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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Fotogalerien
Ausstellung und Zeitschrift über Walter Ballhause (1911-1991)
Der unsichtbare Fotograf
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

„Es geht um das Überleben der Menschen auf der Erde überhaupt. Darum: Nichts verwischen, aber alles Trennende beiseite schieben und alles Gemeinsame in den Vordergrund rücken. Das wünsche ich.“ Das sagte Walter Ballhause, als er 1982 zum ersten Ehrenmitglied des Bundesverbands Arbeiterfotografie berufen wurde. Als Amateur und 20jähriger Arbeitsloser fotografierte er in der Zeit des aufziehenden Faschismus sein Lebensumfeld. In seinen klar strukturierten Bildern wird spürbar, wie deutlich er die Zeichen der Zeit erkannt hat. Sein fotografisches Werk hat einen unschätzbaren Wert, hilft es uns doch, in der heutigen (Vor-)Kriegszeit zu erkennen, worauf es ankommt – was es anzuklagen und zu bekämpfen gilt.


Hannover, 1930-33
Eingedämmert (aus der Serie Trostsuchende – Alkohol)
Alle Fotos: Walter Ballhause


Hannover, Frühjahr 1932
„Wählt Hitler“ – Arbeitslosenschlange beim Stempeln im Hof des Arbeitsamtes


Hannover, 1930-33
Schlosser Karl Döhler (Aus der Reportage "Einer von Millionen" – 22 Bilder aus dem Alltag des arbeitslosen Schlossers Karl Döhler - für die Arbeiterillustrierte 'Kuckuck', Wien, Nr. 43/1932)


Hannover, 20.4.1933
Georgstraße – SA marschiert (am Geburtstag des 'Führers')


Hannover, 1930-33
Ein Kind hat Durst – Wohnsiedlung für rumänische Gastarbeiter, die in der HANOMAG arbeiteten – Klein-Rumänien genannt


Hannover, 1930-33
Advent – auf Krücken sitzt's sich wärmer


Hannover, 1930-33
Kinder der Fannystraße (Werkswohnungen der Weberei)


1930-33
Weit über's Land auf Krücken


Hannover, 20.4.1933
Führers Geburtstag – Pennäler marschieren mit


Walter Ballhause wollte, ja musste als Fotograf „unsichtbar“ bleiben, denn er machte Aufnahmen in einer aufgeheizten Zeit der Aggression zum Ende der Weimarer Republik. Eine Entdeckung hätte ihn als Person gefährden können, aber er sah sich auch in der Verantwortung für die kleine entliehene Kamera. Mit der Leica einer Freundin, machte er – selbst Arbeitsloser – seine unnachahmlichen Bilder unter einer Jacke versteckt, in Eile, aus Angst vor Entdeckung. Als Amateurfotograf schuf der 1911 Geborene in seiner Heimatstadt Hannover von 1930 bis 1933 in nur wenigen Jahren sein Lebenswerk. Mit seinem Gespür für extreme Licht- und Schattensituationen erzielte er eine gestalterische Spitzenleistung. Die historische Bedeutung seiner Aufnahmen, seine Sicht auf die Zeichen der Zeit, gepaart mit der Sensibilität für persönliche Schicksale, ist in internationalen Ausstellungen von Leipzig bis New York, vom Sprengelmuseum seiner Heimatstadt Hannover bis zum Hamburger Museum der Arbeit vielfach gewürdigt worden.

Im vergangenen Jahr wäre Walter Ballhause 100 Jahre alt geworden. Am 23. Oktober 1982 wurde er im Rahmen des "III. Kongresses der Arbeiterfotografen" in Hannover zum ersten Ehrenmitglied des 1978 in Essen gegründeten Bundesverbands Arbeiterfotografie ernannt. Aus diesem Anlass sagte er:

Eine neue bessere Welt aufbauen

„[Unser Ziel ist es,] eine neue Welt aufzubauen, eine bessere Welt mit sozialer Gerechtigkeit, in der es nicht diesen ewigen Kreislauf gibt K hoch 4. Wer etwas von Mathematik versteht, der weiß, daß es bedeutet K viermal als Faktor zu setzen. Dahinter steckt Krise, Konjunktur, Kriegsvorbereitung, Krieg. Das ist doch nun der Kreislauf, den der Imperialismus nun schon seit über hundert Jahren geht. Es hat ein kluger Mann nach Karl Marx und Engels gesagt: 'Der Imperialismus geht schwanger mit dem Krieg wie die Wolke mit dem Regen.' Liebe Freunde, es kommt jetzt darauf an, daß es nicht eine Regenaschenwolke... wird. Darauf kommt es doch jetzt an, daß die Welt nicht nachher als leblose Kugel im Weltall herumtrudelt, überlegt doch bitte mal: 5 Megatonnen sind während des Zweiten Weltkrieges verpulvert worden. Wißt Ihr, was heute zur Verfügung steht? 20.000 Megatonnen! Wißt Ihr, was das heißt? Damit kann man die Erde aufspalten! Und es sind längstens schon Versuche im Gange, alles unmögliche Teufelszeug zu machen. Darum hab ich auch als Schlußlied [meiner Ton-Dia-Schau] das Lied bringen lassen 'Wenn die Lichter wieder brennen'. Hört Ihr's noch? 'Stopft den Gnomen, die da drohen mit Atomen, ihre Mäuler, dann ist Frieden auf der Welt.'“

Das Trennende beiseite schieben, das Gemeinsame in den Vordergrund rücken

„Unser Ziel von damals ist gleichzusetzen mit eurem von heute: Die fotografierten, menschenunwürdigen Zustände selbst sollen beseitigt werden! Dazu ist Parteilichkeit notwendig, um den politisch und gewerkschaftlich aktiven Teil der Arbeiterklasse in seiner historischen Mission zu unterstützen. Am Rande dieser zentralen Aufgabe kann man viele Dokumente schaffen, die zu wichtigen Zeitdokumenten späterer Generationen werden können. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken und anschließend an die von euch auf diesem Kongreß sehr intensiv und demokratisch geführte Debatte ROLLAND zitieren, einen Satz, der genau dazu paßt: 'Bemühen wir uns gemeinsam alles zu koordinieren, was der Sache ergeben ist. Im Hören aufeinander hoffen wir, jene gebotene Klarheit herzustellen, die nicht die verschiedenen Traditionen und aktuellen Erkenntnisstände verwischt – aber den realen Notwendigkeiten Rechnung trägt, zusammenzuführen auch dort, wo zur Zeit noch Unvereinbarkeiten beherrschend zu sein scheinen.' Kämpfen wir! Wenn wir es nicht tun, verlieren wir auch heute diesen Kampf. Dessen sollten sich alle, die irgendwie – gestattet mir das Wort – Querelen in sich tragen, bewußt sein, daß es um das Überleben der Menschen auf der Erde überhaupt geht. Darum: Nichts verwischen, aber alles Trennende beiseite schieben und alles Gemeinsame in den Vordergrund rücken. Das wünsche ich.“

Ein wesentlicher Teil der Herbst-Aktivitäten der Arbeiterfotografie ist in diesem Jahr Walter Ballhause gewidmet. In der Galerie Arbeiterfotografie wird eine Ausstellung mit seinen Bildern zu sehen sein. Am Stand der Arbeiterfotografie auf der photokina wird Walter Ballhause mit Beispielen seines Werks präsent sein. Und die kommende Ausgabe der Zeitschrift Arbeiterfotografie wird Walter Ballhause als Schwerpunkt haben. Seine Fotos sind einzigartig. Sie geben einen Einblick in die Zeit des aufziehenden Faschismus – am Beispiel seiner Heimatstadt Hannover in den Jahren 1930 bis 1933 – und das in einer seltenen Intensität.


Hinweise:

Walter Ballhause - Der unsichtbare Fotograf
Ausstellung in der Galerie Arbeiterfotografie
6. bis 29. September 2012
Merheimer Straße 107, 50733 Köln
Eröffnung Do. 6.9., 20 Uhr
geöffnet: Mi/Do 19 bis 21, Sa 11 bis 14 Uhr, u.n.V.
im Rahmen der 21. Internationalen Photoszene
(photoszene-koeln.de)

Arbeiterfotografie auf der photokina
u.a. mit Fotografien von Walter Ballhause
18. bis 23. September 2012
KölnMesse, Stand der Arbeiterfotografie in Halle 4.1 im Bereich „photokina professionals“
(mit Beiträgen der Arbeiterfotografie im Bühnenprogramm, mit einem Vortrag von Prof. Jörg Boström über das Werk von Walter Ballhause)
geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr
(photokina.de)

Zeitschrift Arbeiterfotografie
mit Schwerpunkt Walter Ballhause
Ausgabe 96/97
erscheint Anfang September 2012
18 Euro, bei Versand zzgl. Porto
im Abo 16 Euro incl. Versand
zu beziehen über: Galerie Arbeiterfotografie, Merheimer Str. 107, 50733 Köln (arbeiterfotografie@t-online.de)
http://www.arbeiterfotografie.com/zeitschrift

Online-Flyer Nr. 364  vom 25.07.2012

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