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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
92jährige Eva tom Moehlen setzt sich zur Wehr
Vorsicht vor dem Nothilfewagen
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Wir kennen Eva tom Moehlen schon sehr lange. Viele Jahrzehnte. Sie ist eine herausragende Persönlichkeit ihrer Stadt, eine gesellschaftlich engagierte Aktivistin auf vielen Feldern. Sie ist Künstlerin und ein Kind der NS-Zeit. Aus gutem Hause. Sie hat eine Ausbildung als Malerin an der Berliner Hochschule für bildende Künste bei Ludwig Bartning genossen. Sie wurde fotografisch portraitiert von Lyonel Feiniger’s Tochter, später von Ursula Burghardt, der Künstlerin und Frau an der Seite von Mauricio Kagel und zuletzt – im Rahmen des Projekts „68er Köpfe“ von der Arbeiterfotografie, deren Mitglied sie zeitweilig war. Vor wenigen Tagen erreichte uns ein „Notruf“ von Eva tom Moehlen mit der Bitte um Veröffentlichung.


Eva tom Moehlen im Portrait der „68er Köpfe“ im November 2008
Alle Fotos: arbeiterfotografie, hier: Senne Glanschneider


VORSICHT. DER NOTHILFEWAGEN HÄLT AN MEINER SEITE

„Bin 92 Jahre alt, bin langsam und benutze einen Gehstock. Ich gehe von Bank zu Bank, benutze die Bänke, um eine Pause zu machen. Am 04. Juli 2012 habe ich so einen Spaziergang gemacht.

Ich liege auf einer Bank neben den schön gefärbten Genossenschaftshäusern des Kleinen Griechenmarktes nahe beim Kreisverkehr. Es ist Mittwoch (04. Juli 2012), ein schwül heißer Sonnentag. Die kleinen Bänke der Genossenschaft waren seit Jahren im Gebrauch, Ruhepunkte der einkaufenden Bürger. Dann wurden die meisten Bänke zu Gunsten von parkenden Autos abgeschafft. Aber für mich als 92jährige fehlten die Bänke bei der Hitze. Ich setzte mich auf eine der wenigen verbliebenen drauf und legte die Beinen hoch, wegen meines Kreislaufes und ruhte kurz aus. Eine Bürgerin ist unruhig und schlägt vor, den Notarzt zu rufen. Ich danke für ihr Interesse, aber das sei nicht nötig. Ich brauche keinen Arzt. Die Damen sind nicht einig, das sei keine ORDNUNG. Zwischen dem Mann mit dem Krankenwagen und seinem jüngeren Begleiter entsteht eine Diskussion darüber, ob der Notarzt gerufen werden soll oder nicht, in die ich einwende, das ist nicht nötig, denn ich brauche keinen Arzt. Zwischen den Männern entsteht eine lebhafte Diskussion über ORDNUNG und Notwendigkeit. Ich mache klar, dass ich weder krank noch verwirrt bin. Aber es hilft nichts, beide liften mich in ihren Notwagen auf den linken Sessel. Meine Erklärung, dass ich nicht krank sei und nicht ins Krankenhaus will, hilft nichts. Wir fahren los ins Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln, ich werde entladen. Drei Tage bin ich festgehalten worden. Das will ich mit Hilferufen und Schreien verhindern und lehne mit Entschiedenheit ab, dass ich hier auf Station Elisabeth eingeordnet werde. Ich sei nicht in der Not. Die Mitarbeiter vertreten die Meinung, ich müsste hier behandelt werden. Die Nagelprobe auf die freie Arztwahl ist vergeblich. Dreifach ärztliche Untersuchungen stehen heute Nachmittag an, seit längere Zeit vorbereitet. Ich darf das Haus nicht verlassen.

Es erscheint wesentlich, Notrufe zu kontrollieren, den Notfall zu begründen, um Missbrauch von Notärzten zu vermeiden. Der Ruf nach dem Notarzt sollte durch Beweise der Dringlichkeit begründet werden, ehe man Bürger einsperrt, weil es der ORDNUNG von Vorstellungen entspricht.“

„Mit freundlichen Grüßen“, bittet Eva tom Moehlen explizit um die Veröffentlichlung in der Neuen Rheinischen Zeitung. Vielleicht, weil sie nicht allen Medien traut. Viel zu oft hat sie erlebt, wie in Bezug auf die ihr am Herzen liegenden Belange der Kölner Klagemauer - ehemals gegen Wohnungsnot, später für Frieden und Völkerverständigung - die Tatsachen in den Kölner Gazetten auf den Kopf gestellt wiedergegeben wurden. Die Neue Rheinische Zeitung wurde insbesondere auf Initiative von Rainer Kippe von der Sozialisitischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) und dem Ex-Kölner-Stadt-Anzeiger-Journalisten und Filmemacher Peter Kleinert gegründet als Sprachrohr derjenigen, die in den Herrschaftsmedien nicht zu Wort kommen oder denen dort das Wort im Munde verdreht wird. Voilá.


Eva 2008 bei der Ausstellungseröffnung der 68er Köpfe in der Kunsthalle der Alten Feuerwache, Köln. Bei der ersten Runde der Portraitierten ist sie noch nicht dabei. Aber sie ist doch „dazugehörig“.


Eva tom Moehlen im Portrait der „68er Köpfe“ im April 2009 – neben dem von ihr gemalten Portrait der Großmutter


In ihrem Leben war Eva tom Moehlen vielen „Wandlungen“ ausgesetzt. Die Großeltern der Mutter und ihre Urgroßeltern entstammen der Bankiersfamilie Seligmann, die Eva per „Rolle rückwärts“ kennen lernt durch Erzählungen der Mutter... Ihr wandlungsvolles Leben, das davon geprägt war „dazugehören“ zu wollen aber doch anders zu sein, hat sie bis ins hohe Alter nicht verlassen. Anlässlich der Portraitserie der Arbeiterfotografie, die sich Personen und Persönlichkeiten aus dem Spektrum des 1968er Widerstands widmet, erinnert sich Eva tom Moehlen:

„Um 1968 merke ich, man kann was tun, ändern, auch auf mich kommt es an, beteilige mich am Ostermarsch, an Friedensdemos in Bonn, Antiatomdemos. Die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK) informierte in Ana & Bela über die Anstalt Brauweiler und in Ausschuss und Aufbruch, das Kölner Volksblatt über Alternativen, danach von unge und Kumm erus, ich bin dabei, es geht mich an, auch Klaus der Geiger, der in der Schildergasse singt und Walter Herrmann, der dort gegen Wohnungsnot demonstriert, bei nächtlicher Besetzung der U-Bahn am Appellhofplatz, (Obdachlose waren bei Frost aus der U-Bahn vertrieben worden), auch als Polizei die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung am Dom bei Nacht und Nebel räumte und zu Müll machte und wenn am Martinstag ein Quartett im Hauptbahnhof Mozarts Kleine Nachtmusik mit Geiger Klaus und unserm Anwalt spielte, alles still war, bis auf das himmlische Rauschen aus der Höhe beim Umschalten der Anzeigentafel: WIR GRÜSSEN DEN MARTINSZUG DER OBDACHLOSEN. Zusammenarbeiten mit Hausbesetzern, Obdachlosen. Die Porzer Selbsthilfe gegen Wohnungsnot brachte Nähe und Freundschaften, auch in den Prozessen, nachdem Walters Nase und Rippen von der öffentlichen Gewalt krankenhausreif geschlagen waren, aber auch beim alternativen Aachener Friedenspreis 1998 für die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung gehöre ich dazu.“


Eva bei dem Mahngedenken am Hiroshima-Nagasaki-Tag, am 6. August 2011. In ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ fragt sie bezüglich der NS-Vergangenheit auf den ersten Seiten: „Wer war schuld?“. Niemand war schuld. „Diese unverständliche Menschenart (der Mitläufer) ist verschwunden“.


Eva tom Moehlen im November 2010 bei der Vorstellung des ersten Teils ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ im Rahmen der Ausstellung „Arme Stadt – Reiche Stadt“ und im Rahmen der peeep akademie.


Als studierte Malerin leitet sie das Ressort Kunst an der Kölner Volkshochschule. Aber: „Nachdem Oberstadtdirektor Rossa 1980 mit einem hektographierten Schreiben mir das Betreten des Stollwerckgeländes verboten hatte, kündigte ich 1981 in der Kölner Stadtverwaltung. Gegen Heuschrecken, die kölsches und Wasser des Ganges und die GAG kaufen wollten, war ich noch dabei. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Versammlungsrecht für die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung im August 2007 positiv entschieden. Inzwischen bin ich 87 Jahre alt und will noch meine Autobiografie DAZUGEHÖRIG abschließen.“

Inzwischen ist Eva tom Moehlen 92 Jahre alt, und Teil 2 ihrer Lebenserinnerungscollage „Dazugehörig“ will fertig gestellt werden…
(PK)

Hinweise:

Eva tom Moehlen
„Dazugehörig"
1921 bis 2010. Teil 1
paperback. 158 Seiten, 12 Euro
peeep verlag 2010, verlag@peeeeep.com
Merheimer Straße 107, 50733 Köln

Portraits unserer Zeit
http://www.arbeiterfotografie.com/portraits/tom-moehlen-eva.html

Online-Flyer Nr. 364  vom 25.07.2012

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