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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Faye Cukier’s "Flucht vor dem Hakenkreuz“ jetzt auf Deutsch
Et bliev nix wie et woor
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Nichts bleibt so, wie es mal war – lautet das fünfte der zehn kölschen Gebote. Die guten Zeiten vergehen. Zum Glück auch die schlechten. Und was lange währt, wird Wirklichkeit: die 2006 in Philadelphia erschienenen Lebenserinnerungen der Kölner multinationalen Jetsetterin Faye Cukier, der 1938 mit ihren polnischstämmigen jüdischen Eltern die Flucht aus Deutschland gelang, sind jetzt in der Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln auf Deutsch erschienen. "Fleeing the Swastika – die Flucht vor dem Hakenkreuz“ fand aber erst im September 1944 nach Kriegsende in Brüssel ein glückliches Ende.


Faye Cukier im NS-Dok, 17.3.2011
alle Fotos: arbeiterfotografie.com


Aus dem Familienalbum: Gruß aus Antwerpen, 1938: Lieber Vati...


Faye Cukier im NS-Dok, 17.3.2011 (am Rande der Ausstellungseröffnung "Kunst und Gedenken")


Aus dem Familienalbum: Gruß aus Antwerpen, 1938, beim Spaziergang mit Mutti auf der Keyserlei


Faye Cukier im NS-Dok, 17.3.2011, mit der stellvertretenden Direktorin Dr. Karola Fings


Lesung aus dem englischsprachigen Buch „Fleeing the Swastika“ und Gespräch mit Schülern des Genovevagymnasiums, Köln-Mülheim, 24.11.2009


Vortrag vor Schülern des Genovevagymnasiums, Köln-Mülheim, 24.11.2009


„Dat Müllemer Schönheit“, Bildnisse aus Kindheit und Jugend


Vortrag vor Schülern und Kollegium der Europaschule, Köln-Raderberg, 20.4.2009


Buchtitel mit Fotomontage der amerikanischen Originalausgabe „Fleeing the Swastika“ von 2006


Ehemaliger Wohnort in der Weimarer Straße 68 in Köln-Höhenberg, in der Nähe der Firma des Vaters (gesehen durch die Zuckerdose), im Mai 2011


Faye Cukier im Eiscafé am Eigelstein, 18.4.2009


Die Zuckerdose der Familie Cukrowski – später Cukier. Cukier heißt auf Polnisch Zucker und klingt auch gut auf Französisch, im Mai 2011


Faye Cukier im NS-Dok, 17.3.2011, mit Direktor Dr. Werner Jung, der 2010 beschloß, Fayes Erinnerungen auf Deutsch herauszubringen


Die ganze Welt ist ein Werden und Vergehen, ein zyklischer Kreislauf. Hier ist der Entwicklungs- und Veränderungsprozess fokussiert auf ein Lebewesen und die Erinnerung an Vorfahren, Erlebnisse. Die ausschnitthafte biografische Erzählung der an einem vorsommerlichen Junitag in Köln als Fanni Cukrowski geborenen Faye Cukier schildert in detailreichen Szenen mit vielen Rückblenden und sinnlichen Eindrücken einen ungewöhnlichen Lebenslauf – eingebettet in die wechselvolle Geschichte der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts in Mitteleuropa – voller Schwierigkeiten, aber nicht ohne Hoffnung, sobald das Lebensmotto beherzigt wurde: Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen! – "Be the Captain of your own Fate!“.

Die "Flucht vor dem Hakenkreuz“ begann schon in Kindertagen, nahm aber reale Gestalt an mit der Ausreise der 16jährigen zunächst nur mit der Mutter aus NS-Deutschland im Herbst 1938 nach Antwerpen. Sechs lange Jahre verbringt sie als heranwachsende junge Frau mit ihren Eltern in Belgien mit Wechselbädern von Hochgefühlen bis Todesangst. Mitunter wundert sie sich, wie ihr Leben trotz allem – zeitweise – in geordneten Bahnen verläuft. Fast hätte die Mutter sich der deutschen Militärpräsenz in Belgien gestellt, aber die Tochter widerspricht. Der weise Vater rät ihr gar angesichts der unbändigen Freude über die Befreiung aus einem mehrjährigen Martyrium der Verfolgung, zwanzigmaligem Wechsel der Unterkunft, mal Wohnung, mal heimliches Versteck, mal Lager in Limburg – aus seiner langen Erfahrung heraus – nicht gleich auf die Straße zu laufen: „Sie sind sehr schlechte Verlierer, und in ihrer Perfektion für Zerstörung erschossen sie einige unschuldige Seelen auf ihrem Rückmarsch. Und denk dran – damals waren sie noch keine Nazis!“

In romanhafter Schilderung gelingen Faye Cukier mitreißende 24 Kapitel ihres jungen Lebens auf der Flucht (von 16 bis 22 Jahren) mit erstaunlich gegenwärtigen Dialogen. In einem Nachwort löst sie bemerkenswerte Entwicklungen bis zum ersten Erscheinen ihrer Aufzeichnungen 2006 auf. Als sie dem Vater 1986 (kurz vor seinem Tode) offenbart, dass sie ihre Erinnerungen in Buchform fassen will, erhält sie zur Antwort: „Oh Fannichen, das ist solch ein schweres Unternehmen mit viel Arbeit, die du wirklich nicht brauchst. Es ist ein zu hartes Projekt für dich.“ Im Nachhinein gibt sie dem Vater Recht. Es sei „eine höchst mühselige Schöpfung, geboren aus Liebe und Hingabe“ gewesen.

„Liebe und Hingabe“ sind mögliche Schlüsselworte für ein Rezept – Faye`s Rezept – für ein glückliches Leben, neben dem Lebensmotto, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. So war der Start in der Wahlheimat USA kein einfaches Unternehmen, zumal die Eltern einer Ehe mit dem 15 Jahre älteren, im Diamantenhandel tätigen Verlobten aus Kalifornien nicht zustimmen. Faye schlägt sich allein in New York durch, wo es ihr gar nicht gefällt. Ihr vielfach beschworenes, in ihrem Buch aus all ihren Bildern in den Blick springendes Lächeln, ihr "One-Million-Dollar-Smile", habe ihr leider „gar nicht geholfen“. Aber dann ist sie angekommen und bedankt sich im ersten französischen Programm eines Radiosenders in Philadelphia mit einer Chansondarbietung anlässlich ihrer Einbürgerung mit einem musikalischen Viertelstündchen „La vie en rose“. Seit den 1960er Jahren zieht es Faye Cukier wieder in ihre Heimatstadt Köln, wo auch die Eltern leben. Als sie seit dem Frühjahr 2009 die deutsche Übersetzung ihrer Erinnerungen vorantreibt, ergibt sich am 25. März 2011 (mit NRhZ-Autorin Anneliese Fikentscher, siehe auch NRhZ Flyer 196) eine Sendung im Freien Lokalrundfunk Köln (FLOK) mit Bestandteilen dieser musikalischen Rundfunksendung „La vie en rose“ anlässlich der in Aussicht stehenden deutschen Veröffentlichung. Faye`s aus dem Exil stammende Liebe zum französischem Chic und Charme begeistert die Radiomitarbeiterinnen, die sie applaudierend vor der Sprecherkabine empfangen. Den 1930 geänderten Namen ihrer Eltern Cukier behielt sie (durch drei Ehen) als Künstlername bei und „schnörkelte“ die Aussprache auf französisch. Zucker ist die deutsche Bedeutung des polnischen Wortes Cukier. Und eine mit dieser Erinnerung behaftete Zuckerdose aus Familienbesitz bewahrt sie bis heute auf.

Schön, attraktiv (und verführerisch) sein, ist die Ausstrahlung der jung gebliebenen Fanni, „dat Müllemer Schönheit“, für die gesellschaftliches Leben – gern auch glamourös – unverzichtbar war und ist. So unterhielt sie Kontakte zu unterschiedlichsten Menschen (Ingund Mewes und Töchtern vom Kölner Piccolo-Theater) und besuchte Veranstaltungen der Ökofeministin Maria Mies, wobei sie stets eine CD-Version ihres Buches in der Tasche hatte. Viele Gewohnheiten kommen ihrer Fitness zu Gute, z.B. tägliches Schwimmen im Sommer: „eine Stunde lang. NON STOP!“, oder das Kakaotrinken mit Wasser. Dafür ist sie bekannt in "ihrem“ Eiscafe am Eigelstein, oder ein Gläschen Rotwein mit Eis (on the rocks) und – vor allem – den Tag nicht zu früh beginnen, wie der Spatz von Paris, die Piaf („am Abend beginnt unser Tag“).

All das atmet ihr Buch, das nun endlich in deutscher Sprache einem Publikum vorliegt, das konfrontiert ist mit entsetzlichen Kriegserfahrungen und der Frage, wie es zu all dem kommen konnte, und zugleich mit Faye`s Energie und Mut und Lebensfreude. Große Geschichte, großartig übermittelte Erinnerung. Dringend zu empfehlen sind Lesungen und Vorträge mit der Buchautorin, soweit sie nicht in Philli (im Sommer) oder auf Malta (im Winter) weilt. Et bliev nix wie et woor? Doch! Die (aus Familienbesitz weit gereiste) Zuckerdose! Mit ihren Ecken und Abnutzungen des Goldrandes, einem Riss und einem Rest Zucker darin.

Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sind Mitglieder des Aachener Friedenspreis e.V. und des Bundesverbands Arbeiterfotografie.


Das Buch:




Faye Cukier: "Flucht vor dem Hakenkreuz"
Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln
zahlreiche Abbildungen
Gebunden, 368 Seiten
ISBN 978-3-89705-987-0
Euro 19,95


Hinweise:

Et hätt noch immer joot jejange
nrhz-Online-Flyer Nr. 196  vom 06.05.2009
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13729

Faye Cukier
Portraits unserer Zeit
http://www.arbeiterfotografie.com/portraits/cukier-faye.html



Online-Flyer Nr. 386  vom 26.12.2012

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