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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
"Schwarzbuch WWF - Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda“ bleibt lieferbar
Kölner Gericht für Meinungsfreiheit?
Von Peter Kleinert

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) wirft dem World Wildlife Fund for Nature - eine der größten internationalen Naturschutzorganisationen der Welt - Zensur vor, weil der WWF Vertriebsfirmen und Buchhändler unter Druck gesetzt habe, das neue Buch des als Filmemacher mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Autors Winfried Huismann nicht mehr zu verkaufen. Vor dem Kölner Landgericht ist es dem WWF allerdings nicht gelungen, Huismanns Enthüllungs-Buch mit dem Titel "Schwarzbuch WWF - Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda“ verbieten zu lassen.
 
Das Landgericht Köln hatte am 15. Juni mehr als zehn Unterlassungsbegehren zu prüfen, die die Berliner Promi-Anwalts-kanzlei Schertz Bergmann als Vertreter des WWF Deutschland gegen das Buch vorgetragen hatte. Wilfried Huismann hatte in seinem am 23. April im Gütersloher Verlagshaus, einer Tochter von Random House Deutschland, erschienenen "Schwarzbuch WWF" das „grüne Empire“ World Wildlife Fund offenbar erfolgreich kritisiert.
 
Unter anderem wirft er der Organisation Kungelei mit großen Konzernen aus der Nahrungsmittelindustrie vor, die indirekt zur Naturzerstörung beitragen. So beschreibt er etwa, wie der WWF mit dem Gentechnik-Produzenten Monsanto und dem Agrarproduzenten Wilmar kooperiere, indem er eine Auszeichnung für "nachhaltig produzierte“ Sojapflanzen verleihe. Dass für den Anbau von Soja riesige Flächen Regenwaldes abgeholzt würden, spiele dabei keine Rolle. Die Konzerne wiederum könnten sich mit dem WWF-Siegel einen grünen Anstrich geben. Während der WWF auf der Nordhalbkugel gute Arbeit leiste, arbeite er auf der Südhalbkugel „mit den größten Umweltzerstörern der Erde“ zusammen, so Huismann.
 
Der Autor beklagt auch die intransparente Organisationsstruktur und Finanzierung des WWF. So sorge der einst von Prinz Bernhard der Niederlande gegründete "Club der 1001" als eine Art Förderverein für den WWF, dessen Spenden diesem in den vergangenen Jahrzehnten kaum unangenehm gewesen seien, obwohl die Spender von Dow Chemical über Shell bis zu Monsanto reichten.  Früher gehörten zum "Club" auch führende Figuren des südafrikanischen Apartheitsregimes, der argentinischen Junta und Staatsterroristen wie Zaires Diktator Mobutu Sese Seko. Huismanns Recherchen zufolge gehörten, wie er der SZ in einem Interview sagte, zumindest bis Mitte der achtziger Jahre auch viele Persönlichkeiten aus der deutschen Wirtschaftselite an, von den Bankiers Robert von Pferdmenges und Hermann Abs über Friedrich Flick bis zu Bertold Beitz, der nach dem zweiten Weltkrieg zusammen mit Alfried Krupp den Krupp-Konzern wieder aufbaute. Zurzeit ist der spanische König Ehrenpräsident des WWF.
 
Dem WWF ist es am 15.6.vor dem Kölner Landgericht erstmal nicht gelungen, das Enthüllungs-Buch von Winfried Huismanns zensieren zu lassen. Eine endgültige Entscheidung wurde vertagt. Nur eine Passage aus dem Buch müsse entfernt werden – aber erst in einer Neuauflage, erklärte die Richterin. Es handelt sich dabei um eine interviewte WWF-Funktionärin, die nicht mehr mit Namen genannt werden darf und deren Zitate herausgenommen werden sollen. Sie hatte das Interview nach eigenen Angaben nicht "eindeutig freigegeben". Der nächste Verhandlungstag wurde auf den 20. Juli fest gelegt. Bis dahin sollten sich die Parteien auf eine einvernehmliche Fassung einigen. Falls dies nicht gelinge, werde das Gericht am 20. Juli ein Urteil verkünden. Gegen einen TV-Film von Huismann zum gleichen Thema hatte WWF nach der Ausstrahlung ein Verbot einiger Aussagen per Einstweilige Verfügung durchgesetzt. Laut Huismann hat der WDR dagegen Widerspruch eingelegt.

Wilfried Huismann
Quelle: http://www.tierschutznews.ch
 
Der in Bremen lebende Fernsehjournalist, Dokumentarfilmer und Sachbuch-Autor spricht von einer "Zermürbungsstrategie“, die der WWF mit "Unterlassungsbegehren am laufenden Band“ betreibe. Das Gütersloher Verlagshaus teilte der NRhZ am 13. Juli mit, der Verlag und sein Autor hätten inzwischen "seit Wochen im Gespräch mit dem WWF über eine mögliche einvernehmliche Anpassung einzelner Passagen des "Schwarzbuch WWF“ (gestanden). Eine Einigung wurde aber noch nicht erzielt."
 
Vor diesem Hintergrund nähmen Autor und Verlag "mit großer Verwunderung zur Kenntnis, dass der WWF gleichwohl bereits heute an namhafte Agenturen und Medien eine Presseinformation verschickt hat, in der von einer Einigung die Rede ist. Wir haben die Gespräche sofort ausgesetzt, bis geklärt ist, wie es zu dieser fragwürdigen Informationspolitik des WWF kommen konnte.
 
Bereits heute aber weisen wir die Unterstellung des WWF-Geschäftsleitungsmitglieds Vollmar in der WWF-Presseinformation zurück, der Autor zeichne in seinem Schwarzbuch „ein Zerrbild aus falschen Aussagen, Diffamierungen und Übertreibungen“. Das Landgericht Köln hat in dem vom WWF angestrengten Verbotsverfahren trotz des dazu vom WWF betriebenen, nach unserer Verlagserfahrung beispiellosen rechtlichen und damit auch finanziellen Aufwands bewusst bislang kein Urteil gefällt. Stattdessen hat es den Parteien Leitlinien an die Hand gegeben, die Grundlage von Einigungsgesprächen sein sollten. Hätte das Buch, wie nun vom WWF behauptet, tatsächlich Falschaussagen und Diffamierungen enthalten, wären die entsprechenden Passagen – wie in anderen Buchverbotsprozessen üblich – kurzerhand vom Gericht untersagt worden. Es bleibt nun abzuwarten, wie und wann die Parteien die Einigungsgespräche wieder aufnehmen werden. Bis dahin ist das Buch in der 2. Auflage unverändert im Handel erhältlich."
 
Natürlich ist die NRhZ-Redaktion genau so gespannt auf den Kölner Gerichtstermin am 20. Juli wie die Prozessbeteiligten. Und natürlich werden wir über das von den Kölner Richtern für diesen Tag angekündigte Urteil berichten. (PK)
 
 
Wilfried Huismann: "Schwarzbuch WWF - Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda" Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 20 s/w Abbildungen Gütersloher Verlagshaus
ISBN: 978-3-579-06675-2
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50*
http://www.randomhouse.de/Autor/Wilfried_Huismann/p441719.rhd
 
Wilfried Huismann, geboren 1951, studierte Geschichte und Sozialwissenschaften. Nach einer Tätigkeit als Entwicklungshelfer in Chile schrieb Huismann ab 1982 erste journalistische Beiträge für den Rundfunk. Ab 1986 wirkte er bei dem politischen Fernsehmagazin Monitor mit. Inzwischen gehört der investigative Journalist, Dreh- und Sachbuchautor zu den angesehensten und erfolgreichsten Dokumentarfilmern in Deutschland. Für seine Werke (z.B. Das Totenschiff (1994), Gesucht wird… Das Geheimnis um das Olympia-Attentat 1972 (1996), Machtspieler – Friedrich Hennemann und der Untergang des Bremer Vulkan (1999)) erhielt er mehrfach den Grimme-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Er lebt in Bremen.
 


Online-Flyer Nr. 363  vom 18.07.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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