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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Lokales
Schwarz-Grünes Baummassaker im Frankfurter Nordend
Bäume sind tot, aber der Widerstand bleibt!
Von Jutta Ditfurth

Die Fraktionen ÖkoLinX-ARL im Frankfurter Römer und im Ortsbeirat 3 Nordend fordern nach einem Schwarz-Grünen Baummassaker die Wiederaufforstung und eine demokratische, ökologische und soziale Neuplanung des Projekts Tiefgarage auf dem Schulhof der Glauburgschule. Hierzu der folgende Artikel der ehemaligen Grünen-Politikerin und Gründerin der kommunalen Wählervereinigung ÖkoLinX-Antirassistische Liste, Jutta Ditfurth. – Die Redaktion  


Widerstand der BürgerInnen gegen das Baummassaker in
Fotos: Jürgen Tauras

Die Stadt Frankfurt, der CDU-Grüne Magistrat und die FAAG, haben ihr ökologisches Zerstörungswerk im Nordend fortgesetzt. Von Montag bis heute (9. Januar) wurden auf dem Schulhof der Glauburgschule, in der Lenaustraße und in der Lortzingstraße sechzehn zum Teil hundertjährige Bäume gefällt. Ein kleiner Park, der für unsere Lungen und Augen wichtig war, wurde zersägt. Ein Baummassaker für eine Tiefgarage mit teuren privaten Parkplätzen, für die zugleich öffentliche, kostenlose Parkplätze verschwinden. Eine Naturzerstörung, die bei intelligenter, demokratischer, ökologischer und sozialer Planung vermeidbar gewesen wäre.
 
Etwa 30 Mitglieder der im Oktober 2012 gegründeten Bürgerinitiative gegen die Quartiersgarage haben seither, unterstützt von ÖkoLinX-ARL (1), versucht, das Baummassaker mit Aufklärung und jetzt auch ganz praktisch aufzuhalten. Mehr als 1.000 Unterschriften wurden gesammelt, es wurde demonstriert, Parlamentsausschüsse wurden besucht, es wurden vollkommen fruchtlose und frustierende Gespräche mit den "verantwortlichen" Fraktionen von CDU und Grünen sowie mit Mitgliedern des schwarz-grünen Magistrats geführt

Fassungslos mussten die AnwohnerInnen jetzt mitansehen, wie ihr Zuhause kahl geschlagen wurde. Viele weinten. Die protestierenden Menschen sind zwischen 15 und 80 Jahren alt, manche von ihnen leben dort seit mehr als 60 Jahren. Sie gehören nicht zu den beim Magistrat so heiss geliebten Investoren. Noch ist nämlich die Gentrifizierung, die von außen geplante,  regelrecht gewaltsame Umgestaltung des Nordends nicht vollständig durchgesetzt...
 
Der Widerstand glückte - wegen der Übermacht von Polizisten, Frankfurter Aufbau AG- und Stadtvertretern und Baumfällern - aber leider nur drei Tage lang. Es gab blaue Flecken, verdrehte Arme, polizeiliche Verbote, das eigene Haus zu betreten, eine bedrohliche Szene mit einer Kettensäge und für viele Menschen hässliche neue Erfahrungen mit parteipolitischer Arroganz und der bewaffneten Staatsmacht.
 
Heute fiel die letzte wunderschöne, uralte Pappel an der Grenze des Schulhofs zu den Hinterhöfen des Häuserblocks Lortzingstraße/ Neuhofstraße/ Lenaustraße.
 
Wir wollen die Wiederaufforstung und Neuplanung durchzusetzen.
 
Die Gegenseite verbreitet gebetsmühlenartig die Magistrats-Propaganda, die Protestierenden und die AnwohnerInnen hätten seit vier Jahren von den Plänen gewusst. Das ist Lüge und eine Frechheit, weil
 
1. ein normaler Mensch mit seinen Alltagsorgen und seiner Arbeitsbelastung die finsteren Pläne von Staatsapparaten und Stadtverwaltungen nicht erraten kann und
 
2. es im konkreten Fall noch im Mai 2012 in einem Antrag der im Römer mitregierenden Grünen im Ortsbeirat 3 (Nordend) hieß:
"Das Pilotprojekt Glauburgstraße soll aufzeigen, wie mit zusätzlichem unterirdischen Parkraum im oberirdisch stark zugeparkten Nordend mehr Frei- und Grünräume geschaffen werden, ohne dass dafür Bäume gefällt werden müssen." (OF 200/3 v. 24.5.2012)
 
Bewusste Desinformation?
 
Erst kürzlich, auf einer Bürgeranhörung am 4. Oktober 2012 erfuhren die völlig überrumpelten AnwohnerInnen, dass in Wahrheit die Bäume in der Lortzingstraße, der Lenaustraße und auf dem Schulhof gefällt werden sollten. Sie protestierten sofort, noch auf der Versammlung, auch gegen die schlechte und heimliche Planung des Gesamtprojekts (eine fehldimensionierte Turnhalle, eine notwendige Kita, die aber ausgerechnet über einer Tiefgarage liegen soll). Es nützte ihnen nichts: eine Woche später, am 11. Oktober, beschloss das Stadtparlament die Fällung. Bäume, die 100 Jahre brauchten um zu wachsen, sind nun Sägespäne.
 
Artenschutzrechtliche Prüfungen, deren Durchführung behauptet worden war, sind überhaupt nicht gemacht worden. Die Suche nach Baumhöhlen der im Quartier lebenden und europaweit vom Aussterben bedrohten Fledermäuse hat in Wirklichkeit erst die Baumfällfirma anlässlich der Fällung (!) jetzt hastig und nachträglich unternommen. Es wurden Baumhöhlen festgestellt. Welch Wunder, dass nach dem Kettensägenlärm keine Fledermäuse mehr darin gefunden wurden! Die Störung des Winterschlafs ist für die Tiere übrigens lebensbedrohlich.
 
Die Bäume sind weg, aber der Widerstand bleibt!
 
Mit der Bürgerinitiative gegen die Quartiersgarage fordern wir:
 
-          Keine Tiefgarage mit privaten, teuren Parkplätzen
 
-          neue Bäume so groß wie ein Haus
 
-          keine Verschattung durch die Totalverriegelung der Hinterhöfe,
            auch deshalb die Umplanung der Turnhalle
 
-          sofortige Einsicht und Miteinbeziehung in alle weiteren Planungen
            und Bauvorhaben, auch der umliegenden Straßen
 
-          Offenlegung der genauen Terminplanung über den Ablauf
            der Arbeiten einschliesslich der Abrissarbeiten für alle BürgerInnen
 
-          Ausschreibung eines Landschaftsarchitektur-/Architekturwettbewerbs
            für die Hochbauten
 
-          genaue Einhaltung und Beachtung der Lärmschutzverordnung. (PK)
 
(1) Jutta Ditfurth ist Sozialwissenschaftlerin, Publizistin und Politikerin. Als Mitbegründerin der Partei Die Grünen war sie in den 1980er Jahren eine Protagonistin des linken Flügels und von 1984 bis 1989 eine der drei gleichberechtigten ehrenamtlichen BundesvorstandssprecherInnen der Partei. 1991 trat sie wegen der Rechtsentwicklung aus den Grünen aus und gründete die Ökologische Linke, die bis heute besteht.
2000 gründete sie die kommunale Wählervereinigung ÖkoLinX-Antirassistische Liste für die sie von 2001 bis 2008 und erneut
seit 2011 ins Stadtparlament von Frankfurt am Main gewählt wurde.


Online-Flyer Nr. 389  vom 16.01.2013

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