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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Sport
Melanie Hoffmann war nicht zu bremsen, Frankfurt kam in Essen unter die Räder
"...Sorry Sven...!!!"
Von Bernd J.R. Henke und Johann Blaha

"… Sorry Sven…!!!" So lautete die spontane iPad Nachricht der „Grande Dame“ des deutschen Frauenfußballs Melanie Hoffmann im Social Network als sie von der Beurlaubung des Frankfurter Cheftrainers Sven Kahlert erfuhr. Die Spielführerin der SGS Essen hatte letzten Sonntag mit ihren Doppelpack-Toren (27./61.) den Rekordmeister 1.FFC Frankfurt auf dem „spätsommerlichen Glatteis“ in der Frauenbundesliga 3:1 (1:0) einbrechen lassen.

Fototermin für Saisonbeginn 2012/2013: Sven Kahlert am 13. August 2012, knapp 1 Monat vor seiner Beurlaubung
Foto: A2 Hartenfelser
 
Die 37-jährige Melanie Hoffmann, die zwischen 1995 und 2000 auf internationalem Parkett sechsunddreißig Länderspiele für Deutschland absolviert hat, ist ein Paradebeispiel dafür, was Erfahrung für die Anleitung einer jungen talentierten Mannschaft ausmacht. Solch einen souveränen „Häuptling“ gibt es außer einer Celia Okoyino da Mbabi in Bad Neuenahr kein zweites Mal in der Bundesliga. Frauenfußball ist eine Ballsportart, die als Mannschaftssportart davon lebt, unterschiedliche Charaktere zu einem Team zu formen. Und dazu benötigt jeder Trainer mindestens eine Führungsspielerin als Leader, die auf dem Rasen den Ton angibt.
 
Seit über einem Jahrzehnt profitierte der 1.FFC Frankfurt von der Aura und Weltklasse einer Birgit Prinz. Selbst ihre kongeniale Partnerin Sandra Smisek konnte in den letzten Monaten diese Lücke nicht füllen. Seit dem Prinz-Rücktritt ist der Verein immer noch auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Führungsspielerin. Mangels nachhaltiger Lösung wurde der Verlust kompensiert durch Anwerben bekannter Einzelkönnerinnen. Zum Wachsen gehört nun aber das Erwachsenwerden, das Hineinwachsen in Verantwortung.

Melanie Hoffmann im Siegesrausch – dahinter ziemlich konsterniert Kim Kulig, Bianca Schmidt und Simone Laudehr
Foto: Jan Kuppert
 
Das Frankfurter Management erwies sich damit in der jüngsten Vergangenheit selbst einen schlechten Dienst, indem es glaubte, mit Maximalforderungen und einem „Sammellager“ von DFB-Nationalspielerinnen seine hehren, göttergleichen Ziele erreichen zu müssen. Wer die Latte zu hoch hängt, wird entweder reißen oder sich verkrampfen. Das Letztere fand wohl in den beiden Saisonauftaktspielen gegen Jena und Essen statt. Diese Anfangsmisere dem nun geschassten sportlichen Leiter Sven Kahlert anzulasten, zeigt eigentlich nur den mangelnden Fußballsachverstand der Frankfurter Führung um Präsident Bodo Adler, Manager Siegfried Dietrich und die im Hintergrund stehenden Investoren.
 
Salopp gesagt: in den Krieg zu ziehen mit lauter Häuptlingen und wenigen Indianern, hat noch kein Indianerstamm überlebt. Kahlert ist ein Bauernopfer, und die Interimslösung mit dem bisherigen Athletik-Trainer Philipp Dahm als Trainer und Kai Rennich wie bisher als Co-Trainer eine halbherzige Ersatzlösung. „Die Beurlaubung von Sven Kahlert ähnelt im Stile der Beurlaubung von seinem Vorgänger Günter Wegmann. Nur dass diesmal nicht der Co-Trainer ans Ruder kommt, sondern der Athletik-Trainer. Aus Fehlern wurde nichts gelernt“, meint ein langjähriger FFC Stadion Besucher.

Ruhrpott Ladies einmal anders – frech und erfolgreich – Frankfurt war der erste Streich, und der zweite folgt sicher bald
Foto: SGS
 
Um einen fußballerischen Paradigmenwechsel in der Traineransprache zur Mannschaft oder eine Erneuerung zu mehr Wettkampfstärke zu ermöglichen, sollten konsequenterweise nicht nur Kahlert, sondern das gesamte Trainerteam verabschiedet werden. Denn Dahm und Rennich werden ihr Trainingssystem so schnell nicht verändern. Aus lauter Häuptlingen wieder Indianer werden zu lassen ist die jetzt zu lösende Aufgabe. Wie gelingt es, aus dem überfüllten „Sammellager“ einen souveränen Häuptling herauszufiltern, auszuwählen oder heranzuziehen? Persönlichkeiten hat die Mannschaft genug. Bekannterweise ist das Gehirn der größte Muskel der Fußballerin.
 
Schaut man hinüber in den Westen zu der SGS Essen, die seit Saisonanfang nun ein neues Zuhause gefunden hat – das „Neue Stadion Essen“ an der Hafenstraße, fällt nach Analyse der letzten Saison auf, dass dort neben Melanie Hoffmann zeitweise eine weitere Persönlichkeit das Essener Team auf den fünften Platz der Ersten Bundesliga nach vorne gebracht hat – nämlich Torfrau Ursula Holl. Sie verstand es, die jüngeren Spielerinnen in der Essener Abwehr mit großem, manchmal emotional lautstarken Einsatz zu führen und zu dirigieren. Ex-Nationalspielerin Holl war eingesprungen, als sich die etatmäßige Torhüterin, Nationalspielerin Lisa Weiß, bei den internationalen Militärmeisterschaften in Brasilien verletzte und lange Zeit ausfiel. Mittlerweile hat Holl ihre Karriere an den berühmten Nagel gehängt.

Eine neue energische Lisa Weiß ordnet ihre Abwehr – nach der Verletzungsmisere in einer bestechenden Form - für den EM-Nationalmannschaftskader sollte sie nicht übergangen werden
Foto: SGS
 
Eine genesene Lisa Weiß stand beim ersten Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt wieder im Tor. Hauptsächlich ihrem Können, ihrer grandiosen Sprungfähigkeit, war es zu verdanken, dass die Frankfurterinnen nicht zu klaren Torerfolgen kamen. Lisa Weiß und Ursula Holl - das passte. Die eher ruhige Lisa Weiß wirkte wesentlich aggressiver als je zuvor. Wir fanden Ursula Holl im VIP Bereich. Sie fühle sich materiell gesehen ganz gut ohne Fußball. Holl: „Aber die ganzen Menschen und das, was dazu gehört, fehlen mir."
 
Darum möchte die Bankfachwirtin, die seit Anfang des Jahres in der „Ruhrpott Hauptstadt“ Essen arbeitet, gerne Torwarttrainerin werden und ihr Wissen weitergeben. Holl schwebt vor, als Nebentätigkeit in der Jugendabteilung eines Bundesligisten anzuheuern, ohne aber ihren Beruf zu vernachlässigen.
 
Unter den Zuschauern befand sich auch die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die mit besonderem Herzblut den ersten Sieg der SGS Essen gegen den 1. FFC Frankfurt verfolgte. Gemeinsam mit Melanie Hoffmann spielte Martina Voss-Tecklenburg 14 Jahre lang unter ihrem Mädchennamen Voss beim FCR Duisburg (1994 – 2003), gemeinsam wurden die beiden „Niederrhein Ladys“ mit der deutschen Nationalelf 1995 Vizeweltmeisterin und 1997 Europameisterin.
 
Voss-Tecklenburg spielt mit der Schweizerischen Nationalmannschaft ebenso wie Deutschland noch zwei EM-Qualifikationsspiele gegen die Türkei und Kasachstan.„Wichtige Testspiele“, meinte sie, denn nach verpasster EM-Qualifikation gegen Spanien läge der Focus bereits bei der WM-Qualifikation 2015 in Kanada.

Steckt sich hohe Ziele und nimmt sich dafür Zeit: Schweizerische Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg
Foto: Peter Ganser
 
Schneller Ballgewinn und sofortiges Umschalten sowie Druckaufbau verursachte einen guten Start des 1.FFC Frankfurt in Essen. In der 6. Minute parierte SGS-Torhüterin Weiß einen gefährlichen Schuss von Ex-Nationalspielerin Garefrekes. Frankfurt war das klar dominierende Team, aber Essen versteckte sich nicht, ergo mehr Ballbesitz für Frankfurt und dafür Nadelstiche durch Essen. In der 12. Minute gelang es der US-Amerikanerin Katarina Ann Tarr einen aus der Tiefe kommenden Weitschuss im Frankfurter Strafraum auf das Tor zu köpfen, und sie verfehlte nur knapp.
 
Fatmire Bajramaj gelang daraufhin nach einem Tempolauf im Essener Strafraum ein Abspiel auf die frei stehende Französin Sandrine Bretigny, die auf Höhe des Elfmeterpunktes das Leder erwischte, direkt auf das Tor abzog, aber die aufmerksame Torfrau Lisa Weiß war auf der Hut und hielt bravourös.
 
Dann passierte ein unnötiges Foul von Kim Kulig an Essens Charline Hartmann weit vor dem 16er Raum. Den Freistoss verwandelte Melanie Hartmann (27.) ohne jegliche Rettungschance von Nadine Angerer zum 1:0 Führungstor. Zu diesem Zeitpunkt war dieses Tor sicherlich eine schmeichelhafte Führung, denn Frankfurt hatte bis dato eindeutig die höheren Spielanteile. Ein unglücklicher Pfostenschuss von Sandrine Bretigny Sekunden vor der Halbzeit (44.), ließ Frankfurts Trainer Sven Kahlert sichtlich unzufrieden in die Pause gehen.

Ex-Potsdam-Nationalspielerin Bianca Schmidt im neuen Commerzbank-Trikot, daneben li.: Irini Ioannidou und re.: Sabrina Dorpinghaus
Foto: Jan Kuppert
 
Trainer Kahlert schien in der Halbzeit Tacheles geredet zu haben mit seiner ihm anvertrauten Mannschaft der bekannten Namen. Frankfurt startete ungemein druckvoll mit Fatmire Bajramaj, die sich resolut durch die Essener Abwehr gekämpft hatte. Sie schoss den Ball (51.) aber zum Leidwesen der Frankfurter Trainerbank an die Essener Querlatte. Als dann Essens Verteidigern Katharina Ann Tarr im eigenen Strafraum den aufspringenden Ball mit ausgestrecktem Arm erwischte, entschied die Unparteiische wie nicht anders zu erwarten regelgerecht auf Elfmeter. Melanie Behringer vollstreckte daraufhin den Elfmeter (57.) zum verdienten 1:1 Unentschieden. Lisa Weiß reagierte zwar in die richtige Ecke, aber verfehlte knapp das runde Leder.
 
Essen hielt immer noch konditionell eindrucksvoll dagegen. Melanie Hoffmann, immer im Zentrum des Geschehens, als konditionelles Vorbild ein wahres Wunder. Die entscheidende Szene folgte wenige Minuten später. Bei einer missglückten Abwehr verzog Melanie Behringer zum Grausen ihres Trainers den Ball in die falsche Richtung - in die Mitte des 20er Raumes. Die kurz vorher eingewechselte Caroline Hamann witterte ihre Chance und schoss durch eine dichte Frankfurter Abwehrkette kurz entschlossen in Richtung Tor. Unerreichbar für Angerer knallte der Ball an den linken Pfosten. Den Abpraller erwischte wiederum die überglückliche Melanie Hoffmann (61.), die zur 2:1 Führung einnetzte. Lange Gesichter bei den Diven vom Main. So was hatte keiner erwartet.

Trainer Sven Kahlert auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Endspielteilnahme mit dem 1.FFC Frankfurt in der UEFA Women's Champions League im Olympiastadion München gegen Titelverteidiger Olympique Lyonais. Ergebnis: Lyon vs. Frankfurt 2:0 (2:0)
Foto: A2 Hartenfelser
 
Frankfurts Trainer Sven Kahlert reagierte sofort. Nach Auswechselung von Melanie Behringer und der schwedischen Olympiateilnehmerin Sarah Thunebro entschied er sich für die Einwechselung zweier Offensivspielerinnen, Svenja Huth und Jessica Wich, also für einen Systemwechsel in Richtung Risiko. Die Viererabwehrkette ersetzte er durch eine offenere Dreierabwehrkette mit Schmidt, Peter und Weber. Zum Unglück des Trainers entwickelte sich hieraus die Spielszene, nach dem unnötigen Foul von Kulig und dem Fehlschuss von Behringer der dritte Kardinalfehler, den die SGS Essen eiskalt ausnutzten konnte.
 
Die Ex-Potsdamerin Babett Peter, bis dahin fehlerfrei, verstolperte in eigener Hälfte einen Ball, den die aufmerksame routinierte Charline Hartmann kurz entschlossen erwischte und zielstrebig nach vorne zog. Den platzierten Schuss aus vollem Lauf versenkte sie zum viel umjubelten 3:1. Die Entscheidung war gefallen. Die Fans aus dem Ruhrpott fielen sich in die Arme. Der sonst nach jedem Spiel mit dem Manager kommunizierende Sven Kahlert stand diesmal alleine auf dem Spielfeld. Dietrich und Adler signalisierten nonverbal die kommende Unbill, indem sie den Trainer nicht beachteten. Das Band der Verständigung zwischen Trainer und FFC Führung war zerrissen.
 
Was folgte, war der Trainerabschuss durch den auflagenstärksten Medienpartner des FFC - ganz so professionell wie im Haifischbecken der kommerziellen Männerbundesliga. "…Sorry, Sven…!!!" – „Mel“ Hoffmanns Seufzer kam von Herzen.
 
Nur nach der Verpflichtung des Ex-HSV Trainers Achim Feifel beim Champions League- Teilnehmer und vierfachen russischen Meister FC Rossijanka, sollte sich auch die „Grande Dame“ Melanie Hoffmann keine Sorgen mehr machen um die berufliche Zukunft von Sven Kahlert. Deutsche Trainerinnen und Trainer sind begehrter denn je. Ahim Feifel geht nach Russland, Martina Voss-Tecklenburg wurde Schweizer Nationaltrainerin. Einer internationalen Karriere des sympathischen Trainers Sven Kahlert steht nichts mehr im Wege. Denn nicht er versagte. (PK)
 
Fotobearbeitung: Dietmar Tietzmann, Frankfurt


Online-Flyer Nr. 732  vom 19.09.2012

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