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Aktueller Online-Flyer vom 28. Juli 2016  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Kein Grund zum Feiern!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Fünfundneunzig Jahre nach der Balfour Deklaration, feiert das zionistische Regime diese als großen Sieg für den jüdischen Staat.(1) Denn Großbritannien hatte sich dadurch am 2. November 1917 mit den zionistischen Bestrebungen, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten, einverstanden erklärt und so den zionistischen Kolonialismus erst ermöglicht und ihm den Koscher-Stempel verpasst, der bis heute gültig ist. Diese Entscheidung, die England bis heute nicht als Schuld anerkennt, trat die Rechte der Ureinwohner Palästinas mit Füßen und beraubte sie um ihr Land und Hab und Gut. Auch die Niederschlagung der Revolte 1936-1939 mit dem Ziel, den Palästinensern systematisch ihre angestammten Rechte zu bestreiten, war eine von vielen Schandtaten, die diese bis heute zu erleiden hatten.

Der britische Außenminister Arthur Balfour besucht 1925 eine jüdische Siedlung im britischen Mandatsgebiet der Palästinenser
Quelle: WDR
 
Es waren nicht die Palästinenser, die das King David-Hotel in Jerusalem oder die englische Botschaft in Rom in die Luft jagten, es waren nicht die Palästinenser, die versuchten den damaligen englischen Außenminister Ernest Bevin zu ermorden, was glücklicherweise misslang. Es waren nicht die Palästinenser, die dann erfolgreich den damaligen britischen Staatsminister für den Nahen Osten, Lord Moyne ermordeten. Nein es waren die jüdischen zionistischen Terroristen der rechtsradikalen Terrorgruppe Irgun, deren führendes Mitglied Menachem Begin (Friedensnobelpreisträger!) war, der später den Likud als Regierungspartei führte. Seit Beginn der Nakba 1948, der Katastrophe der israelischen Staatsgründung für die Palästinenser hat es auch gerade Großbritannien als Hauptverursacher versäumt, irgend etwas gegen das Leiden der Palästinenser durch die zionistische Staatsgründung zu tun.
 
Vierundsechzig Jahre nach der ungerechten Zerteilung Palästinas hat es Großbritannien bis heute versäumt, einen Palästinenser-Staat anzuerkennen, im Gegensatz zum Staat Israel. Es gibt erst etwas zu feiern, wenn die Palästinenser ihre legitimen Rechte erlangen, die ihnen die gesamte Weltöffentlichkeit seit Jahrzehnten, durch die blinde Unterstützung Israels vorenthält.

Besonders erschreckend erscheint mir allerdings, dass Präsident Abbas, der Vichy-Herrscher ohne Mandat, aus Ramallah einem israelischen Sender ein Interview gab, das mir die Haare zu Berge stehen ließ. Er versicherte darin der israelischen Regierung unter Netanjahu, dass es, solange er "Präsident" wäre, zu keiner dritten Intifada käme, dass er selbstverständlich die Grenzen von 1967 anerkenne und dass er als "Flüchtling" aus Safed, dieses nur als Tourist wieder besuchen wolle. Dieses anbiedernde Interview bestätigte nur die "Palästina-Papiere", die in erschreckender Weise den Ausverkauf der Rechte der Palästinenser, wie auch das Umgehen mit dem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge durch die Palästinenser- Behörde zeigen.
Abbas kritisierte außerdem die Raketen aus Gaza: „Es gibt keine Rechtfertigung für Raketen aus dem Gazastreifen, oder irgendwo anders her“! Hier zeigt Abbas ganz deutlich, wie er es mit der Solidarität mit den eingeschlossenen Bürgern von Gaza hält. Raketen sind sicher eine untaugliche Lösung, um Israel zum um denken zu bewegen, aber wie sollen diese Verzweifelten eigentlich noch auf sich aufmerksam machen?
 
Leider spielte dieses Ereignis wie so viele andere in den Medien keine Rolle. So kann ich nur Hamas-Führer Hanyeh zustimmen, wenn er sich über dieses Interview des "gemäßigten" Kollegen empört. So ging auch leider der sensationelle Besuch des Emir, von Katar in Gaza im israelischen Bombenhagel unter, bei dem der Emir ankündigte, dreihundertfünfzig Millionen Dollar in Gaza investieren zu wollen. Ein großer Sieg für die weiter vom israelischen Regime dort eingeschlossenen Menschen! Bedauerlicherweise hat sich trotz des ägyptischen Regimewechsels nicht viel für die Blockierten in Gaza geändert, sie bleiben abgeriegelt von Land und See, abhängig von Israels Gnaden. Konnte man nicht gerade wieder die "mutige" Einnahme der Estelle durch die israelische Kriegsflotte sehen, die das Schiff mit Hilfsgütern wie immer vor Gaza enterte und nach Ashdod, also nach Israel brachte? Man trennte sogar israelische von ausländischen Aktivisten, um die Israelis als Landesverräter vor Gericht zustellen! Woran erinnert uns das?

Dazu passt auch wieder sehr gut eine Umfrage unter jüdischen Israelis, die zeigt wie die jüdischen Einwohner dieses zionistischen Regime ticken: Fast die Hälfte der Befragten wollen nicht im selben Haus wie Palästinenser leben, sie wollen nicht, dass ihre Kinder mit palästinensischen zusammen in die Schule gehen, sie wollen bei der Arbeitssuche bevorzugt werden, sie wollen kein Wahlrecht für palästinensische Israelis, sie wollen sie aus der Knesset, dem israelischen Parlament, ausschließen, sie plädieren für getrennte Straßen, also Straßen getrennt für Juden und Palästinenser. Interessanterweise waren es besonders viele Haredim (Orthodoxe) die Hass gegen Palästinenser zeigten. Zeigt dieses rassistische Apartheiddenken nicht in schrecklicher Weise, was vierundsechzig Jahre Besatzung und Landraub aus einem Volk gemacht haben? Noch erschreckender: sie regen sich nicht über ihren Rassismus auf, aber sie regen sich darüber auf, wenn man sie als das was sie sind bezeichnet, nämlich als Rassisten! (2)

Was kann man schon von einem Besatzerstaat  erwarten, der es sich so gemütlich in der Apartheid eingerichtet hat, wo sich jüdische Jugendliche KZ Nummern ihrer Vorfahren tätowieren lassen, um an den Holocaust erinnert zu werden? Waren es nicht gerade israelische Jugendliche, die sich bei Besuchen in Auschwitz in geradezu obszöner Weise daneben benahmen? Waren es nicht gerade die Holocaust-Überlebenden, die der jüdische Staat besonders schlecht behandelte, weil er erst in letzter Zeit deren "Nutzen" erkannte und sie finanziell etwas besser stellte? Hat nicht gerade die schamlose Instrumentalisierung des Holocaust durch israelische Politiker dazu geführt, dass Israelkritik immer mehr verstummt, um bloß nicht in den Verdacht zu kommen ein Antisemit zu sein.
Diese Instrumentalisierung konnte man sehr gut in einem Schauspiel sehen, als Bibi und Sarah Netanjahu nach Frankreich kamen, um mit Präsident Hollande an einer Feier im Gymnasium "Ozar Hatorah" in Toulouse für drei getötete jüdische Kinder und einen jüdischen Religionslehrer teilzunehmen. In seiner Ansprache bezeichnete Hollande den Schutz der Juden in Frankreich als nationale Aufgabe. Gut und schön, aber was ist mit dem Schutz für die französischen Juden, die Friedensaktivisten sind und massiv von der französischen jüdischen Verteidigungsliga angegriffen werden? Ich berichtete in einem NRhZ Artikel vor kurzem über faschistische Juden in Frankreich, die jüdische Friedensaktivisten, wie Olivia Zemor und andere angreifen und bedrohen!  Wer schützt diese jüdischen Aktivisten eigentlich, vor solchen Angriffen? Es reichten schon dieser Vorfall in Toulouse und  die massive Werbung des jüdischen Staates für die "Heimkehr" auch der französischen Juden, um die französische Regierung in Alarmstimmung zu versetzen und alles für Israel zu tun. Da konnte Bibi gleich noch mit der iranischen Bombe Stimmung machen und vor einem neuen Holocaust warnen. Interessanterweise machte zu diesem Thema der israelische Kriegsminister Barak daheim einen Rückzieher und sah die iranische Bombe auf dem Rückzug. Es wird ein schöner Wahlkampf der Ablenkungen und des Lügens und Betrügen werden; wir dürfen gespannt sein!

Viel schlimmer ist es, dass trotz aller Aufdeckungen der massiven Menschenrechtsverletzungen durch das israelische Regime die EU weiter dessen größter Handelspartner ist, die Palästinenser ihrer Handelsrechte beraubt, weiter Siedlungsprodukte als "Made in Israel" verkaufen lässt und so den Verbrechen des jüdischen Staates und der Besatzung weiter Legitimität gibt. Israel erpresst die EU übrigens schon und droht damit, es könnten anderenfalls fünfundzwanzigtausend palästinensische Arbeitsplätze in jüdischen Siedlungen verloren gehen - eine besondere Chuzpe, dass man so auch noch illegale Siedlungen legitimieren will! Merke: gute vierhundert Tonnen Datteln kommen aus Palästina und fünfundzwanzigtausend Tonnen "schlechte" kommen falsch deklariert aus Israel. Wir, also die EU, importieren für zweihundertdreißig Millionen Euro Güter aus den sogenannten C-Gebieten und nur für fünfzehn Millionen Euro aus den Palästinensergebieten, das ist also fünfzehn Mal soviel. Dank dem Bericht "Handel gegen den Frieden", einem Zusammenschluss von zweiundzwanzig Hilfsorganisationen, wurde das aufgedeckt.

Auch die größten Bio-Importeure aus Israel sind die zweitausend Hardcore Zionisten-Siedler der Siedlung Itamar, die sich auf Thora und Bibel berufen, anstatt Gesetze anzuerkennen. Diese meist aus den USA, oder Kanada eingewanderten Bio-Siedler, auf geraubtem Land, rechtfertigen ihr „Dasein“ wie der gebürtige US-Amerikaner aus Brooklyn, Moshe Goldsmith, Bürgermeister von Itamar, mit den bezeichnenden Worten: “Gott entscheidet über Landesgrenzen, nicht Menschen!“ Sicher gehören diese Siedler auch zu den etwa fünfundachtzigtausend US-Israelis, die Mitt Romney wählten! 

Israel schämt sich nicht, offen "sikul memukad", also "gezielte Prävention" zuzugeben, also gezieltes Morden durch den Mossad seit Jahrzehnten. Man tötete die palästinensischen Widerstandsgrößen, weil sie "Terror" gegen Israel begangen hatten. Aber was heißt schon Terror, wer hatte denn mit dem Terror begonnen? Traurig genug, dass das palästinensische Volk heute keine Führer mehr hat, die ihre legitimen Rechte vertreten und die nicht schon - arrangiert mit den Besatzern - auf alles verzichten. Da fragt man sich auch, wie konnte es geschehen, dass israelische Soldaten, allein im November zweihundertzweiundneunzig Palästinenser an verschiedenen Plätzen im Westjordanland kidnappen konnten, darunter waren neunundzwanzig Kinder und neun Bürger des Gazastreifens! Wäre es sonst möglich, dass im Westjordanland neue Propagandakräfte der israelischen Rechten, namens Tazpit auftauchen, um falsche Propagandafilme zu verbreiten? Reicht dem jüdischen Staat die Propagandahoheit in der westlichen Welt noch nicht?

Warum spielt die UNO das traurige Spiel mit, wenn Richard Falk in seinem Bericht für die UNO Verletzungen des Völkerrechts aufdeckt und einen Boykott für US-Firmen fordert, die mit israelischen kooperieren? Warum wird so ein Bericht sofort auf Druck der israelischen und der US-Regierung geheim gehalten und erneut die Entlassung von Richard Falk gefordert. Übrigens ist Falk selbst Jude!
Auch der US-Wahlkampf war in dieser Hinsicht spannend, ging es da doch auch um die Frage, wer Präsident von Israels Gnaden wird. Beide Kandidaten sind Israel tief verbunden und unterscheiden sich in jüdisch/israelischen Fragen nur um Nuancen, dafür hatte AIPAC, The American Israel Public Affairs Committee, schon gesorgt. (PK) 
 
(1) In der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden mit den zionistischen Bestrebungen, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten. Dabei sollten die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben. Zum damaligen Zeitpunkt befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Am 31. Oktober 1917 war die Eroberung von Beerscheba unter dem britischen General Edmund Allenby erfolgt und somit hatte die Eroberung Palästinas durch britische Truppen eingesetzt, welche bis Dezember 1917 faktisch beendet wurde. Die britische Balfour-Deklaration war an die Führer der zionistischen Weltorganisation gerichtet. Sie wird als eine entscheidende Garantieerklärung an den Zionismus angesehen, um in Palästina eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ errichten zu dürfen.

(2) http://www.gilad.co.uk/writings/africans-raus.html

Dazu noch ein Link der der Autorin im Zusammenhang mit Toulouse wichtig ist:
http://english.al-akhbar.com/content/frances-hollande-says-netanyahu-turned-toulouse-memorial-election-rally
 
Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Ihre Kommentare schreibt sie vom "Hochblauen", ihrem 1186 m hohen "Hausberg" im Badischen.


Online-Flyer Nr. 379  vom 07.11.2012

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