NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 31. Juli 2016  

zurück  
Druckversion

Lokales
„Wir weigern uns Feinde zu sein – den Nahostkonflikt verstehen lernen“
Stress wegen Film in Nürnberg
Von Peter Kleinert

Nicht nur der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und SPD-Stadtrat Arno Hamburger (90), sondern auch der Dritte Nürnberger Bürgermeister Dr. Klemens Gsell (CSU), seit Mai 2008 "mit dem Geschäftsbereich Schule betraut", und der "freikirchliche" Pastor Hansjürgen Kitzinger verhindern durch einen Boykottaufruf seit Wochen, dass der Dokumentarfilm „Wir weigern uns Feinde zu sein – den Nahostkonflikt verstehen lernen“ an den städtischen Schulen im Unterricht verwendet werden kann. Begründung das Pastors, der die Verbotskampagne in Gang gebracht hat: der Film fördere „Antisemitismus und Antiisraelismus“ in Deutschland und unterstütze „die Neo-Nazi-Szene und andere israelfeindliche Gruppierungen mit vorhandenem Gewaltpotential“. Die Autoren des Films, Stefanie Landgraf und Johannes Gulde, haben nun erreicht, dass eine Verhandlung wegen einer Einstweiligen Verfügung gegen Kitzinger stattfindet.
 

CSU-Bürgermeister Dr. Klemens
Gsell
Ein Verfahren gegen den CSU-BM Gsell wurde vom Landgericht abgetrennt und an das Verwaltungsgericht Ansbach verwiesen, weil dieser "in seiner Eigenschaft als Amtsträger" gehandelt habe. Arno Hamburger ist von einer Einstweiligen Verfügung gegen ihn "noch nichts bekannt". Eine öffentliche mündliche Verhandlung gegen Pastor Kitzinger findet am 28. Januar, um 10 Uhr im Sitzungssaal 255/II des Landgerichts Nürnberg-Fürth, Fürther Straße 110.
 
Rechtsanwalt Jürgen Grauschopf von der RA-Kanzlei Kaden & Partner, Hamburg, hat beantragt, dem Pastor und dem Dritten Bürgermeister zu verbieten, folgende Behauptungen aufrecht zu halten und zu verbreiten:
1. Der Film „Wir weigern uns Feinde zu sein“ der Terra Media Corp. von Stefanie Landgraf und Johannes Gulde GbR enthalte einen Vergleich des Flüchtlingslagers Jenin in der Westbank mit dem Warschauer Ghetto.
2. Der Film enthalte die Beschuldigung, dass ein jüdisches Museum in Israel den Holocaust instrumentalisiere, um Land zu rauben und Palästinenser zu unterdrücken.
3. Der Film fördere den Antisemitismus in Deutschland.
4. Der Film unterstütze die Neo-Nazi-Szene mit vorhandenem Gewaltpotential in unserem Lande.
 

Pastor Hansjürgen Kitzinger
Quelle: http://www.medrum.de
„Wir weigern uns Feinde zu sein“ entstand 2011 und wurde als Medienprojekt von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, der Robert Bosch Stiftung und dem Auswärtigen Amt gefördert und stand unter der Gesamtleitung von Pfarrer Eckart Bruchner (Direktor der Interfilm-Akademie München/Antwerpen). Schirmherr ist Landesbischof a.D. Dr. Johannes Friedrich. Von der Landesmedienzentrale Baden-Württemberg wurde er für den Unterricht empfohlen (Prädikat "Gelber Daumen"). Der Film ist Teil des ersten umfangreichen Medienpaketes für die Bildungsarbeit, das bereits seit einem Jahr bundesweit erfolgreich ist und von der Presse überwiegend positiv bewertet wird. Er zeigt zwölf deutsche Jugendliche auf einer einzigartigen Begegnungsreise durch die Krisenregion im Nahen Osten. Im Gepäck der 16- bis 22 jährigen: das ungewöhnliche Schulbuch des Friedensforschungsinstituts PRIME „Israelis und Palästinenser - die Geschichte des anderen verstehen lernen“.
So wundert es nicht, dass Dr. Manfred Kock - ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland - sich zu Vorwürfen in einem Schreiben an Pastor Kitzinger schon vor der Entscheidung des Nürnberger Landgerichts kritisch äußerte: „...Ich habe den Film gesehen. Er verwendet nichts von dem, was Sie ihm vorwerfen. Der Film ist vielmehr geeignet, die unterschiedlichen Blickwinkel der Parteien des Nahostkonfliktes verständlich zu machen...An keiner Stelle finden sich Belege, die Ihre Sicht stützen...“ Den vollständigen Brief finden Sie unter http://www.emzbayern.de/cms/index.php.


Filmemacherin Stefanie Landgraf und Johannes Gulde
http://www.rosalux.de/
 
Aktuell wundern sich allerdings die Filmemacher über die Haltung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern (ELKB), die ja zu den Förderern des Medienprojektes gehörte. Von Regisseurin Stefanie Landgraf erfuhren wir am Wochenende, dass sie und ihr Kollege gehofft hatten, die ELKB werde sich öffentlich hinter das Projekt stellen. Stefanie Landgraf: "Doch es kam anders. Wir bekamen die Information, dass die Ausleihe unseres Medienpaketes von der Evangelischen Medienzentrale (EMZ) vorläufig gestoppt worden ist und der Kirchenrat der Landeskirche sich mit dem Film/Medienpaket befassen wird. Sie bestellten beim Filmsortiment in Hamburg 15 DVDs, arbeiteten es durch und kamen am 14./15. Januar zu dem Schluss, unserem Medienpaket einen 'Einleger' beizufügen. Ohne uns als Autoren zu fragen oder einzubeziehen!" Dieser "Einleger" sei offenbar ein Versuch, sich gegenüber Israelfreunden innerhalb der Kirche quasi abzusichern, inhaltlich wohl eher ein "Schnellschuss", mit zum Teil falschen Darstellungen und auch Formulierungen.

Die Jugendlichen auf ihrer "Begegnungsreise"
Quelle: http://www.terramedia-online.de
 
Für die Israelitische Kultusgemeinde erklärte deren Vorsitzender gegenüber der NRhZ in einem Telefoninterview am Dienstag, warum er den Film ein "verheerendes Machwerk" genannt habe: Er stelle die israelische Seite im Nahostkonflikt "absolut negativ", dar und stehe "völlig einseitig" auf der Seite der Palästinenser. Deshalb sei es für ihn "unmöglich", dass er weiter in Schulen gezeigt werden könne. Antwort der Filmemacher darauf: "Ja, der Film ist tatsächlich einseitig. Es kommen darin mehr Israelis als Palästinenser zu Wort. Was Herrn Hamburger aber wirklich plagt, ist, dass diese Israelis im Film nicht den Siedlungsbau, die Mauer und die Besatzung der Palästinenser rechtfertigen. Schlimmer noch muss für ihn sein, dass diese Israelis im Film für Völker- und Menschenrecht eintreten und sehr praktisch aufzeigen, dass auf einer solchen Grundlage ein Zusammenleben möglich ist und Feindschaft beendet werden kann. Zu dieser Einseitigkeit des Films stehen wir, mit ganzer Überzeugung und ganzem Herzen." (PK) 

Aktuelle Pressemitteilung:
 
Kurz vor dem Online-Stellen dieser NRhZ-Ausgabe und des Artikels, den Sie hier Lesen konnten, erreichte uns folgende Pressemitteilung der Filmemacher vom 22.1., deren Text wir hier wiedergeben:
 
„Antisemiten“ und Kirche und ein politischer Deal
 
Ohne Not hat sich die Ev.-Luth. Landeskirche in Bayern (ELBK) zum Komplizen der Kritiker unseres Films gemacht, die in einer Diffamierungskampagne u.a. behaupten, er fördere den „Antisemitismus und Anti-Isrealismus“ und „die Neo-Nazi-Szene und andere israelfeindliche Gruppierungen mit vorhandenem Gewaltpotential“. Bekanntlich setzen wir uns dagegen mit einer Klage auf Unterlassung gegen den freikirchlichen Pastor Hansjürgen Kitzinger und den Nürnberger Schulbürgermeister Dr. Klemens Gsell zur Wehr (anwaltschaftlich vertreten durch Dr. Günther Beckstein). Die erste Verhandlung findet vor dem Landgericht Nürnberg am 28. Januar 2013 statt.
Was ist geschehen? Vor zwei Tagen erfahren wir aus der Presse - Nürnberger Nachrichten vom 19. Januar 2013 mit der Überschrift: „Kirche bessert beim Nahost–Film nach“, dass die ELKB (vertreten durch Oberkirchenrat Detlef Bierbaum) mit einem politischen Deal das Wohlwollen ausgerechnet der Kritiker zurückgewinnen will, die diese ungeheuerlichen Behauptungen über unseren Film in die Welt gesetzt haben.
Anstatt einem Projekt zur Seite zu stehen, in dem ausschließlich Israelis und Palästinenser zu Wort kommen, die sich auf der Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses von Menschen- und Völkerrecht für ein gewaltfreies und friedliches Miteinander zwischen den Konfliktparteien einsetzen, fügt sie dem Verleih des Films (Ev.Medienzentrale Nürnberg) ab sofort einen Drei-Seiten „Beipackzettel“ bei. Sehen wir einmal davon ab, dass dieser Texteinleger vor allem daran krankt, im Film bereits behandelte Positionen zu wiederholen oder zu relativieren oder zu konterkarieren, so ist er als „Polit–Papier“, pädagogisch und didaktisch gesehen, völlig wertlos. Er übernimmt an mehreren Stellen ausschließlich die israelische Position und steht damit im Widerspruch zum ganzen Projekt, das die Sichtweise beider Seiten – Israelis und Palästinenser – erzählt. Zudem wird er einem Film beigepackt, der vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg bereits explizit für den Einsatz im Unterricht (Prädikat "Gelber Daumen") empfohlen wurde und sich dort schon bewährt hat. 
Festhalten wollen wir: Die ELKB kann ihre Meinung zum Film verbreiten, wo immer sie will. Aber nicht dort, wo sie im Zuge eines politischen Entgegenkommens jetzt von ihr verbreitet wird: Als „Beipackzettel“ beim Verleih von Film und Medienpaket. Denn sie verletzt damit unser Urheberrecht und ebenso das ihr übertragene Recht für den Verleih. 
Die ELBK hat sich mit ihrer Haltung einen Bärendienst erwiesen. Denn ihr Versuch, mit diesem „Beipackzettel“ den israelisch-jüdischen Interessensgruppen entgegen zu kommen, wurde nicht honoriert. Zum ersten Mal sah sich jetzt auch die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) in Nürnberg dazu ermutigt, in den Nürnberger Nachrichten vom 19.1.2013 öffentlich zu verbreiten, was ihr Vorsitzender Arno Hamburger von Film und Medienpaket hält: Ein „verheerendes Machwerk“. So die Aussage eines „aggressiven, militanten Juden“, wie sich Arno Hamburger selbst bezeichnet. Arno Hamburger zählt wie sein Gesinnungsfreund Pastor Kitzinger („Israel ist ein unerklärliches Mysterium – ein Geheimnis, die einzige Nation in der Geschichte der Menschheit, die nach zweitausend Jahren wieder erstanden ist“) zu den Menschen, die jeden Versuch, die Leiden der palästinensischen Seite auch nur zu erwähnen, als Angriff gegen den Staat Israel bewerten und jede Kritik an der Politik der Israelischen Regierung als gegen das Judentum gerichtet deuten. 
So hat Hamburger auch Prof. Rolf Verleger (Autor von "Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“), der die Vorführung unseres Films in Berlin mit getragen hat, ob seiner Israel-Kritik „das jüdische Alibi der NPD“ und einen „Volksschädling“ genannt. Schon 2009 gab Hamburger empört sein Bundesverdienstkreuz zurück, weil er nicht in einem Atemzug mit der deutsch-israelischen Friedens- und Menschenrechtsaktivistin Felicia Langer genannt werden wollte, die ebenfalls diese Auszeichnung erhielt. Über sein Büro in der IKG wurden die Diffamierungen von Pastor Kitzinger gegen uns Filmautoren per Fax an den Schulbürgermeister Dr. Gsell weitergeleitet. 
Lotty Camermann, die israelische Reiseleiterin im Film „Wir weigern uns Feinde zu sein“, die uns von der ELBK für die Durchführung des Medienprojekts zur Seite gestellt wurde, sagt im Schlussgespräch des Films zu den deutschen Jugendlichen: „Ich bin ein Enkelkind und eine Tochter von Holocaust-Überlebenden. Ich persönlich sehe mich nicht als Opfer – ich weiß, dass meine Familie es war. Ich sehe mich als verantwortliche Israelin, da ich eine Bürgerin des Staates Israel bin, für das Leid der Palästinenser, ich finde keine Ausrede dazu.
Keiner von uns ist mehr Opfer. Wir haben ein Land, wir haben einen jüdischen Staat bekommen. Ich würde gern einen demokratischen Staat haben, der ist mir wichtiger als der jüdische Staat. Und ich finde vieles, was wir hier machen, ist grauenhaft. Und wir müssen ein moralisches Israel haben, das auf jüdischen Werten beruht. Das, was wir heute haben, hat nichts mit jüdischen Werten zu tun.“ 
Solche Äußerungen in unserem Film sind es, die in Nürnberg Diffamierung und Boykott ausgelöst haben. Nichts anderes. 
Ob die ELKB angemessen auf den Vorwurf aus Nürnberg reagieren wird, ein „verheerendes Machwerk“ mit gefördert zu haben? Uns scheint eher, dass sie im Moment auf dem besten Weg ist, Glaubwürdigkeit und Vertrauen, ihr einziges Kapital, in dieser Sache zu verspielen.
Gefördert wurde das Projekt „Wir weigern uns Feinde zu sein“ nicht nur von der ELBK - unter der Schirmherrschaft von Landesbischof a.D. Dr. Johannes Friedrich - sondern auch von der Robert Bosch Stiftung und dem Auswärtigen Amt. Ihnen gegenüber sehen wir uns verpflichtet, Angriffe gegen den Film zurückzuweisen, die ihn als „antisemitisch“ und „die Neo-Nazi-Szene fördernd“ zu diffamieren suchen. Diese Verpflichtung haben wir auch gegenüber den Jugendlichen, ihren Eltern und allen Mitwirkenden, die diesen Film getragen und ermöglicht haben. 
Zur Seite steht uns dabei Pfarrer Eckart Bruchner, Direktor der Interfilm-Akademie München/Antwerpen, der mit uns gemeinsam das Projekt verantwortet.
 
Weitere Informationen:
Evangelische Medienzentrale Nürnberg, u.a. die Schreiben von Dr. Manfred Kock und Prof. Dr. Reinhold Mokrosch
Terramedia Corp. Landgraf & Gulde, u.a. Synopse und Pressestimmen zum Film
Thomas Immanuel Steinberg / Diffamierung / Gemischtkonfessionelle Spießgesellen
 
München, 22. Januar 2013
Stefanie Landgraf und Johannes Gulde
Terra Media Corp. Landgraf & Gulde GbR Bunzlauerstr. 42a 80992 München
 


Online-Flyer Nr. 390  vom 23.01.2013

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Odessa - Oleg Muzyka berichtet
Von Arbeiterfotografie
FOTOGALERIE


Grillen wir die Gentrifizierung
Von Arbeiterfotografie