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Aktueller Online-Flyer vom 27. Juli 2016  

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Arbeit und Soziales
Trägerin der Ehrennadel der Stadt Oberhausen soll kalt gestellt werden
Frau Maue und die Heizkosten
Von Ellen Diederich

Viel zu selten treten VolksvertreterInnen und Verwaltungsangestellte in eine Kommunikation mit den Bürgern und Bürgerinnen ein. Aber es gibt Bürgerinnen und Bürger, die die Initiative ergreifen, um den alltäglichen Wahnsinn in Literatur zu verwandeln – und damit der Nachwelt zu übergeben. Der Text der Diplom-Soziologin Ellen Diederich ist die Antwort auf den Brief der Mitarbeiterin beim Sozialamt der Stadt Oberhausen, Frau C. Maue vom 24.5.2012, die Ellen Diederich auffordert, ihr „Heizverhalten“ zu überprüfen. Das Schreiben ist gerichtet an Frau Maue, den Oberbürgermeister, den Kämmerer und Kulturdezernenten und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oberhausen

Sehr geehrte Frau Maue,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wehling,
Sehr geehrter Herr Kulturdezernent und Kämmerer Tsalastras,
Sehr geehrte Frau Costecki,


Wahlplakat in Oberhausen
Alle Bilder: arbeiterfotografie.com

Ich heiße Ellen Diederich, bin 68 Jahre alt, habe mein Leben lang Friedensarbeit gemacht. Mit Friedensarbeit kann man, im Unterschied zur Arbeit mit dem Krieg, nicht viel Geld verdienen.

In seiner Laudatio bei der Verleihung der Ehrennadel der Stadt Oberhausen an Fasia Jansen und mich sagte der damalige Oberbürgermeister Burkhard Drescher:

„Sie haben Solidarität nie mit Abstand geübt. Sie haben die Nähe der Betroffenen gesucht. Ob das nun die Stahlarbeiter in Rheinhausen und ihre Frauen waren, die Mütter der Verschwundenen in El Salvador oder Betroffene in Atomtestgebieten in Nevada. … Auf diesem Weg haben sie sich keinen Konventionen unterworfen und sich in keine Hierarchie eingefügt. Sie haben Grenzen überschritten und durchbrochen und dabei – auch gegen den Willen der Herrschenden – immer wieder den praktischen Dialog zwischen Menschen gefördert. Sie haben das Treffen von Frauen aus „Feindesländern“ initiiert, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln und eine Basis für Frieden zu schaffen.

Die Arbeit von Ellen Diederich und Fasia Jansen ließ nie die Möglichkeit zu, sich um sich selbst zu sorgen. Sie konnten sich nie eine Lebensgrundlage schaffen, wie sie für unsere Gesellschaft üblich ist. Ihr Leben, wie auch das materielle Überleben, gleicht einer kontinuierlichen Improvisation. Wer auf dieser Basis noch ständig mit anderen teilen kann, zeigt wirklich uneingeschränkte Solidarität.“


Oberhausen, 12.9.2005 - Aktion gegen Zwangsumzüge im Rahmen der Anwendung der asozialen Hartz IV-Gesetze

Ich habe eine kleine Rente und bekomme „Grundsicherung“. Die Mitarbeiterin des Sozialamtes, Frau Maue hat mir nun vor ein Paar Tagen zwei Briefe geschickt. Es geht u.a. um Heizkosten. In diesem Brief sind Wörter der deutschen Sprache benutzt worden, die mir bislang nicht bekannt waren. So z.B. „Nichtprüfgrenze“ oder „Heizverhalten“.

Sprache ist ein zentraler Teil jeder Kultur. Sie sollte auch in Briefen der Verwaltung kulturvoll sein.

Es heißt da: „Bei einem Heizkostenverbrauch über der Nichtprüfgrenze wird im Einzelfall geprüft, ob der tatsächliche Verbrauch als angemessen angesehen werden kann.“ Oder: „Ich bitte Sie, sich ggf. auf ein wirtschaftliches Heizverhalten einzustellen.“

Mit meinem „Heizverhalten“ habe ich immerhin ein „Heizkosten-Guthaben“ von 78,04 Euro erwirtschaftet. D.h. ich habe weniger verbraucht, als zugewiesen wurde. Trotzdem wird mir mit Kürzung gedroht und mir gesagt, ich solle mich um ein wirtschaftlicheres Heizverhalten bemühen. Das erwirtschaftete, besser durch Einschränkung gesparte Geld, wird mir wieder von der Grundsicherung abgezogen.

Wie sieht mein „wirtschaftliches Heizverhalten“ aus?

Spüre die Einschränkungen beim Leben mit der Grundsicherung im Winter natürlich umso mehr. Heizen auf 18 Grad nur in dem Zimmer, in dem ich mich gerade aufhalte. Sitze in dicken Kleidungsstücken, Wolldecke über die Beine, dicke Socken, Handschuhe, wie sie die Marktfrauen tragen, in denen die Finger frei sind und warme Schuhe, wenn ich schreibe. Bin ich unterwegs bei einem Treffen in durchgängig geheizten Räumen, ist mir das inzwischen fremd. Dennoch ist der Gang zum Briefkasten mit Angst besetzt, Angst vor der nächsten Strom- und Heizkostenrechnung. Heute gibt es bereits 100.000 Haushalte, denen der Strom abgedreht ist. Zum Teil sind es Familien mit kleinen Kindern.

Wundere mich nicht, dass ich immer weniger schlafen kann, nachdem einer der Briefe, die viele hunderttausend Menschen erreicht haben, auch bei mir in den Briefkasten flattert: Ihre Wohnung ist zu teuer. Isolieren Sie Ihre Wohnung. (Das geht bestimmt gut von 350 Euro für sämtliche Lebenshaltungskosten im Monat!) Reduzieren Sie ihre Miete oder ziehen Sie aus. Wir werden aus unserem sozialen Umfeld herausgerissen.


Oberhausen, 12.9.2005 - Aktion gegen Zwangsumzüge im Rahmen der Anwendung der asozialen Hartz IV-Gesetze

Wohnen, das sind nicht zu einem Quadrat gemauerte Steine, mit Tapeten bezogen, die beliebig gewechselt werden können. Wohnen, das ist für mich in den 20 Jahren, in denen ich hier lebe, die Umwandlung einer grauen Betonlandschaft im Hof in eine grüne Oase, das Abtrotzen von drei Quadratmeter Garten, ist die Linde, die in dieser Zeit zehn Meter höher gewachsen ist, das ist das Spruchband im Fenster: Kein Krieg – nirgends, das sind die Erinnerungen an all die Aktionen gegen Krieg, für eine gerechtere Welt, die von diesem Hof ausgingen, die LKWs, die voll beladen mit Kleidung, Lebensmitteln, Medikamenten zu den Flüchtlingslagern in Kroatien und Bosnien gefahren sind, das sind die Tage mit den Kindern aus allen Flüchtlingsunterkünften, die wir hier hergeholt, mit denen wir gespielt und gesungen haben, das ist Erinnerung an Gäste aus vielen Ländern, das ist aus der ganzen Welt zusammengetragenes gelebtes Leben, sind Bücher, Musik, Fotos, Filme, Kunst. Die Bedrohung durch die Enteignung des gelebten Lebens rückt näher.

Erst durch meinen Hinweis an Frau Maue auf ein Grundsatzurteil des Bundessozialgerichtes vom 16.5.2012 über die Erhöhung der zustehenden Quadratmeterzahl und Mietkosten bekomme ich nun eine Neuberechnung. Ich möchte wissen, ob diese Berechnung auch für alle anderen in Oberhausen gemacht wurde, die in der gleichen Situation sind?

„Und was ist denn Hartz IV? Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität. Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Ein Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen.“ (Götz W. Werner, Ein Grund für die Zukunft: Das Grundeinkommen, rückseitiges Deckblatt)

Wie viele Erwerbslose und Alte, deren Rente nicht ausreicht, versinken in der Starre? Die keine Kraft mehr haben, Gerichts- oder Talkshows in den Privatsendern schauen. Die keine Zeitung mehr lesen, in den Alkohol abdriften. In diesen Talk- und Gerichtsshows, in so genannten „ExpertInnendebatten“, auch in den öffentlich rechtlichen Medien wird Stimmung gegen die Erwerbslosen, kaum gegen die Erwerbslosigkeit gemacht. Mit Unterstützung von PolitikerInnen und devoten Medien wird ein widerlicher Generalverdacht gegen Erwerbslose lanciert. Die Menschen hören so viel über die betrügerischen Absichten, die Abzockerei der Arbeitslosen, dass sie nach und nach ihre eigene Misere als selbst verschuldet empfinden.


Oberhausen, 12.9.2005 - Aktion gegen Zwangsumzüge im Rahmen der Anwendung der asozialen Hartz IV-Gesetze – Ellen Diederich (links) mit Tacheles-Frauen

Ich bin umgeben von Menschen mit grauen Gesichtern, die in der Schlange im Arbeits- oder Sozialamt, bei der Tafel vor und hinter mir stehen. Wo ich verzweifelt überlege, was ich da tun kann? Musik mitbringen? Tango tanzen? Clownin spielen, um die stundenlange Wartezeit zu verkürzen? Aus dem Leitfaden zum SGB II vorlesen, damit die Menschen über ihre Rechte informiert werden? Es ist der Ort, wo es keine Garderobenhaken gibt, man also im Winter in dicken Klamotten herumsteht, wo eine Stimme den Nachnamen ohne Herr oder Frau aufruft. Was sie dann, nachdem ich sehr vernehmlich protestiert habe, nicht mehr tut.

Ich eine von denen? Ich doch nicht. Ich falle doch nicht in dieses Loch.

Ich analysiere. Das kann ich ja. Alles analysieren. Ich weiß ja Bescheid. Warum das so ist und wie mit der Globalisierung, wie es kommt, dass täglich mehr Menschen keine bezahlte Arbeit mehr haben. „Wenn man das weltweite Arbeitsvermögen betrachtet, so sind in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte der Menschen überflüssige Menschen, die auf die eine oder andere Weise von diesem Planeten verschwinden müssen“, sagt die Ökonomin Susan George, eine der Gründerinnen von attac bei einem Vortrag in Stockholm. Der Satz trifft mich wie ein Blitzschlag. Genau das geschieht ja längst. Durch die Verweigerung von Nahrungsmitteln. Die Nahrungsmittelspekulationen, insbesondere auch die der Deutschen Bank, Herr Ackermann und andere sind schuldig am Tod von unzähligen Menschen. Die Menschen sterben am Vorenthalten von Lebensmitteln, von sauberem Wasser, bezahlbaren Medikamenten, durch Krieg um Ressourcen, die die Lebensmöglichkeiten unvorstellbar reduzieren, durch die Geschäfte mit Landminen, Uranmunition, Streubomben und weiteren Grausamkeiten.

Wir brauchen einen internationalen Gerichtshof, vor dem diese Verbrechen verfolgt werden können.

Wie sehr Erwerbslosigkeit beeinträchtigt, sieht man auch daran: Die Lebenserwartung von Langzeiterwerbslosen liegt inzwischen 5 - 7 Jahre unter der allgemeinen Lebenserwartung, sagt eine Studie der Humboldtuniversität. Ich analysiere weiter. Wie die Welthandelsorganisation arbeitet, welche Funktion die Weltbank und der Internationale Währungsfond haben, was eine Freihandelszone ist, wie die verschiedenen Formen der Sklaverei heute aussehen, wie viele Kinder täglich an Hunger, Mangel an Medikamenten und unsauberem Wasser sterben. Ich versuche zu begreifen, was das UNO Embargo für den Irak bedeutet hat, wie viel die etwa 30 Kriege, die zur Zeit wüten, der im Irak, in Afghanistan, in Palästina, in vielen Teilen Afrikas täglich kosten, wie wenig im Unterschied für den Wiederaufbau vorhanden ist, dass jeder Mensch in Deutschland täglich 1.80 Euro für die Bundeswehr ausgibt, was die Gentechnologie ist, wie die Medien manipulieren, was alles an öffentlichem Eigentum verscherbelt wird, wie hoch die Auslandsschulden der Länder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens sind, in Wirklichkeit schulden wir diesen Ländern unendlich viel und dass inzwischen 2% unserer Bevölkerung über die Hälfte des Vermögens besitzen.

Ich kann alles ableiten. Leiten wohin? Wie hat meine Freundin Fasia in ihrem Lied über Allende gesungen?

„Das war der Doktor Allende.
Er starb durch Mörderhand.
Er hat die reichen Leute
die schlimmste Krankheit genannt!“

Die größten Abzockereien, auch in NRW, haben sich Firmen wie Nokia geleistet, die Millionen Zuschüsse für die Schaffung von Arbeitsplätzen bekommen und kurze Zeit später die Produktion wieder verlagert haben. Die Milliarden Steuergelder an die Banken, die Gelder verzockt haben, spotten jeder Beschreibung.
Die Wellen von Angst, die durch den Körper gehen, vor der Bedrohung, die Wohnung zu verlieren und davor, von der Teilhabe am sozialen, kulturellen Leben ausgeschlossen zu sein, sind durch noch so viel Reflexion nicht wegzubringen.

„Freiheit, Wecker, Freiheit, das heißt keine Angst haben vor nix und niemand“, sagt der Willy im Lied von Konstantin Wecker.

„Angst essen Seele auf.“ (Rainer Werner Fassbinder)


Hartz IV ist offener Strafvollzug – Hartz IV ist Hochverrat


Hinweis:

Der vorliegende Text ist erschienen in DAS KROKODIL, Ausgabe 1, Juni 2012
www.das-krokodil.com

Online-Flyer Nr. 365  vom 01.08.2012

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