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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Am 2. September 2012 starb 92jährig Eva tom Moehlen
Dazugehörig
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

„Ich bin dabei, es geht mich an“, lautet die Erkenntnis der in der NS-Zeit mit wechselvollen Erlebnissen und persönlichen Konflikten aufgewachsenen Eva tom Moehlen, Tochter einer starken, nach einjähriger Ehe allein erziehenden Mutter. Eva tom Moehlen hat in Köln und weit darüber hinaus ihre Spuren hinterlassen. Ihr Mut zur Positionierung ist vorbildlich. ist er doch aus ihrem Schock des NS-Mitläufertums entstanden: „Wer war schuld?“. Niemand war schuld. „Diese unverständliche Menschenart (der Täter, Mitläufer und Schweigenden) ist verschwunden“. Ihrem letzten Wunsch „Lasst mir einen Platz zwischen Euch, so wie ich ihn im Leben hatte. So lebe ich in Euch weiter.“, wohnt ein Versöhnungsgedanke inne: „... für Kooperation und Liebe weltweit.“


Köln, 28.11.2008, aus Projekt '68er Köpfe'
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com


Köln, 18.4.2009, aus Projekt '68er Köpfe'


Köln, 28.11.2008, aus Projekt '68er Köpfe'


Köln, 18.4.2009, aus Projekt '68er Köpfe'


Köln, 18.4.2009, aus Projekt '68er Köpfe'

Im Rahmen des Projekts der Arbeiterfotografie Köln stellten wir – wie den anderen Portraitierten auch – neun Fragen. Eva tom Moehlen gab ihre Antworten wie folgt:

Was war damals (um 1968) persönlicher Auslöser, Dein Umfeld und Deine Hauptaktivität?

In Kindheit und Jugend ist mein Umfeld die nationalsozialistische Diktatur einerseits, anderseits die Familie gewesen (siehe „Lebenslauf“). Seit 1960 in Köln, arbeitete ich in der Volkshochschule (VHS), Dienststelle der Stadtverwaltung, als Abteilungsleiterin. Nach dem Erwachsenen-Bildungsgesetz NRW war ich für „Kreativität fördernde Bildung“ angestellt worden.

Was ist für Dich ein für die 68er-Zeit besonders typisches persönliches Erlebnis?

Auf dem Neumarkt fand ein Sitzstreik gegen Preiserhöhung der „Kölner Verkehrsbetriebe“ statt, die Straßenbahnen waren von jugendlichen Betroffenen blockiert. Von Fenstern beobachten wir das Chaos, der Direktor war dagegen, ich war dafür, dass sich Betroffene in der Öffentlichkeit zur Wehr setzen. Eines Tages werden unterschiedliche Sichtweisen zur Kündigung führen.

Was war damals das Wichtigste, was es deiner Meinung nach zu erreichen galt?

Meinen Auftrag “kreative Bildung“ Erwachsener ernst nehmen, das heißt z. B. mit Teilnehmern der Kurse für Grafik, Film, Fotografie u. a., Ausdrucksmittel und Techniken erarbeiten, mit denen eigenes Interesse vermittelbar wird. Das war aber eine umstrittene Auffassung: „Grafik der Arbeitswelt“ wurde als gewohnter Titel des Kurses im Arbeitsplan gestrichen. (war „Arbeitwelt“ zu links?). Die Ausstellung vom Fotokurs „Stadtautobahn und Bürger“ ist am Tag der Eröffnung 1976 zensiert und abgehängt worden (zu politisch?). „Kindererlaubnis-Schilder“, als Modell von der Zeitschrift „VHS im Westen“ veröffentlicht, sind teilweise vernichtet worden (zu anstößig?).

Was hat die 68er-Bewegung tatsächlich erreicht?

Mit der Frauenbewegung stärkte sich das Selbstbewusstsein von Frauen.
Ehebruch war nicht mehr mit Gefängnis strafbar.
Gefängnisstrafe bei einfacher Homosexualität wurde mit der Strafrechtsreform 1969 abgeschafft. Das war durch „Das Plädoyer für die Abschaffung des § 175“ vorbereitet (1966 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht). Outen ist üblich geworden.

Welches sind wesentliche Ziele, bei denen Du ein Scheitern der 68er-Bewegung siehst? Und wie kam es dazu?

Zum Ziel freiheitlicher Demokratie gab es keinen direkten Weg aus der unaufgeräumten Diktatur. Die Entnazifizierung war von den Besetzern ausgegangen, kam nicht von der Basis, die sich auch nicht gegen die Herrschaft des Kapitals entschied, das war nicht vorbereitet.
 
Womit ist damals versucht worden, die 68er-Bewegung zu Fall zu bringen?

Berufsverbote, Verstärkung der Hierarchie in Verwaltung und Finanzwelt, Einsatz von Polizei gegen Demonstrationen und Hausbesetzungen.

Womit wird heute im Nachhinein versucht, die Auswirkungen der 68er-Bewegung kaputt zu machen?

Mit hierarchischen Strukturen, Überwachung und Einschränkung von Menschenrechten. Polizeieinsätzen gegen Hausbesetzungen.

Wo und wie siehst Du heute die Notwendigkeit einer ähnlichen Bewegung wie 1968? Was möchtest Du der heute jungen Generation vermitteln?

Beteiligung, Beharrlichkeit und Weitblick. Die „Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung“ hat Jahrzehntelang physischen und juristischen Einsatz benötigt, bis sie 2007 als politische Aktion legalisiert worden ist.

Was gibt es sonst noch, was Dir wichtig ist, zum Ausdruck zu bringen?

Angenommen es hat 3.ooo.ooo.ooo Jahre gedauert, bis sich erstes Leben entwickelte und, weitere Millionen Jahre bis fast 7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Bis zur Implosion unserer Sonne sind weitere Zeiträume zu erwarten und weit reichender zu planen als bisherige Wahlperioden und zielgerichteter, damit in hunderttausend Jahren Hierarchie beseitigt ist für Kooperation und Liebe weltweit.



Eva 2008 bei der Ausstellungseröffnung der 68er Köpfe in der Kunsthalle der Alten Feuerwache, Köln. Bei der ersten Runde der Portraitierten ist sie noch nicht dabei. Aber sie ist doch „dazugehörig“.


Eva in ihrer Wohnung bei der Arbeit an ihren Erinnerungen, 14.10.2010


Eva in ihrer Wohnung bei der Arbeit an ihren Erinnerungen, 14.10.2010


Eva in ihrer Wohnung bei der Arbeit an ihren Erinnerungen, 14.10.2010


Eva in ihrer Wohnung, 14.10.2010


Eva tom Moehlen im November 2010 bei der Vorstellung des ersten Teils ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ im Rahmen der Ausstellung „Arme Stadt – Reiche Stadt“ und im Rahmen der peeep akademie.


Eva tom Moehlen im November 2010 bei der Vorstellung des ersten Teils ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“


Eva tom Moehlen im November 2010 bei der Vorstellung des ersten Teils ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“


Eva tom Moehlen im November 2010 bei der Vorstellung des ersten Teils ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ in der Arbeiterfotografie-Ausstellung „Arme Stadt – Reiche Stadt“


Eva bei dem Mahngedenken am Hiroshima-Nagasaki-Tag, am 6. August 2011. In ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ fragt sie bezüglich der NS-Vergangenheit auf den ersten Seiten: „Wer war schuld?“. Niemand war schuld. „Diese unverständliche Menschenart (der Mitläufer) ist verschwunden“.


Eva bei dem Mahngedenken am Hiroshima-Nagasaki-Tag, am 6. August 2011


Eva bei dem Mahngedenken am Hiroshima-Nagasaki-Tag, am 6. August 2011

Veronika Thomas-Ohst, langjährige stellvertretende Vorsitzende des Aachener Friedenspreises erinnert anlässlich des Todes von Eva tom Moehlen daran, dass mit ihr eine Preisträgerin gestorben ist, die am 1.September 1998 in der Aula Carolina zusammen mit Konrad Höcker und Walter Herrmann den Aachener Friedenspreis entgegen nahm: „Eva war Malerin, Friedensaktivistin, Pädagogin und eine überzeugte Menschenrechtlerin. Als angesehene jüdische Bürgerin Kölns stand sie mit Konrad, Walter, Gisela, Emmy, Ursula, Klaus dem Geiger und allen anderen Kölner Friedensaktivisten bis zum Ende ihrer physischen Kräfte auf der Domplatte; nicht nur um sowohl für die Obdachlosen und gesellschaftlichen Außenseiter Ansprechpartnerin und Helferin zu sein, sondern auch immer wieder um das Thema Kunst im öffentlichen Raum öffentlich zu artikulieren. Mit Hilfe des Aachener Friedenspreis e. V. gelang es der gesamten Initiative durch Einsatz bis hin zu Presserat und Gericht den Erhalt der Klagemauer vor dem Kölner Dom und in der Innenstadt zu gewährleisten.“ Thomas-Ohst, Begründerin des christlich-jüdisch-muslimischen Trialog in Aachen, pflegte den Kontakt „zu den übrigen Mitgliedern der Initiative, der auch Kazuo Soda angehörte und Konrad und Helga Höcker, die in der Folge keine Preisverleihung in Aachen versäumten. Konrad Höcker starb im vergangenen Jahr!“

Alle „Antisemitismus“-Schreihälse mögen sich tief vor der großen alten Dame Eva verneigen, denn sie hat den einzigen Weg zum Frieden vorgelebt: Gespräch, Auseinandersetzung, Toleranz, Akzeptanz und Würde jenseits von Geltungssucht und Doppelstandards. Und abseits vom Gift der Worte – eine Erkenntnis des jüdischen Philologen Victor Klemperer in seiner Untersuchung zur Sprache des Dritten Reiches (LTI Lingua Tertii Imerpii), in der er das Phänomen des „Dazugehörens“ aus der Sicht des Nicht-Dazugehörigen beschreibt: „Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da.“

Aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln hatte Eva tom Moehlen sich gewünscht, dass Walter Herrmann mit der Klagemauer für den Frieden in der Kritik zur israelischen Kriegspolitik milder sein möge, auch dass er das Thema zu Gunsten der Obdachlosigkeit lieber fallen lasse. Aber niemals hat sie Walter Herrmann die Tür verschlossen, ihn nicht angehört oder den Kontakt abgebrochen – wie es in „Friedens“-Kreisen heutzutage üblich ist. Den (jungen) Menschen empfiehlt sie: „Beteiligung, Beharrlichkeit und Weitblick. Die „Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung“ hat Jahrzehntelang physischen und juristischen Einsatz benötigt, bis sie 2007 als politische Aktion legalisiert worden ist.“

Ihre Abschiedsworte sind bescheiden wie gehaltvoll: „Wenn Ihr an mich denkt, seid nicht traurig. Erzählt lieber von mir und traut Euch, zu lachen und zu singen. Lasst mir einen Platz zwischen Euch, so wie ich ihn im Leben hatte. So lebe ich in Euch weiter.“


Lebenslauf
(verfasst am 31.12.2008 für das Projekt 68er-Köpfe)“

Geboren 1921 in Koblenz, in eine Ehe, die nach einem Jahr geschieden worden ist. Doch hielten mütterliche wie väterliche Familie zu meinen Gunsten freundschaftliche Beziehungen aufrecht. Die allein erziehende Mutter, Pressezeichnerin und Karikaturistin, lebte mit mir erst in Köln, nach 1930 in Berlin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren judenfeindliche Karikaturen verlangt. Die Mutter wechselte den Beruf. An der Lessing-Hochschule lernte sie Psychologie und Graphologie, vom Verband wissenschaftlich geprüfter Graphologen geprüft war sie Mitglied des Berufsverbandes Deutscher Psychologen e.V. und gründete mit Kollegen Willecke in der Tauentzienstrasse die „Graphologische Sprechstunde“.

Drei Schlüsselerlebnisse im Lebenslauf übertönen die Chronologie:

1. Mutter und ihr Bruder Herrmann sitzen mit mir (elf oder zwölf Jahre) am runden Esstisch. Onkel Herrmann schlägt vor, mich „im Sinn der neuen Zeit“ zu erziehen. Sie streiten. Nie zuvor hatte es eine ernsthafte Auseinandersetzung gegeben. Ich wurde rausgeschickt. Es kracht und klirrt, man schreit. Ich begreife: außerhalb der Familie gibt es Wichtiges, um das gekämpft wird. Von da an merke ich, was in Schule und Gesellschaft geschieht, war aufgeweckt worden.

2. Die Feinde hatten gesiegt und die Diktatur verschwindet aus den Erinnerungen der Parteimitglieder und Anderer. Ich brauchte Jahre und den Dokumentarfilm von Alain Resnais „Bei Nacht und Nebel“, um zu erfassen, was wirklich in meiner Lebenszeit geschehen war.

3. Um 1968 merke ich, man kann was tun, ändern, auch auf mich kommt es an, beteilige mich am Ostermarsch, an Friedensdemos in Bonn, Antiatomdemos. Die Sozialistische Selbsthilfe (SSK) informierte in Ana & Bela über die Anstalt Brauweiler und in „Ausschuss“ und „Aufbruch“, das „Kölner Volksblatt“ über Alternativen, danach „von unge“ und „Kumm erus“, ich bin dabei, es geht mich an, auch Klaus der Geiger, der in der Schildergasse singt und Walter Herrmann, der dort gegen Wohnungsnot demonstriert, bei nächtlicher Besetzung der U-Bahn am Apellhofplatz, (Obdachlose waren bei Frost aus der U-Bahn vertrieben worden), auch als Polizei die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung am Dom bei Nacht und Nebel räumte und zu Müll machte und wenn am Martinstag ein Quartett im Hauptbahnhof Mozarts “kleine Nachtmusik“ mit Geiger Klaus und unserm Anwalt spielte, alles still war, bis auf das himmlische Rauschen aus der Höhe beim Umschalten der Anzeigentafel: “WIR GRÜSSEN DEN MARTINSZUG DER OBDACHLOSEN.“ Zusammenarbeiten mit Hausbesetzern, Obdachlosen, „Porzer Selbsthilfe gegen Wohnungsnot“ brachte Nähe und Freundschaften, auch in den Prozessen, nachdem Walters Nase und Rippen von der „öffentlichen Gewalt“ krankenhausreif geschlagen waren, aber auch beim „Alternativen Aachener Friedenspreis“ 1998 für die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung gehöre ich dazu. Nachdem Oberstadtdirektor Rossa 1980 mit einem hektographierten Schreiben mir das Betreten des Stollwerckgeländes verboten hatte, kündigte ich 1981 in der Kölner Stadtverwaltung.

Gegen Heuschrecken, die kölsches und Wassser des Ganges und die GAG kaufen wollten, war ich noch dabei. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Versammlungsrecht für die „Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung“ im August 2007 positiv entschieden. Inzwischen bin ich 87Jahre alt und will noch meine Autobiografie „Befreit“ (später umbenannt in „Dazugehörig“) abschließen.


Das Buch:



Eva tom Moehlen
„Dazugehörig"
1921 bis 2010. Teil 1
paperback. 158 Seiten, 12 Euro
peeep verlag 2010, verlag@peeeeep.com
Merheimer Straße 107, 50733 Köln

Hinweise:

Online-Flyer Nr. 364  vom 25.07.2012
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18047
92jährige Eva tom Moehlen setzt sich zur Wehr
Vorsicht vor dem Nothilfewagen

Mitautorin von
„Die Kölner Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung“
Horlemann Verlag 1997
Redaktion: Barbara Charon, Konrad Höcker, Klaus Schmidt

Online-Flyer Nr. 371  vom 12.09.2012

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