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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Sport
US-Fußballerinnen toppten im Wembley Finale gegen Japan die Männer-Quoten
Erste "Olympics“ in femininer Augenhöhe
Von Bernd J.R. Henke

„Hope Solo on the cover of Newsweek” - so lautete die freudige Twitter-Meldung in der letzten Juli-Woche kurz vor Beginn der Olympiafeier. Der schillernde US-Star, Torfrau der US Frauenfußball-Nationalmannschaft, nutzte die Gunst der Stunde. Unmittelbar vor London hatte Hope Solo schockierende Details über ihre verkorkste Kindheit veröffentlicht. Im Knast sei sie gezeugt worden, ihr Vater sei vor ihren Augen fremdgegangen, als sie sieben Jahre alt war. All das sei nachzulesen in der Biographie „Solo: A Memoir of Hope".

„Flying Solo – Rebel, Survivor, Champion,” so die Headline neben der Fotografie von Jeff Riedel sowie dem Haarstyling und dem Make-up von Vickie Granado
Foto: Newsweek
 
 
Alles Yellow Press dienliche Themen, um den Buchverkauf zu promoten, die Taschen der Kommunikationsberater etwas praller werden zu lassen, die gigantische Bühne "Olympics" zu nutzen. Denn seit Mia Hamm gelten attraktive Fußballerinnen als viel trächtigere und beliebtere Testimonials als mit Botox gespritzte Hollywood Stars. Das steigerte die Gier des US-Teams nach einem Sieg. Die Chancen standen gut, denn die Emotion für eine WM-Revanche gegen Japan forcierte den Siegeswillen. Im internationalen Frauenfußball, insbesondere im anglo-amerikanischen TV Sport-Entertainment gilt ein Olympiasieg mehr als ein WM-Sieg.

Hope Solo nach artistischer Torparade im Finale gegen Japan in der Wembley Arena, die Verteidigerinnen Christie Rampone (3) und Amy LePeilbet (6) jubeln ihr zu
Foto: LondonPics
 
Der imposante Werbewert von erfolgreichen Gold-Olympioniken eröffnet in Nordamerika als Testimonial sehr gute Verträge. Dotierungen bis in den sechs- bis siebenstelligen Dollar-Bereich sind erzielbar. Der nationale US-amerikanische Fußballverband finanziert die Kaderspielerinnen insbesondere seit dem Streik der Nationalspielerinnen um Mia Hamm durch Arbeitsverträge mit festem Angestelltenstatus so üppig, dass die meisten der US-Nationalspielerinnen es sich leisten können, ohne eine Bindung an einen Club professionell Fußball zu spielen.
 
Dasselbe Phänomen vereinsloser Nationalspielerinnen ist im Weltvergleich nur noch beim Kanadischen Fußballverband (Canadian Soccer Association) zu beobachten – immerhin spielen zehn Kanadierinnen des aktuellen Olympiakaders ohne Clubbindung, darunter auch Rekordnationalspielerin Christine Sinclair - ein Indiz für eine massive und zielbewusste nationale Förderung der Kanadierinnen hinsichtlich der FIFA Weltmeisterschaft 2015 im eigenen Land.

Abby Wambach: „Dieses Jahr gab es für uns viel Drangsal und Erschwernisse. Wir verloren einige Male gegen Japan, dieser Sieg fühlt sich an wie zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Ich bin so stolz, dass unser Team nie aufgegeben hat"
Foto: LondonPics
 
Historisch gesehen veränderte die sportpolitische Reaktion auf den „UDSSR/DDR/OSTBLOCK“-Goldmedaillenschock des Kalten Krieges der 60er und 70er Jahre die Förderung des US-Frauensportes. Begleitet durch eine starke Frauenbewegung wurde durch die US-Regierung das Gesetz „Title IX“ 1971 ratifiziert. Es sichert Frauen die gleichen Rechte wie Männern zu.
 
„Title IX“ verbietet ungerechte Behandlung aufgrund des Geschlechts einer Person in allen Programmen von Schulen, die finanzielle Mittel der Bundesregierung erhalten. Schulen und Universitäten verlieren demnach die Unterstützung der Regierung, wenn ihre Sportprogramme Frauen und Männer nicht gleich behandeln.
 
Title IX of the Education Amendments of 1972:
 
No person in the United States shall, on the basis of sex, be excluded from participation in, be denied the benefits of, or be subjected to discrimination under any education program or activity receiving federal financial assistance.
 
Der Sport ist nur einer von zehn Schlüsselbereichen, doch wird „Title IX“ in unseren Tagen in erster Linie sportlich assoziiert. Dort bedeutet das Gesetz konkret, dass das Geld proportional auf die Sportler verteilt werden muss: sind 43 Prozent der Athleten weiblich, stehen ihnen auch 43 Prozent des Budgets zur Verfügung. Der unabhängige Frauensport war geboren, Zugang zu „Männersportarten“ wie Baseball oder Basketball konnte den Frauen nicht mehr verwehrt werden, am schnellsten wuchs jedoch Frauenfußball.

So sehen Olympiasiegerinnen aus, von links: Carli Lloyd, Rachel Buehler, Megan Rapinoe, Abby Wambach
Foto: LondonPics
 
Weltfußballerin Mia Hamm war die Wegbereiterin der dieser Zeitspanne nachfolgenden Generation. Mia Hamm wurde zur nationalen Ikone: athletisch, technisch brillant, sympathisch und darüber hinaus auch noch attraktiv – so wurde sie zum idealen Aushängeschild des amerikanischen Frauenfußballs, zum Medienliebling und zum wichtigen Rollenvorbild für junge Mädchen.
 
Fußball galt in den USA nie als unweiblich, als Sport für „Mannsweiber“ oder lesbischen Frauen. Fußball war bei amerikanischen Männern nicht sonderlich populär. So ergaben sich keine keinerlei Mythen, folglich konnten die amerikanischen Frauen diese Sportart ohne Vorurteile und „Randgruppenaufguss“ für sich entdecken.
 
Hope Solo verkörpert für die wiederum folgende Generation wie keine zweite Weltfußballerin als Person die Popularität einer Mia Hamm. Im olympischen Finale in der Wembley Arena zeigte Hope Solo eine sportliche Glanzleistung. Sie verhinderte einen möglichen späten Ausgleich sowie eine unangenehme Verlängerung im Goldfinale gegen die amtierenden Weltmeisterinnen aus Japan.
 
Gegen die Nadeshiko Japan stand es 2:1 für die USA, als Hope Solo vor der olympischen Rekordkulisse von 80.203 Zuschauern im Wembley-Stadion die vielleicht wichtigste Parade ihres Lebens zeigte. Vor der unbezwingbaren Solo - the Untamable, so der Klappentext des Buches - lief sieben Minuten vor regulärem Spielschluss plötzlich ganz alleine die kurz vorher von Trainer Sasaki eingewechselte 19-jährige Stürmerin Mana Iwabuchi in den Sechs-Meter-Raum. Deren blitzschnellen Schuss parierte reaktionsstark Hope Solo mit einem artistischem Hechtsprung nach links und faustete das runde Leder aus der Gefahrenzone.

Yuki Ogimi (17) erzielt den Anschlusstreffer. Hope Solo am Boden, daneben Amy LePeilbet (6) und Rachel Buehler (16) zum 2:1 in der Wembley Arena
Foto: LondonPics
 
Diesmal reichte es nicht für die Nadeshiko. Kurz danach hielten Hope Solo und ihre Teamgefährtinnen die Goldmedaillen in den Händen. Und wie so fast üblich, wenn nationale Teams in einer Massensportart gewinnen: die US-Mannschaft bekam zu ihrem olympischen Gold-Hattrick (Athen 2004, Peking 2008, London 2012) Glückwünsche von allerhöchster Stelle. „Gratulation an das das US-Frauenfußballteam für den dritten Olympiasieg in Serie. So stolz",  twitterte Präsident Barack Obama.
 
Congrats to the U.S. women’s soccer team. So proud. – bo
 
Obama befindet sich im Wahlkampf. Die Einladung für die „Golden Girls“ mit Abby Wambach (Alter: 32), Hope Solo (31), Christie Rampone (37), Carli Lloyd (30), Megan Rapinoe (27) und Co. ins „White House“ wird folgen. Obama genießt viel mehr Unterstützung von Prominenten aus der Musikindustrie und aus dem Sport als sein Herausforderer Mitt Romney. Obamas Wahlkampfteam hat einen Weg gefunden, mit dem Promi-Bonus auch die kleinen Spenden von der Basis einzuwerben. Verlosung von Eintrittskarten für exklusive Veranstaltungen begeistert den normalen Wähler. Was mit Michael Jordan, dem ehemaligen Superstar der Chicago Bulls, und mit Basketball-Star Dirk Nowitzki gelang, wird auch mit den „Golden Girls“ von Wembley im Verlauf der nächsten Monate klappen.

Yuki Ogimi tanzt durch die US-Abwehr, dabei Carli Lloyd (10), die zweifache Torschützin der USA, am Boden Shannon Boxx (7) und rechts außen Rachel Buehler (16), im Hintergrund Japans Kapitänin Homare Sawa
Foto: LondonPics
 
Für die USA war besonders der Gewinn dieser Goldmedaille ein riesiges nationales Ereignis. Die TV-Übertragung des Goldfinales gegen Japan erntete bei der NBC Sports Network eine absolute Rekord-Einschaltquote. 4,35 Millionen Zuschauer erlebten das Spiel am 9. August 2012. Dies war für ein sportliches Ereignis das größte Fernsehpublikum in der Geschichte NBC Sports Network (NBCSN).
 
Die Frauenfußballerinnen der USA und Japans toppten sogar die TV-Quote des populären olympischen Basketball Männerfinales aus London. Zum ersten Mal schoben Frauen eine klassische amerikanische Männersportart vom Thron der Zustimmung des allgemeinen Interesses. Das war in der Tat ein neuer Weltrekord der Zuwendung für den Frauenfußball.
Olympia-Ausrichter Großbritannien sorgte in den traditionsreichen Stadien für TV-Primetime und ausverkaufte Plätze vor allem in den Halbfinalspielen zwischen Japan vs. Frankreich (2:0) in Wembley und USA vs. Canada (4:3) in Coventry. „Im Ticketverkauf erzielten Männerfußball mit 1,5 Millionen Zuschauer und Frauenfußball mit 660.000 Zuschauer zusammen 25% aller Ticketverkäufe von Olympia London 2012", konnte der FIFA-Präsident Joseph S. Blatter mit Genugtuung feststellen.
 
Stellungnahmen vom Deutschen Fußballbund (DFB) hinsichtlich sportlicher Leistung des überragend organisierten britischen Olympia-Frauenfußball-Turniers 2012 sind nach dem heimatlichen WM Hype 2011 zur Zeit nicht opportun, zu sehr sitzt der Schock über die Nichtteilnahme und verpatzte Qualifikation bei den Verantwortlichen im Trainerstab der Kommunikations- und Verbandsführung. Mit präsidialen Stellungnahmen Niersbachs war von vorneherein nicht gerechnet worden, da dies wohl mehr zum Repertoire des Vorgängers Dr. Theo Zwanziger gehörte.
 
Die einzige öffentliche DFB-Verlautbarung in Sachen Frauenfußball und Olympia, außer der Mitteilung, dass eine deutsche Schiedsrichterin das Finale pfeifen würde, bestand knapp eine Woche nach dem Finale in einer Meldung, dass Deutschland Zweiter bleibt in der Weltrangliste. Rationierte Informationen auf deutlicher Sparflamme bedeuten nicht unbedingt, die mediale und reale Begeisterungswelle dieses olympischen Frauenfußball-Turniers für die sportliche Akzeptanz des deutschen Frauenfußballs zu nutzen.

Saki Kumagai (4) kämpft sich im Mittelfeld durch, Carli Lloyd (10), Abby Wambach (14) und Amy LePeilbet (6)
Foto: LondonPics
 
O-Ton DFB: „Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bleibt in der FIFA-Weltrangliste auch eine Woche nach dem Ende des olympischen Fußballturniers auf dem zweiten Platz. An der Spitze steht unverändert Olympiasieger USA. Weltmeister Japan verlor trotz des Finaleinzugs Punkte auf Deutschland. Deutlich abwärts ging es in der Weltrangliste für die Schwedinnen. Sie verloren 47 Punkte und damit gleich zwei Plätze. Davon profitiert haben die Mannschaften aus Brasilien und Frankreich, die auf die Ränge vier und fünf vorgerückt sind.
Die Top 10: 1. USA 2221, 2. Deutschland 2168, 3. Japan 2110, 4. Brasilien 2044, 5. Frankreich 2021, 6. Schweden 2019, 7. Canada 2006, 8. England 1970, 9. Australien 1948, 10. Italien 1947."
 
Das olympische Frauenfußballturnier fand ohne Deutschland statt, auch medial gab es keinen Mitnahmeeffekt für den deutschen Vereinsfußball der 1. und 2. Bundesliga, es lief alles ab ganz ohne Stellungnahmen führender Repräsentanten des Deutschen Frauenfußballs. Leidenschaftsloser ging es nicht.
 
Immerhin spielte zusammenaddiert fast eine komplette Mannschaft mit aus dem Kreis der Bundesliga-Legionärinnen unterschiedlicher Nationalitäten. Allen voran die überraschend starken "Kiwis" aus Neuseeland. Mit fünf Spielerinnen aus der 1. Bundesliga schafften sie es bis ins Viertelfinale. Eine stabile Abwehr, wenig Gegentore. Nur knappe Niederlagen in der Vorrunde im Millennium Stadium in Cardiff mit einem 0:1 gegen Großbritannien und einem 0:1 gegen Brasilien.
 
Abwehrspielerinnen wie Ria Percival (FF USV Jena, zuvor 1.FFC Frankfurt), Kathie Hoyle (SC 07 Bad Neuenahr), Rebecca Smith (VfL Wolfsburg) sowie die Stürmerinnen Amber Hearn (FF USV Jena) und Sarah Gregorius (SC 07 Bad Neuenahr) scheiterten erst gegen die späteren US-Golden Girls mit 2:0. Anna Green vom 1.FC Lokomotive Leipzig (2. Bundesliga) war als sechste im Kader, kam aber nicht zum Einsatz. Alle anderen "Kiwis" spielten alle vier Partien bis ins Viertelfinale, welches gegen den späteren Olympiasieger USA nur eine knappe 0:2 Niederlage ergab.

Lotta Schelin und Sarah Thunebro – die Schwedinnen aus Lyon und Frankfurt
Foto: LondonPics
 
Die Damlandslaget - schwedische Nationalmannschaft - hatte im Kader die erfahrene Weltklasseverteidigerin Sarah Thunebro (1.FFC Frankfurt) und die junge Stürmerin Antonia Göransson (1. FFC Turbine Potsdam). Beide Schwedinnen spielten in der Gruppenphase alle drei Partien.
 
Gegen Weltmeister Japan in Coventry 0:0, gegen die späteren Bronzemedaillen-Gewinnerinnen aus Canada in New Castle 2:2, gegen Neuling Südafrika gewann Schweden in Coventry 4:1. Im rein europäischen Viertelfinale gegen Frankreich spielte dann nur noch die Frankfurterin Sarah Thunebro. Schweden verlor im Hampden Park in Glasgow mit 2:1 und schied als schlechtestes europäisches Team hinter Olympianeuling Großbritannien aus.
 
Keine Diskussion über die unterschiedlichen Spielweisen bei Olympia, keine der üblichen Expertenmeinungen aus den TV-Studios von ARD und ZDF. Gab es überhaupt vor Ort DFB-Spielbeobachter in den Stadien? Einzig allein die deutsche FIFA-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus wurde vom DFB und der Fernsehberichterstattung erwähnt. Sie leitete das Vorrundenspiel Neuseeland – Brasilien im walisischen Cardiff sowie das Finale zwischen den Vereinigten Staaten und Japan in der Londoner Wembley Arena.
 
Dass Japan in der zitierten FIFA/CocaCola-Weltrangliste trotz erfolgreicher Silberteilnahme Punkte gegenüber Deutschland verlor, lag einzig allein daran, dass Japans Trainer Norio Sasaki ein taktisches Unentschieden seiner Japanerinnen im Gruppenspiel gegen die Neulinge aus Südafrika zuließ oder besser einforderte.

Vorrundenspiel Gruppe F: Japan vs. Schweden im City of Coventry Stadium – Sarah Thunebro (1. FFC Frankfurt) und Shinobu Ohno
Foto: LondonPics
 
Yuki Ogimi (1.FFC Turbine Potsdam) gelangen für Japan die wichtigsten Tore. Unvergessen ist ihr entscheidendes Führungstor beim 2:0 gegen Medaillenfavorit Brasilien im Viertelfinale-Match im Millennium Stadium im walisischen Cardiff. Als leicht zurückhängende Stürmerin mit hohem Laufpensum schleppte sie die Bälle bei schnellen Kontern nach vorne. Sie schoss in sechs Spielen drei Tore. Die 25-jährige Potsdamerin strotzte voller Selbstvertrauen und gehörte neben Japans Torfrau Miho Fukumoto zu den besten Fußballerinnen von Olympia 2012
 
„Es ist nicht möglich, das Tor ganz allein zu verteidigen", hatte Fukumoto vor dem hochkarätigen Halbfinale gegen Frankreich erklärt. Gegen die Französinnen bewies Japans Torhüterin jedoch, dass dies durchaus möglich ist, denn sie brachte die Angreiferinnen Frankreichs mit unzähligen Paraden an den Rand der Verzweiflung. Vor allem Weltklassespielerin „Zidanette" Louisa Necib war fassungslos, als sie in der 71. Minute aus kurzer Entfernung abzog und den Ball schon im Tor wähnte. Doch Miho Fukumoto tauchte ins linke untere Eck ab und stoppte die Kugel mit einer Hand auf der Linie. Eine atemberaubende Parade als Krönung einer bärenstarken Leistung, die Japans Trainer Norio Sasaki so kommentierte: „Miho Fukumoto ist eine sehr kleine Torhüterin, aber für mich ist sie wie eine Göttin."

Das entscheidende Führungstor gegen Brasilien im Millennium Stadion in Cardiff: Yuki Ogimi hat sich freigelaufen und schießt ein zum 1:0
Foto: Yuka Yumamichi
 
„Es gibt zwei Aspekte, die für unseren Sieg gegen Frankreich maßgeblich waren. Zum einen war die zweite Halbzeit unsere beste bei diesem Turnier. Und zum anderen blieben wir alle ausnahmslos sehr konzentriert, obwohl uns die Französinnen alles abverlangten", befand Yuki Ogimi, die wohl hier auch an die preußischen Tugenden ihres Heimatclubs 1.FFC Turbine Potsdam mit Meistertrainer Bernd Schröder denken konnte.
 
Potsdams Trainer und Japans Trainer Norio Sasaki führten vor den Spielen intensive Gespräche in Potsdam. Ogimi spielte im olympischen Turnier fast dieselbe taktische Rolle wie in Potsdam. Es war unfassbar, was die japanische Torhüterin gegen die „Les Bleues" alles hielt. „Miho Fukumoto spielte wunderbar! Ihre Leistung heute hat uns allen nochmal einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben", lobte die japanisch-brandenburgische Spielerin Ogimi die Torfrau Fukumoto, die die Angreiferinnen des Ensembles von Trainer Bruno Bini in der dramatischen Endphase mit mehreren Weltklasseparaden zur Verzweiflung brachte. Wesentlich waren wie in allen Spielen die Effizienz der Japanerinnen in der direkten Chancenverwertung und der herausragende Kampfgeist im Kollektiv. Sie hielten ihre knappe Führung gegen Frankreich bis zum Schluss - bis zum Umfallen. Im Finale gelang Yuki Ogimi dann das Anschlusstor gegen die USA zum 2:1, welches die japanischen Hoffnungen auf eine Verlängerung und einen Sieg nochmals auflodern ließen.

Nach dem Viertelfinalesieg gegen Brasilien in Cardiff stehen das japanische Trainerteam und die Spielerinnen Shinoba Ohno (11), Mizuko Sahaguchi (6), Homare Sawa (10) und Nahomi Rawasumi (9) in der Mitte des Stadions und lassen sich von den zahlreichen japanischen Fans feiern
Foto: Yuka Yumamichi
 
Wäre da nicht Hope Solo mit ihrem wohl schon jetzt legendären Hechtsprung gewesen, die Japanerinnen hätten wohl die Amerikanerinnen noch in Verlegenheit bringen können. Die selbstbewusste Yuki Ogimi glaubt, dass die Nadeshiko - so nennt man in Japan auch die pinkfarbende Nelke, angelehnt an der "Yamato Nadeshiko" für ideale japanische Frau - seit der WM 2011 noch stärker geworden ist. Die "Stars and Stripes" Fußballerinnen dagegen stellten nachhaltig unter Beweis, dass der amerikanische Frauenfußball eine fast schon "ideologisch symbolische“ nationale olympische Dominanz zeigt. Gerade in schwierigen Situationen ist man in der Lage, noch enger zusammen zu rücken und ein Spiel selbst nach einem Rückstand noch für sich zu entscheiden – so wie es in der Auftaktpartie gegen Frankreich oder im Halbfinale gegen Kanada der Fall war.
 
Die „US-Girls“ erarbeiteten sich ihr Glück mit absolutem Teamgeist. Das Team erhielt von der United States Soccer Federation (USSF) einen Gesamtbonus von 1,5 Millionen US $, der gesplittet wird auf alle Spielerinnen sowie Trainerin und Trainerteam. USSF-Präsident Sunil Gulati erklärte weiter, dass zusätzlich jede Spielerin vom US Olympic Committee eine Prämie von 25.000 US $ für die Goldmedaille erhalten wird.
 
Dagegen wäre die Höhe des Betrages der deutschen Sporthilfe, sofern die deutsche Frauenfußball Nationalmannschaft die Qualifikation geschafft hätte, für einen Olympiasieg pro Spielerin mit 15.000 € geradezu lächerlich gewesen. Die Erfolgsprämien sind seit Sydney 2000 unverändert: Silber 10.000 €, Bronze 7.500 €, gestaffelt bis hin zu Rang Acht mit 1.500 €. Die USA beschäftigen fußballerische „Staatsprofis“ mit Existenz sichernden Erfolgsprämien, eine professionelle Liga existiert nicht, alle Bemühungen in den letzten Jahren endeten in der Insolvenz.

Christine Sinclair - die schussstarke Torjägerin - da vereinslos, umwerben sie europäische Spitzenclubs, darunter auch der 1. FFC Frankfurt
Foto: LondonPics
 
Überraschungsmannschaft der „Olympics“ war das Team von Kanada. Die „Canadian Soccer Association“ (CSA) verpflichtete ein Jahr vor Olympia nach dem Rücktritt der glücklosen italienischen Trainerin Caroline Morace den langjährigen neuseeländischen Nationaltrainer, den Engländer John Herdman. Gegenüber der WM 2011, wo man klanglos in der Vorrunde unter Morace ohne Punkte ausschied, feierte Kanada diesmal die Bronzemedaille. Das Halbfinale der Kanadierinnen gegen die USA wird als das emotionalste, spannendste und beste Spiel des olympischen Frauenfußballturniers 2012 in die Historie eingehen.
 
Die US-Amerikanerinnen kamen - wie erwartet - mit großem Selbstbewusstsein auf den Platz und wurden von der Mehrheit des britischen Publikums begeistert begrüßt. Man hatte als Zuschauer dann in den Anfangsminuten ein wenig Angst, dass ein frühes Tor für den Titelverteidiger fallen würde und das Spiel sich zu einem ein Langweiler entwickeln könnte. Nach dem überraschenden Führungstor für Kanada durch Christine Sinclair waren die Amerikanerinnen spürbar beeindruckt, die Kanadierinnen wurden immer sicherer. Die klare Favoritenrolle der USA war somit verschwunden, und man hatte nun das Gefühl, dass das Spiel sich auf Augenhöhe öffnete. Emotion und Dramatik pur waren die Folge.

Bronzemedaille für Canada
Foto: LondonPics
 
Die Beste der US-Girls war Megan Rapinoe, die bis in die Verlängerung hinein unermüdlich marschierte – bei den Kanadierinnen war die Mittelfeldachse überraschend stark und überzeugte vor allen Dingen mit Sophie Schmidt, die seit April 2012 als Legionärin beim schwedischen Verein Kristianstads DFF spielt. Die vereinsfreie Christine Sinclair als Vollstreckerin mit drei Toren gehörte ebenso zu den Besten. Sowohl das Kopfballverhalten der US-Abwehr gegenüber Kanadas Torjägerin Christine Sinclair vor dem 2:1 und 3:2 als auch das Zweikampfverhalten vor dem 1:0 zeigte starke Mängel. Das US-Team kam trotz dreimaligem Rückstand immer wieder ins Spiel – nach dem Motto „never give up“.
 
Viel Glück für die USA, denn der Ausgleich für die USA zum 3:3 war ein spielentscheidendes Geschenk der norwegischen Schiedsrichterin. Christina Pedersen hatte auf Handspiel entschieden, da Kanadas Abwehrspielerin Marie-Eve Nault, im Strafraum angeschossen von einem Freistoß Rapinoes, ihren Oberkörper mit den Armen schützte – eine wohl mehr als strittige Regelauslegung. Den sich ergebenden Handelfmeter verwandelte Abby Wambach kurz vor Spielende zum Ausgleich. Es kam zur Verlängerung.

Desiree Scott (11) Mittelfeldspielerin von Canada in Trauer um die 4:3 Niederlage im Halbfinale gegen die USA im Old Trafford in Manchester
Foto: LondonPics
 
Auffällig war, dass US-Torjägerin Abby Wambach ziemlich lautstark und emotional aufgedreht versuchte, die an diesem Tag sehr unsicher wirkende Schiedsrichterin zu beeinflussen. Mit Sprüchen wie “But the rules are the rules” und “He’re is the thing – we needed a goal” zeigte sie an, dass sie unbedingt gewinnen und sich nicht um den olympischen Fairness Preis bewerben wollte.nSie trabte neben der Schiedsrichterin einher, versuchte durch lautes Sekundenzählen bis sechs die Schiedsrichterin mit einem eng ausgelegten Regelverstoß der kanadischen Torhüterin wegen Spielverzögerung zu manipulieren. Ein indirekter Freistoß für die USA war die Folge - rein formal war es eine korrekte Entscheidung, dennoch unfair.
 
Nach eigener Aussage in einer nordamerikanischen Zeitung ist Abby Wambach mehrmals neben der Schiedsrichterin hergelaufen, um laut zu zählen, sobald die kanadische Torfrau den Ball in der Hand hielt. Ein gut trainierter Psycho-Trick einer professionellen Staatsfußballerin, dem die norwegische Unparteiische nicht gewachsen war. Am Ende der Verlängerung gab die Schiedsrichterin unbegreiflicherweise drei Minuten Nachspielzeit in der Verlängerung. Gut informierte Beobachter verglichen diesen Tatbestand mit einer ähnlichen Situation während der WM 2011 in Deutschland, als die USA im Spiel gegen Brasilien eine ähnlich lange Nachspielzeit bekamen. 
 
Beiden Teams merkte man nun das enorm hohe Tempo in der regulären Spielzeit an. In der Verlängerung wurden mangels Konzentration und Erschöpfung nur noch kleinere Möglichkeiten erspielt. Bis Abby Wambach kurz vor dem Schlusspfiff und nach 115 Minuten Nachspielminuten noch einmal per Kopf die Latte traf. Und als alle schon mit einer Entscheidung durch Elfmeterschießen rechneten, schlug die Stürmerin Alex Morgan zu.
In der zweiten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung köpfte sie die USA in einer spektakulären und hart umkämpften Partie in das Finale und ließ ihr Team weiter vom erneuten Gold träumen. Die enttäuschten Kanadierinnen kamen durch umstrittene Entscheidungen einer überforderten norwegischen Schiedsrichterin zwar nicht in das Finale, sie errungen aber im Spiel um Bronze gegen Frankreich für ihr Land die erste Mannschaftssportmedaille seit dem Jahr 1936.
 
FIFA-Präsident Joseph S. Blatter fasste nach den großen Finalspielen mit walisischem Kennerblick und blumenreicher Präzision in einem Interview mit FIFA.com seine Beobachtungen wie folgt zusammen.
 
FIFA.com:Sie sind sicher sehr zufrieden damit, dass die Olympischen Fußballturniere der Frauen und der Männer in ganz Großbritannien solch große Zuschauermassen angezogen haben!
 
Blatter: „Es war eine fantastische Erfahrung, durch das Land zu reisen und bei den Spielen so große Zuschauermengen zu sehen. Große Arenen wie Wembley und Old Trafford beim Olympischen Fußballturnier ausverkauft zu sehen, ist fantastisch für den Fußball. Außerdem wurden die Spiele im richtigen Geist bestritten: Respekt für den Gegner, Selbstdisziplin im Verhalten der Spieler auf dem Feld und stets mit großem Siegeswillen. Die britischen Fans gehören seit jeher zu den sachkundigsten und leidenschaftlichsten der Welt.
Dies haben sie auch während der Olympischen Spiele bewiesen, bei denen sie gemeinsam mit Fans aus all den anderen Ländern den Fußball gefeiert haben. Sie waren freundlich und respektvoll und haben gemeinsam die Leidenschaft für das schönste aller Spiele genossen. Damit haben sie auch in den anderen Stadien in Cardiff, Glasgow, Newcastle und Coventry eine wundervolle Atmosphäre geschaffen. Es hat mir und meinen Kollegen von der FIFA sehr viel Freude bereitet. Wir sind stolz, dass wir ein solch erfolgreiches Turnier miterlebt haben.“
 
Was sagen Sie zum fußballerischen Niveau beim Frauen- und Männerturnier"?
 
„Das fußballerische Niveau war sowohl beim Frauen- wie auch beim Männerturnier sehr hoch. Bei den Frauen sind enorme technische Fortschritte erzielt worden. Dies ist maßgeblich dem Engagement und der Leidenschaft der Trainerinnen und Trainer sowie der weltweiten fußballerischen Entwicklung zu verdanken. Über 71.000 Fans kamen ins Wembley-Stadion, um Brasilien gegen Großbritannien zu sehen (Autor: Männer) - und dann sogar über 80.000 für das Finale zwischen den USA und Japan. (Autor: Frauen) Fantastisch! So etwas passiert nicht zufällig. Es passiert, weil die Fans wissen, dass sie ein hochklassiges Fußballspiel zu sehen bekommen, geprägt durch Leidenschaft und Können.“


Congratulations Rio in vier Jahren, Eduardo Paes - der Bürgermeister von Rio mit der olympischen Fahne, daneben IOC-Präsident Rogge
 
„Sie waren von Anfang an bei den Spielen dabei. Was waren für Sie persönlich die Höhepunkte?"
 
„Es ist sehr schwer, ein bestimmtes Spiel oder einen Akteur herauszustellen. Für mich waren zwei Aspekte ganz besonders beeindruckend: die riesigen Zuschauermengen und die Tatsache, dass sich der Frauenfußball zu einer solchen Attraktion gemausert hat. Frauenfußball ist keineswegs mehr das Stiefkind des Fußballs. In vielerlei Hinsicht können die Männer sogar von den Frauen lernen, beispielsweise was Fairplay und Einstellung angeht. Zudem waren viele Spiele von großer Dramatik und packenden Szenen geprägt.“

Fakten und Wünsche
 
Die US-amerikanische Trainerin Pia Sundhage erklärte noch am Tag vor dem Finale im olympischen Dorf, dass das Fehlen einer starken professionellen Frauenprofiliga die olympischen Vorbereitungen sehr erschwert hätte. „Das US-Frauenteam hat deshalb in der Vorbereitung zahlreiche Freundschaftsspiele gegen Männer-Mannschaften durchgeführt“, ergänzte die schwedische US-Trainerin diplomatisch erst nach dem Finale.
 
Für die Erfolge der letzten Jahre des amerikanischen Frauenfußballes zeichnet für alle federführend die Schwedin Pia Sundhage gegen, ihr Basisgehalt beim USSF beträgt 190.000 US $ pro Jahr, ohne Prämien. Vergleichsweise verdient der US-Männer-Coach Jürgen Klinsmann 2,5 Millionen US $ als jährliches Basisfestgehalt. Der Vertrag von Pia Sundhage mit dem USSF läuft dieses Jahr noch aus, bei einer möglichen Verlängerung sollte die erfahrene Erfolgstrainerin das Gleichstellungsgesetz "Title IX“ ins Spiel bringen. In den Vereinigten Staaten spielen schon jetzt mehr Frauen Fußball als Männer, und zudem olympisch erfolgreicher.
Das US-Goldmedaillen-Team wird in den nächsten Tagen eine US-Welcome-Tournee mit mindestens zehn Spielen durch die USA von der Westcoast bis zur Eastcoast absolvieren. Zwei Spiele stehen schon fest: gegen die Nationalelf von Costa Rica am 1. September in Rochester, New York, der Heimat von Stürmerin Abby Wambach, und am 16. September gegen die Australierinnen in Carson im Bundesstaat Kalifornien.
 
Sollte der Deutsche Fußballbund die Gold-Olympiasiegerinnen nicht zu einem Länderspiel gegen Deutschland in das Berliner Olympiastadion einladen? Der amerikanische Broadcaster NBC Sports Network könnte ein sehr großes Interesse zeigen – und der DFB Frauenfußball wäre mit den TV-Einnahmen in der Lage, eine Sonderprämie an die deutschen Bundesligavereine auszuschütten. Was meinen sie als Leser zu diesem Vorschlag? Antworten an: nrhz@energoeastsport.ch (PK)

Ergänzung unseres Autors vom 31. August

Das bekannte Frauenfußball Portal framba.de meldete vergangene Nacht eine Sensation, die allen Fans sehr gefallen wird. Die United States Soccer Federation (USSF) hat der DFB Frauenfußball Nationalmannschaft eine Einladung zu kommen lassen. Hier der Text von Freitag, dem 31. August 2012 um 01:40 Uhr:

DFB-Frauen zu Gast in den USA

„Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft wird im Oktober zwei Länderspiele in den Vereinigten Staaten gegen die USA bestreiten. Die erste Partie zwischen dem Olympiasieger 2012 und dem Europameister von 2009 findet am Samstag, 20. Oktober 2012, in Chicago statt. Das zweite Spiel ist für Dienstag, 23. Oktober 2012, in East Hartford, Connecticut, vorgesehen. Hier wird im Rentschler Field Stadion gespielt, in dem rund 40.000 Zuschauer Platz finden.

Frankfurts Amerikanerin Alexandra Krieger, die aufgrund ihres noch nicht hundertprozentig auskurierten Kreuzbandrisses wohl nicht im US-Kader stehen wird, fiebert den Spielen bereits entgegen. Doch es schlagen zwei Herzen in ihrer Brust: „Natürlich bin ich für die USA. Doch es ist schon komisch, wenn so viele Mitspielerinnen auf der anderen Seite stehen.“

Die genauen Anstoßzeiten der beiden Spiele stehen derzeit noch nicht fest. Ein Rückspiel in Deutschland mit den US-Olympiasiegerinnen könnte im Frühjahr 2013 im Berliner Olympiastadion erfolgen, meint die NRHZ Sportredaktion.(PK)


Online-Flyer Nr. 369  vom 29.08.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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