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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2019  

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Globales
Syrien: Rückschlag für US-Pläne, UN-Beobachter-Mission in schwieriger Lage
40 bis 60 Deutsche gefangen in Damaskus
Von Christoph R. Hörstel

Gerade rechtzeitig vor dem G-20-Gipfel in Mexiko, bei dem das höchst kritische Thema Syrien neben dem Wahlergebnis in Griechenland eine Hauptrolle spielen soll, flauen die Kämpfe nach zehn Tagen erstmals ab – und die Aufständischen stehen zunächst mal als Verlierer da. Angela Merkel war am Montag wegen der Wahlen in Griechenland am Montag mit etwas Verspätung in Mexikos Urlaubs-Paradies Los Cabos eingetroffen. Vielleicht wird sie ja auf dem Gipfel-Treffen auch etwas für die 40 bis 60 Deutschen in syrischer Haft zu unternehmen versuchen.   

Nachdem die syrische Armee die Küstenregion erfolgreich von weiterem Nachschub über das Mittelmeer an Aufständische und Terroristen abgeriegelt hat, gibt es jetzt auch weitere Fortschritte für syrische Regierungstruppen bei ihrem Versuch, die Grenzregion zur Türkei entsprechend abzuriegeln. Auch die oft und heftig umkämpfte Stadt Idlib, die bisher leicht von den "Flüchtlingslagern“ auf der türkischen Seite aus erreicht werden konnte, ist jetzt fast völlig von diesem Nachschub abgeschnitten - ein weiterer schwerer Rückschlag für die Rebellen.
 
Nachdem Russland am Wochenende weitere Waffen, Ersatzteile und Militärberater in seine strategische Marinebasis im syrischen Mittelmeerhafen Tartus gebracht hat, darunter offenbar auch Abwehrraketen gegen Luft- und Seeziele, könnte jetzt eine spektakuläre Entscheidung für die UN-Bobachtermission UNSMIS anstehen: Verschiedene Kanäle des türkischen Fernsehens, ausgehend vom Nachrichtenkanal NTV, haben gestern angekündigt, das Hauptquartier der Mission unter dem norwegischen General Robert Mood könnte in die weitgehend zerstörte und menschenleere Stadt Hama verlegt werden.
 
Dieses bekannte Zentrum des Aufstands von 1982 hat unter den seit 15 Monaten dauernden Kämpfen am meisten gelitten. Hama ist dadurch fast so etwas wie ein Symbol des aus dem Ausland finanzierten und umfassend unterstützten syrischen Krieges geworden. Analysten weisen deshalb darauf hin, dass eine solche Entscheidung über die Verlegung des UNSMIS-Hauptquartiers wie eine Bekräftigung wirken könnte für einseitige Vorverurteilungen der syrischen Regierung durch westliche Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, wie zum Beispiel nach dem Massaker in Houla. Andere weisen darauf hin, dass eine solche Verlegung des Hauptquartiers möglicherweise im Widerspruch steht zum dritten Satz des präsidentiellen Vorwortes zum 6-Punkte-Plan des UN-Vermittlers Kofi Annan; dort heißt es, es gebe eine „starke Verpflichtung für Souveränität, Unabhängigkeit, Einheit und territoriale Integrität“ Syriens. Denn diese Verlegung des Hauptquartiers könnte auch als Unterstützung für den Aufstand und den aus dem Ausland getragenen Terrorismus gewertet werden. Die Aufständischen hingegen klagen, die UN-Mission stelle sich auf die Seite der syrischen Regierung.
 
Während die Kämpfe in Syrien über das Wochenende insgesamt abflauten, gab es weitere Zusammenstöße, vor allem in Homs, Rastan und Ar Raqqah. Ar Raqqah liegt 160 Kilometer östlich von Aleppo auf dem Weg in die äußerst nordöstlich gelegene Stadt Hassakah. Dies kann bedeuten, dass die syrischen Regierungstruppen entschlossen sind, einer Ausweitung der Kämpfe nach Norden und Osten zuvorzukommen. Ar Raqqah ist außerdem bedeutend wegen seiner Lage am wichtigen Fluss Euphrat mit seinen strategisch bedeutenden Wassermengen.
Ein weiterer wichtiger Vorgang von international hoher Bedeutung ist der ausstehende Entscheid Saudi Arabiens über einen neuen Kronprinzen, der auch aus Damaskus sorgsam beobachtet wird.
 
Die Entscheidung wird Rückschlüsse ermöglichen über Ausmaß und Art und Weise weiterer künftiger saudischer Einmischung in die inneren Verhältnisse Syriens, was die Finanzierung der blutigen und Terror-orientierten Erhebung anbetrifft. Dieser unerklärte Krieg trägt viele Anzeichen der US-Politik des Terrormanagements in zahlreichen Konflikten weltweit.
 
Nach der Gefangennahme eines ehemaligen Insassen des US-Folterlagers Guantanamo in Homs, ein mutmaßlicher Kopf eines vermuteten geheimen Terrornetzwerks, begannen syrische Sicherheitsdienste, diese Angelegenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Künftig könnte es passieren, dass Syrien seine ausländischen Gefangenen vor Gericht stellt und die Verhandlungen dann live im Fernsehen übertragen lässt.
 
Quellen sagen aus, dass mindestens 200 bis 300 Angehörige privater "Sicherheitsfirmen“, die in Wahrheit Söldnerfirmen sind, in den letzten 15 Monaten neben mehreren hundert ausländischen Soldaten gefangen genommen wurden. Unter ihnen sollen sich portugiesische Fallschirmjäger befinden, bei denen Syrien sich fragt, wie die ins Land gekommen sind. In den Verhören gaben die Männer an, aus dem Dienst ausgeschieden zu sein, was jedoch in vielen Fällen dem Alter der Gefangenen nicht entspricht. Die Quellen geben darüber hinaus an, dass viele der Gefangenen bereits Monate vor Beginn der Kämpfe in der Region waren. Damit stellt sich diese Angelegenheit so dar, dass sie abwarteten, bis eine geeignete Lage zum Losschlagen entstand.
 
Unter diesen Gefangenen befinden sich angeblich auch 40 bis 60 Deutsche. Syrische Quellen geben an, diese Deutschen seien vor zwei Wochen auf frischer Tat an der syrischen Mittelmeerküste auf syrischem Boden festgenommen worden, als sie nördlich des Mittelmeerhafens Tartus Waffen und Munition von einem privaten Transportschiff, das internationale Gewässer befuhr, für die Aufständischen mit Schnellbooten an Land schmuggeln wollten.

Die syrischen Dienste sollen diese Gefangenen in unterirdischen Sicherheitsgefängnissen in Damaskus untergebracht haben. Alle sind nach Angaben der gleichen Sicherheitskreise deutsche Staatsangehörige, einschließlich aus dem Ausland eingebürgerter Personen. Alle sind bei einem in Stuttgart beheimateten privaten Sicherheitsunternehmen beschäftigt und waren noch vor fünf Monaten in Libyen stationiert.

Und die syrischen Offiziellen zeigen sich in diesem Zusammenhang irritiert über das Verhalten der westlichen Mainstream-Medien. Man gehe dort inzwischen so weit, dass man vor wichtigen internationalen Treffen, bei denen das Thema Syrien eine Rolle spielt, erhöhte Alarmstufe gebe, weil man mit weiteren "false flag“-Operationen rechne, die die syrische Regierung diskreditieren sollen. (PK)

Weitere Informationen unter



Christoph R. Hörstel hat als Journalist, u.a. als ARD-Korrespondent und als Sprecher des Friedenskreises Deutschland e.V. Er ist Experte für Zentralasien, Nah- und Mittelost sowie für Sicherheitsfragen und Islamische Bewegungen. Seit 1985 bereiste er regelmäßig Afghanistan und Pakistan, wo er auch als Regierungsberater tätig war. Weitere Recherche-Einsätze absolvierte Hörstel in Indien, Jordanien, Irak, Iran und nun gelegentlich auch in Syrien.
Im September 2007 erschien sein Buch: „Sprengsatz Afghanistan – Die Bundeswehr in tödlicher Mission“ (287 Seiten, Droemer & Knaur, München, ISBN-10: 3426781166, ISBN-13: 978-3426781166).
Im September 2008 kam: „Brandherd Pakistan – Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt“ (400 Seiten, Kai Homilius Verlag, Berlin, ISBN-10: 3897068419, ISBN-13: 978-3897068414).
Im Februar 2010 erschien: „Afghanistan-Pakistan: Nato am Wendepunkt“, (136 Seiten, Kai Homilius Verlag, Berlin, ISBN-10: 3897064170, ISBN-13: 978-3897064171)
Demnächst erscheint: „Brennpunkt Palästina – Entscheidung über Krieg und Frieden“, (ca. 320 Seiten, Heyne, München)
 
 


Online-Flyer Nr. 359  vom 18.06.2012

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