke Aachen AG, und die E.V.A., Energieversorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH Aachen) nicht leisten wollten, brachte eine Gemeinschaft aus vielen EinzeluntertützerInnen zu Stande, allen voran das Friedensbildungswerk Köln und eine eigens geschaffene Initiative der Kulturaktionäre der „peeep foundation“.

Daneben gab es diverse Unterstützung durch attac, fian, Lutherkirche, Melanchtonakademie, Freidenker Köln, Allerweltshaus, Cafe Palestine Colonia, städtische Schulen, Freie Waldorfschulen, Portico Plot Service und Eriträischer Club, SSM, Arbeiterfotografie, Neue Rheinische Zeitung, FloK – freies Lokalradio Köln. Und es gab die Kooperation mit dem Euregioprojekt Frieden.

Gemeinsam statt Divide et Impera

Teile in „rechts“ und „links“ und herrsche über die Begriffe: keine „Querfront“ zwischen Christen und Kommunisten. Beachte vor allem die „Kleinnazis“ und nicht die „Großnazis“ und vor allem nicht die große Politmafia. Wer kennt sie nicht, die Mühlen der Zermürbung.

Nach der Theateraufführung „Das blaue Wunder“ befasst sich die dritte Veranstaltung der 14. Aachener Friedenstage des Euregioprojekts –  parallel zu ihrem vorrangigen Anliegen, „durch Impulse aus der Kunst“ eine „klärende Auseinandersetzung“ herbeizuführen – in einem Vortrag des Diplom-Psychologen und Psychoanalytikers Thomas Auchter. mit Ursachenforschung und „Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte“. „Brennende Zeiten“ ist der Titel der Veranstaltung und des gleichnamigen Buches des vortragenden Autors.

Es bleibt einiges zu tun – für die erfahrenen StreiterInnen um gesellschaftliche Gerechtigkeit und vor allem für die junge Nachfolgegeneration. Erheitert über die Schwächen der Gegner könnten die Theaterabende dabei bestärkend gewirkt haben: Packen wir’s – gemeinsam! – an. (PK)


Hinweise

Website der Berliner Compagnie
http://www.berlinercompagnie.de

Website des Infobriefs gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik
http://.www.netzwerk-neoliberalismus.net

Theateraufführung der Berliner Compagnie in Aachen und Köln
Wasser – Das blaue Wunder
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann im NRhZ-Flyer 397 vom 13.03.2013
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18851

FDP, CDU und CSU vertreten in der Wasserfrage Konzerninteressen
"Wasser ist ein Menschenrecht"
Ken Jebsen im NRhZ-Flyer 397 vom 13.03.2013
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18840

Was wir wissen müssen über WTO, GATS, die EU und Privatisierungen
Der Raubzug der Konzerne
Maria Mies im NRhZ-Flyer 397 vom 13.03.2013
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18844

Protest gegen Kürzungen im Kölner Sozial- und Kultur-Haushalt
UmFAIRteilen statt kaputtkürzen!
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann im NRhZ-Flyer 398  vom 20.03.2013
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18883

Plädoyer gegen politische Verwirrung
Kleinnazis und Großnazis
Elias Davidsson im NRhZ-Flyer 394 vom 20.02.2013
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18775

Auseinandersetzung um das Bürgerzentrum Alte Feuerwache in Köln
Quo vadis Alte Feuerwache?
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann im NRhZ-Flyer 311  vom 20.07.2011
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16763

Euregioprojekt Frieden / 14. Aachener Friedenstage
c/o Vera Thomas-Ohst, Aachen, 0241-507953

Veranstaltung im Rahmen der 14. Aachener Friedenstage
Thomas Auchter, Brennende Zeiten
Donnerstag, 25. April 2013, 19 Uhr
Haus der Evangelischen Kirche
Frère-Roger-Str. 8, Aachen, Eintritt 6 Euro

Buchpublikation
Thomas Auchter, Brennende Zeiten...
Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte
Buchreihe: Psyche und Gesellschaft, 2012, 46,90 Euro

Online-Flyer Nr. 399  vom 27.03.2013

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