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Medien
"Frankfurter Rundschau": Hausgemachte Krise
Bedürfnis Demokratie
Von Rolf-Henning Hintze und Peter Kleinert

Dass der die Frankfurter Rundschau herausgebende Verlag des Mehrheitsgesellschafters der Zeitung, die Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg, im November 2012 beim Amtsgericht Frankfurt am Main Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt hat, weil man „keine Perspektive der Fortführung des Unternehmens“ sähe, ist FR- wie auch NRhZ-LeserInnen bekannt. (1) Gern verschwiegen wird vom FR-Verlag, zu dem auch die SPD-Medienholding DDVG gehört, dass einer der FR-Gründer der Kommunist und Jude Emil Carlebach war, dem - neben anderen Antifaschisten - General Roger McClure, Kommandant der "Abteilung für Nachrichtenkontrolle" der US-Armee, nach der Befreiung diese Zeitung im April 1945 anvertraute.
 

Emil Carlebach,
Kommunist, einer
der Gründer der FR
NRhZ-Archiv
Emil Carlebach war 1934 als 19jähriger wegen Werbung für antifaschistische Gewerkschaftszeitungen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden und wurde 1937 im KZ Dachau und ab 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert, wo er - im geheimen Widerstand aktiv – zusammen mit anderen Häftlingen "das Signal zur Meuterei am 4./5. April 1945“ gab, die zur Selbst-befreiung des Lagers führte, an dem die US-Truppen bereits Richtung Osten vorbei marschiert waren. Er wurde Frankfurter Stadtverordneter und hessischer Landtagsabgeordneter. Seine Vorstellungen von einer nichtkommerziellen Presse durften ebensowenig Schule machen wie die Sozialisierungsartikel in der Hessischen Verfassung, an der er als Landtagsabgeordneter mitgearbeitet hatte. Als Mitbegründer und Lizenzträger der FR wurde er 1946 auf Befehl von US-Militärgouverneur General Lucius D. Clay aus dem Verlag rausgeschmissen. Den folgenden Bericht über die Entwicklung der Frankfurter Rundschau hat deren ehemaliger Redakteur Rolf-Henning Hintze vergangene Woche in der Zeitung Neues Deutschland veröffentlicht:
 
Einfache Ideen können manchmal grandios und sehr folgenreich sein. Eine solche Idee hatte Ende der 60er Jahre der frühere Nachrichtenchef der "Frankfurter Rundschau" (FR), Horst Wolf. Als damals die Studentenbewegung landesweit für Diskussionen sorgte, befand er, dass für eine akkurate Beschreibung der Vorgänge an den unruhigen Hochschulen die Berichte der Deutschen Presseagentur nicht ausreichend seien. Er setzte die Idee durch, ein Netz studentischer Mitarbeiter an den Hochschulen aufzubauen. Mit frappierenden Ergebnissen: die Qualität der Berichterstattung stieg merklich, und es schnellte nicht nur die Zahl der Studentenabonnements in die Höhe, sondern das Ansehen der FR insgesamt nahm enorm zu.
 
Die FR wurde eine überregionale Zeitung von Rang. Viele der studentischen Abonnenten blieben der Zeitung später treu, auch wenn sie beruflich aufgestiegen waren. In der sambischen Hauptstadt Lusaka traf ich Jahre später einmal den dort tätigen Leiter eines größeren deutschen Unternehmens, dem die tägliche FR sogar ein teures Luftpostabonnement wert war.
 
Die Qualität des Blattes hatte mehrere Gründe, die hochwertige Berichterstattung über die Studentenbewegung kam lediglich noch hinzu. Im August 1945 war die "Frankfurter Rundschau" als erste Zeitung der US-Zone erschienen. Zu den Herausgebern (nach dem Rausschmiss von Emil Carlebach, d.R.) gehörte seit 1946 Karl Gerold, ein aus der Arbeiterjugend stammender Antifaschist, zu den Herausgebern und war zugleich Chefredakteur. Er sorgte später u.a. dafür, dass sich die FR, lange bevor das populär wurde, zum Beispiel für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze einsetzte, und er ermutigte die Redaktion, ehemaligen Nazis nachzuspüren, die es wieder in hohe Funktionen geschafft hatten. Die FR schrieb früher als andere DDR ohne Anführungszeichen, und stärker als die meisten ergriff sie Partei gegen den Vietnam-Krieg. Wer gut über die Gewerkschaften informiert sein wollte, kam ebenfalls nicht an der Rundschau vorbei.
 

Karl Gerold, FR-Verleger,
Herausgeber und Chefredakteur
Überraschenderweise waren es die Feuilletonredakteure um Wolfram Schütte, nicht die Politik-Redakteure, die Anfang der 70er Jahre die Initiative für ein Redaktions-statut ergriffen. Sie wollten sich weigern können, schwache Gedichte ihres Chefs ins Blatt zu rücken, ohne dafür die Entlassung zu riskieren. Die Redaktion übernahm die Forderung sofort, "Mehr Demokratie" war in jenen Jahren ein gängiges Bedürfnis.
 
Ein von der Redaktion ausgearbeitetes Statut beschränkte sich nicht auf eine Mitbestimmung bei der Berufung neuer Chefredakteure, es beinhaltete auch, dass ein gewählter Redakteursausschuss im Falle umstrittener Entscheidungen von Ressortleitern oder der Chefredaktion angerufen werden konnte. Dieser hatte dann zu beurteilen, ob ein Beitrag der Linie des Blattes entsprach oder nicht. Herausgeber Gerold behagte diese Einengung seiner Macht gar nicht, er blockierte das Statut.
 
Die Lage änderte sich, als Gerold starb und Werner Holzer Chefredakteur wurde. Er, der neue Zeichen setzten wollte, sagte der Redaktion: "Wir tun einfach so, als wäre das Statut vom Verlag schon beschlossen - ich halte mich dran." Er tat es tatsächlich. Ich habe eine Sitzung des Redakteursausschusses miterlebt, in dem er als Chef vorgeladen wurde, um zu begründen, warum er die Veröffentlichung einer TV-Kritik untersagte (die sehr hart einen ARD-Beitrag kritisierte, der die Apartheid-Politik verharmlost hatte). Holzer wurde gerügt, seine Entscheidung ohne vorheriges Gespräch mit dem Redakteur getroffen zu haben und sich nicht um eine Einigung bemüht zu haben. Eine Kleinigkeit? Durchaus nicht, ein Statut, das ein Hinterfragen von Entscheidungen der redaktionell Verantwortlichen ermöglicht, stärkt redaktionelles Selbstbewusstsein nachhaltig. Später lehnten die FR-Redakteure ein vom Verlag angebotenes deutlich schwächeres Statut ab, lieber keines als eine Augenwischerei, entschieden sie mehrheitlich.
 
Vor gut zehn Jahren traten wegen wirtschaftlicher Rückgänge erste Veränderungen des Blattes zutage, die in den Augen vieler Leser Qualitätsverlust bedeuteten. Dies besonders, nachdem der 2006 entlassene Chefredakteur Storz durch Uwe Vorkötter ("Berliner Zeitung") ersetzt wurde und die Zeitung auf das kleinere Tabloid-Format umstellte. Herbert Fritz, über 30 Jahre Redakteur, urteilt heute: "Die Rundschau ist kaputtgespart worden." Er meint die enorme Verringerung der Belegschaft, die Verkleinerung des Korrespondentennetzes, die oft unkritische bloße Übernahme von Agenturberichten.
 
Die Entlassung von Chefredakteur Wolfgang Storz geht auf einen Vorgang zurück, der Seltenheitswert hat. Betrieben wurde er von der SPD, deren Medienholding DDVG damals die Mehrheit der Anteile an der "Rundschau" besaß. Storz erhielt einen Brief der damaligen SPD-Schatzmeisterin Ingrid Wettig-Danielmeier auf SPD-Briefpapier, in dem sie ihm nahelegte, einen kritischen Beitrag zur Linkspartei ins Blatt zu rücken. Storz lehnte dies mit der Begründung ab, dass ein solcher Vorschlag auf SPD-Briefpapier die redaktionelle Unabhängigkeit der Redaktion berühre. Die Schatzmeisterin antwortete, dies könne auch auf einem Missverständnis über redaktionelle Unabhängigkeit beruhen". Nachträglich meint Storz, damit sei seine Entlassung programmiert gewesen.
 
Unter Vorkötter, geholt vom neuen Mehrheitsgesellschafter Alfred Neven-Dumont, erschienen dann ab 2006 Positionen in der Zeitung, die früher undenkbar gewesen wären. So pries Lokalressortchef Matthias Arning für die fälligen Reparaturen mehrerer Mainbrücken völlig unkritisch das Modell von "Public Private Partnership" (PPP) an. Die ablehnende Haltung des Frankfurter DGB wurde in dem Bericht nicht mal erwähnt. Viele Abonnenten erkannten wegen solcher Beiträge ihre Zeitung kaum noch wieder, kündigten. Arning wurde später übrigens Pressesprecher bei OB Petra Roth (CDU).
 
Großes Befremden löste im Mai 2011 auch ein unkritischer Beitrag aus, den die FR vierspaltig mit Foto groß herausbrachte. Ein freier Mitarbeiter zitierte darin aus einer "Studie" zweier Wissenschaftler über eine angebliche Dominanz antisemitischer Positionen in der Linkspartei. Eine ausreichend besetzte und gewissenhafte Redaktion hätte festgestellt, dass es sich nicht um eine Studie handelte und Belege für die These fehlten. Dass die Wissenschaftler dem Lager der "Antideutschen" zuzurechnen sind, verschwieg der Beitrag.
 
Der schmerzliche Niedergang der "Rundschau" zeigt, dass sich Qualitätszeitungen nur herstellen lassen, wenn Redakteure Bedingungen haben, unter denen sie sorgfältig arbeiten können. Für die FR muss es bitter sein, dass viele Leser zur "Frankfurter Allgemeinen", dem Erzgegner, abgewandert sind, die zwar politisch ganz anders gepolt, aber unbestreitbar anspruchsvoll gemacht wird. (PK)
 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12394
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18456
 
 
Autor Rolf-Henning Hintze war 1969 bis 1976 politischer Redakteur der FR, später bei NDR und Deutscher Welle. Seit 2006 ist er freier Journalist in München.
 
Peter Kleinert war bis zu seinem Rausschmiss 1976 durch Alfred Neven DuMont Redakteur in der Redaktion Politik des Kölner Stadt-Anzeiger, gewann im Laufe der Jahre alle Kündigungsschutzprozesse bis zum Bundesarbeitsgericht, blieb danach trotzdem lieber Filmemacher und wurde als Rentner Gründer und Herausgeber der NRhZ. Einen Ausschnitt aus seinem Fernsehfilmporträt von Emil Carlebach, finden Sie in unserer aktuellen Filmclip-Rubrik. 


Online-Flyer Nr. 387  vom 02.01.2013

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