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Aktueller Online-Flyer vom 30. Mai 2016  

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Vierter linker Liedersommer auf Burg Waldeck
Singen öffnet die (rote) Seele
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Ein rauschendes Sängerfest erlebte die moselnahe Burg Waldeck im Hunsrück an einem langen Juni-Wochenende. Der vom Deutschen Freidenker-Verband in Zusammenarbeit mit der Jenny-Marx-Gesellschaft veranstaltete vierte linke Liedersommer 2012 begeisterte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Republik mit Workshops zum politischen Lied, Mitmach-Bühnenprogramm, aufwendigen Künstlerdarbietungen und – trotz einer längeren Regen-Episode – mit Lagerfeuerromantik bis in die frühen Morgenstunden.


Blick auf das Areal der Burg Waldeck
(Fotos: arbeiterfotografie.com – Anneliese Fikentscher, Klaus Franke und Andreas Neumann)


„Frei Denken“ – Das Motto des Deutschen Freidenker-Verbandes


In der Umgebung von Burg Waldeck


Klaus Hartmann (Bundesvorsitzender der Deutschen Freidenker)


Blick aus einem der Unterkunftshäuser von Burg Waldeck


Einer von sieben Workshops: „50. Todestag Hanns Eislers – Lieder zum Zuhören und Mitmachen“ (mit Johanna Arndt aus Berlin)


Einstudieren der Kinderhymne von Brecht/Eisler – Workshop zum 50. Todestag von Hanns Eisler


Natur-Aufführung bereichert das Samstag-Abend-Programm


Präsentation der Workshop-Ergebnisse im Programm des Liedersommers – Vortrag der Kinderhymne von Brecht/Eisler


Soloprogramm zum 50. Todestag von Hanns Eisler –  von Johanna Arndt mit musikalischer Begleitung von Christiane Obermann


Straßenmusik und Straßenrock mit Nümmes aus Berlin


Lieder der Befreiungsbewegung aus Lateinamerika mit Romina Tabor und Daniel Osario


Überraschungsgast: Die Polit-Hip-Hop-Band „Die Bandbreite“ mit Wojna und Torben


„Zurecht- und Umsingen – Ein Hilfsmittel zur Aktualisierung von Liedern in sozialen Bewegungen“ mit Reinhard Frankl aus Aschaffenburg


Lied-Improvisation (z.B. auf der Basis von Brechts 'Beiss, Bagger beiss, die Kohle hat nen Preis...': Lötkolben, löt. Am Fließband wirste blöd...) mit Hartmut Barth-Engelbart


Tanz bis spät in die Nacht zu Jelly Toast (Reggae und Ska aus Saarbrücken)


Kulturprogramm am Sonntagvormittag


Kulturprogramm am Sonntagvormittag


Volle Pulle und volles Programm lieferten Musiker, Interpreten und Auditorium mit ungebremstem Spaß am Zuhören und Mitmachen – nur unterbrochen durch Verpflegungspausen der viel gelobten Waldecker Küche. Mitgebrachte Musikinstrumente und reichlich Motivation versetzte die Luft ins Flirren, wenn auch klar war: die Zeiten sind ernst, aber der Aufbruch ist angesagt.

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag

Am Ursprungsort der legendären linken Protestliederszene, die 1968 im politischen Lied auf der Waldeck ihren Höhepunkt fand, entwickelt sich etwas Neues. Große Namen hat der Ort gehört, an dem viele Dichter und Barden wie Franz Josef Degenhardt (1964) und Hannes Wader (1966) ihren Weg in die Öffentlichkeit begannen. Fasia Jansen sang, Erich Fried trug Gedichte vor. Ursprünglich als internationales Folklore-Festival im Sinne des europäischen Liedes, des französischen Chansons und im Hinblick auf US-amerikanische Folksongs 1964 erstmals veranstaltet, spitzte sich bis 1968 durch Vietnamkrieg, Ostermärsche und die durch den Tod von Benno Ohnesorg aufgebrachte Studentenbewegung die Thematik auf das politische Lied zu. Floh de Cologne bot Polit-Rock – auf der Freilichtbühne gemeinsam mit Dieter Süverkrüp.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine

"Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag."

Christiane Obermanns Klavierbegleitung perlt über die „wandernden Steine“ der Moldau in der Eisler-Komposition zu Brechts „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, 1943 von Brecht geschrieben, 1956 – in Brechts Todesjahr – vertont. Brecht-Eisler-Interpretin Johanna Arndt, die ihren SeminaristInnen das geniale Zusammenwirken des Textkünstlers Brecht mit dem Komponisten Eisler zu dessen 50stem Todestag 2012 unter die Haut bringt, möchte „neben der schrillen Banalität der Spaßgesellschaft Nachdenkliches, Vergnügliches, Wissenswertes und Sensibles vermitteln“. Sie verleitet zum elektrisierenden Mitwirken, weist auf Unterschiede zwischen Bel Canto und Sprechgesang hin, nuanciert Ausdruck und Lautstärke, Tempo und Bedächtigkeit.

"Sie haben Zeitungen und Druckereien
Um uns zu bekämpfen und mundtot zu machen...
Sie haben Pfaffen und Professoren
Die viel Geld bekommen und zu allem bereit sind..."

Der Raum ist erfüllt von dumpfem rhythmischem Sprechgesang. Pause. Dann laut und breit: "Ja, wozu denn? Müssen sie denn die Wahrheit so fürchten?"

Im gebundenem, vorantreibendem, in der Lautstärke anschwellendem Gesang mit Sprechkomponenten, wird die Aktion zum selbstbewussten Aufruf:

"Eh sie verschwinden, und das wird bald sein
Werden sie gemerkt haben, dass ihnen das alles nicht mehr nützt,
dass ihnen das alles nicht mehr nützt."

Damit hat Johanna Arndt die Aktualität der Brecht-Dichtung in Verbindung mit dem Eisler-Triebwerk zum Leben erweckt. Wo Literatur wie etwas Vergangenes erfahren wird, hat Aufführung, Theater, Musiktheater Präsenzfunktion. Das, und nicht nur das, macht das – politische – Lied so gefährlich, dass es in Kriegszeiten verboten wird. So geschehen 1982 in Großbritannien mit „Give Peace a Chance“ der Beatles in Großbritannien... In Chile – so berichten im Workshop „Lieder der Befreiungsbewegung aus Lateinamerika“ Romina Tabor und Daniel Osario – wurden typische Musikinstrumente des Widerstands verboten.

Gegen Ausbeutung und Krieg...

Wie schon auf dem diesjährigen Festival der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend SDAJ in Köln durch die 87jährige Wiener bzw. Wahlberliner Antifaschistin Erika Baum festgestellt wurde, dass der „Gegner ungeheuer angreift“, und dass es wirksamerer Protestmethoden bedürfe, ist unübersehbar und unbestritten, wie in einer Zeit der zunehmenden Diskussionsverweigerung – selbst innerhalb der Linken – es der konsequenten Analyse der imperialistischen Kriegs- und Ausbeutungssituation bedarf. Und vor allem bedarf es wirksamer Mittel nicht nur der Gegnerschaft als vielmehr der eigenen Perspektive des "guten Lebens“.

Mahnend, hilfreich und in jugendlicher Frische wegweisend sind die erlebten Erfahrungen der Veteranen des Hitlerfaschismus. So geht die Wiederbelebung der legendären Waldeck-Festivals der 60er Jahre auch auf die Anregung des heute 90jährigen Antifaschisten Lorenz Knorr zurück, der 2005 in einem Freidenker-Kulturseminar auf der Waldeck auf die Bedeutung des Emotionalen nicht zuletzt für die Gewinnung der Jugendlichen hinwies.

...eine ungeheure Bandbreite

Die Namen aller mitwirkenden Künstlerinnen und Musiker zu nennen sprengt fast den Rahmen: neben den bereits genannten waren dabei (ohne Garantie auf Vollständigkeit) Sonja Gottlieb und Reinhard Frankl, Ernst Schwarz und Hartmut Barth-Engelbart, Nümmes Straßen-Rockband aus Berlin, der Kabarettist und Musiker Bernd Barbe und Michael Letz referierte zur DDR-Singebewegung. Jane Zahn vermittelte Grundkenntnisse des politischen Kabaretts, einer Berufssparte, die in der DDR staatlich gefördert wurde, die sich in der Bundesrepublik als "Bundesvereinigung Kabarett“ in Form eines selbständigen Verbands mit jährlichen Workshops und Kabarettfestivals in Aschersleben formiert hat. Kai Degenhardt war durch einen gesundheitlichen Vorfall nicht dabei, so dass sein Workshop „Geschichte des politischen Liedes in Deutschland“ zum Bedauern vieler InteressentInnen entfallen mußte. Dafür gab es einen Überraschungsauftritt der unnachahmlichen Duisburger Hip-Hop-Band „Die Bandbreite“, die alle diejenigen in Erstaunen versetzte, die den beiden Akteuren Torben und Wojna noch nicht begegnet waren. Ihre künstlerische Aufbereitung einerseits und die präzise Faktendichte zu knallharten politischen Themen wie „Palästina“, „9/11 – selbstgemacht“, Datensammelwut des „Dr. Schäuble“ verblüfften alle Altersklassen. Darin ist der Hauptgrund ihrer „Gefährlichkeit“ und ihrer Verfolgung zu sehen. Ganz und gar nicht ungefährlich sind die romantischen Liedermacher-Klänge des Zupfgeigenhansel Erich Schmeckenberger. Das von ihm, von Wader und anderen besungene „Bürgerlied“ geht einfach nicht aus dem Gehörgang:

"Ob wir rothe, gelbe Kragen,
Hüte oder Helme tragen,
... Das thut nichts dazu.

Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
... Das thut was dazu."

Am Samstagabend tobte nach mehrstündigem, Regenbogen-beschienenem Kabarett- und Gesangsvortrag der Tanzboden zu den rhythmischen Saxophon- und Posaunen-getragenen Klängen der Saarbrücker Reggae- und Ska-Formation Jelly Toast. Chill Out am Lagerfeuer, siehe oben. Und am Sonntagvormittag trug nach weiterem künstlerischen Lied- und Gedankengut in einer perspektivischen Abschlussrunde der 68er Multikünstler Hartmut Barth-Engelbart seinen Vorschlag vor, eine permanente KünstlerInnen-Börse einzurichten, damit auch junge Nachrücker nicht einsam im kapitalistischen Kultur-Tsunami-Betrieb untergehen müssen.(PK)

Online-Flyer Nr. 360  vom 27.06.2012

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