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Lokales
Faye Cukier’s „Flucht vor dem Hakenkreuz“ bald auf Deutsch
Et hätt noch immer joot jejange
Von Anneliese Fikentscher

Die in Köln geborene Deutsch-Amerikanerin Faye Cukier mit polnischen Wurzeln und vielen Talenten arbeitet intensiv an der Übersetzung ihrer Lebensgeschichte „Fleeing the Swastika“ - die Flucht vor dem Hakenkreuz. Mit ihren Eltern floh Faye als 16jähriges jüdisches Mädchen nach Belgien. Glücklicherweise kehrten alle drei unversehrt nach Kriegsende nach Köln zurück.

Faye Cukier im April 2009 vor dem Kölner Eigelsteintor
Foto: arbeiterfotografie.com

„Fanni mit i“ wird im Krankenhaus St. Anna in Lindenthal (einem heutigen Seniorenhaus) geboren. Sie lebt mit ihren Eltern zunächst in Köln-Höhenberg und später in Köln-Mülheim. Sie ist ein echt kölsches Mädchen. Aber sie muss trotzdem anders als die anderen kölschen Pänz sein. Denn - so erinnert sie sich - bereits als Dreijährige wird sie von einer Kinderschar verfolgt, die hinter ihr herruft: „Jüd, Jüd, Jüd, hepp, hepp, hepp, stecke mir de Nas in de Wasserschepp. Un wenn dr Jüd gestorve is, stecke mir en in de Eierkess.“

Tragödie wird zum Triumph

Körperlich ist dem schönen Mädchen nie ernsthaft etwas zugestoßen. Blutstropfen auf einer weißen Organzabluse sind in Köln das drastischste Folge eines Angriffs auf die inzwischen 16jährige, die von halbstarken Jungs verfolgt und mit Steinen beworfen wird. Verquickt mit weiteren sich zuspitzenden Umständen - „Wir hatten keine menschlichen Rechte mehr“ - sind diese Blutstropfen der Anlass zur Flucht 1938. Es geht nach Belgien, und auf diese Weise bleibt die  sogenannte Reichspogromnacht ihr und ihrer Familie erspart. Später wird Fanni sich Faye nennen, mehrmals verlobt sein, dreimal (in den USA) heiraten, aber immer ihren Mädchennamen beibehalten - zumindest als Künstlernamen. Cukier ist polnisch und heißt auf deutsch ‘Zucker’. „Ich schnörkele diesen Namen auf französisch“, kokettiert sie. Die Zeit im Exil ist prägend, und Französisch ist schick und elegant. Mit Mut, Eleganz und Eigensinn, aber auch mit Fleiß, Pfiffigkeit und Lebensfreude meistert sie eine schwere Zeit, in der sie sich „zum Tode verurteilt“ fühlt. Leben in der Illegalität, Sorge um die Beschaffung des Lebensunterhalts, ständige Wohnungswechsel, Bombenhagel und schwere Demütigungen: „Also, wir hatten ein Leben wie wahre Kriminelle.“
 
















Faye Cukier (rechts) mit ihren Eltern im Frühjahr 1945 in Brüssel
Quelle: NS-DokZentrum der Stadt Köln, „Bibliothek der Überlebenden“

Die junge Frau aber lässt sich nicht einschüchtern und nicht unterkriegen. Im Alter von 16 Jahren ist sie Antwerpens jüngste Englischlehrerin. Immer, wenn es so aussieht, dass es keinen Ausweg gibt, wird „die Tragödie zum Triumph“. Ihr Einkommen ermöglicht den Eltern und ihr den Lebensunterhalt, Wohnung, Essen, Kleidung. Nebenbei studiert sie internationalen Tanz. Bauchtanz mag sie am liebsten, und den tanzt sie heute noch...

Faye op Jöck

Zwischen dem Steinwurf, der Flucht und dem Kriegsende, das sie 1944 in Brüssel erlebt, liegen viele bittere - aber auch besondere, ja sogar glamouröse - Lebensstationen, zum Beispiel ihre Tätigkeit im Antwerpener Diamantenhandel. „Das war unter deutscher Besatzung. Es ging uns noch gut. Und da war sogar ein Boom in den jüdischen Geschäften in Antwerpen, weil die konnten ja miteinander reden. Jiddisch ist ja genau wie Süddeutsch. Ist kaum ein Unterschied. Sogar dieselben Ausdrücke. Und so war da ein Boom im Handel, überall in Restaurants und es war gut dann. Bis eines Tages kriegten wir dann die schlimme Nachricht, wir müssten uns stellen. Und mein Freund Simon - Simon von London - hatte noch eine Zweitwohnung, und da konnten wir uns verstecken.“ Aber Fannis Mutter konnte so ein illegales Leben nicht aushalten. Sie war zu ehrlich, „und das war der grosse Konflikt im Leben und auch im Buch zwischen Simon und mir gegen Mutti. Und Mutti gewann.“ Jahre später widerspricht Faye ihrer Mutter. Sie und ihr Vater lassen sich nicht registrieren, um angeblich „für die Deutschen zu arbeiten.“ Aus der bisherigen Erfahrung heraus verkündet die Tochter der Mutter ein „eisernes NEIN!“. Und dieses Nein hat sehr wahrscheinlich ihr aller Leben gerettet.
 

Faye Cukier um 1950 | Quelle NS-Doku-    
mentationszentrum der Stadt Köln
Et kütt wie et kütt

Im April 2009 sitzt mir eine elegante Dame vor dem Kölner Eigelsteintor fotografisch Modell. Auf die Frage, wie viele Sprachen sie spricht, antwortet sie mit amerikanischem Akzent: „Sieben. Und zwar fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Holländisch, Flämisch, Jiddisch und (sie lacht) auch Kölsch. Damit sind’s sogar acht.“ Während unseres Gesprächs sagt sie schon mal: „Dat wundert misch“. Ein Passant hält sie für die Schwester von Trude Herr. „Ja, dat hat man mir schon mal jesaacht.“

Ob ihre Familie religiös war, frage ich. „Nein, gar nicht... Ich bin Jüdin, weil ich als solche geboren war. Und ich mag gerne schöne Festlichkeiten, wie zuletzt das Sedermahl. Aber ich finde, umso älter ich werde, umso weniger religiös werde ich. Früher, als ich mit meinem Cabriolet gesaust bin, und es war schon Dämmerung, und ich hatte nicht genug Gasolin ... oder ich bin entgegensetzt gefahren auf der Autobahn, da wurde ich fromm. Und hab gebetet.“

Et bliev nix, wie et woor

An ihrem zwanzigsten Geburtstag muss sie in Antwerpen den Judenstern anheften. Zwischendurch findet das Leben statt, es gibt Freunde, mit denen sie musizieren kann. Wenn sie sagt: „Wir waren zum Tode verurteilt“, spricht sie von Todesangst. Doch die Verletzungen bleiben - wie in den Anfängen der NS-Machtübernahme überwiegend psychischer Gestalt. Gewiss, die Ohrfeige des Lehrers Bodewig ... und die beschriebenen realen Blutstropfen auf der hübschen weißen Bluse... Da waren die „Großeltern“ in Köln, die von einer Stunde zur anderen nicht mehr wagten, sie auch nur im Treppenhaus zu begrüßen... die Freundinnen, die mit einem Mal BDM-Mitglieder waren. Und da war der junge deutsche Soldat in Belgien, der an ihr nur „das Hässlichste sieht, nämlich den Judenstern und nicht die hübsche und elegante junge Frau“ ...

Wat soll dä Quatsch

Es ist wie eine magische Verblendung, die auch heute noch denkbar ist. Hitler erscheint den Menschen wie ein Popstar, es „liefen heiße Tränen der Begeisterung über ihre Wangen“. In Köln riefen sie anlässlich seines Besuchs in Sprechchören vor dem Domhotel: „Führer, Führer, sei so nett, zeig Dich an dem Fensterbrett“!

Aber Faye lässt sich nicht blenden, denn schließlich muss sie eine Überlebensstrategie entwickeln: „Tu niemals das, was alle tun“, ist eine Erfahrung in ihrem jungen Leben und das beschert ihrer ehrlichen und obrigkeitshörigen “Mutti“ im Exil das „eiserne Nein!“. Dieses Nein, sich den deutschen Besatzungsbehörden in Limburg nicht zu stellen, rettet allen dreien wahrscheinlich das Leben.
 
In Köln hat Faye Kontakt aufgenommen zu einem Journalisten und einem Lektor, um ihr Buch bald in einem Verlag in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Zwischenzeitlich hält sie Lesungen aus ihrer Lebensgeschichte, die seit 2006 in einem rund 460seitigen englischsprachigen Werk vorliegt. Anfang des Jahres 2009 besucht Faye Cukier Schulen auf Malta. Im April 2009 ist sie in der Kölner „Europaschule“ in einer Vorstellungsreihe für NS-Überlebende durch die Schulleiterin Dagmar Naegele und den Religions- und Englischlehrer Ulrich Gausling eingeladen, um aus ihrer Fluchtgeschichte vorzutragen.

Vor etwa 150 Schülerinnen und Schülern der Europaschule in der Kölner Südstadt stellt sich die grundlegende Frage, was die Lehre aus der Vergangenheit für die Gegenwart sein könnte, in der vielfach Muslime zum politischen Angriffsziel werden. Faye: „Nicht mitmachen und nicht schweigen, vor allem nicht schweigen. Das ist das Wichtigste.“ Unrecht darf man nicht tolerieren? „Genau! Manchmal ist es ‘a whipping boy’, ein Prügelknabe, jemandem die Schuld zuschieben. Wie bei den Nazis: die Juden, die Juden...“

Was glaubt sie, ist die Ursache, wenn Menschen anderen Menschen Unrecht antun? „Da war ja dieser evangelische Priester, der sagte, die kommen für die Juden, die kommen nicht für mich.“ Sie meint Martin Niemöller, der 1976 auf die Frage, ob sie denn 1938 in der Kristallnacht nicht aufgewacht seien, antwortete: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Niemöller zählt die Aktiven des Widerstands in absteigender Reihenfolge auf. Katholiken sind nicht dabei, denn deren Papst schloss mit dem Konkordat das Bündnis mit den NS-Herrschern. Und als die Juden geholt wurden, saß Niemöller, der Christ der bekennenden Kirche, selbst im Konzentrationslager.

Wat wellste maache?

„Man soll nie, nie bei Seite stehen und sagen: das ist deren Problem.“ Was ist Faye’s Lebensmotto? „Niemals etwas aufgeben und niemals das tun, was alle tun.“ Das siebente der 10 Kölner Gebote heißt: Füge dich in dein Schicksal – wat wellste maache. Faye: „Nee, da soll man gegen kämpfen!“ Du bist der Meinung, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? „Absolut! Be the captain of your own fate!“

Noch gibt es keinen Verlag für die deutsche Ausgabe der Lebenserinnerungen „Fleeing the Swastika – Flucht vor dem Hakenkreuz“. Die lebensfrohe Faye wäre die beste Promoterin zum Verkauf ihres Buches. Nicht nur weil sie etwas von „Business“ versteht. Es müsste sich doch bald ein Verlag finden lassen, der sich diese einmalige Chance nicht entgehen lässt. (PK) 

Online-Flyer Nr. 196  vom 06.05.2009

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