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Kultur und Wissen
Deschners zehnter und letzter Band der "Kriminalgeschichte des Christentums"
"Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize"
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Es ist ein gigantisches Werk, das der 1924 in Bamberg geborene Schriftsteller, Religions- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner geschaffen hat. Die fast endlose Liste seiner Werke beginnt 1956. 1986 erschien der erste von zehn Bänden der "Kriminalgeschichte des Christentums", in diesem Jahr – der Autor wird im Mai 89 – der 10. Band. Damit ist wahr geworden, was fast nicht zu erwarten war. Ein ganz wesentlicher Teil von Karlheinz Deschners Lebenswerk ist fertiggestellt.


Karlheinz Deschner
Foto: rowohlt / Georg Pöhlein

1992 erschien Deschners USA-Buch mit dem Titel "Der Moloch". Dieses Buch ist ein Beleg für die Breite seines Wirkens. Und ein Beleg dafür, dass Karlheinz Deschner sich nicht scheut, seinen kritischen Geist auch auf das gegenwärtige Zentrum der Macht zu richten, auf das Land, das seine eigentlichen Besitzer fast komplett ausgerottet hat und bis heute ein Verbrechen nach dem anderen plant und ausführt. Zwölf Jahre später, 2004, beschreibt ein "Kritiker" namens Armin Pfahl-Traughber Deschners Sicht – im Sinne der US-Machthaber – als „Zerrbild“, mit dem „emotionale Ressentiments und stereotype Feindbilder befriedigt“ würden. Und er krönt seinen Amoklauf gegen Deschners fundierte Anklageschrift mit der Bemerkung: „Statt der Arbeit an 'Der Moloch' wäre ein weiterer Band der 'Kriminalgeschichte des Christentums' ein lohnenderes publizistisches Projekt gewesen.“ Dabei ist die Arbeit an der Kriminalgeschichte in Riesenschritten voran geschritten. Im Jahr 2004 war sie bereits auf acht Bände angewachsen. In der einst linken Zeitschrift "Konkret" ist man im Februar 2005 dank des Pfahl-Traughber-Artikels auf den "Moloch" aufmerksam geworden und liess sich darüber mit den Worten aus: „Der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner hat ein Herz für Tiere, aber keins für Amerikaner“. „Keins für Amerikaner, die an den größten Menschheitsverbrechen beteiligt sind“, wäre zu ergänzen gewesen.

Islamisches Monsterdelikt oder christlicher Staatsakt

„Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize.“ Das ist einer von Karlheinz Deschners, den menschlichen Denkapparat in Trab bringenden Aphorismen. Und das könnte der treffende Leitspruch für Deschners Werk insgesamt sein. Es ist ein Gedanke, der bei vielen Leserinnen und Lesern ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. „Monströse Vereinfachung und Übertreibung“ stecke in diesem Leitspruch – so lautet ein Vorwurf, der 2004 zu Deschners 80. Geburtstag vorgebracht wurde. Die Erkenntnis, dass Machtpolitik eine Politik von Kriminellen ist, dass der überwiegende Teil der Völker von Kriminellen und ihren Helfershelfern regiert wird, will kaum jemand an sich ran lassen. Doch es ist keine Frage: die aggressivsten Kräfte auf dieser Welt siegen – mit Kriegen und anderen Operationen zur Festigung ihrer Macht – und schreiben ihre Geschichte. Wer die offiziellen Lügen über die 9/11-False-Flag-Operation verbreitet oder stützt, macht sich zum Komplizen dieses Verbrechens und der weiteren Verbrechen, die daraus abgeleitet werden. Karlheinz Deschner jedenfalls ist nicht bereit, der 9/11-Kriegspropaganda zu folgen. „Ob ein islamisches Monsterdelikt dahinter steckt“, ist für ihn alles andere als erwiesen. Eher kann er sich in der Operation 9/11 einen „christlichen Staatsakt“ vorstellen, „der übrigens sehr an Pearl Harbor denken lässt auf der Hawaii-Insel Oahu, wo am 7. Dezember 1941 Franklin Delano Roosevelt, der Präsident der Vereinigten Staaten, einen Großteil der US-Pazifikflotte kühl kalkuliert in den Meeresgrund bomben ließ und fast zweieinhalb Tausend amerikanische Soldaten dazu, um einen Kriegsgrund gegen Japan zu bekommen“, wie Deschner 2008 der Mainpost gegenüber äußerte. Und schon 2002 – wenige Monate nach dem Ereignis – bezeichnete er im Vorwort zur Neuauflage von "Der Moloch" den 11. September als den „Tag des terroristischen Angriffs unter bisher noch unbewiesener Führung“.


Karlheinz Deschner, Juni 2006
Foto: rowohlt / Evelin Frerk

Karlheinz Deschner schreibt resümierend zur "Kriminalgeschichte des Christentums": „Das Christentum wurde der Antichrist. Jener Teufel, den es an die Wand malte: er war es selber! Jenes Böse, das es zu bekämpfen vorgab: es war es selber! Jene Hölle, mit der es drohte: sie war es selbst!“ Dieses Prinzip der Projektion des eigenen Bösen auf die anderen, die man bekämpfen und ausschalten will, ist das gängige Prinzip zur scheinbaren Legitimierung von Verbrechen bis heute. Denen, denen man vorgaukelt, man wolle ihnen Freiheit bringen, nimmt man den letzten Rest von Freiheit und vielfach ihr Leben. Diejenigen, die fälschlich behaupten, jemand anderer wolle sie von der Landkarte tilgen, tilgen selber ein Land von der Landkarte. Diejenigen, die behaupten, sie wollten den "Terror" bekämpfen, sind selbst die größten Terroristen.

Gesellschaft frei von Ausbeutung und Verdummung

„Wenn jedoch Kriminelle, schändlichste, scheußlichste selbst, weltliche wie geistliche Potentaten auch, gewissermaßen nicht schuldfähig, weil durch ein hochkomplexes Determinanten-Geflecht sozusagen entschuldet sind, bedeutet das keinesfalls Duldung ihrer Untaten, in meiner Kriminalgeschichte zuhauf belegt. Und es bedeutet ebensowenig Schonung der Täter durch die Gesellschaft. Sie muß sich vielmehr vor jenen schützen, schon präventiv, indem sie allen ein menschenwürdiges Dasein, frei von Ausbeutung und sie flankierender Verdummung, ermöglicht und dessen Saboteure, Ruinierer rechtzeitig rigoros entmachtet.“

Mit diesen aufrüttelnden Worten endet Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums". Die Leserinnen und Leser sind aufgerufen, denen die Macht zu nehmen, die ein menschenwürdiges Dasein verunmöglichen. An die Leserinnen und Leser richtet sich der Appell, sich gegen die großen Lügen und Verbrechen unserer Zeit aufzulehnen.

Die großen Verbrechen haben Namen – offensichtlich verdummende zum Teil. Eines der schlimmsten heißt „Krieg gegen den Terror“. Mehr als 1,7 Millionen Menschen sind diesem bislang zum Opfer gefallen. Auch die für die Verbrechen Verantwortlichen sind bekannt – zum großen Teil zumindest. Und sie berufen sich auf Gott. „Jede Nation, in jeder Region, muss sich nun entscheiden: Entweder sind Sie mit uns oder mit den Terroristen. Von diesem Tag an werden die Vereinigten Staaten jede Nation, die weiterhin Terroristen beherbergt oder unterstützt, als feindliches Regime betrachten... Der Verlauf des Konflikts ist nicht bekannt, aber das Ergebnis ist sicher... Gott ist nicht neutral.“ Das waren die Worte des US-Präsidenten nach der – Muslimen in die Schuhe geschobenen – False-Flag-Operation vom 11. September 2001 zur Einstimmung auf einen langen Krieg, dessen Beginn in Afghanistan geplant war. „Kreuzzug gegen den Terror“ war eine andere Bezeichnung für das geplante Verbrechen. Mit den Worten „Möge Gott unser Land und all jene, die es verteidigen, segnen“ gab der US-Präsident das Startsignal für den Überfall auf den Irak.

Die Liste der Verbrechen bricht nicht ab: Pakistan, Libanon, Libyen, Syrien, Mali... Immer werden sie mit verdummenden Lügen eingeleitet. Mit verdummenden Lügen wird auch auf einen Krieg gegen den Iran eingestimmt. Wahrheitswidrig wird behauptet, der Iran strebe nach Atomwaffen oder habe sie bereits. Wahrheitswidrig wird behauptet, der Iran wolle Israel vernichten. Wahrheitswidrig wird behauptet, die iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 seien gefälscht gewesen.

Ja, in der Tat verstecken sich die Kriminellen, die all die Verbrechen durchführen und ihnen ihren propagandistischen Begleitschutz geben lassen, in einem hochkomplexen Determinanten-Geflecht, mit denen sie sich ihrer Schuld zu entziehen suchen. Dessen ungeachtet ruft Karlheinz Deschner die Leserinnen und Leser auf, die Untaten nicht zu dulden und die Täter nicht zu schonen, sie zu entmachten. Das Problem ist nur, sie und ihre Helfershelfer durchsetzen die Gesellschaft, in der wir leben, in führenden Positionen: in der Politik, in den Medien und einer Vielzahl anderer flankierender Organisationen. Sie sind mitten unter uns. (PK)


Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Band 10, 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit, Rowohlt, 2013, 22,95 Euro



Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sind Mitglieder des Aachener Friedenspreis e.V. und des Bundesverbands Arbeiterfotografie.

Vorab-Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 4 (März 2013) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch. Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/

Online-Flyer Nr. 395  vom 27.02.2013

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