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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Literatur
Gedichte von Wolfgang Bittner
Zwischen Paradies und Fegefeuer
Von Marion Wilke

Ich mag die sprechenden Titel von Wolfgang Bittners Büchern. 2001 erschien sein sechster Lyrikband unter dem Titel „Vom langen Warten auf den neuen Tag“. 2010 dann – ebenfalls in der renommierten Reihe Lyrikedition 2000 – „Der schmale Grat“. Schon der Titel erzeugt Bilder und Assoziationen. Mit Worten malt Bittner Bilder vom schmalen Grat zwischen bewusster Endlichkeit und gefühlter Ewigkeit, zwischen Liebe und Leid, Melancholie und Freude, Bilder innerer und äußerer Bedrohungen, trostloser Gleichgültigkeit.
 

Nocturne
 
Trifft mich die Traurigkeit
unversehens wie ein Stein,
zieht mich zusammen,
der Tag wie Watte, verfilzt.
 
Die Erde kalt,
der Himmel hängt,
lastend die Schwerkraft
und die Materie drückt.
 
Die Toten sprechen,
ja, ganz deutlich.
Wüsste ich doch noch,
was sie sagten.
 
Dann im Radio Frédéric Chopin,
Nocturne Nr. 19 e-Moll
und draußen
diese goldenen Rapsfelder.
 
Wolfgang Bittner hat einen unverwechselbaren eigenen Stil entwickelt, indem er die Realität („die Materie drückt…“) zwar in seine Dichtung einbringt, doch immer wieder Glücksmomente („diese leuchtenden Rapsfelder“) aufscheinen lässt, ein Innehalten und auch ein Durchatmen ohne falsche Romantik in der Natur, einerseits sehr privat, andererseits von einer bestechenden Universalität.
 
Heimisch
 
Nun pflanzen wir
unseren Holler und den Rosmarin
in dem kleinen Gärtchen –
Seele vergiss nicht.
Schon frühmorgens besuchen uns
Amsel und Meisen –
Seele vergiss nicht,
während sich die Spitzmaus
nach der Inspektion ihres Reviers
im Loch unter dem Rosenstock –
Seele vergiss nicht,
zur Ruhe begibt.
Und wir und wir und wir
pfeifen uns eins,
eh wir verblühn.
 
Wir erleben Menschlichkeit kontrastiert mit sozialer Kälte und Gleichgültigkeit. Neben Vergeblichem keimt Hoffnung. Die Reihung von Ergänzungen und Widersprüchen, von Dur und Moll ließe sich fortsetzen. Mit offenem Blick für den uns umgebenden politischen und menschlichen Wahnsinn entwickelt Bittner Sinn für innere Heiterkeit, für das kleine Lächeln am Rande.
 
Wie Staub
 
Wir tragen den Staub
von Wohnung zu Wohnung
und jeden neuen Morgen
wird es hell,
erstaunlich.
Gräser wachsen, Bäume,
sogar schöne Blumen,
manchmal singen die Vögel,
wo auch immer,
kostenlos.
 
Verblüffende Bilder und Wendungen, auch in dem Gedicht „Okay“, das von verirrten Seelen, vom in einen Müllsack gekleideten Bettler auf der Fifth Avenue in New York erzählt, von Millionen Lichtern und pulsierendem Irrsinn. Es endet: „Gehe ich in mich, /sehe ich Wälder /und das klare Wasser /des Flusses.“ Wer Bittners Werk kennt, weiß um seine Gemeinschaft mit den Ureinwohnern des Kontinents.
Um der Verzweiflung an den Verhältnissen zu entgehen, appelliert das lyrische Ich an den heilen Kern, der hilft, lebendig und widerständig zu bleiben.
 
Von mir
 
Einmal im Jahr
flimmerte die Luft
über der Landstraße,
die gelben Sandwege
führten ins Moor.
 
Die Zunge geknotet
und das Bedürfnis
nach Menschlichem.
 
Später hat jemand
arglos meinen Namen
geflüstert.
 
Mehrere Gedichte in diesem Band verdanken offenbar ihre Entstehung Aufenthalten des Autors in Frankreich, Polen und Griechenland. So zum Beispiel „Quartier Latin“, „Birkenwälder“ oder „Thassos“. Vieldeutig Anfang und Schluss des langen Gedichts „Artemis“: „Als wir kamen, blühten /violett die Distelfelder…/ Als wir gingen, streuten /die Disteln ihre Samen /über die verwunschene Erde.“ Dazwischen Meer, unendlicher Himmel, der Satz: „So lebten wir zeitlos.
Der Lyriker Wolfgang Bittner hat einen hohen Anspruch, den er erfüllt. Ihm gelingt es, uns die Erde als zu bestehendes Fegefeuer und als zu bewahrendes Paradies vor die Sinne zu rufen. Für diejenigen, die Lyrik mögen (oder selber schreiben) ist dieser Band unverzichtbar. (PK)
 
Wolfgang Bittner: „Der schmale Grat“, Gedichte, Lyrikedition 2000 im Allitera Verlag, München 2010, 104 Seiten, 9,90 Euro.
 
 


Online-Flyer Nr. 396  vom 27.02.2013

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