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Aktueller Online-Flyer vom 26. September 2016  

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Großer Beifall für "Mutter Courage" und "Roter Pfeffer" in Essen
Kapitalismus ist und bleibt Krieg
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Jeder gegen jeden – in der Konsequenz gegen sich selbst. „Ich kann nicht warten, bis der Krieg gefälligst nach Bamberg kommt“, sagt die Mutter dreier Kinder, Anna Fierling alias „Mutter Courage“. Sie will am Krieg verdienen und verliert in diesem Geschäft alle ihre Kinder, eins nach dem anderen. Die eindrucksvolle Inszenierung des Bremer „Bertolt Brecht Jugendprojekt & Agitproptruppe Roter Pfeffer“ in einer der ehemaligen Hallen der Krupp-Reparaturwerkstatt II, der heutigen Weststadthalle, lässt das applaudierende Publikum mit keinem geringeren Auftrag zurück, als den nächsten Krieg zu verhindern.


In der Weststadthalle Essen, ehemals Krupp-Reparaturwerkstatt II: das „Bertolt Brecht Jugendprojekt & Agitproptruppe Roter Pfeffer“ führt „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com


Marketenderin Anna Fierling, bekannt unter dem Namen Mutter Courage – gespielt von Kattrin Kammrad


Mutter Courage (auf dem Wagen sitzend) – vor dem Publikum in der Essener Weststadthalle


Mutter Courage preist dem Feldwebel – gespielt von Rick Matthias – ihre Waren an


Der Feldhauptmann – gespielt von Arthur Sonsella


Mutter Courage und ihr älterer Sohn Eilif – gespielt von Nicolas Prange


Mutter Courage (rechts) und ihr toter jüngerer Sohn Schweizerkas– gespielt von Piet Woyczechowski


Der tote Sohn Schweizerkas


Eilif – älterer Sohn von Mutter Courage – vor dem Publikum in der Essener Weststadthalle


Eilif – älterer Sohn von Mutter Courage


Szene im Dreißigjährigen Krieg – Bayern 1632


Kattrin – stumme Tochter von Mutter Courage – gespielt von Yelde Bozdag


Mutter Courage preist Soldaten ihre Waren an


Yvette Pottier (links) und Kattrin, stumme Tochter von Mutter Courage


Soldaten


Soldaten mit Eilif (rechts), der im vorübergehenden Frieden getan hat, was im Krieg sein Handwerk ist, und dafür bestraft werden soll


Yvette Pottier und der alte Obrist – gespielt von Isabel Steinert und Rick Matthias


Kattrin, stumme Tochter von Mutter Courage – erschossen


Mutter Courage und der Fähnrich – gespielt von Arthur Sonsalla


Chor: „Der Krieg, er zieht sich etwas hin. Der Krieg, er dauert hundert Jahre…Der Feldzug ist noch nicht zu End! Das Frühjahr kommt! Wach auf, Du Christ! Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhn! Und was noch nicht gestorben ist, Das macht sich auf die Socken nun.“ – während Mutter Courage ganz allein mit ihrem Wagen weiter dem Krieg hinterher zieht.


Schlusslied: „Wir wollen Frieden und werden uns rüsten
Nieder mit allen deutschen Revanchisten
Schon reicht dieses Deutschland wieder bis Polen
Sie woll`n sich nach der DDR mehr Länder holen
Im Osten und Westen – Alle zugleich
Wir kämpfen gegen das großdeutsche Reich“


Schlusslied: „Last uns gemeinsam den Weg versperren
Der Deutschen Bank und den Wirtschaftsmächten
Fort mit den deutschen Großmachtstrategen
Wir alle stell`n uns ihrem Kriegskurs entgegen
Im Osten und Westen – Alle zugleich
Wir kämpfen gegen das großdeutsche Reich“


Schlusslied: „Wir wollen nicht andere Völker bedrohen
Frieden und Freundschaft wo immer sie wohnen
Last uns gemeinsam den Kampf beginnen
Und diesmal vor dem Krieg die Kriegstreiber bezwingen
Im Osten und Westen – Alle zugleich
Wir kämpfen gegen das großdeutsche Reich.“
(Text: Roter Wecker, Musik: Paul Dessau)


„Wir wollen davon sprechen und vor allem: nicht tatenlos zusehen.“ - Bertolt Brecht


Am 24. Februar 2013 kam das Bremer „Bertolt Brecht Jugendprojekt & Agitproptruppe Roter Pfeffer“ nach Essen und führte dort Bertolt Brechts Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf – veranstaltet von der BezirksschülerInnenvertretung Essen, der Freien Deutschen Jugend FDJ, der linksjugend [`solid] Essen und der sozialistischen deutschen Arbeiterjugend SDAJ Essen. „Wir sind die revolutionäre Jugend...“, verkünden eine Vertreterin und ein Vertreter der Veranstalter zu Beginn..

Zweieinhalb Stunden waren die ZuschauerInnen gefesselt von Spiel, Textsicherheit und Gesang im imposanten und geschichtsträchtigen Raum einer ehemaligen Krupp-Werkstatt. Zwei Jahre lang wurde geprobt, bis es im März 2012 in Bremen zur Premieren-Aufführung kam. Der Essener Auftritt erfolgte fast auf den Tag drei Jahre nach dem Aufruf zum ersten Treffen. Das Jugendtheaterprojekt entstand 1998 aus Anlass zu Bert Brechts 100. Geburtstag: „Bei uns gibt es kein Casting und keine Superstars... Wir wollen gemeinsam etwas hinstellen, worüber auch mancher Erwachsene in ernsthaftes Nachdenken gerät...“

Der Frieden droht Mutter Courages Geschäft zu ruinieren

„Ja, der Dreißigjährige Krieg ist einer der ersten Riesenkriege, die der Kapitalismus über Europa gebracht hat. Und im Kapitalismus ist es ungeheuer schwierig für den Einzelnen, dass der Krieg nicht nötig ist, denn im Kapitalismus ist er nötig, nämlich für den Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem beruht auf dem Kampf aller gegen alle, der Großen gegen die Großen, der Großen gegen die Kleinen, der Kleinen gegen die Kleinen. Man müsste also schon erkennen, dass der Kapitalismus ein Unglück ist, um zu erkennen, dass der Unglück bringende Krieg schlecht, das heißt unnötig ist.“ So Brecht in einem fiktiven Gespräch ("Einspruch" genannt) mit einem Zuschauer, auf die Frage, ob er denn nur die Wahrheit zeigen wolle. Brecht: „Schau Dich um, da sind genug Leute, denen der Krieg Unglück gebracht hat. Wie viele von ihnen haben etwas gelernt...?“

Die Courage will als Händlerin (gut, so gut es geht) leben und sich und ihre Kinder versorgen. Ihr Geschäftspartner ist der Krieg. Zahlreich sind die Widersprüche, in die sie sich verstrickt. Ihre Moral hat fünf doppelte Böden. All das ist real wie die realen katholischen, polnischen, schwedischen Truppen des 30jährigen Krieges im 17. Jahrhundert in Europa und wie die realen Ausflüchte von ZeitgenossInnen im 21. Jahrhundert, warum nur der Krieg Frieden schaffen kann.

Inszenierung, Bühne und Musik (von Paul Dessau) sorgen dafür, dass niemand sich entziehen kann und das Thema als ein längst vergangenes ansieht. Die Bühne ist sparsamer als in Brechts (zusammen mit Engels) eigener Nachkriegs-Inszenierung 1949, am Deutschen Theater in Berlin. Das ist praktisch für ein Non-Profit-Jugend-Tournee-Theater und zugleich sehr gut – sogar besser als bei Brecht. Denn Ziel des epischen Theaters und der damit verbundenen V-Effekte (Verfremdungseffekte) ist es, das Bewusstsein zu schärfen für die Dinge, wie sie sich ohne Kulissen zeigen. Real und veränderbar!

Der Wagen, auf Kabeltrommel rollend, Kisten – zum Sitzen und als Requisiten... vor allem DIE FAHNE, stetig wechselnd nach der Oberhand der Regimenter. Eine Leiter aus dem Baumarkt nebenan. Die Kostüme sind sparsam, mitunter etwas illustrativ, auch originell.

Orientierende Ansagen (teils Regieanweisungen) spricht der Chor, meist aufgeteilt in zwei Gruppen aus zwei Richtungen. Das schafft Raumspannung. Mit 23 bis 32 Mitwirkenden ist die Courage besetzt, allesamt Laien. Die Mitwirkenden sind ständig im Blickfeld des Publikums, selbst Randszenen abseits des Bühnenpodests zwingen, den Überblick über die Szenerie zu behalten. Also alles im besten Stil von Brechts Verfremdungstheater. Die Theatermacherinnen Angela Kammrad (Regie) und Regine Albrecht (musikalische Leitung) hatten 1998 ein hervorragendes Starterteam. Bei Entstehung des Theaterprojekts stand die Brecht-Tochter und Schauspielerin Hanne Hiob Patin. Hiob (Trägerin des Aachener Friedenspreises 2005) begleitete es bis zu ihrem Tod 2009 als Schirmherrin. Beratend wirkte Brecht-Regisseur Manfred Wekwerth bei den vorangegangenen Inszenierungen mit (Der Brotladen, Koloman Wallisch Kantate, Tage der Commune). 

Von Rambouillet zur „Freien Syrischen Armee“

„Die glücklichen Zeiten kommen nicht wie der Morgen nach durchschlafener Nacht kommt“, heißt es im Vorwort zu Bert Brechts 1937 bis 1939 (vor der Courage geschriebenen)  „Das Leben des Galilei“. Was ist demnach zu tun, wenn die (jungen) Zuschauer den Veränderungsauftrag verstanden haben?

Krieg als Mittel – für was? Und für wen? In diesen Tagen ist er als gut und als einzige Lösung gepriesen, den Frieden herbeizuführen. Die NATO (und mit ihr Deutschland, Frankreich, USA) eilt von „Friedensmission“ zu „Friedensmission“. Ihre Begleitchöre geben sich wissend wie 1999 in Rambouillet (in Gesprächen mit der UCK) und 2012 in Berlin (in Gesprächen mit der „Freien Syrischen Armee“, FSA).

Rückwärtsgewandt bedeutet, wenn der Blick allein auf den „Hitlerfaschismus“ und allein auf die Person eines einzigen „Führers“ und dessen heutige Epigonen und nicht auf die treibenden „Wehrwirtschaftsführer“ gerichtet ist.  („Kleinnazis und Großnazis“, Elias Davidsson, NRhZ 395) Der Blick sollte mit aller errungenen Erkenntnis nach vorn gerichtet werden, sich lösen können von Szenarien der (mitunter „NSU“ genannten) „Kleinnazis“. Die Blickrichtung sollte frei wählbar bleiben, wenn sie es überhaupt noch ist. Es ist an der Jugend, die Scheinwerfer-Felder auszurichten und den Focus zu bestimmen.

„Krieg gegen den Terror“ ist Krieg gegen Kriminalität und für die Abschaffung der Gerichtsbarkeit durch gezielte (Drohnen?)-Tötung. Die „Nachrichten“ der ARD-Tagesschau verkünden ohne Wimpernzucken die vollzogene „gezielte Tötung“. Eine Selbstverständlichkeit in Israel. Eine Selbstverständlichkeit in den USA. Die Tötung und „Verklappung“ des „Oberterroristen“ Osama bin Laden. Eine Chance zur Aufklärung des Jahrtausend-Impacts 9/11? Unerwünscht! Verfremdete Sprache? Die Veränderung der Wertesysteme durch Sprache.

NICHTS rechtfertigt Gewalt und Krieg. Was aber ist Gewalt? Gesprächsverweigerung und die Vereitelung gemeinsamer Suche nach Lösungen ist Gewalt. Teilung und Zersplitterung ist Gewalt. Vergessen sind Rosa Luxemburg und Voltaire: Das Leben mit dem Andersartigen. Die Freiheit und die Gedanken des Andersartigen, Andersdenkenden auszuhalten. Die Querfront? Kommunisten und Christen? Die Souffleure sind in der Überzahl – sie verkehren das Stück ins Gegenteil: von gut (USA, Westen, „internationale Gemeinschaft“, NATO,..., Israel) ist die Rede, und von böse (Irak, Libyen, Syrien, Diktatoren, ..., Regimen, ...), dass bloß kein Friede ohne Krieg kommt. Denn der ist ja Geschäft.

Jeder gegen jeden – Kapitalismus „lebt“ von Gewalt

„Es könnte notwendig sein, das ein oder andere individuelle Leben zu opfern“, rät der Papst des Neoliberalismus genannten Turbo-Kapitalismus, der „Wirtschaftsphilosoph“ Friedrich August von Hayek seinen „Chicago Boys“ abseits der Scheinwerfer. Die Mehrzahl der „zivilisierten“ Nord-West-Hemisphäre träumt indes ihren demokratischen Traum – dass Wahlen etwas ändern können. Das Gegenteil bewies der Militärputsch am 11. September gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende (1973). In dessen Gefolge kam Hayek nach Chile. Auch bei Wahlen in Palästina müssen die Wahlsieger „anerkannt“ werden. Nicht anerkannt wird der Wahlsieger Hamas in Gaza (2006).

Nahe Fronten befinden sich (nicht nur) im Nahen und Mittleren Osten. Wasserklau in Libyen durch Regimechange innerhalb weniger Monate ... Die Front der Enteignung und Umverteilung verläuft quer durch Europa und sie ist längst in Deutschland angekommen – im größeren Stil beginnend mit der Enteignung eines ganzen Volkseigentums (der DDR) und dessen Verschleuderung, jüngst offensichtlich gipfelnd in der so genannten Bankenkrise..., die Enteignung der Erwerbslosen... Weniger offensichtlich und spektakulär findet die Enteignung statt in allen Teuerungen von Apotheke bis Zapfsäule.

„Hat jemand in diesem Deutschland überhaupt mitbekommen, dass die Griechenland-„Hilfen“ auch an die Bedingung geknüpft wurden, dass Griechenland seine gigantischen Rüstungsaufträge an die deutsche Kriegsindustrie (U-Boote, Flugzeuge, Waffen) pünktlich erfüllt? Hat dieser Zusammenhang hier niemanden interessiert? Immerhin wusste die Bildzeitung ja schon immer, dass die Griechen ‘faul’ sind, ‘in der Sonne liegen’ und jetzt mal endlich ihre Inseln verkaufen sollen. Dass in Griechenland inzwischen jeder zweite Jugendliche ohne Ausbildung und ohne Arbeit dasteht, dass 30 % aller griechischen Familien unter der Armutsgrenze leben, interessiert die Bildzeitung nicht,“ schreibt zur Courage-Premiere 2012 in Bremen Christoph Schminck-Gustavus.

Und wie Kriege so sind, fangen sie lange vor ihrem „Ausbruch“ an. Mutter Courage hatte nichts gelernt – und so wollte Brecht sie darstellen. Zur Mahnung. (PK)


Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sind Mitglieder des Aachener Friedenspreis e.V. und des Bundesverbands Arbeiterfotografie.


Weitere Aufführungstermine:

16. März 2013 in München
zu Brechts 115. Geburtstag und Hanne Hiobs 90. Geburtstag
um 19 Uhr in der Großen Aula im Berufsschulzentrum, Riesstraße 40

20. April 2013 in Frankfurt am Main
um 19 Uhr im Studierendenhaus der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Festsaal, Mertonstraße 26-28

Online-Flyer Nr. 396  vom 06.03.2013

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