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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Literatur
Renate Schoofs Roman über "Denkräume im schnelllebigen Literaturbetrieb"
Die ferne, schöne Küste
Von Beate Grazianski

In dem Roman, der an die emanzipatorische Frauenliteratur der 1970er Jahre anknüpft, heißt es: „Und mein emotionaler Trugschluss ist, dass Sexualität automatisch Nähe bedeutet, näher geht’s ja eigentlich kaum noch … inzwischen ist mir bewusst, dass vor allem meine Seele scharf ist. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Wo bist du krank vor Sehnsucht? Im Schoß? Mir jedenfalls brennt’s das Herz weg. Als wäre meine Speiseröhre verätzt. Da brennt das Höllenfeuer, in meiner Brust. Und da verbrennt’s mich, wenn der, den ich begehre, mich nicht umarmt.“ Das sagt Lizzy in einem Gespräch mit Ruth, der Protagonistin des Romans, einer selbstbewussten alterslosen Frau, die nach einer Scheidung als Single lebt.
 

Renate Schoof
Foto: privat
In einer alten Villa am Meer treffen sich Künstlerinnen und Künstler zu einem Land-Art-Symposion. Ruth, die immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens steht, hatte sich wie viele der TeilnehmerInnen im Geist von 1968 von Zwängen befreit, gesellschaftliche Verhältnisse und Doppelmoral in Frage gestellt, war in eine neue veränderbare Welt aufgebro- chen. Geprägt von der sexuellen Befreiung der späten 1960er Jahre führt sie sehr bewusst ein ungebundenes Leben. In ihrem Innern kämpfen allerdings nicht selten Denken und Fühlen miteinander. Nur zu bekannt aus eigener Erfahrung, lesen sich diese Passagen ermuti- gend, auch deshalb, weil Ruth dabei Schriftstellerinnen wie etwa Doris Lessing, Irmtraud Morgner und Alexandra Kollontai zur Seite stehen. Denkräume öffnen sich, die im schnelllebigen Literaturbetrieb schon fast vergessen geglaubt waren.
 
Es gelingt Renate Schoof, Ruths Sehnsucht nach dem Journalisten Jan Sengefelder, in den sie sich zu Anfang des Symposions verliebt, glaubwürdig in Höhen und Tiefen zu begleiten. Die Sehnsucht wird zugleich zur Metapher des Wunsches nach einer friedlichen, humanen Gesellschaft, in der nicht nur Frauen angstfrei leben können. Erfrischend ungewohnte Zugänge zu alten und neuen Kunstwerken, zu griechischen Sagen und in religiösen Darstellungen versteckten Einsichten, werfen neues Licht in die Archive menschlicher Erfahrungen. Dabei erfährt scheinbar Vertrautes eine geradezu revolutionäre Deutung. Entdeckungsreisen, auf die sich frau gern mitnehmen lässt.
 
Vor dem weiten Horizont entstehen nicht nur Kunstwerke, es entwickelt sich ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht. Unerwartete Begegnungen aktualisieren Träume, auch von einem ehrlicheren, wesentlicheren Leben. In dichten, emotional geführten Küchengesprächen, bei Strandwanderungen und Happenings werden innere und äußere Spannungsfelder fühlbar. Da sind die Hoffnungen, die Utopien, die Visionen von damals, doch ebenso die Lebenserfahrungen, der Alltag der Einzelnen und die ernüchternde gesellschaftlichen Realität der Gegenwart. Die durch den Mainstream in den Medien verdrängte Sichtweise, dass das Persönliche politisch und das Politische persönlich ist, wird im Romans auf differenzierte Weise deutlich. So hat für Ruth die sexuelle Befreiung, die sich „Make love not war“ zum Motto gemacht hatte, zur persönlichen Befreiung beigetragen, während Lissy aufgrund ihrer Biografie die Schattenseiten der Geschlechterbeziehungen reflektiert. Eher unbefangen agieren zwei jüngere Künstlerinnen. Spannend ist, warum deren gemeinsames Kunstwerk einem geradezu archaischen Racheakt zum Opfer fällt.
 
Renate Schoofs Sprache überrascht immer wieder durch ungewöhnliche Wendungen (z.B. „real existierendes Christentum“). Ein Lesegenuss sind lyrische Passagen, in denen das Meer, Ebbe und Flut oder „die ferne, schöne Küste“ zum Symbol für Aufbruch und Veränderung werden. Wer die Gedichte der Autorin mag (die Bände "Verrückte Wolke" und "Seelenvögel" erschienen 2001 und 2010), wird das zu schätzen wissen.
 
Auf dem Titelbild des Buches laufen Wellen am Strand aus und das Meer lädt zum Träumen ein. Beim Lesen entsteht im Kopf ein ganz eigener Film vom Blauen Oktober. Der Roman spricht nicht zuletzt durch seine Handlungsorte, die im Entstehen begriffenen Kunstwerke und seine ProtagonistInnen alle Sinne an. (PK)
 
Renate Schoof, "Blauer Oktober", Roman, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2012, 214 S., 16.90 €
 
Beate Grazianski ist Lehrerin und lebt in Lübeck.
 
Renate Schoof, geboren in Bremen, lebt als freie Schriftstellerin in Göttingen. Nach einer Ausbildung im Buchhandel arbeitete sie als Dokumentarin bei der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg; anschließend studierte sie Pädagogik und Germanistik und war neun Jahre als Lehrerin tätig. Von ihr erschienen bisher mehr als zwanzig Bücher, u.a. die Gedichtbände „Verrückte Wolke“ (2001) und „Seelenvögel“ (2010), der Erzählungsband „In ganz naher Ferne“ (2003) und „Wiedersehen in Berlin“ (2010).


Online-Flyer Nr. 392  vom 06.02.2013

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